3. Dezember 2016 | Tanja Gabriele Baudson

Adventskalender, Tag 3: 24 Gedanken und Wünsche für Hochbegabte

Eigentlich sollte ja heute ein anderer Gedanke kommen, aber nachdem ich den, wie ich finde, sehr schönen Kommentar von Name beim ersten Türchen gelesen habe, wollte ich daran anknüpfen. (Wir haben ja auch noch ein paar Tage vor uns, da kommt wohl noch einiges zusammen.)

Insofern kommt der heutige Gedanke von mir: "Die Schule ist nicht die Welt." Schule und insbesondere die eigene Klasse sind vielfach eine Zwangsgemeinschaft; Sprengelerlässe, denen zufolge Schülerinnen und Schüler eine bestimmte Grundschule (und z.T. auch weiterführende Schule) in ihrem Bezirk besuchen müssen, gibt es in vielen Bundesländern, mit dem Ziel, die Schülerströme zu steuern (oder damit die als gut bekannten Schulen nicht überrannt werden?). Ob man also in dieser relativ überschaubaren Gruppe unbedingt auf jemanden trifft, mit dem man sich wohlfühlt und bei dem man sich verstanden fühlt, ist ziemliche Glückssache.

Gerade bei hochbegabten Jugendlichen habe ich den Eindruck, dass ihnen die Gemeinschaft mit anderen Hochbegabten gut tut. (Die empirische Befundlage ist bislang noch eher spärlich, insbesondere in Relation zu den zahlreichen Befunden zur Leistungsentwicklung, deutet aber in eine positive Richtung.) Identitätsentwicklung ist ja das große Thema im Jugendalter; die Befunde zum sogenannten stigma of giftedness zeigen, dass insbesondere "leistungsfeindliche" Attitüden der Peergruppe dazu führen können, dass Hochbegabte ihr Potenzial nicht ausleben; Beliebtheit (und gutes Aussehen) stehen in dem Alter nun mal hoch im Kurs. Hinzu kommt, dass Leistung in unserer Gesellschaft ja durchaus einen hohen Stellenwert hat; die Auseinandersetzung mit (und Abgrenzung von) den Werten der Erwachsenenwelt trägt möglicherweise ein übriges dazu bei.

Nun bringt die Hochbegabung ja nun mal einerseits das Potenzial zur hohen Leistung mit. Entsprechend müssen sich die Hochbegabten mit den sich daran knüpfenden Erwartungen seitens ihres Umfelds auseinandersetzen. Hohe Erwartungen (die die Jugendlichen ja oft genug an sich selbst stellen – da braucht es u.U. gar keinen großen Druck von außen) können zu negativem Perfektionismus, Angst vor Fehlern und somit Stress führen, und, wie gesagt, eben auch zu Problemen mit den Peers. Sich diesen Erwartungen zu entziehen, ist aber auch keine Lösung: Underachiever leiden unter ihrer Situation, da herrscht weitgehend Einigkeit unter Forschern wie Praktikern.

Andererseits müssen sich die Hochbegabten auch mit der Kehrseite der gesellschaftlichen Erwartungen auseinandersetzen – nämlich den Negativklischees der sozialen Inkompetenz. Grundsätzlich unterscheiden sich Hochbegabte in sozialer und emotionaler Hinsicht nicht großartig von durchschnittlich Begabten (allenfalls in einzelnen Teilbereichen, und da heben sie sich sogar eher positiv ab), aber das Klischee ist nun mal da. Passt man sich diesem an, indem man gezielt den "Nerd" raushängen lässt, oder versucht man, die eigene Begabung weitgehend zu verstecken? (Beide Strategien werden angewandt, wie die besagte Forschung zum stigma of giftedness zeigt.)

Eine Umwelt zu finden, in der es okay ist, so zu sein, wie man ist (und wo man als Hochbegabte/r das eigene Potenzial ausleben kann, ohne dass andere komisch gucken oder gar feindselig handeln) – diese Passung ist, denke ich, das A und O. Dass der Schulunterricht intellektuell "passt", ist eher unwahrscheinlich; insofern spricht es sehr für die Resilienz und Anpassungsfähigkeit der Hochbegabten insgesamt, dass sie sich von den durchschnittlich Begabten in Sachen Emotion und Sozialverhalten kaum unterscheiden!

Wie wir aus Längsschnittstudien wie dem Marburger Hochbegabtenprojekt wissen, durchlaufen die meisten Hochbegabten ihre Schullaufbahn ohne größere Probleme. "Ohne größere Probleme" heißt aber eben nicht, dass das Potenzial optimal umgesetzt wurde. Und ich glaube, deshalb ist es so wichtig, die Perspektive der Hochbegabten dahingehend zu erweitern, dass die Schule nicht alles ist, sondern dass die Welt viel, viel mehr bereithält – insbesondere Kontexte, in denen die Passung (aufgrund ähnlicher Fähigkeiten, ähnlicher Interessen …) eher gegeben ist als in einer mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelten Schulklasse. Aktuell sind wir von echter Binnendifferenzierung noch weit entfernt. Deshalb ist die außerschulische Förderung, denke ich, auch so wichtig, sowohl im Bereich der Leistungsförderung (z.B. Wettbewerbe, Sommerakademien … – vgl. beispielsweise die Projekte von Bildung und Begabung e.V.) als auch in Form gemeinsamer Aktivitäten, die eher im sozial-emotionalen Bereich ansetzen (z.B. Hochbegabtenvereine wie Mensa e.V. oder die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V.).
Sollten Sie also jemals im Zweifel sein, ob Sie Informationen über solche Initiativen weitergeben sollen: Tun Sie's. Vielleicht findet irgendwer dadurch genau den Entwicklungkontext, den er/sie gerade braucht.

4 Gedanken zu „Adventskalender, Tag 3: 24 Gedanken und Wünsche für Hochbegabte

  1. von A.

    Die Schule ist nicht die Welt. Und aus vielen Gründen stimmt das natürlich.

    Aber aus anderen Gründen IST die Schule eine Form der Welt.
    Schüler sind in Zwangsgruppen. Ihre Lehrer und sämtliche andere Berufstätige sind es auch. Ich kann mir nur bedingt aussuchen, mit wem ich arbeite und von wem ich meine Anweisungen erhalte. Und egal welchen Beruf ich habe, ich werde immer einen Kollegen haben, der mich nervt oder einen Vorgesetzten, der die Zusammenhänge nicht versteht. Darum herum zu arbeiten, das kann man schon in der Schule lernen. Trotzdem sein Bestes geben, trotzdem an Widerständen nicht zu verzweifeln.

    Schule bereitet auf das wahre Leben vor, weil in Schule all die Dramen der Gruppendynamik passieren, die auch später passieren werden.

    Und gerade als jemand, der abstrakte Muster erkennt - und dazu zählen sich wiederholende Situationen und Dynamiken - kann man in der Schule verdammt viel lernen.

    Das sage ich übrigens als hochbegabte Lehrerin inmitten einer großen Mehrheit nicht hochbegabter Kollegen und Schüler.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Liebe A., ich stimme zu, dass man in solchen Zufallsgemeinschaften viel fürs Leben lernen kann. Aber die Wahlfreiheiten werden größer. Ganz spannend finde ich in diesem Zusammenhang den Befund, dass die Heritabilität der Intelligenz mit dem Alter zunimmt, vermutlich, weil man sich zunehmend Umgebungen sucht, die zur eigenen genetischen intellektuellen Ausstattung passen – interessanterweise findet sich das nicht für Persönlichkeitsdimensionen, aber für externalisierende und internalisierende Störungen sowie bestimmte Einstellungen schon. (Wichtig: Heritabilitätsstudien beziehen sich auf die Populationsebene, Aussagen über Individuen lassen sich auf dieser Grundlage nicht treffen.)
      Und gute Ratschläge und Ideen von Hochbegabten für Hochbegabte sind weiterhin willkommen – gerne auch per Mail :)

      Antworten
  2. von Kritisch

    Das Problem

    Das Problem bleibt, scheint mir, leider für viele Hochbegabte auch im Erwachsenenalter bestehen. Aus den oben genannten Gründen qualifiziert sich nicht jeder Hochbegabte, wie er könnte, manche landen wegen diversen anderen Gründen in unpassenden Arbeitsverhältnissen und dann bleibt auf der Arbeit das Problem, mangelnde Förderung wird zu beruflicher Unterforderung (vielleicht immerhin eine Verbesserung) und so ergeben sich auch im Privaten nicht die passenden Kontakte. Das kann selbst ein Professor sein, der unter seinen Kollegen intelligenter ist.

    Die Lösungsansätze bleiben, denke ich, dann ähnlich. Ein Teil dessen (insbesondere die mangelnde Qualifizierung) kann sich aber durch Hochbegabtenförderung im Kindesalter verhindern lassen.

    Allerdings sollte man auch anerkennen, das der Mensch irgendwo an seine Grenzen stößt, im Versuch das beste aus seiner Situation zu machen. Soziale Isolation durch geistige Unterschiede und Unterforderung können bei den intelligenteren Hochbegabten, bei denen das Problem stärker auftritt und bei Hochbegabten mit zusätzlichen Problemen (und die zu haben ist ja nur menschlich, z.B. schwierigeres Herkunftsmilieu, familiäre, psychische Probleme) oder auch nur speziellen Persönlichkeiten (z.B. mit ganz besonders großer Neugierde) zu massiven Problemen werden.
    An dieser Stelle sollte dann auch das Argument wegfalllen, dass Lernschwache schlechter dastehen als Hochbegabte, sollten sie nicht gefördert werden. Hier wird Schule von der Hilfe zum Problem und verursacht damit nicht nur Schäden am Individuum, sondern auch wirtschaftlichen Schaden.

    Ich kann gut verstehen, dass da viel Hass und Frustration aufkommt.

    Versuchen wir das beste daraus zu machen und bemühen wir uns weiter die Situation zu erklären und zu verbessern.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Was man auch nicht unterschätzen sollte (kleiner Gedankensprung), sind Bücher, bei deren Lektüre man sich verstanden fühlt. Glaube, das kann viele zwischenmenschliche Frustrationen kompensieren. Ihrem hoffnungsvollen Fazit schließe ich mich gerne an!

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