4. Oktober 2010 | Tanja Gabriele Baudson

Aufmerksamkeitsgestört oder hochbegabt?

Die Diagnose AD(H)S geht vielen Leuten ja schnell von der Hand – das könnte man zumindest meinen, wenn man sich umhört, wie viele Kinder inzwischen mit Ritalin und Konsorten versorgt werden. Dass sich Hochbegabte oft ähnlich verhalten wie Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten und/oder Hyperaktivität, ist jedoch noch nicht flächendeckend bekannt. Und komplizierter wird das Ganze noch, wenn beides zusammenkommt: Solche Doppeldiagnosen sind nämlich alles andere als trivial.

"Ach, der Kevin ist immer so hibbelig – der hat bestimmt ADHS." Fast könnte man meinen, dass eigentlich normales kindliches Verhalten wie Herumtoben, Lautsein, über Tische und Bänke klettern aus der Mode gekommen sei. Natürlich besteht ein Teil der schulischen Sozialisation darin, dass die Kinder auch konzentriertes Stillsitzen lernen; aber der Ausgleich ist wichtig. Wenn dieser fehlt und sich die Energie ihr Ventil in der Schule sucht, kann das zu einem Problem werden: Eigentlich nachvollziehbares Verhalten wird als "ADHS" stigmatisiert, das Kind möglicherweise mit Medikamenten ruhiggestellt, damit der Schulbetrieb nicht gestört wird. (Zum Thema Ritalin hatte mein geschätzter Kollege Götz Müller ja auch schon etwas geschrieben – hier geht's zum Artikel.) Eine saubere Diagnose tut von daher not – und das ist nicht immer ganz einfach. Hierbei müssen wir zunächst einmal die verschiedenen Formen differenzieren: Es gibt zum Einen das reine Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS), die Hyperaktivität und dann die Mischform ADHS, bei der beides zusammenkommt. Es muss gemäß den aktuellen Diagnosehandbüchern jeweils eine bestimmte Anzahl von Symptomen über einen bestimmten Zeitraum vorliegen, damit die Störung diagnostiziert werden kann.

Die Diagnose von Aufmerksamkeitsstörungen funktioniert im Wesentlichen als eine Ausschlussdiagnostik. Das heißt, AD(H)S darf strenggenommen erst dann diagnostiziert werden, wenn andere Ursachen nicht in Frage kommen. Und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten können vielerlei Gründe haben – von neurologischen Erkrankungen über Schlafmangel bis hin zu ganz anderen Problemen, die das Kind ablenken, wie etwa die Scheidung der Eltern – oder eben Hochbegabung! Eine (möglicherweise nicht erkannte) Hochbegabung kann ähnliche Symptome mit sich bringen wie Aufmerksamkeitsstörungen: Hier kann ein Intelligenztest Aufschluss geben (der ohnehin Teil jeder Aufmerksamkeitsdiagnostik sein sollte), ob das Kind nicht einfach nur gelangweilt ist und deshalb scheinbar geistesabwesend aus dem Fenster schaut oder seiner Frustration durch Clownerien und andere unangemessene Aktivitäten Ausdruck verleiht. Generell sollte dabei beachtet werden, ob das störende Verhalten immer oder nur in spezifischen Situationen auftritt: Wenn das Kind in der Schule hibbelig ist, zu Hause aber über Stunden konzentriert spielen oder lesen kann, spricht das dafür, dass es in der Schule nicht optimal gefordert ist. Fernsehen und Computerspielen zählen dabei übrigens nicht: Hier sind die Bildabfolgen so rasant, dass selbst Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen sich über lange Zeitspannen konzentrieren können.

Richtig kompliziert wird es allerdings bei "Doppeldiagnosen", wenn also beispielsweise Hochbegabung und AD(H)S gleichzeitig vorliegen: Die Aufmerksamkeitsschwierigkeiten können dazu führen, dass ein Kind sein intellektuelles Potenzial nicht ausschöpfen kann, während die hohe Intelligenz die Aufmerksamkeitsprobleme bis zu einem gewissen Grad kompensieren kann. Das Kind scheint also auf den ersten Blick ganz unauffällig – obwohl bei ihm sowohl eine Hochbegabung als auch ein Aufmerksamkeitsdefizit zu diagnostizieren wären! (Am Rande bemerkt: Es besteht kein systematischer Zusammenhang zwischen Intelligenz und AD(H)S – Aufmerksamkeitsprobleme sind über das komplette Begabungsspektrum ziemlich gleich verteilt.) Hier ist dann die Kenntnis und Sensibilität des Diagnostikers gefordert. Einerseits schreiben die Handbücher der Intelligenztests oft sehr genau vor, wie man vorzugehen hat; andererseits soll ein Intelligenztest aber auch das Potenzial einer Person möglichst genau abbilden! Was also tun? Bei manchen Testverfahren wie dem CFT 20-R gibt es bereits Hinweise, dass Personen mit Aufmerksamkeitsstörungen als Hilfe eine Art "Schablone" verwenden dürfen, sodass nur eine Aufgabe auf einmal im Blickfeld ist. Somit wird einer Ablenkung durch die anderen Aufgaben auf der Seite vorgebeugt. Ansonsten ist das Gespür gefragt, ob der Test unter diesen besonderen Umständen in der Lage ist, die tatsächliche Intelligenz adäquat abzubilden. Beim Verdacht auf Aufmerksamkeitsstörungen ist eine ausführliche Anamnese (bisheriger Werdegang, schulische Leistungen, ggf. Berufslaufbahn, Krankheiten, belastende Ereignisse u.v.m.) unbedingt notwendig; diese kann neben dem Test zusätzliche Hinweise auf die tatsächlichen kognitiven Fähigkeiten der Person geben.

Am Anfang steht also die richtige Diagnose – und die besteht nicht nur aus einer kurzen Befragung und dem "Test d2" (einem bekannten und häufig verwendeten Aufmerksamkeits-Belastungstest), sondern aus einer ausführlichen Anamnese unter Einbeziehung verschiedener Informanten, dem Ausschluss möglicher körperlicher Ursachen, einem Intelligenztest und einer differenzierten Untersuchung der verschiedenen Facetten der Aufmerksamkeit. Nur so lässt sich feststellen, was genau die Ursache für ein konkretes Problemverhalten ist, das auf den ersten Blick aussieht wie eine Aufmerksamkeitsstörung, vielleicht aber auch etwas ganz anderes ist. Und erst auf dieser Grundlage kann entschieden werden, welche Intervention geeignet ist, um diese Probleme langfristig zu lösen.

Kategorien: Diagnostik

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