5. Oktober 2011 | Tanja Gabriele Baudson

Gastbeitrag von Eva Wegrzyn: Das personifizierte Gute? Soziologische Perspektiven auf Hochbegabung (I)

Ich freue mich sehr, den geschätzten Leserinnen und Lesern unsere heutige Gastautorin vorzustellen: Eva Wegrzyn M.A. hat Amerikanistik, Sozialpsychologie/–anthropologie, Politikwissenschaft und Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum und Urbino, Italien, studiert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Hochschul- und Qualitätsentwicklung der Universität Duisburg-Essen sowie Lehrbeauftragte an der Evangelischen Fachhochschule Bochum. In ihrer Dissertation untersucht sie das Konzept der Hochbegabung aus soziologischer Perspektive – eine großartige Ergänzung zur pädagogisch-psychologischen Sichtweise, wie ich finde. Schön, dass Du dabei bist, Eva! Dann übergebe ich das Wort an Dich. 

 

Hochbegabung als Faktum, zu beobachten im Schul- und Berufsalltag - diese Sicht zweifeln Soziologinnen und Soziologen an. Die Grundprämisse der Soziologie lautet: Soziales kann nur durch das Soziale erklärt werden. Psychometrische Messungen von Individuen sind nicht das Metier der Soziologie, jedoch die Kritik an ihnen. Durch die Rekonstruktion dessen wie Beobachtungen durch den Kontext in dem man lebt, zu Fakten werden, beleben insbesondere die Wissens- und Wissenschaftssoziologie das Geschäft des Erkenntnisgewinns.

 

Soziologische Perspektiven auf Hochbegabung sind jedoch rar. Eine Ausnahme ist das 1994 erschienene Buch des US-Amerikaners Leslie Margolin: Goodness personified - The emergence of gifted children. Zu Deutsch: Das personifizierte Gute - Das Aufkommen hochbegabter Kinder. Die Grundprämisse des Autors: Hochbegabten Kindern werden von Forscherinnen und Forschern in der Psychologie und Pädagogik quasi „göttliche“ Eigenschaften zugeschrieben, diese Kinder höben sich in jedweder Eigenschaft zum „Guten“ hin von ihren Altersgenossen ab. Die Leitfragen sind: Mit welchen Mitteln wurden wir (die Öffentlichkeit) davon überzeugt, dass solche Kinder existieren? Wer profitiert von einem solchen Glauben? Und wie wird diese Überzeugung aufrechterhalten obwohl sie sich mit der Realität beißt, nämlich dass es keine konsistent „tugendhaften“ Kinder sondern nur solche mit einer Vielfalt von Stärken und Schwächen gibt?

 

Das Interesse an und die Forschung um Hochbegabung variiert von Land zu Land. Als Vorreiter gelten, da häufig zitiert, insbesondere Forscherinnen und Forscher aus Großbritannien (Francis Galton, Charles Spearman), Deutschland (William Stern) und den USA (Lewis M. Terman und Leta Hollingworth). Margolin bezieht sich in seinem Buch auf das Land in dem er lebt, die USA. Die Forschungen US-amerikanischer WissenschaftlerInnen im frühen 20. Jahrhundert zum Thema Intelligenzmessung fanden großen Anklang in verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Bereichen – zunächst beim Militär im ersten Weltkrieg, in der Migrationspolitik und dann in der Bildung. Wichtig in diesem Kontext ist, dies erwähnt der Autor jedoch kaum*, die Entstehung der Psychologie als eigenständige Disziplin. Neue Wissenschaftsbereiche stoßen bei den Vertretern etablierter Disziplinen zunächst auf Skepsis und Widerstand. Schließlich geht es um das Abgeben eines Stückes vom Kuchen der Forschungsförderung und auch Ansehens. Insbesondere VertreterInnen der Philosophie reklamierten Ende des 19. Jahrhunderts ein Monopol auf den Erkenntnisgewinn über den Menschen und seinen Geist. Psychologinnen und Psychologen waren daher gehalten, ihre Themen abzugrenzen und anschließend Überzeugungsarbeit zu leisten. In den USA war die Psychologie als Disziplin erfolgreicher. Sie bot Akteuren in Wirtschaft und Politik Instrumente an, die sich rasant industrialisierende Gesellschaft zu steuern, durch etwa Modelle – Vorstellungen dessen wie Menschen als Systeme „funktionieren“. Reize bzw. Stimuli führen zu bestimmten Verhaltensweisen. Ein Verständnis darüber hilft, entsprechende Prozesse, z. B. im Arbeitsleben, zu gestalten z. B. durch die Zuteilung von Tätigkeiten entsprechend der individuellen Begabung.

 

Margolin will mit seinem Buch eine wichtige Forschungslücke schließen, nämlich zur sozialen Bedeutung die mit Hochbegabung zusammenhängt und wie Hochbegabung als Konzept entstanden ist. Die Entstehung der Psychologie als Disziplin, also ihre Professionsgeschichte, steht nicht explizit im Mittelpunkt seines Buches, sollte aber in der Diskussion über das „cui bono“ von Hochbegabung mitbedacht werden. Im Vordergrund stehen vielmehr die verschiedenen Argumentationsweisen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über hochbegabte Kinder. Für den Autor sind sie daher keine interessenlosen, distanzierten und objektiven Akteure, sondern GestalterInnen der öffentlichen Wahrnehmung. Soviel für heute, mehr folgt in Kürze. In meinen Gastbeiträgen möchte ich die Argumentation des Autors nachzeichnen und damit die Debatte um eine wichtige Perspektive – die soziologische – ergänzen.

 

Website: http://www.uni-due.de/genderportal

Mail: eva.wegrzyn@uni-due.de

Und der Link zum Buch: http://www.amazon.de/Goodness-Personified-Emergence-Children-Paperback/dp/0202305279/ref=lh_ni_t