10. September 2017 | Tanja Gabriele Baudson

Hochbegabt ist, wer der Menschheit nützt

Der von mir sehr verehrte William Stern hat es einmal so formuliert: “Begabung ist kein Verdienst, sondern eine Verpflichtung.” Mit dem Können geht seiner Ansicht nach also eine Verantwortung einher; aber wer sind diejenigen, die bereit sind, diese zu übernehmen?

Wenn man die Frage stellt, wozu man Begabung überhaupt erkennen und fördern sollte, gibt es zwei Arten von Antworten. Zum einen gibt es diejenigen, die besagen, dass Begabungsentfaltung zur Persönlichkeitsentfaltung insgesamt gehört und somit dazu beiträgt, dass Menschen im Leben glücklich werden. Das ist die humanistische Perspektive – Begabung impliziert eine Verantwortung sich selbst gegenüber, und idealerweise sollte die Gesellschaft das Individuum dabei unterstützen. Die eher materialistische Sicht besteht darin, dass Begabungsentfaltung der Gesellschaft insgesamt nützt. Wer gemäß herkömmlichen Erfolgskriterien etwas aus seinem Potenzial macht, verdient besser, bringt dem Staat dadurch mehr Steuern ein und schafft unter Umständen sogar noch Arbeitsplätze.

Erst fordern oder erst fördern?

Die beiden Argumentationsstränge schließen sich keineswegs aus, aber sie unterscheiden sich in ihren Implikationen. Im zweiten Fall hat das Individuum eine klare Bringschuld gegenüber der Gesellschaft, die von ihm erwartet, dass es sich für das Gemeinwohl einbringt. Im ersten Fall ist es umgekehrt: Hier liegt die Bringschuld eher bei der Gesellschaft, die dann zwar hoffen darf, dass sich das Individuum für sie engagiert, wenn sie es fördert. Die Gesellschaft erhöht dadurch jedoch allenfalls ihre Chancen. Denn eine Person, die ihre Bedürfnisse erfüllt sieht, will ein System, das sich für ihr Wohlergehen einsetzt, möglicherweise eher aufrechterhalten, fühlt sich diesem stärker zugehörig und nimmt vielleicht auch eine größere Verantwortung wahr, selbst etwas dazu beizutragen, dass das auch in Zukunft so bleibt. Eine Sicherheit gibt es indes nicht.

Intelligenz: unabdingbar für Hochbegabung?

Etwas “von hinten durch die Brust ins Auge” komme ich so zum eigentlichen Thema dieses Beitrags. Vor einiger Zeit brachte mich ein wissenschaftlicher Artikel um den Schlaf, und obwohl ich am nächsten Tag wirklich früh raus musste, konnte ich ihn nicht aus der Hand legen. Das ist mir schon lange nicht passiert, und deshalb wollte ich dies mit Ihnen teilen. Robert J. Sternberg, der Autor des Beitrags, stellte sich nämlich die Frage, ob der IQ überhaupt noch ein hinreichendes Kriterium dafür ist, damit wir von einer Hochbegabung sprechen zu können. Auf den ersten Blick mag man das für ziemlich unsinnig halten. Wir haben mit den zahlreichen vorhandenen IQ-Tests objektive und präzise Messinstrumente, die Schulnoten, Bildungsabschlüsse, sozioökonomischen Status, Einkommen und sogar die Lebenserwartung gut vorhersagen (insbesondere im direkten Vergleich mit anderen psychologischen Einzelmerkmalen) – alles Dinge also, die man nach konventionellen Kriterien durchaus als “Erfolg im Leben” verbuchen könnte.

Wie nutzt man Intelligenz intelligent?

Sternberg jedoch erweitert die Perspektive vom Individuum auf die Gesellschaft. Denn worum geht es eigentlich? Was sind die wirklich wichtigen Probleme, die in unserer Welt gelöst werden müssen, und was charakterisiert Persönlichkeiten, die das Potenzial haben, diese globalen Herausforderungen erfolgreich zu meistern? Klimawandel, Extremismus und Terror, Umweltverschmutzung, der Aufschwung autokratischer Herrschaftsformen, Bildungsungleichheiten, Epidemien oder die Integration von Flüchtlingen sind nur einige Beispiele. Doug Detterman, der Gründer der International Society for Intelligence Research, sagte bei der letzten und vorletzten Konferenz dieser Fachgesellschaft (und möglicherweise auch schon bei diversen vorangegangenen, bei denen ich noch nicht dabei war), Intelligenz sei die wichtigste Ressource zur Bewältigung dieser Probleme. Ich hatte ihm gegenüber bereits 2016 meine Zweifel an dieser ausschließlichen Sichtweise geäußert (anscheinend ohne nachhaltigen Erfolg). Natürlich ist Intelligenz wichtig, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen – aber was man aus dieser Erkenntnis letztlich macht, ist ein ganz anderer Punkt, bei dem auch ganz andere Merkmale der Persönlichkeit ins Spiel kommen. Hochintelligente Konzernchefs, die Unternehmen vor die Wand fahren, schlaue, aber skrupellose Politiker (erstaunlich viele der zwischen 1945 und 1949 in den Nürnberger Prozessen verurteilten Nazigrößen waren überdurchschnittlich intelligent), clevere Manager, die Daten fälschen lassen, um nicht nur für ihre Firma, sondern auch für sich selbst satte Gewinne einzufahren – anscheinend schützt einen Intelligenz nicht wirklich davor, kurzfristige egoistische Ziele vor nachhaltige gemeinverträgliche zu setzen und ethisch inakzeptabel zu handeln. “The problem is not a lack of ideas about how to solve any of these problems; rather, it is a lack of people wanting to take fully into account interests other than their own“, schreibt Sternberg (2016, S. 8f. im verlinkten PDF-Dokument).

Messen IQ-Tests das, was man im echten Leben braucht?

Verschiedene IQ-Tests erfassen je nach Zielsetzung unterschiedliche Aspekte der Intelligenz; Sternberg nennt exemplarisch abstraktes logisches Schlussfolgern, mentale Geschwindigkeit, Wortschatz, aber auch metakognitive Fähigkeit wie Zeitmanagement und Strategien wie Entscheiden unter Unsicherheit (educated guessing). Das Leben stelle dagegen ganz andere Anforderungen. Klar definierte Aufgaben mit einer richtigen Lösung sind eher die Ausnahme; oft genug muss man überhaupt erst einmal definieren, wo das Problem liegt. Auch braucht man in der Regel länger als ein paar Minuten, um sinnvolle lebensrelevante Entscheidungen zu treffen, nicht zuletzt deshalb, weil oft viel daran hängt – für einen selbst, aber auch für andere, die unter Umständen ganz andere Interessen verfolgen als man selbst. Was eine gute Antwort auf eine “große” Frage ist, ist darüber hinaus viel stärker kulturabhängig, als das bei IQ-Tests der Fall ist.

Der Erfolg von IQ-Tests, so Sternberg weiter, sei zumindest teilweise eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Denn ein gutes Testergebnis eröffnet Chancen auf dem weiteren Bildungsweg, von denen Personen mit schlechterem Testergebnis von vornherein ausgeschlossen sind; und das akkumuliert sich über die Zeit. (Dass dadurch auch die sozioökonomische Schere im Lauf der Zeit immer weiter klafft, kann man sich lebhaft vorstellen.) In den USA mit einer ausgeprägten Testkultur (und einem Evaluationssystem, in dem beispielsweise Schulen dann als erfolgreich gelten, wenn ihre Schüler/innen gute Testergebnisse erhalten – eventuelle Parallelen auf nationaler Ebene zu PISA sind rein unzufällig) brennt das Thema natürlich noch einmal stärker unter den Nägeln als hierzulande; aber im Zuge der steigenden Quantifizierung unserer Lebenswelt betrifft das auch uns.

Was ist Hochbegabung?

Peter Hofstätter[1] definierte Intelligenz 1957 als “den innerhalb einer bestimmten Kultur Erfolgreichen gemeinsame Fähigkeit“. Nun ist “Erfolg” ja ein eher unscharfer Begriff – und, wie die Definition impliziert, hochgradig kulturabhängig.[2] Nun kann man Erfolg ja nicht nur kurzsichtig-individualistisch konzipieren, sondern auch nachhaltig. Wenn alle Menschen ein glückliches und gesundes Leben in Frieden führen können, in dem es auch der Umwelt gut geht und Ressourcen geschont werden, wäre das auf globaler Ebene sicherlich ein schöner Erfolg. So, wie es aktuell läuft, werden wir den Karren über kurz oder lang auf jeden Fall an die Wand fahren.

Die Unterstützung der Hochbegabten, so Sternberg, können wir also gut brauchen: Menschen, die nicht egoistisch ihre eigenen kleinen Misthaufen verteidigen, um von dort herabzukrähen, sondern die das große Ganze im Blick haben und verantwortungsvoll daran arbeiten, die Welt für alle besser zu machen. Wie aber finden wir solche Menschen? Sternberg hat hierzu ein Modell entwickelt: ACCEL – Active Concerned Citizenship and Ethical Leadership, durch das aktive Menschen, die sich um das Gemeinwohl sorgen und kümmern und auf ethische Weise führen, erkannt und gefördert werden sollen. Wir brauchen verantwortungsvolle Menschen, die die wichtigen Probleme erkennen und etwas dagegen tun wollen – und andere mitziehen. “The ACCEL model recognizes that the greatest problem we have in our society is not a lack of leaders with high IQs or sterling academic credentials, but rather of transformational leaders who behave in ethical ways to achieve, over the long- as well as the short-term, a common good for all” (ibid., S. 17f.).

Wie erkennt man die ACCELenten?

Sein Hochbegabungsbegriff ist also ein völlig anderer als der, den wir bislang kennen. Sternberg sieht das Individuum in seinem Wirkkontext und definiert Hochbegabung von ihrem Zweck her. IQ-Tests verfolgten den gesellschaftlich relevanten Zweck, die kurz davor eingeführte Schulpflicht überhaupt praktisch umsetzen zu können. Mit einem Mal war die Schüler/innenschaft extrem heterogen geworden, und man brauchte Anhaltspunkte, wie “weit” ein einzelnes Kind geistig war, um es ggf. angemessen fördern zu können. Heute, im Zeitalter der Globalisierung, sind die Anforderungen eine Nummer größer – deshalb brauchen wir andere Indikatoren als den IQ.

Auf welche Eigenschaften sollte man also achten? Zumindest reicht ein hoher IQ nicht. Sternberg nennt folgende Merkmale:

  • kritisches (analytisches) Denken, sich also nicht für dumm verkaufen lassen und unredliche Argumentationen durchschauen;
  • Kreativität, wozu beispielsweise Flexibilität im Denken, eine maßvolle Risikobereitschaft oder Widerstandsfähigkeit beim Auftreten von Hindernissen (etwa auch, dass Leute eine tolle Idee nicht gleich willig annehmen, sondern man sie ihnen verkaufen muss) gehören;
  • “praktische Intelligenz”, so etwas wie “gesunder Menschenverstand”, der einem hilft, im Leben klarzukommen;
  • Weisheit und Ethik – die Balance zwischen eigenen, fremden und höheren Zielen zu finden, Werte zu haben bzw. zu entwickeln und entsprechend zu handeln.
  • Leidenschaft: etwas zu finden, was einen wirklich begeistert und wofür man brennt.

Ist der IQ also überholt?

Einige erfolgreiche Ansätze zur Erfassung und Förderung dieser Merkmale werden im Artikel genannt. Sie beziehen sich hauptsächlich auf Studierende und junge Erwachsene, aber ich finde, man kann damit nicht früh genug anfangen. Die Welt verändert sich kontinuierlich, und mit ihr die Nützlichkeit von Konstrukten wie Intelligenz. Ich halte den IQ nach wie vor für ein sehr wichtiges Maß und Intelligenz für eine Eigenschaft, die wir bei der Definition von Hochbegabung weiterhin berücksichtigen sollten; um komplexe Zusammenhänge zu durchschauen, ist sie zweifelsohne ziemlich hilfreich. Aber um den Herausforderungen der Welt von heute, morgen und übermorgen zu begegnen, reicht das nicht. Ein erweiterter Begabungsbegriff kann also dazu beitragen, dass weitere wichtige menschliche Eigenschaften wertgeschätzt und gefördert werden – und möglicherweise das Leben für alle so ein bisschen besser wird.

Hier werden dicke Bretter gebohrt, keine Frage; und der IQ wird uns vermutlich noch eine ganze Weile begleiten, weil Änderungen (insbesondere solche, die ja im Grunde das ganze System in Frage stellen) Zeit brauchen. Sternberg denkt die Hochbegabtenförderung “von oben”: Wir brauchen mittel- und langfristig ethisch verantwortliche Vordenker, wenn unsere Welt nicht vor die Hunde gehen soll, und müssen sie deshalb erkennen und fördern. Derzeit belohnt unser System verantwortliches Handeln jedoch nur bedingt; Whistleblower, Wissenschaftler/innen, die Forschung transparenter machen wollen, und viele andere kritisch Denkende und Handelnde stoßen auf massive Widerstände. Systeme sind träge; nicht zuletzt, weil diejenigen, die von ihnen profitieren, von ihren Pfründen nur ungern lassen, die sie häufig genug durch Verfolgung eher egoistischer als gemeinschaftsdienlicher Ziele errungen haben. Auch hier muss sich also etwas ändern. Leistung für das Gemeinwohl muss sich wieder lohnen.

Fazit

Das Konstrukt Hochbegabung von seinem Zweck her zu denken, hat seinen Reiz – und aus meiner Sicht auch seine Berechtigung. Denn wozu sollte eine Gesellschaft Begabungen identifizieren und fördern, wenn es ihr nicht nützt? Vielleicht müssen wir einen anderen Begriff finden als “hochbegabt”? Ich finde den Ansatz auf jeden Fall interessant und kontrovers; die Diskussion um den Hochbegabungsbegriff wird er sicherlich beleben. Was meinen Sie?

Fußnoten:

[1] Hofstätters Biographie und insbesondere seine Nazivergangenheit werden in diesem Buch (ab Seite 742) aufgearbeitet: http://www.hamburg.de/contentblob/8873480/7f63485de9668b3e48b965cdd86d8d02/data/taeterprofile-buch-band-2.pdf

[2] “Kultur” ist ein sehr umfassender Begriff (selbst Petrischalen und Tanztheater fallen darunter), und entsprechend unterschiedlich sind auch die Erfolgsindikatoren. Wenn ich Bekannten außerhalb des akademischen Betriebs die Bedeutung von durch Kolleg/innen anonym begutachteten Publikationen und Impactfaktoren nahezubringen versuche, stoße ich auf verständnislose Gesichter. Häufig kommt auch die Frage, wie hoch mein Honorar für einen solchen Artikel ist; die Verständnislosigkeit steigt, wenn ich ergänze, dass ich nichts dafür bekomme, aber meinerseits Beiträge von Kollegen kostenlos begutachte. Wir Wissenschaftler/innen sind schon ziemlich verrückte Hühner.

Literatur

Sternberg, R. J. (2016). ACCEL: A new model for identifying the gifted. Roeper Review. doi: 10.1080/02783193.2016.1256739 [Online 7.11.2016]

In dieser Ausgabe der Roeper Review gab es übrigens noch eine ziemlich lebhafte Diskussion über das Modell; auf die bin ich in diesem Beitrag nicht eingegangen. Sie ist außerdem hinter einer Paywall, sodass man an die Beiträge leider auch nicht ohne weiteres herankommt.

18 Gedanken zu „Hochbegabt ist, wer der Menschheit nützt

  1. von Mark Dettinger

    Hochintelligenz und Hochbegabung

    Da die Begriffe Hochbegabung und Intelligenz heutzutage oft synonym verwendet werden, wird man vermutlich zunächst Verwirrung stiften, wenn man einen der Begriffe umdefiniert. Grundsätzlich fände ich es aber sinnvoll, den beiden Begriffen unterschiedliche Bedeutungen zu geben.
    Die kognitive Leistungsfähigkeit sollte weiterhin mit Intelligenz bezeichnet werden. Eine besonders hohe kognitive Leistungsfähigkeit sollte dann konsequenterweise Hochintelligenz (und nicht etwa Hochbegabung) genannt werden, und Menschen mit einem IQ über 130 sollten sich dementsprechend als hochintelligent bezeichnen und nicht als hochbegabt. Es würde aber wohl einige Zeit dauern, bis sich diese neuen Begriffe durchgesetzt haben.
    Der dadurch wieder frei werdende Begriff Hochbegabung könnte dann neu definiert werden und künftig für eine Ausstattung mit Eigenschaften stehen, die der Gesellschaft nützen. Intelligenz gehört hier sicherlich auch dazu, aber eben auch Kreativität, Motivation, Willensstärke und weitere Persönlichkeitseigenschaften. Eine solche zweckorientierte Definition fände ich durchaus sinnvoll.
    Sind die Begriffe auf diese Art erst einmal getrennt, könnte man dann sogar zwischen Hochbegabtenförderung und Hochintelligentenförderung unterscheiden. Beide Arten hätten ihre Berechtigung. An die erstere würde die Gesellschaft die Erwartung knüpfen, dass sich ihr Investment später auszahlt, während die letztere sich aus der humanistischen Perspektive herleitete und die Persönlichkeitsentfaltung der Individueen zum Ziel hätte.

    Antworten
  2. von H_eike W.

    Interessant - und Frage

    Liebe Frau Baudson,
    der Artikel insgesamt bietet wieder einmal ein sehr interessanter Ansatz zum Nachdenken. Herzlichen Dank. Aber auch die Details haben es in sich. "erstaunlich viele der zwischen 1945 und 1949 in den Nürnberger Prozessen verurteilten Nazigrößen waren überdurchschnittlich intelligent". Ist das so? Wo könnte man dazu etwas nachlesen?

    Herzliche Grüße

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Ich habe die Information aus "The Nuremberg Diary" von Gustave Gilbert, dem Gefängnispsychologen, der mit einigen der Angeklagten in Kontakt stand.

      Antworten
  3. von Martin Holzherr

    Soll eine Gesellschaft sich von Hochbegabten formen lassen?

    Jede Person, die Zusammenhänge besser erkennt und die Folgen von Handlungen besser abschätzen kann als andere hat ein grösseres Potenzial sowohl als Förderer der guten Sache als auch als Autokrat und Tyrann. Sogar nach Peter Hofstätters Definition von Intelligenz als Zitat:

    “den innerhalb einer bestimmten Kultur Erfolgreichen gemeinsame Fähigkeit“

    ) sind sowohl der Tyrann als auch der vermögende Philanthrop überdurchschnittlich intelligent, denn beide sind überdurchschnittlich erfolgreich.
    Sternbergs Idee nach sozialverträglicher Hochbegabung zu suchen ist aus Sicht einer demokratischen Gesellschaft naheliegend und verführerisch, doch nicht ohne ihre eigenen Probleme. Denn: Bleibt der selsbsterwählte Wohltäter und Humanist dies auch dann, wenn er an der Macht ist? Und kann nicht auch ein auf seinen eigenen Vorteil ausgerichteter Hochbegabter in einer entsprechend strukturierten Gesellschaft letztlich zum Guten beitragen? Letzlich glaubt Robert J. Sternberg, dass hochbegabte Individuen eine Gesellschaft formen und lenken und wenn man dies glaubt, dann ist es tatsächlich wichtig, die Richtigen auszuwählen und zwar nicht nur nach dem Kriterium Intelligenz, sondern auch nach dem Kriterium Gesellschaftstauglichkeit. Doch Sternberg könnte sich irren. Vielleicht ist eine Gesellschaft, deren Entwicklungsrichtung von einzelnen hochbegabten Individuen abhängt, sogar grundsätzlich falsch strukturiert.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Zu Ihrem letzten Punkt: Ich würde den Hochbegabungsbegriff auch, wenn man Sternbergs Definition anlegt, kontinuierlich definieren. Demnach könnte jeder etwas beitragen (Sternberg schreibt in dem Artikel auch, dass jeder "leader" und "follower" sein kann und man den Rahmen unterschiedlich weit spannen kann – ob Vorsitzende des Elternbeirats oder Staatenlenkerin, das Spektrum ist breit.), die Hochbegabten wären nur diejenigen, die besonders viel zum Wohl der Menschheit beitragen.

      Ob Sternberg den Tyrannen als den "Erfolgreichen" anerkennen würde, halte ich für fraglich, eben weil das Verhalten nicht nachhaltig ist und er eher eigennützige, kurzfristige Ziele verfolgt. Interessant finde ich auch Ihre Überlegung, ob die grundlegenden Werte auch haltbar sind – es gibt ja den schönen Spruch, um den Charakter eines Menschen zu erkennen, müsse man ihm Macht geben … Auf jeden Fall fand ich den Artikel echt interessant, regt zum Nachdenken an :)

      Antworten
  4. von Martin Holzherr

    5 Mindsets to bring positive change across society

    5 Mindsets to bring positive change across society listet analog zu Robert J. Sternberg 5 Einstellungen auf, welche gesellschaftlich erwünscht und fortschrittsorientiert sind. Anstatt Sternbergs Kombination von kritischem Denken, Kreativität, praktischer Intelligenz, Weisheit&Ethik, sowie Leidenschaft findet man im verlinkten Artikel das Bündel: Neugier&Kritisches Denken, Intelligenter Optimismus, Risikobereitschaft, Moonshot-Denken und die Kosmische Perspektive. Man muss sich wohl Leute wie Edison, Elon Musk oder die Google-Gründer als Verkörperung der obigen Geisteshaltungen vorstellen. Das Ideal ist hier der weit Vorausstürmende, der bleibende Spuren im Gedächtnis der Menschheit hinterlässt, weil er weiter sieht, mehr riskiert und mehr investiert als die meisten Anderen. Mit Intelligenz hat das in der Tat nur noch am Rande zu tun. Es ist wohl eher eine Kombination von Begabung und Ambition, die hier den neuen Übermenschen ausmacht.

    Antworten
  5. von hto

    hochbegabt = hochverantwortlich?

    In einer Gesellschaft die, besonders durch die Bildung, das "gesunde" Konkurrenzdenken im "freiheitlichen" Wettbewerb zelebriert, die somit Ausbeutung und Unterdrückung in Hierarchie von "Individualbewusstsein" stellt, hat keine Berechtigung ein uneigennütziges Verhalten des "Einzelnen" einzufordern!

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Sehe ich auch so, dass der Weg umgekehrt sein muss: Erst sollte die Gesellschaft zeigen, dass sie es wert ist, dann kann sie hoffen (nicht erwarten!), dass sich das Individuum aus freien Stücken entscheidet, ihr etwas zurückzugeben.

      Antworten
  6. von hto

    hochverantwortlich

    "Begabung ist kein Verdienst, sondern eine Verpflichtung."

    - JA, aber da Mensch schon seine Vernunftbegabung im geistigen Stillstand seit der "Vertreibung aus dem Paradies" (erster und bisher einzige geistige Evolutionssprung) vergeudet, ist es heuchlerisch-verlogen, die systemrationale Karriere in Zeit-/Leistungsdruck von Kindesbeinen, auch noch der Pseudomoral des Konsum- und Profitautismus zu unterwerfen.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Was konkret meinen Sie mit der "Pseudomoral des Konsum- und Profitautismus"?

      Antworten
  7. von Dr. Webbaer

    Titel

    Vielleicht müssen wir einen anderen Begriff finden als “hochbegabt”?

    Die sogenannte Intelligenz ist eine wichtige, sozusagen technische Größe, die nicht die individuelle Begabung meinen muss.
    Das primäre Leistungsmerkmal besteht in ihrer Messbarkeit, auch können so Erbnachfolger, Kinder und Enkel beforscht werden, weil sich die sogenannte Intelligenz ja vererbt, aber eine besondere Begabung muss nicht vorliegen.
    Die sogenannte Intelligenz ist das was sie ist und misst.

    Der Schreiber dieser Zeilen würde dribgend davon abraten intelligente Menschen als hochbegabt zu verstehen.
    Offensichtlich liegt die Stärke der Intelligenz in der zuvor so als Frage bereit gestellten Mustererkennung.

    MFG + schöne Woche noch,
    Dr. Webbaer

    Antworten
  8. von Max

    Dann basteln wir uns noch alle schöne Papierflieger und erfreuen uns unseres Lebens. Ob nun Herr Sternberg oder sie Frau Baudson aber falls sie es noch nicht mitgekriegt haben im "oben". Ich werde mich ab und an in Metaphern ausdrücken die Wissenschaft/Kunst/Esoterik sowie dieser angehende Prototyp eines "sozialistischen Kapitalismus" zielt auf die schwächsten die auch nur leben wollen und ich habe mich unbewusst kleingemacht. Einer Erpressung gleichend die "Menschen" benehmen sich mehr wie Tiere mit Bildung auf höchstem Niveau nahe einer Art Masseintelligenz unterworfen. Wenn man dann mal ganz unten ist kommt die "Masse" in ihrer Geilheit des Konsums um "denjenigen" zu zerfleischen. Fast nahezu täglich habe ich einen netten Tinnitus was mich aber auch nicht weiter stört. Man wird ja schon völlig entgeistert angeschaut wenn man anders (selbständig denkend handelt) das schön ist wenn man Mal ganz unten war! Also ich würde mir überlegen wo ihr es mit euren Publikationen/Wissensdurst perfektionswahn in Deutschland etc. hintreibt welche einer Psychose übrigens näher kommt als dem gesunden Menschenverstand und metaphorisch gesprochen könntet ihr auch vergiftetes Eis an Kinder verkaufen (: während meines Aufenthaltes in der Psychiatrie hab eigl. Starke Personen kennengelernt welche durch das System zerstört wurden. Strenggenommen gleicht dies einer neuen Art Arbeitsbeschafungsmaßnahme weiter so und der "Teufelskreis" wird Perfektioniert. Deutschland als Testgelände aller Nationen. Ob nun von Geld, angst, liebe oder Wissensdurst getrieben ein kleiner Ratschlag am Rande wenn sie Mal unten aufschlagen wünsche ihnen Eltern sowie Kinder die sie wieder in die Realität befördern(und geld als Flussmittel)! Ansonsten sieht es echt übel aus für sie "das System" grenzt ja jetzt schon an Seelenvergewaltigung. Mit freundlichen Grüßen auch zur Weiterleitung an Herrn Sternberg (hsp / schizophren / farbpsychotisch / panikattacken und vieles anderes das witzige trotz meines hohen iq's bin ich derzeit Handwerker. Nicht ohne Grund gibt es dort Toleranzgrenzen! Sachen wie Kreismusik entstehen nicht ohne Grund (;
    PS.: Ohne persönlich angreifend wirken zu wollen wurde ich Vorschlagen das sie ihr Profilbild ändern, es sieht nicht gerade professionell aus.

    Liebe Grüße Max

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Dass das Wissenschaftssystem es einem nicht leicht macht, die Ideale der Wissenschaft zu verfolgen, würde ich sofort unterschreiben; den "March for Science" (der letztlich eine Wertedebatte ist, zumindest legen das die Rückmeldungen nah) haben wir nicht ohne Grund hier in Deutschland initiiert, und ich hoffe, wir können damit in Zukunft auch noch einiges bewegen.

      Es ist ja ein Merkmal von Systemen, dass sie sich selbst erhalten, indem diejenigen am leichtesten und schnellsten nach "oben" kommen, die die Regeln einhalten (und nicht mehr unbedingt motiviert sind, etwas zu ändern, sobald sie ihren gesicherten Status erreicht haben, auch wenn sie es sich dann eigentlich leisten könnten). Gerade in der Hinsicht halte ich jedoch die "Sternberg-Hochbegabten" wichtig, denn im Idealfall schaffen sie es, in entsprechende Positionen zu kommen, sich trotzdem nicht korrumpieren zu lassen und die Regeln des Systems weiterhin kritisch hinterfragen (und selbiges dann vor allem auch zu verändern, wenn sie die Möglichkeiten haben, also "selbständig denkend handeln", wie Sie es treffend formuliert haben).

      Das Profilbild im Grünen mag ich im übrigen gerne, ich lass das jetzt so ;) (Ohne Sie nun meinerseits persönlich angehen zu wollen: Das Totschlägerargument der "Unprofessionalität" kommt ja oft gerade von den Systemkonformisten, meiner Vermutung nach mit dem Ziel, eine Definitionshoheit gegenüber denjenigen zu etablieren, die es anders machen und somit das System in Frage stellen. Der Vorwurf ist also nicht unbedingt sachlich begründet bzw. begründbar.)

      Liebe Grüße zurück!

      Antworten
  9. von Max

    Titel *

    PPS. In Eile geschrieben aber hoffentlich verständlich. So nun aber gut Nächtle

    Antworten
  10. von Susan

    Titel *

    Liebe Frau Baudson,

    ich habe dazu nur einpaar schnelle, oberflächige Gedanken.

    Das Motiv die "besten, fähigsten, begabtesten" zu finden für bestimmte Aufgaben, ob im Kontext Beruf, Weltverbesserer oder Hoffnungsträger für dies und das, ist ja schon recht alt, ähnlich frisch und neu sind daraus resultierende Handlungen, wie das Suchen von Erkennungsmerkmalen.
    Ganze Bibliotheken sind damit zu allen möglichen Zeiten gefüllt.

    Eine sich endlos wiederholende Nummer.

    Das Thema Begabung/ Intelligenz und der Umgang damit, spiegelt so schön die Menschheit, ich gehe nicht davon aus, dass sich dies ändern wird, unabhängig davon welche Erweiterungen, Modelle, Merkmale, Namen man der Sache noch geben könnte. Man kann es auch Larifari, Universallöser oder so nennen, die Menschen und ihre Bedürfnisse, Triebe usw. lassen sich davon nicht groß stören.

    Konkrete Verbesserungsvorschläge habe ich auch nicht so direkt auf Lager, aber noch eine Liste mit wieder schwammigen, interpretierbaren Merkmalen, nach welchen man so früh wie möglich suchen soll, darin sehe ich ehrlich gesagt keinen Sinn. Ich mag Sternberg ganz gern, mir geht es also nicht um die Person oder Begabungsförderung abzuschaffen, sondern um die Frage, was das genau bringen soll.
    Was man sich davon erhofft, habe ich schon verstanden.
    Aber irgendwie finde ich es nicht besonders weitsichtig, wiederholt nach etwas suchen, was man dann bei 2, 3 oder 5 % je nach Definition vorfindet, um darauf die Zukunft zu setzen, anstatt Rahmenbedingungen, Lernmöglichkeiten auf allen Ebenen für 100% zu schaffen.

    Es gibt natürlich Kontexte, wo die fachlich seriöse Leistungsdiagnostik sehr viel Sinn macht und weiterhin ihren Platz haben soll/muss.

    Aber ich bezweifle, dass eine „neue“ Begabungsbegriffsserweiterung, Lösungen für die im Artikel angedeuteten Probleme bringt, ich würde auf andere Karten setzen, bzw. investieren, zumindestens gleichgewichtig nebenher, wenn man denn ohne das uralte Suchmuster nach den „ Fähigsten“ tatsächlich nicht leben kann oder will.

    Unbefangene kleine Grashüpfer sollte man damit aber noch nicht beladen.

    Zu mehr Detailtiefe reicht es leider aus Zeitgründen nicht.

    Liebe Grüße

    Antworten
  11. von Dr. Hilmar Alquiros

    "Hochbegabt ist, wer der Menschheit nützt"

    ALLE Begabungen zählen, alle Richtungen und Höhen sind zu fördern und zu genießen!

    Antworten
  12. von Martin Schmidt

    Platon verliert nie seinen Reiz

    Hochbegabung und/oder Intelligenz sollte im eigenen Sinne gefördert und genutzt werden um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass sie einem in den Rücken fallen kann. Und selbst dann besteht keine Gewissheit, dass nicht doch purer Eigennutz obsiegen wird (wie Sie selbst mit dem Beispiel der "disintegeren" Manager veranschaulichten). Ist das Defätismus?

    Die gesellschaftliche/staatliche Vernunft (Hoch-)Begabung fördern zu wollen, folgt aus dem (offensichtlich natürlichen) Anspruch nach (volkswirtschaftlichem) Wohlstand, Freiheit, Stabilität, Wissen und Sicherheit sowie einem vorherrschenden (offensichtlich natürlichen) Konkurrenzdruck. Insofern ist William Sterns Aussage aufgrund den darin enthaltenen Implikationen (und) im Kontext der damals vorherrschenden, zeitgenössischen Gesinnung heute höchst gefährlich und unangebracht.

    Der Intelligenzbegriff muss überarbeitet werden. Die mit seiner Intelligenz einhergehenden Durchsetzungsfähigkeit des Menschen mag im evolutionsbiologischen Sinne als Erfolg gewertet werden dürfen. Die damit verbundene Zerstörung seines Lebensraumes erinnert an die Schwarmintelligenz von nicht angepassten, hirnlosen Viren. Intelligenz muss in diesem Kontext mit einer zielgerichteten universalen Intension definiert werden, die jedoch nichts mit kurzfristigem "zeitgenössischem" Erfolg zu tun hat. Was zu Sternberg führt.

    Sternbergs Modell ist sehr interessant, obschon mit Vorsicht zu genießen, da Begrifflichkeiten wie Weisheit, Ethik und höhere Ziele einen enormen Interpretationsspielraum zulassen, in dieser Form zudem ebenfalls einem Wandel unterliegen. Das Modell erweckt den Anschein, von idealen (Vor-)Bedingungen ausgehen zu können, sozial-psyschologische Aspekte oder die Notwendigkeit zusätzlicher Strukturen werden außer Acht lassen. Alles in allem erinnert Sternbergs Modell an die Platon'sche Vorstellung eines Staates.

    Antworten
  13. von hto

    Pseudomoral

    In dieser illusionären Welt- und "Werteordnung" gibt es die irre Vorstellung von "gut & böse"!?

    Antworten

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