8. September 2014 | Tanja Gabriele Baudson

Hochsensible Hochbegabte?

Der heutige Gastbeitrag geht um eins der großen Themen, die Hochbegabte bewegen – die Forschung über Hochbegabte allerdings eher weniger, das ist doch erstaunlich. Dr. Michael Jack aus Dortmund ist 33-jähriger Jurist und Chef des Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität e.V., des größten und ältesten Vereins in Deutschland, der sich um das Thema Hochsensibilität kümmert. Er weiß seit 2003, dass er eine Hochsensible Person (HSP) ist; inzwischen ist er auch als hochbegabt diagnostiziert. Und zum Thema Hochbegabung und Hochsensibilität hat er folglich einiges zu sagen – Michael, danke für Deinen Beitrag!

Über Hochbegabung haben sich schon diverse Fehlvorstellungen allgemein etabliert; Hochsensibilität ist demgegenüber ein weithin unbekanntes Konstrukt. Es sieht ungefähr wie folgt aus: Wir alle nehmen durch unsere Sinnesorgane permanent Informationen aus der Umwelt auf, die meisten dieser Informationen werden jedoch aus unserer Wahrnehmung herausgefiltert. Bei Hochsensiblen (angeblich 15 - 20 % der Bevölkerung) ist dieser Reizfilter nun durchlässiger, so dass mehr Informationen von den Sinnen „ankommen“ und verarbeitet werden müssen. Es wurde spekuliert, das könne an einem anders funktionierenden Thalamus liegen; nichts genaues wissen wir aber nicht. Jedenfalls ist unsere Welt nicht auf Hochsensible zugeschnitten. Dementsprechend sind sie häufiger „reizüberflutet“ und brauchen mehr Phasen des Rückzugs und der Regeneration.

Die Frage des Verhältnisses von Hochsensibilität und Hochbegabung ist ein „Dauerbrenner“ in den Debatten in der Hochsensiblen-„Szene“. Das dürfte auch daran liegen, dass manche Beschreibungen von Hochbegabung Zusammenhänge nahelegen. Am deutlichsten ist hier Andrea Brackmann, die schreibt, Hochbegabung sei „mehr von allem: mehr denken, mehr fühlen und mehr wahrnehmen“. Über weite Strecken lesen sich ihre Beschreibungen des subjektiven Empfindens Hochbegabter wie Aussagen über Hochsensibilität.

Da die Wissenschaft sich Zeit damit lässt, sich zu den skizzierten Fragen eine Meinung zu bilden, dürfen wir wild herumvermuten, und hier will der Autor dieser Zeilen nicht zurückstehen: Er geht davon aus, dass es sich um separate Phänomene handelt, zwischen denen keine besondere Korrelation besteht. Hauptargument für diese steile These sind Erfahrungen im Hochbegabtenverein Mensa: Hochsensible Mensaner berichten, sie fühlten sich unter Hochbegabten HS-technisch ebenso allein auf weiter Flur, wie im Rest der Gesellschaft. Schnelleres Denken und damit Verarbeiten von Reizen muss schließlich auch nicht bedeuten, dass mehr zu verarbeitende Reize da sind.

Eine Kombination beider Phänomene ist natürlich trotzdem möglich. Witzig ist sie nicht unbedingt. Beide Persönlichkeitsvariablen tragen nämlich das Potenzial in sich, den Betroffenen zum Außenseiter zu machen. Das hochbegabte Kind redet beispielsweise komische Sachen, die es als Sonderling erscheinen lassen. Das reizempfindliche Kind ist potenziell umso schneller überfordert, mit je mehr Reizen eine eigentlich altersangemessene Aktivität verbunden ist. Reaktionen auf diese Überforderung können als sozialinadäquat wahrgenommen werden. Über Jahre kann der Eindruck entstehen und sich verfestigen, irgendetwas „stimme“ mit dem Kind nicht. Bei ihm selbst, bei den Eltern und/oder bei Pädagogen.

Die Integration in die Peergroup ist wohl das Hauptthema für Jugendliche. Es liegt nahe, dass dieses Projekt bei hochsensiblen und hochbegabten Jugendlichen ziemlich schief gehen kann. Speziell alterstypische Freizeitaktivitäten in der Teenagerzeit sind häufig mit vielen Reizeindrücken (= Lärm) verbunden. Wenn „alle anderen“ diese(n) nicht nur abkönnen, sondern auch genießen, der hochsensible Jugendliche jedoch nicht, drängt sich der Eindruck auf, man sei „von einem anderen Stern“. Hier kann massiver Anpassungsdruck entstehen: Alle anderen können es (= Nächte durchfeiern) doch auch. Sind die sozialen Situationen, in denen man normalerweise informelle Interaktion erlernt, für Hochsensible unangenehm, stellt sich die Frage, wo diese sie sonst erlernen sollen. Neigt der hochbegabte Jugendliche dann auch noch dazu, die Dinge sehr kognitiv anzugehen, kann er zum „Sozial-Horst“ werden: Er verhält sich komisch und redet wirres Zeug. Freak.

Genug der schlechten Nachrichten. Die Cleverness, die Hochbegabung mit sich bringt, kann den Hochsensiblen auch in die Lage versetzen, sehr effektive Coping-Strategien zu entwickeln. Auch dürften die andeutungsweise geschilderten Negativszenarien nicht unbedingt repräsentativ sein. So oder so naht Rettung: Wer „Bescheid weiß“, also sich seiner Hochsensibilität bewusst ist, kann sich häufig darauf einstellen. Deshalb ist der Umstand, dass das Konstrukt weithin unbekannt ist, ein ärgerlicher solcher. Es wird Zeit, dass sich auch hierzu diverse Fehlvorstellungen allgemein etablieren.

Im Internet findet man Dr. Michael Jack über www.hochsensibel.org, Email: info@hochsensibel.org. Die Seite ist sehr informativ, ich lege sie allen interessierten Leserinnen und Lesern ans Herz.

7 Gedanken zu „Hochsensible Hochbegabte?

  1. von OAP

    HKA

    "Er weiß seit 2003, dass er eine Hochsensible Person (HSP) ist..."

    Einerseits toll. Aber das war sicher erschütternd.

    Mein Nachbar weiß seit 1996, dass er eine Geringsensible Person (GSP) ist. Die Frage des Verhältnisses von Geringsensibilität und Minderbegabung stellt sich bei ihm allerdings nicht; immerhin hat er es zum parlamentarischen Staatssekretär gebracht und hat noch großes vor.

    Die Kassiererin im Supermarkt nebenan wiederum hat eine Diagnose als (UP), was die bisher kaum beachtete Unscheinbare Person ist. Inzwischen sei sie auch als UOGNB (unbekannt oder gar nicht begabt), noch ohne ICD, diagnostiziert (Dr. Meier, Experte) und erhalte daher nur noch 6.50 Euro/h.
    Ihr Kommentar: "Habe ich so nicht erwartet, aber, was soll ich machen - man muss auf die Experten hören."

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  2. von Julia

    Zwiespältig

    Einerseits gut, dass das Thema hier aufgegriffen wird und somit ein Bewusstsein geschaffen wird dafür, womit hochsensible Menschen so alles zu kämpfen haben.

    Andererseits macht es mich auch etwas traurig, dass das Unterschiedlich-Sein von Menschen, die Spannbreite verschiedener Wesensmerkmale, anscheinend nicht mehr als völlig normal und natürlich angesehen wird, sondern manchmal gar als etwas abartiges. Vor allem dann, wenn die betreffende Eigenschaft dazu führt, dass man evtl. rücksichtsvoll und achtsam mit den Betreffenden umgehen müsste; die Bereitschaft hierzu - eigentlich doch eine Binsenweisheit, eine Selbstverständlichkeit - scheint mir in letzter Zeit immer mehr abzunehmen. Alles, was nicht nützlich und verwertbar ist, steht unter Rechtfertigungszwang und kann sich diesem manchmal nur gerade so durch eine Pathologisierung (auch erkennbar an Formulierungen wie "der/die Betroffene") entziehen - kein guter Handel, wei mir scheint.
    Das betrifft mittlerweile viele "Diagnosen" - ADHS, Hochbegabung, Hochsensibilität, Schüchternheit, Introvertiertheit, Neigung zur Melancholie uvm. - das sind doch alles keine behandlungsbedürftigen Krankheiten (über ADHS kann man meinetwegen streiten), sondern lediglich Ausdruck dafür, dass es links UND rechts vom Durchschnitt auch Menschen gibt. Aber anscheinend haben es diese Menschen nicht nur schwerer in unserer Gesellschaft, sie müssen sich auch noch in vielfältiger Weise dafür rechtfertigen, einfach nur so zu sein, wie sie sind.

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  3. von Dr. Webbaer

    Neigt der hochbegabte Jugendliche dann auch noch dazu, die Dinge sehr kognitiv anzugehen, kann er zum „Sozial-Horst“ werden: Er verhält sich komisch und redet wirres Zeug. Freak.

    Wie schon vom Gast-Inhaltegeber in dem die Nachricht abschließenden Absatz angedeutet, muss das kein so-o großes individuelles Problem sein, moderne Systeme vorausgesetzt, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend haben implementieren können. - Woanders sähe es natürlich mau aus, korrekt. Dort könnte dann eine Selektion soz. pers. werden.

    Nöh, schon ganz OK der WebArtikel, es gilt hier halt möglichst früh den adressierten Adoleszenten aufzuklären, warum viele Nashörner sind (und aus rein subjektiver Sicht natürlich nur: sein müssen).

    MFG
    Dr. W (der demzufolge auch in puncto Empathie bestmöglich abgebaut hat)

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  4. von vierzehn

    Ach, wäre man doch

    "... und somit ein Bewusstsein geschaffen wird dafür, womit hochsensible Menschen so alles zu kämpfen haben."

    Haben Sie schon mal über die conditio humana nachgedacht, bin ich fast geneigt zu fragen. Haben "hochsensible" Menschen mehr zu kämpfen mit ihren Lebensumständen als andere?

    Wurden Sie schon mal als geringbegabt oder gar unsensibel diagnostisch stigmatisiert und haben erleben müssen, was das bedeutet?

    " Vor allem dann, wenn die betreffende Eigenschaft dazu führt, dass man evtl. rücksichtsvoll und achtsam mit den Betreffenden umgehen müsste..."

    Ich frage Sie: Wie anders als rücksichtsvoll und achtsam gehen Sie mit Menschen um, wovon machen Sie das abhängig? Diese Diskussion ein Chimäre.

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  5. von Julia

    Hm

    "Haben "hochsensible" Menschen mehr zu kämpfen mit ihren Lebensumständen als andere?"

    Weiß ich nicht - sie haben halt wie jeder andere auch ihr Päckchen zu tragen und es ist gut, dass das hier mal thematisiert wird.

    "Wurden Sie schon mal als geringbegabt oder gar unsensibel diagnostisch stigmatisiert und haben erleben müssen, was das bedeutet?"

    Nein. Ich verstehe auch Ihre Frage nicht. Wollen Sie jetzt Gering- und Hochbegabte bzw. Hoch- und Geringsensible gegeneinander ausspielen oder was?

    "Wie anders als rücksichtsvoll und achtsam gehen Sie mit Menschen um, wovon machen Sie das abhängig?"

    Ich versuche stets, achtsam mit meinen Mitmenschen umzugehen, da ich das einfach für geboten halte; bei Menschen, die mir besonders sensibel erscheinen oder die aus welchen Gründen auch immer verletzlich erscheinen, versuche ich noch eine Schippe Rücksichtnahme draufzupacken, ja. Täglich aber bekomme ich mit, dass das viele andere Menschen anders handhaben und das macht mich wahlweise traurig/wütend/resigniert.

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  6. von Marco

    Titel *

    "Haben "hochsensible" Menschen mehr zu kämpfen mit ihren Lebensumständen als andere?"

    Diese Frage würden Sie nicht stellen, wenn Sie es selbst in all Ihren Nervenfasern spüren würden. Ein Mehr ist nicht immer erstrebenswert. Es beschert einem wundervolle, höchst eindrückliche Erlebnisse, aber ebenso viele Momente der Erschöpfung, schlaflose Nächte und nicht enden wollende Gedanken.

    Es wäre schön, wenn alle Menschen rücksichtsvoll und achtsam umgehen würden, vielleicht glauben manche sogar es zu tun, aber der tägliche Eintritt in diese Welt zeichnet für mich ein anderes Bild.

    Für mich geht es nicht darum, einen besonderen "Titel" zu tragen, sondern mein Wesen noch besser als "normal" anzunehmen.

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  7. von Susan

    Niedrige Sensiblitätsschwelle

    Der Beitrag ist ja schon etwas älter, aber ich kann aus Erfahrungen sagen, dass psychologisches, pädagogisches Wissen mir keinerlei Hilfe gebracht haben, wenn es um meine Geräuschempfindlichkeit ging.
    Technische Entwicklungen mit ganz anderen Hintergründen, machen mir da das Leben leichter.

    Ich bin auch nicht erst spät darauf gekommen, sondern hatte das von Anfang an, in einer Intensität, dass es mir persönlich unmöglich erscheint, dies nicht zu bemerken. Bei mir stand es auch in jedem pädagogischen Bericht. Mit spät erkannt meint man hier wohl, nun einen konkreten Begriff für einen Erlebenszustand zu haben, was ja nicht ganz unwichtig ist, weil oft erstmal hilfreich, unabhängig von weiteren "Entwicklungen".

    Früher nannte man das niedrige Sensiblitätschwelle, was ich persönlich eigentlich trefflicher finde, aber das ist wohl Geschmackssache.
    In der Literatur findet man da ganz viel, zum Beispiel in der Temperamentsforschung, der Kinder,-und Jugendpsychiatrie.
    Was man darunter so verstand, war in allen Intelligenzbereichen zu finden.

    Ich selbst habe mich auch immer wieder gründlich untersuchen lassen, Ohr , Hirn usw., es wurde nichts gefunden.
    Ideen und Erklärungsmodelle findet man für eine "Subjektiv erlebte HS", so furchtbar viele, dass ich es manchmal hilfreicher finde, sich darauf zu konzentrieren, wann man dies so nicht erlebt.

    Was da an Beratung, Coaching, Selbsthilfegruppen, Foren entstanden ist, spricht mich auch in keinster Weise an, also die Lösungsansätze.
    Wenn man mir meinen " Lärmschutz wegnimmt", ist dies so , als wenn man mir meine Lesebrille wegnimmt.
    Ich brauche keinerlei Zuspruch, dass ich in Ordnung bin, oder wieder irgendwelche Begabungseinordnungen, das ganze " rumgemache" mag ja freundlich gemeint sein, aber ohne Brille sehe ich trotzdem nichts. Und mit Ist das Leben noch schöner, da ich nicht auf lesenwerte Dinge verzichten muss und vorallem mich nicht ständig mit Kopfweh und weiteren Schmerzen rumplage.
    Ich habe es nie als Begabung empfunden, sondern ganz klar als Einschränkung.
    Also Brille und Lärmschutz, lassen mich erst richtig am Leben teilnehmen, Prüfungen bestehen usw.. Ohne bin ich ab einem gewissen Level aufgeschmissen.

    Spannend, welche Entwicklungen es geben wird, wünschenswert wäre, dass man da nicht nur etwas über den Tellerrand schaut, sondern überhaupt die Sache von allen nur denkbaren, sowie undenkbaren Seiten durchforstet.

    Vielleicht gibt es dann ja mal eine Software zum Selbsterleben von verschiedenen "Geräuschwahrnehmungen", für Pädagogen usw. als "HS-Fortbildung".
    Komme beruflich selbst aus dem sozialen Bereich und habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass viele feinfühlige Psychologen, Pädagogen, man könnte auch sagen, sensible Personen, von etwas anderem reden. Also irgendwie schon das Gleiche aber nicht Dasselbe.

    Da darf man sich auf weitere hilfreiche Differenzierungen freuen.

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