29. November 2016 | Tanja Gabriele Baudson

Lieber Begabte oder Benachteiligte fördern?

Sie werden es vielleicht mitbekommen haben: Bund und Länder haben gestern eine gemeinsame Initiative vorgestellt, um leistungsstarke Schüler/innen und solche mit dem Potenzial zu hoher Leistung besser zu fördern, und sie wollen dazu auch Geld in die Hand nehmen: 125 Millionen Euro über 10 Jahre, die zu gleichen Teilen von Bund und Ländern beigesteuert werden. Nach fünf Jahren wird zwischenevaluiert, damit die am besten funktionierenden Programme auch breiter angewandt werden können. Die Initiative ist, wie "unser" Dr. Ingmar Ahl von der Karg-Stiftung sagte, in der Tat ein Meilenstein. Aber die Initiative stößt nicht überall auf Begeisterung.

Während der Deutsche Philologenverband recht angetan ist, dass nun auch einmal die Leistungsstärkeren in den Fokus geraten, ist die GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) weniger begeistert. So sagte die Vorsitzende, Marlis Tepe, in einem Interview mit der WAZ, eine spezielle Förderung Hochbegabter ginge am Problem vorbei. Stattdessen sollten Bund und Länder, wenn sie denn schon zusätzliche Mittel locker machen würden, diese doch besser zur Förderung aller Kinder, insbesondere der besonders benachteiligten, einsetzen.[1]

Dieser Kommentar ist nicht nur ungeschickt formuliert, sondern geht nun seinerseits völlig am Problem vorbei. Denn zum einen werden Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit gleich zu Anfang des Beschlusses als übergeordnetes Ziel der Bildungspolitik (und somit auch dieser Initiative) eingangs explizit benannt:

"Alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sozialem Status so zu fördern, dass für alle Kinder und alle Jugendlichen ein bestmöglicher Lern- und Bildungserfolg gesichert ist – das ist Leitlinie einer auf Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit zielenden Bildungspolitik."

Begabtenförderung ist somit Teil eines gerechten Bildungssystems, das individuellen Lernbedürfnissen entgegenkommt – nicht mehr und nicht weniger. Dass alle Kinder und Jugendlichen (und nicht nur die im durchschnittlichen und unterdurchschnittlichen Bereich) ein Recht auf individuelle Förderung haben, ist in den Schulgesetzen der Länder verankert, und so steht es auch im Beschluss:

"Der Schlüssel [...] ist die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler. Das gilt gleichermaßen für leistungsstarke wie potenziell besonders leistungsfähige Kinder und Jugendliche. Die Potenziale aller Kinder und Jugendlichen müssen möglichst frühzeitig erkannt werden. Alle Kinder und Jugendlichen benötigen geeignete Formen des Lehrens und Lernens sowie auf sie zugeschnittene und sie aktivierende Angebote der Beratung und Begleitung ihres Bildungsganges."

Leistungsstarke sollen also gefördert werden – und das ist auch gut so! Aber eine wichtige Rolle spielt eben auch die Identifikation des Potenzials zu hoher Leistung – denn es ist ja keineswegs so, dass sich hohes Potenzial automatisch in Form hoher Leistung manifestiert. Hier kann eine geeignete Lernumwelt, in der das Aufgabenniveau den Fähigkeiten und Interessen angemessen ist, einiges bewirken. Und dass sich das Niveau unterscheiden muss, ist klar. Schaut man sich die Normalverteilung der Intelligenz an, sieht man recht schnell, dass Hochbegabte (wenn man das verbreitete Kriterium von IQ ≥ 130 anlegt) so weit vom Durchschnitt (IQ = 100) entfernt sind wie der Durchschnitt seinerseits von Schüler/innen mit geistiger Behinderung (IQ < 70). Dass letztere auch mit viel Anstrengung kaum dasselbe leisten können wie die durchschnittlich Begabten, ist intuitiv nachvollziehbar; ebenso, dass ein durchschnittlich begabter Schüler auf einer Schule für Kinder mit geistiger Behinderung hoffnungslos unterfordert wäre. Genau diese Absenkung des intellektuellen Anspruchs erwartet man jedoch augenscheinlich von den Hochbegabten[2] – und wundert sich dann, warum ein begabtes Kind seine PS einfach nicht auf die Straße bringt.[3]

Was an Frau Tepes Kommentar allerdings noch viel ungeschickter ist (und was mich persönlich am meisten daran ärgert), ist, dass sie einen Scheingegensatz eröffnet: hier die Hochbegabten und Hochleister, dort die Benachteiligten – hier das Luxusproblem, dort diejenigen, denen wir helfen müssen. Aber es gibt auch benachteiligte Hochbegabte; und dass es zwischen beiden Gruppen eine nicht unbeträchtliche Schnittmenge gibt, scheint Frau Tepe nicht bedacht zu haben. Hochbegabte gibt es in jeder gesellschaftlichen Gruppe; und gerade bei den durch Migrationshintergrund, niedrigen sozioökonomischen Status, geringe elterliche Bildungsaspirationen etc. benachteiligten Gruppen sind die Chancen, dass hohe Begabung überhaupt erkannt (geschweige denn gefördert) wird, weitaus geringer als bei Akademikerkindern (und in Deutschland ganz besonders). Im Zuge der Inklusion bemühen sich Lehrkräfte, Kinder mit Behinderungen, sozialen und emotionalen Problemen und Lernschwierigkeiten in den "normalen" Unterricht einzubeziehen. Das Fass Hochbegabtenförderung lässt man in Anbetracht der Probleme, die sich dadurch ergeben, dass die Inklusion den durchaus willigen (zumindest unterstelle ich das den meisten Lehrkräften), aber unzureichend vorbereiteten Lehrkräften von oben oktroyiert wurde, lieber erst mal zu – woraus sich in der Praxis wiederum ganz massive Benachteiligungen der Hochbegabten ergeben, für die nun noch weniger Ressourcen übrig bleiben als ohnehin schon.

In diesem Zusammenhang stellt sich generell die Frage, warum Inklusion nur auf einen Teil des Spektrums der menschlichen Vielfalt bezogen wird; denn im Grunde hätte man Hochbegabung doch gleich von Anfang an mit in die Debatte einbeziehen können, als einen Aspekt, hinsichtlich dessen sich Menschen voneinander unterscheiden und der Anpassungen in Lerntempo, Verarbeitungstiefe, verwendeten Methoden etc. erfordert. Die aktuelle Praxis führt somit nur ein weiteres Mal dazu, dass die Hochbegabten als Fremdkörper im System gesehen werden – was zu ihrer Motivation, sich später einmal zum Wohle der Gesellschaft einzubringen, möglicherweise auch nur sehr bedingt beiträgt.

"Es ist kein Luxus, große Begabungen zu fördern; es ist Luxus, und zwar sträflicher Luxus, dies nicht zu tun" – so hatte es seinerzeit Alfred Herrhausen formuliert, und der Satz stimmt damals wie heute. In einer durch Globalisierung und Migration immer heterogeneren Gesellschaft stellt sich die Herausforderung, Potenzial auch dort zu identifizieren, wo man es vielleicht nicht auf den ersten Blick vermutet, auch deshalb, weil es sich möglicherweise in anderer Form zeigt, als man das gemeinhin kennt (unter anderem eben nicht automatisch in Form hoher Leistung). Hochbegabtenidentifikation und -förderung ist also kein Luxusproblem, sondern ein Element von Bildungsgerechtigkeit, die dadurch umgesetzt wird, dass man das Individuum in den Fokus stellt – und seine einzigartigen Bedürfnisse erst einmal wahrnimmt, statt sie gleich als mehr oder weniger gerechtfertigt zu bewerten. Insofern ist die Initiative ein Schritt in die richtige Richtung.

Fußnoten

[1] Der Einstieg ins Thema ist der WAZ leider auch nicht besonders geglückt: "Jetzt sind die Überflieger an der Reihe: [...] 300 Schulen sollen in den nächsten fünf Jahren ausprobieren, wie leistungsstarke Kinder am besten unterstützt werden können. Zum ersten Mal starten Bund und Länder damit ein Programm, das sich ausdrücklich an Einserschüler richtet." Die Autorin unterschlägt nämlich damit, dass es bei der Initiative, wie oben geschrieben, insbesondere auch darum geht, das Potenzial zu hoher Leistung überhaupt erst einmal zu erkennen: Explizites Ziel der Initiative ist es, "die Entwicklungsmöglichkeiten von leistungsstarken und potenziell besonders leistungsfähigen Schülerinnen und Schülern zu optimieren" (Hervorhebung von mir). So bestätigt sie, vermutlich eher aus Unachtsamkeit als mit böser Absicht, leider wieder einmal das Klischee, dass nur diejenigen als hochbegabt gelten, die auch hohe Leistungen erbringen. Den hochbegabten Underachievern erweist sie mit dieser Darstellung einen Bärendienst.

[2] "Ein Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann – das Gegenteil ist schon schwieriger." (Kurt Tucholsky zugeschrieben) Abgesehen davon, dass ich ein Problem damit habe, Menschen als "dumm" zu bezeichnen, bringt das Zitat es ziemlich gut auf den Punkt. Keine Ahnung, wieso mir das gerade in diesem Zusammenhang in den Sinn kam.

[3] Dass am oberen Ende des Leistungsspektrums noch viel Spielraum ist, zeigen auch die aktuellen Ergebnisse der TIMSS 2015, einer der großen internationalen Schulleistungsstudien, in deren Fokus die Mathematik und die Naturwissenschaften stehen. Hier zeigt sich, dass nur 5,3 % der Viertklässler die oberste Kompetenzstufe in Mathematik erreichen, 7,6 % sind es in den Naturwissenschaften. Andere Länder erreichen da auch schon mal zweistellige Prozentwerte.

18 Gedanken zu „Lieber Begabte oder Benachteiligte fördern?

  1. von Wolfgang Kuert

    Der Irrglaube, dass Bildung "gerecht" sein kann

    Lieber Herr Kuert, ich bin mir nicht sicher, inwiefern es urheberrechtlich unbedenklich ist, hier einen ganzen Artikel zu reposten – ich verlinke ihn deshalb lieber mal. Danke für Ihren Beitrag!

    "Der Irrglaube, dass Bildung gerecht sein kann" (2013)

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  2. von E.M. Walter

    Auswahl der Projektschulen

    Wer entscheidet, welche Schulen am Projekt teilnehmen? Nach welchen Kriterien wird gegangen.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Die werden wohl von den Ländern nach Ausschreibung ausgewählt:

      "In den Zuständigkeitsbereich der Länder fallen die Auswahl der Schulen im Anschluss an landesweite Ausschreibungen, die Betreuung der Schulen sowie die landesweite Umsetzung erfolgreicher Maßnahmen."

      Antworten
  3. von Fritz Iv

    2 Anmerkungen

    Die reflexhafte Abwehr des Gedankens, man müsse auch Hochbegabte als Schüler mit Förderbedarf sehen, hat vermutlich zwei Gründe: Zum ersten ist die Gnade der leichten Auffassungsgabe per se ein Privileg und warum soll man Privilegien noch zusätzlich fördern? Zum Zweiten bereitet es kein gutes Gefühl, die "Ungleichheit" zwischen den Kindern noch weiter zu vergrößern. Wenn es möglich wäre, würde man lieber den Verstand von oben nach unten umverteilen - also unten fördern, oben bremsen. Das sind Affekte, die Hochbegabung mit sozialer Stellung korrelieren - und das ist der eigentlich obsolete Gedanke. Es gibt z.B. durchaus Hochbegabte, die umständehalber in Hauptschulen versackten. Mir ist einmal in einem Berufsvorbereitungskurs des Arbeitsamts eine Hauptschülerin begegnet, die offenkundig richtig was auf dem Kasten hatte (im Sinne liquider Intelligenz), mit ihrer Lehre als Floristin ziemlich unterfordert war und sich nun ziemlich schwer tat, für ihr Leben das Geeignete zu finden.
    Die zweite Anmerkung: Von IQ 70 auf IQ 100 aufzusteigen, bedürfte nicht nur +30% an Anstrengung, sondern +43% ;) Der Abstand zwischen IQ 100 und 130 ist eher wie IQ 75 zu 100.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Letzteres wäre so, wenn die IQ-Skala einen echten Nullpunkt hätte ;) (Hat mit den Skalenniveaus zu tun. Auf dem Niveau der IQ-Skala sind Quotienten nicht interpretierbar, Differenzen aber schon.) Ansonsten völlige Zustimmung. Ich finde es krass, dass Kinder und Jugendliche derart durchs Raster fallen; da ist in puncto diagnostische Kompetenzen von Lehrkräften noch einiges an Nacharbeit nötig, insbesondere in der universitären Ausbildung.

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  4. von H_eike W.

    Treffend

    Liebe Frau Baudson,
    wie immer direkt auf den Punkt. Danke für den passenden Kommentar. Auf dass ihn betreffende Stellen hören und verstehen. :)

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Vielen Dank :) Freut mich sehr!

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  5. von Martin Monath

    Liebe Frau Baudson,

    sehr schöner Artikel. Auf diese Art und Weise habe ich die Hochbegabtenförderung (im allgemeinen, ohne Bezug zum momentanen Beschluss von Bund und Ländern) noch nicht gesehen. Eine Frage zu [3] hätte ich (rein interessenshalber): Sie sagen, dass es in anderen Ländern zweistellige Prozentzahlen von Schülern gäbe, die laut TIMSS 2015 die oberste Kompetenzstufe in Mathe bzw. Naturwissenschaften erreichten. Welche Länder sind das unter anderem? Was haben die für Schulsysteme? Was kann man von den Schulsystemen dieser Länder lernen? Ich würde mich über eine Rückmeldung freuen (oder vielleicht haben Sie schon etwas dazu geschrieben und könnten mir einen Link schicken?).

    Viele Grüße,
    Martin Monath

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Hallo Herr Monath, danke für die nette Rückmeldung! In der Presse (z. B. bei der FAZ) war von Schweden (dort erreichen 11,1 % der Schüler/innen die höchste Kompetenzstufe) und Russland (dort sind es 20 %) die Rede. Russland hat gerade im mathematischen Bereich ja eine sehr lange Tradition, ich vermute, damit hängt das zusammen. Ich schaue aber mal, was ich noch so ausfindig machen kann! :)

      – So, hier nun der versprochene Nachtrag: Ganz genau finden Sie es in der Pressemappe zur TIMSS 2015 (PDF) auf Seite 15 (Mathematik) und Seite 23 (Naturwissenschaften). Ganz vorne liegt Singapur – in Mathe erreicht über die Hälfte der SuS die höchste Kompetenzstufe, in den Naturwissenschaften über 36 %.

      Antworten
  6. von John R.

    Pareto-Optimum

    Es sollten natürlich alle gefördert werden. Man muss sich allerdings auch fragen, wer später wahrscheinlicher ein unangenehmes Leben führen wird aufgrund von zu wenig individueller Förderung, überdurchschnittlich Begabte oder unterdurchschnittlich Begabte. Ich kann jetzt keine konkreten Forschungsergebnisse anführen, gehe aber stark davon aus, dass unterdurchschnittlich Begabte eher unter mangelnder individueller Förderung leiden (würden). Da ich (und ein Großteil der Gesellschaft denke ich auch) nicht möchte, dass Menschen ein unangenehmes Leben führen (müssen), würde ich es begrüßen, wenn begrenzte Fördergelder möglichst effizient eingesetzt werden, um Leid von Menschen fernzuhalten.

    Es wäre natürlich nicht gut, alles Geld der Förderung der unterdurchschnittlich Begabten zuzuführen. Denn diese profitieren ja auch davon, wenn überdurchschnittlich Begabte gefördert werden. Es muss also eine Lösung gefunden werden, die irgendwo zwischen "die überdurchschnittlich Begabten bekommen alles" und "die unterdurchschnittlich Begabten bekommen alles" liegt. Eine faire Lösung liegt im Pareto-Optimum (erweitert um das Differenzprinzip).

    Wenn man sich über diese Grundlage erstmal geeinigt hat, kann man sich an die unendliche Aufgabe machen, das Optimum zu finden.

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Ich bin mir nicht so sicher, ob sich der Grad der "Unangenehmheit" in Abhängigkeit von der Intelligenz unterscheidet. Eher würde ich vermuten, dass unausgelebtes Potenzial generell unglücklicher macht, unabhängig vom Grad der Begabung. Sinnvoller, als um die Verteilung des Kuchens Bildungssystem zu streiten, wäre es m.E., vielleicht noch ein paar Kuchen mehr zu backen und das Geld anderweitig einzusparen.

      Antworten
  7. von Andrea Pusch

    Frau

    Liebe Frau Baudson,

    vielen Dank für diesen Kommentar zur aktuellen Bildungspolitik.

    Für uns als Familie ist dieser Meilenstein ein Licht am Ende des Tunnels.
    Leider ist dieser Tunnel sehr lang und meine Kinder werden diesen Tunnel nicht verlassen können, da im Zeitraum von 5 bis 10 Jahren gedacht wird. Wir haben also einen sehr steinigen Weg vor uns, der oft Grenzen des Ertragbaren und Zumutbaren überschreitet.

    Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit sollten nicht über externe psychologische Gutachten und ggf. gute Anwälte erreichbar sein.

    Wirklich gute Tunnelbauer legen in überlebenswichtigen Abständen auch während der Bauphase Notausgänge an, damit Verschüttete nicht angesichts des rettenden Ausgangs ersticken müssen .

    Optimistisch möchte ich nun von einem guten Bauplan für das neue Projekt ausgehen.

    "Alle Kinder haben Stärken, auch wenn sie die noch nicht gezeigt haben oder sich ihrer noch nicht bewusst sind."

    Reicht allein das Bewusstsein der Kinder?

    Optimistisch glaube ich daran, dass hier alle Kinder gemeint sind:
    Akademikerkinder mit und ohne Migrationshintergrund, ebenso wie Kinder mit einer bereits erfolgten IQ Testung im Hochbegabtenbereich durch einen anerkannten Psychologen.

    Ich hatte mal Zahlen bzgl. der Trefferquote der Erkennung von Hochbegabung durch Pädagogen gefunden, soweit ich mich erinnere wurden auf diesem Weg nur 10% überhaupt erkannt. Kennen Sie dazu neue Studien? Leider finde ich den Artikel nicht mehr und kann ihn daher nicht als Quelle benennen.
    Wäre es angesichts solcher Zahlen nicht sinnvoll bei jedem Kind den IQ zu bestimmen, um wirklich Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit zu erhalten? Gibt es Länder, die dies bereits so handhaben?
    Oder sollen Hochbegabte Kinder ewig davon abhängig sein, dass Sie den Lehrer treffen, der sie als potentiel hochbegabt einschätzt.

    Leider mussten und müssen wir uns immernoch durch viele Baustellen des Deutschen Bildungssystems kämpfen.
    Nach unseren überaus schlechten persönlichen Erfahrungen ist auch eine Privatschule nicht immer die beste Option. Internate sind laut TV nur für Klugscheißer gedacht.
    Unglückliche Kinder sind noch die milde Variante, wir hatten und haben immer noch mit psychosomatische Beschwerden zu kämpfen, die immer dann auftreten, wenn die Kinder auf Lehrer treffen, die mit ihnen nichts anfangen können.
    Dies bleibt bei der ganzen Diskussion ein Tabu, die betroffenen Kinder haben dann nur die Wahl zwischen still leiden oder nach endlosen sinnlosen Gesprächen einen Schulwechsel anzustreben (eine Variante, die sich auch sehr negativ auf das Selbstbewusstsein auswirken kann: Es bedarf einer großen emotionalen Reife, um dies auszuhalten). Wurde der Schulwechsel gewählt, wird auch dieser Weg sehr erschwert und scheint oft nur mit einem Anwalt einklagbar: Ein weiteres Tabu.
    In unserem Bundesland gibt es noch sehr viel zu tun, viel Raum für Entwicklung.
    Bisher bleibt uns oft nur die private außerschulische Förderung und das Ankämpfen dagegen, dass die Kinder den Glauben daran, dass eine Hochbegabung ein Geschenk ist, nicht verlieren!
    Dies ist/war eine besondere Aufgabe, wenn auch noch Mobbing der Fall war/ist.

    Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit werden wohl auch in den nächsten 5 Jahren in Deutschland Wunschdenken bleiben und die Produktion hochbegabter Underachiever geht solange weiter

    Mir wurde bei einer Beratung gesagt, dass 20% der Lehrerschaft mit dem Thema Hochbegabung nichts anfangen wollen, also sensibilisierungsresistent sind. Das sind also 1-2 Lehrer des Kollegiums eines Schülers! 60 % der Lehrer könnte man positiv für das Thema Hochbegabung gewinnen (Anmerkung: Gelingt nur, wenn man als Eltern schnell genug die 20% der Unsensiblen identifiziert und bloß nicht anspricht, sonst versuchen diese ihrerseits die 60% für sich zu gewinnen und dies kann für das Kind sehr fatal sein, da können dann auch die restlichen 20% der wissenden Lehrer nichts mehr ausrichten.)

    Kommt nach der Option Kämpfen die Option Auswandern?!

    Spätestens dann, wenn die Kinder von dieser Gesellschaft so enttäuscht sind, dass Sie im Ausland studieren wollen?
    Dies bedeutet nicht, dass ich ein Auslandsstudium nicht positiv sehen würde.
    Nur ist die Motivation für ein solches Studium wichtig: Ist Enttäuschung der Motor, dann wird Deutschland sicher nicht der erste Arbeitsmarkt werden.

    Kann sich die Wirtschaft dieses Landes eine solche 5/10 Jahres Lücke leisten?

    Wir hoffen auf Notausgänge in dieser Planung.

    In diesem Sinne
    mit freundlichen Grüßen
    A. Pusch

    Antworten
    1. von Tanja Gabriele Baudson, Artikelautor(in)

      Hallo Frau Pusch, an neuen Ergebnissen zur Trefferquote arbeite ich aktuell ;) – ich hoffe, dazu in ein paar Monaten mehr berichten zu können.
      Was die IQ-Testung angeht, würde ich mir flächendeckendere Tests auch wünschen – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass Lehrkräfte darauf vorbereitet werden, mit solchen Testergebnissen umzugehen (insbesondere dann, wenn das Testergebnis von der eigenen Wahrnehmung abweicht!) und überdies klar ist, wie es nach dem Ergebnis weitergeht. Wenn es gelänge, zu vermitteln, dass jede Information zu einem Kind ein Stück der "Wahrheit" enthält und andere Ansichten nicht widerlegt, sondern ergänzt, und auch, wenn anschließende Beratungs- und Förderangebote bereit stünden, wäre sehr viel gewonnen.
      Standardisierte Tests (die mit Intelligenz zumindest zusammenhängen – manche Forscher gehen sogar so weit zu sagen, sie messen de facto die allgemeine Intelligenz) haben ja in den USA eine sehr lange Tradition; ich verlinke ansonsten mal auf die Wikipedia, die einen ersten Einblick dazu vermittelt.
      das Ankämpfen dagegen, dass die Kinder den Glauben daran, dass eine Hochbegabung ein Geschenk ist, nicht verlieren! – das fand ich so wunderbar formuliert, dass ich es einfach noch mal zitieren musste. Und Eltern, die trotz aller Widerstände nicht resignieren, sind mindestens ein genauso großes Geschenk. Ich halte Ihnen auf jeden Fall den Daumen, dass Ihre Kinder (und Sie) die Durststrecke gut überstehen und die Notausgänge finden :)

      Antworten
  8. von Chris

    keine Fokussierung auf zukünftige Genies

    Ich schliesse mich John R. am 30.11.2016 17:43 an. Es darf keine Förderung von ohnehin begabten geben, die dazu führt, dass die breiter vorhandene Dummheit dadurch verächtlich ignoriert wird und so vernachlässigt wird.
    Begabte Menschen mögen anderweitig "gefördert" werden, anstatt durch Bemühungen und Aufmerksamkeit in der Pflichtschulzeit. Auch Begabte müssen vor allem anderen erstmal schreiben lernen und lernen mit Mitmenschen umzugehen.
    So manch hochbegabtes Kind wird nämlich früher oder später ganz andere Probleme bekommen, als das Durchschnittskind. Nämlich den optimalen sozialen Umgang, der erwartbar ein Problem sein wird, weil intelligente Menschen leider mit der Dummheit anderer Menschen verständlicherweise nicht umgehen können. Wenn einem als Intelligenz-gesegneter jede Aussage eines Durchschnittsbegabten vorkommt, als erzählten diese faktenfreie Geschichtchen, distanziert man sich immer mehr. Darauf sollten Intelligente Menschen vorbereitet werden, anstatt deren Intelligenz auch noch zu fördern, obwohl sie von allein hinreichend ist.
    Dazu gilt als Beweis, dass es nützlich ist, in Gesellschaft reibungslos existieren zu können, die Erkenntnis, das nicht Menschen mit hohem Intelligenzquotient die Nobelpreise gewinnen, sondern Menschen, die wegen ihrer sozialen Integriertheit mit ihrer weniger hohen Intelligenz, aber dafür hinreichend Sozialkompetenz, in einem Team viel mehr erreichen, als es ihr IQ erwarten liesse (Überleister).
    Wird man also zukünftig intelligente Menschen mit produktiver Sozialkompetenz ausstatten können, wird es zukünftig auch anders bei den Nobelpreisträgern aussehen.

    Das alles muß nicht heissen, dass man dabei individuelles Potential verschenkt.

    Antworten
  9. von Chris

    keine Fokussierung auf zukünftige Genies

    Ansonsten ist eine Summe von 125 Millionen Euro auf 10 Jahre verteilt nun kein Aufreger wert, wenn damit eben nicht die falschen Signale gesendet werden und es zu einer vollständigen Umausrichtung in der Förderperspektive kommt.

    Antworten
  10. von Antje

    A

    Hochbegabte sind ebenfalls benachteiligt. Denn nicht jeder oder jede Hochbegabte sind die leistungsstarken SchülerInnen. Oft wird die Begabung nicht erkannt und mangels Förderung verkümmert das Potential dieser Kinder. Das jetzige Schulsystem und dessen Lernstrategien werden denen mit einem IQ von 133 mit Potential nach oben nicht gerecht ( es gibt auch andere Methoden wie Kinder sich Wissen erarbeiten) und die schlechten Noten, die oftmals folgen und die Missachtung und das Mobbing zerstören ihren Lebensmut. Auch ihre Chancen für den beruflichen Erfolg. Sie sind ein Samenkorn, aus dem ein großer Baum wachsen könnte... aber der Boden und die Witterung lassen es nicht zu.
    Ich möchte hier einen kleinen privaten Einblick geben, damit die Menschen, die glauben Hochbegabte seien die Überflieger, denen die Welt zu Füßen liege und sie von vornherein die gesellschaftlichen Gewinner seien; zeigen, dass diese Kinder ebenso leiden, wie Kinder die ausgegrenzt werden, weil ihnen das Lernen des Unterichtsstoffes aus anderen Gründen schwer fällt.
    Bei meinem ersten Sohn hatten wir nicht die finanziellen Mittel um ihn wenigsten außerschulisch im "Institut für das begabte Kind" fördern zu lassen. Er besuchte die Hauptschule, erreichte dann den Realschulabschluss... kann programmieren aber steht beruflich im Niemandsland.
    Für meinen zweiten Sohn habe ich momentan noch die finanziellen Mittel und er geht seit letzten Sommer ins Institut. Er ist nun wieder selbstbewusster und glücklicher.
    In der Grundschule wurde er von Mitschülern oft getreten und geschlagen "weil sich die anderen Schüler ihm sprachlich unterlegen fühlten..." (Rechtfertigung einer Betreuerin). Er weinte fast täglich und hatte Angst in die Schule zu gehen. Und von Lehrerseite? Zu Beginn fanden sie seine Ideen und seine Sprachgewandtheit faszinierend, aber im Alltag wurde es für sie zu anstrengend. (oft redet er schneller als man zuhören kann) Sie mussten sich ja auch ebenfalls um die anderen Kinder mit Lernbehinderungen kümmern. Und dafür waren sie auch bestens ausgebildet. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie schon 19 Jahre Erfahrung im Inklusionsunterricht.
    Und Hochbegabte sind nicht zwangsläufig arrogant und abwertend gegenüber den Äußerungen und Gefühlen der "nur durchschnittlichen Masse". Nicht die "hohe Intelligenz" allein formt den Menschen. Nein, es ist der Kontext in dem das Kind aufwächst. Ich habe 6 Kinder und jedes ist anders, und egal ob hoher oder niedriger IQ, sie sind sozial aufgeschlossen und mitfühlend, auch nach schlechten Erfahrungen.
    Ich begrüße das Engagement für die Förderung der Hochbegabten. Sie haben es ebenfalls verdient, beachtet zu werden und die nötige Hilfe zu erhalten um ihr Potential zu entfalten. Das verstehe ich unter Gleichberechtigung.
    Und der falscheste Ansatz ist es; eine Mauer zu errichten, zwischen "Unterbegabten" und "Hochbegabten". Ein "Gegeneinander Ausspielen" schadet allen. Sie sollen nicht zu Gegnern ALlgemacht werden. Jeder kann sich an der Gesellschaft beteiligen. Der eine baut Brücken, ein anderer pflegt den Park, einer pflückt Äpfel und erschafft die schönsten Bilder und es gibt den Architekten und den Polizisten..... Und auch den Erfinder...
    ALLE sollen wachsen können.

    Antworten
  11. von H_eike W.

    Antwort auf Chris "Keine Fokussierung auf zukünftige Genies"

    Liebe/r Chris,
    Glückwunsch. Sie bringen in Ihrer Antwort gleich die wichtigsten Mythen und Denkfehlern zum Thema Hochbegabung wunderbar zum Ausdruck. Das beginnt schon bei dem Begriff "Genie". In Kombination mit Wörtchen zukünftig unterstellen Sie quasi, dass aus allen Hochbegabten einmal Menschen werden, die auf einem oder mehreren Gebieten glänzen werden und zu dem der Rest dann ehrfürchtig aufschauen darf (Neidfaktor gleich inbegriffen). Doch so einfach ist das nicht. Denn Hochbegabung ist in erster Linie ein Potenzial, das nicht jeder automatisch und ohne Hilfe so entfalten kann, dass aus ihm das besagte Genie wird. Denn zum Genie gehört auch die entsprechende exzellente Leistung. Diese kann nur derjenige Hochbegabte entfalten, der entsprechend motiviert und ehrgeizig ist und zudem das Glück hat, ein optimales Maß an Förderung zu erhalten. Und genau da ist der Widerspruch. Hochbegabte werden oftmals nicht ausreichend gut gefördert. Denn oftmals kommen nur diejenigen weiter, die ein förderliches soziales Umfeld haben. Vieles liegt da am Elternhaus.Doch wie Frau Baudson schon angesprochen hat, Hochbegabung kommt in allen sozialen Schichten vor, also auch Kinder von Familien aus dem Bereich sozialer Brennpunkte. Die Bildungsforschung zeigt, in Deutschland hängen Bildungschancen noch stark vom sozio-ökonomischen Status der Eltern ab und genau da will die Bildungsinitiative ansetzen. Es mag gewiss auch nicht darum gehen, aus jedem hochbegabten Kind ein Genie zu machen, sondern es geht vielmehr darum, dass sie zumindest theoretisch die Chance haben ihr Potenzial zu entfalten.
    Man kann nur hoffen, dass es ein Stück weit gelingt. Was das Vorurteil angeht, dass Hochbegabte oft einen Mangel an Sozialkompetenz aufweisen, dazu seien Ihnen die Ergebnisse einer Studie von Frau Baudson ans Herz gelegt. Ich denke, da werden Sie in den Artikeln hier auch fündig.

    Antworten
  12. von Schulwahl Fan

    Die richtige Schule finden

    Ich denke es ist einfach wichtig, dass diese voneinander unterschiedlich gefördert werden. Daher ist die passende Schulwahl wichtig. Die einen dürfen die andere nicht ausbremsen oder abhängen. Sowas muss individuell geschehen.

    Antworten

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