29. November 2016 | Tanja Gabriele Baudson

Lieber Begabte oder Benachteiligte fördern?

Sie werden es vielleicht mitbekommen haben: Bund und Länder haben gestern eine gemeinsame Initiative vorgestellt, um leistungsstarke Schüler/innen und solche mit dem Potenzial zu hoher Leistung besser zu fördern, und sie wollen dazu auch Geld in die Hand nehmen: 125 Millionen Euro über 10 Jahre, die zu gleichen Teilen von Bund und Ländern beigesteuert werden. Nach fünf Jahren wird zwischenevaluiert, damit die am besten funktionierenden Programme auch breiter angewandt werden können. Die Initiative ist, wie "unser" Dr. Ingmar Ahl von der Karg-Stiftung sagte, in der Tat ein Meilenstein. Aber die Initiative stößt nicht überall auf Begeisterung.

Während der Deutsche Philologenverband recht angetan ist, dass nun auch einmal die Leistungsstärkeren in den Fokus geraten, ist die GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) weniger begeistert. So sagte die Vorsitzende, Marlis Tepe, in einem Interview mit der WAZ, eine spezielle Förderung Hochbegabter ginge am Problem vorbei. Stattdessen sollten Bund und Länder, wenn sie denn schon zusätzliche Mittel locker machen würden, diese doch besser zur Förderung aller Kinder, insbesondere der besonders benachteiligten, einsetzen.[1]

Dieser Kommentar ist nicht nur ungeschickt formuliert, sondern geht nun seinerseits völlig am Problem vorbei. Denn zum einen werden Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit gleich zu Anfang des Beschlusses als übergeordnetes Ziel der Bildungspolitik (und somit auch dieser Initiative) eingangs explizit benannt:

"Alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sozialem Status so zu fördern, dass für alle Kinder und alle Jugendlichen ein bestmöglicher Lern- und Bildungserfolg gesichert ist – das ist Leitlinie einer auf Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit zielenden Bildungspolitik."

Begabtenförderung ist somit Teil eines gerechten Bildungssystems, das individuellen Lernbedürfnissen entgegenkommt – nicht mehr und nicht weniger. Dass alle Kinder und Jugendlichen (und nicht nur die im durchschnittlichen und unterdurchschnittlichen Bereich) ein Recht auf individuelle Förderung haben, ist in den Schulgesetzen der Länder verankert, und so steht es auch im Beschluss:

"Der Schlüssel [...] ist die individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler. Das gilt gleichermaßen für leistungsstarke wie potenziell besonders leistungsfähige Kinder und Jugendliche. Die Potenziale aller Kinder und Jugendlichen müssen möglichst frühzeitig erkannt werden. Alle Kinder und Jugendlichen benötigen geeignete Formen des Lehrens und Lernens sowie auf sie zugeschnittene und sie aktivierende Angebote der Beratung und Begleitung ihres Bildungsganges."

Leistungsstarke sollen also gefördert werden – und das ist auch gut so! Aber eine wichtige Rolle spielt eben auch die Identifikation des Potenzials zu hoher Leistung – denn es ist ja keineswegs so, dass sich hohes Potenzial automatisch in Form hoher Leistung manifestiert. Hier kann eine geeignete Lernumwelt, in der das Aufgabenniveau den Fähigkeiten und Interessen angemessen ist, einiges bewirken. Und dass sich das Niveau unterscheiden muss, ist klar. Schaut man sich die Normalverteilung der Intelligenz an, sieht man recht schnell, dass Hochbegabte (wenn man das verbreitete Kriterium von IQ ≥ 130 anlegt) so weit vom Durchschnitt (IQ = 100) entfernt sind wie der Durchschnitt seinerseits von Schüler/innen mit geistiger Behinderung (IQ < 70). Dass letztere auch mit viel Anstrengung kaum dasselbe leisten können wie die durchschnittlich Begabten, ist intuitiv nachvollziehbar; ebenso, dass ein durchschnittlich begabter Schüler auf einer Schule für Kinder mit geistiger Behinderung hoffnungslos unterfordert wäre. Genau diese Absenkung des intellektuellen Anspruchs erwartet man jedoch augenscheinlich von den Hochbegabten[2] – und wundert sich dann, warum ein begabtes Kind seine PS einfach nicht auf die Straße bringt.[3]

Was an Frau Tepes Kommentar allerdings noch viel ungeschickter ist (und was mich persönlich am meisten daran ärgert), ist, dass sie einen Scheingegensatz eröffnet: hier die Hochbegabten und Hochleister, dort die Benachteiligten – hier das Luxusproblem, dort diejenigen, denen wir helfen müssen. Aber es gibt auch benachteiligte Hochbegabte; und dass es zwischen beiden Gruppen eine nicht unbeträchtliche Schnittmenge gibt, scheint Frau Tepe nicht bedacht zu haben. Hochbegabte gibt es in jeder gesellschaftlichen Gruppe; und gerade bei den durch Migrationshintergrund, niedrigen sozioökonomischen Status, geringe elterliche Bildungsaspirationen etc. benachteiligten Gruppen sind die Chancen, dass hohe Begabung überhaupt erkannt (geschweige denn gefördert) wird, weitaus geringer als bei Akademikerkindern (und in Deutschland ganz besonders). Im Zuge der Inklusion bemühen sich Lehrkräfte, Kinder mit Behinderungen, sozialen und emotionalen Problemen und Lernschwierigkeiten in den "normalen" Unterricht einzubeziehen. Das Fass Hochbegabtenförderung lässt man in Anbetracht der Probleme, die sich dadurch ergeben, dass die Inklusion den durchaus willigen (zumindest unterstelle ich das den meisten Lehrkräften), aber unzureichend vorbereiteten Lehrkräften von oben oktroyiert wurde, lieber erst mal zu – woraus sich in der Praxis wiederum ganz massive Benachteiligungen der Hochbegabten ergeben, für die nun noch weniger Ressourcen übrig bleiben als ohnehin schon.

In diesem Zusammenhang stellt sich generell die Frage, warum Inklusion nur auf einen Teil des Spektrums der menschlichen Vielfalt bezogen wird; denn im Grunde hätte man Hochbegabung doch gleich von Anfang an mit in die Debatte einbeziehen können, als einen Aspekt, hinsichtlich dessen sich Menschen voneinander unterscheiden und der Anpassungen in Lerntempo, Verarbeitungstiefe, verwendeten Methoden etc. erfordert. Die aktuelle Praxis führt somit nur ein weiteres Mal dazu, dass die Hochbegabten als Fremdkörper im System gesehen werden – was zu ihrer Motivation, sich später einmal zum Wohle der Gesellschaft einzubringen, möglicherweise auch nur sehr bedingt beiträgt.

"Es ist kein Luxus, große Begabungen zu fördern; es ist Luxus, und zwar sträflicher Luxus, dies nicht zu tun" – so hatte es seinerzeit Alfred Herrhausen formuliert, und der Satz stimmt damals wie heute. In einer durch Globalisierung und Migration immer heterogeneren Gesellschaft stellt sich die Herausforderung, Potenzial auch dort zu identifizieren, wo man es vielleicht nicht auf den ersten Blick vermutet, auch deshalb, weil es sich möglicherweise in anderer Form zeigt, als man das gemeinhin kennt (unter anderem eben nicht automatisch in Form hoher Leistung). Hochbegabtenidentifikation und -förderung ist also kein Luxusproblem, sondern ein Element von Bildungsgerechtigkeit, die dadurch umgesetzt wird, dass man das Individuum in den Fokus stellt – und seine einzigartigen Bedürfnisse erst einmal wahrnimmt, statt sie gleich als mehr oder weniger gerechtfertigt zu bewerten. Insofern ist die Initiative ein Schritt in die richtige Richtung.

Fußnoten

[1] Der Einstieg ins Thema ist der WAZ leider auch nicht besonders geglückt: "Jetzt sind die Überflieger an der Reihe: [...] 300 Schulen sollen in den nächsten fünf Jahren ausprobieren, wie leistungsstarke Kinder am besten unterstützt werden können. Zum ersten Mal starten Bund und Länder damit ein Programm, das sich ausdrücklich an Einserschüler richtet." Die Autorin unterschlägt nämlich damit, dass es bei der Initiative, wie oben geschrieben, insbesondere auch darum geht, das Potenzial zu hoher Leistung überhaupt erst einmal zu erkennen: Explizites Ziel der Initiative ist es, "die Entwicklungsmöglichkeiten von leistungsstarken und potenziell besonders leistungsfähigen Schülerinnen und Schülern zu optimieren" (Hervorhebung von mir). So bestätigt sie, vermutlich eher aus Unachtsamkeit als mit böser Absicht, leider wieder einmal das Klischee, dass nur diejenigen als hochbegabt gelten, die auch hohe Leistungen erbringen. Den hochbegabten Underachievern erweist sie mit dieser Darstellung einen Bärendienst.

[2] "Ein Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann – das Gegenteil ist schon schwieriger." (Kurt Tucholsky zugeschrieben) Abgesehen davon, dass ich ein Problem damit habe, Menschen als "dumm" zu bezeichnen, bringt das Zitat es ziemlich gut auf den Punkt. Keine Ahnung, wieso mir das gerade in diesem Zusammenhang in den Sinn kam.

[3] Dass am oberen Ende des Leistungsspektrums noch viel Spielraum ist, zeigen auch die aktuellen Ergebnisse der TIMSS 2015, einer der großen internationalen Schulleistungsstudien, in deren Fokus die Mathematik und die Naturwissenschaften stehen. Hier zeigt sich, dass nur 5,3 % der Viertklässler die oberste Kompetenzstufe in Mathematik erreichen, 7,6 % sind es in den Naturwissenschaften. Andere Länder erreichen da auch schon mal zweistellige Prozentwerte.