13. September 2015 | Tanja Gabriele Baudson

Pussys Privilegien

Er sei ein armer Student, so schrieb er bei Twitter. Die FlĂŒchtlinge bekĂ€men alles auf dem Silbertablettchen serviert – er wolle von dem Kuchen auch etwas abhaben. Eine derart vereinfachende Äußerung von jemandem, von dem ich aufgrund seiner Bildung doch etwas mehr an ReflexionsfĂ€higkeit erwarten wĂŒrde, machte mich doch neugierig darauf, was im Kopf dieses Menschen vorgeht.

Diesem jungen Mann ist anscheinend nicht klar, unter welch unerhört privilegierten Bedingungen lebt: Er genießt eine hervorragende Ausbildung, die ihm vom Staat nahezu umsonst zur VerfĂŒgung gestellt wird (gemessen an den tatsĂ€chlichen Kosten sind die SemesterbeitrĂ€ge eher symbolisch), er lebt in einem Land mit hervorragender Infrastruktur, vielfĂ€ltigsten kulturellen Angeboten, einem funktionierenden politischen System, sicheren VerhĂ€ltnissen und ohne jemals um sein Leben fĂŒrchten zu mĂŒssen. FĂŒr all das hat er nichts getan. Diese VerhĂ€ltnisse sind ihm als Geschenk per Geburt in den Schoß gefallen.

Und trotzdem beklagte sich der junge Mann, der bei Twitter unter dem Pseudonym pussy2111 unterwegs war. Er wolle auch was vom Kuchen. Ich wies ihn darauf hin, wenn er ein armer Student sei, habe er die Möglichkeit, BAFöG zu beantragen; das sei die Option, die der Staat seinen Studierenden zur VerfĂŒgung stelle, um ihre Ausbildung auch dann zu finanzieren, wenn beispielsweise die Eltern sich dies nicht leisten könnten. Seine Antwort ĂŒberraschte mich: Er bekĂ€me kein BAFöG, und zwar deshalb, weil sowohl seine Eltern als auch er zu viel verdienten.

Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber irgendwie passt das nicht zu meiner Definition von "armer Student". Er arbeite aber auch hart dafĂŒr – 30 Stunden an jedem Wochenende. Spaß mache ihm das nicht. Warum er sich das denn ĂŒberhaupt antue, fragte ich. Er wolle nicht mit 70 noch malochen und außerdem Geld fĂŒr Urlaub und Spaß haben, so seine Antwort.

Ich verstehe es nicht: Hier ist ein junger Mann, der alle Möglichkeiten hat, sein Potenzial zu entfalten. Er studiert, ohne sich dafĂŒr verschulden zu mĂŒssen (wie das in LĂ€ndern mit teilweise astronomischen StudiengebĂŒhren der Fall ist); seine Eltern verfĂŒgen ĂŒber ausreichend Geld; er selbst hat augenscheinlich sogar einen Job, der ihm einen gewissen Luxus ermöglicht. Und das alles wie gesagt in einem Umfeld von Frieden und Sicherheit. Dass er doch eigentlich ganz schön privilegiert ist, kommt ihm aber nicht in den Sinn – stattdessen glaubt er sogar noch, ein Anrecht auf noch mehr zu haben. Die Haltung dahinter scheint zu sein: „Ich möchte Urlaub und Spaß und soll auch noch dafĂŒr arbeiten?“

Generation entitlement – Generation Anspruchsberechtigung?

Mir scheint, als sei hier einiges an leistungsbezogenen Wertvorstellungen in Schieflage geraten. Es ist richtig: Wer arbeitet, darf stolz auf die FrĂŒchte seines Fleißes sein. Aber Geschenke zu erwarten, weil andere (die nicht so viel GlĂŒck hatten wie er, auch welche bekommen), das ist das Verhalten eines unreifen Kindes. Die Idee hinter der GewĂ€hrung von Sozialleistungen ist: Die Starken helfen den Schwachen. Jemand, der fĂŒr sich selbst sorgen kann, sollte glĂŒcklich sein, dass er derartige Hilfe nicht nötig hat.

Übrigens: Als ich mir die Diskussion am nĂ€chsten Tag noch einmal anschauen wollte, fand Twitter die Seite nicht mehr. Pussy hatte seinen Account gelöscht. Weil er die Implikationen dessen erkannt hatte, was er da geschrieben hatte? Es wĂŒrde mich freuen.

P.S.: Falls Sie es noch nicht mitbekommen haben: #bloggerfuerfluechtlinge sammelt immer noch, und inzwischen auch nicht mehr nur fĂŒr Moabit. Wenn Sie auch spenden wollen: Auf der Website von blogger-fuer-fluechtlinge steht, wie das geht. Vielen Dank fĂŒr Ihre Hilfe.