9. November 2015 | Götz Müller

Schulische Förderung von Hochbegabten

In der schulischen Förderung von hochbegabten Schülern wird zwischen Maßnahmen der Beschleunigung des Lernstoffs (Akzeleration) und Anreicherung des Lernstoffs (Enrichment) unterschieden. Hierbei fokussieren beide zunächst auf dem Prinzip der erhöhten Lerngeschwindigkeit von Hochbegabten und orientieren sich am Konzept der Hochbegabung als hohe Intelligenz in Folge von erhöhter Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit.

Unter dem Begriff der Akzeleration (Beschleunigung) lassen sich alle Konzepte zusammenfassen, die zu einem schnelleren Durchlaufen der Schule führen. Klassische Akzelerationskonzepte sind die vorzeitige Einschulung und das Überspringen von Klassen. Einige Varianten dieses Förderprinzips sind diese:

  • Vorzeitige Einschulung

Der Beginn der Schulpflicht mit dem vollendeten 6.Lebensjahr setzt einen künstlichen Schnitt in die interindividuell unterschiedlich verlaufenden Entwicklungsverläufe von Kindern und sorgt für altershomogene Lerngruppen. Mit der Maßnahme der vorzeitigen Einschulung wird versucht, in Einzelfällen offensichtlichen Diskrepanzen zwischen Alter und kognitiver Entwicklungsstufe Rechnung zu tragen.

  • Springen bzw. Überspringen von Klassen

Rechts- und Verwaltungsvorschriften erlauben das Überspringen von Klassen in allen Bundesländern. Üblicherweise darf ein Kind zweimal in seiner Schullaufbahn überspringen, einmal in seiner Grundschulzeit und einmal im Gymnasium. Allerdings kommt auch ein drei- oder gar viermaliges Überspringen vor. Der Entscheidung zum Überspringen werden körperliche, seelische und soziale Reife vorausgesetzt.

Ängste gegenüber dem Überspringen bestehen überwiegend in der Ungewissheit hinsichtlich der sozialen und emotionalen Reife des Kindes. Wie wird es in der neuen Klasse integriert? Ein weiterer Kritikpunkt besteht in der Kurzfristigkeit dieser Lösung, denn der Effekt der Unterforderung kann sich schnell in der neuen Klasse erneut einstellen.

  • Pull-Out-Programme

Im weiteren Sinne lässt sich der Teil-Unterricht in höheren Klassen (Pull-Out-Programme) als eine Maßnahme der Akzeleration bezeichnen. Solche Pull-Out-Programme sehen vor, dass besonders begabte Schüler zum größten Teil in heterogenen Klassen unterrichtet werden. In Fächern jedoch, in denen sich ihre Begabungen manifestieren, werden sie aus ihren Klassen herausgezogen und dem Unterricht höherer Klassen zugeteilt, sofern dies organisatorisch zu verwirklichen ist. Je nach lokalen und individuellen Möglichkeiten kann ein Besuch von Universitätsvorlesungen realisiert werden.

  • D-Zug-Klassen oder Projekt-Klassen

Bei diesen Maßnahmen wird derselbe Stoff innerhalb eines kürzeren Zeitraums durchgenommen.

Unter Enrichment ist eine Bereicherung oder Vertiefung des Unterrichtsstoffes. Enrichment-Programme umfassen Lerninhalte, die Themen oder Fächer des Lehrplanes vertiefen oder verbreitern (sogenanntes vertikales Enrichment) oder im normalen Unterrichtsprogramm nicht vorgesehen sind (sogenanntes horizontales Enrichment). Somit dient Enrichment als Ergänzung des Unterrichtsangebotes über Möglichkeiten, den normalen Unterricht auszuweiten und zu vertiefen. Bei Maßnahmen des Enrichments kann es sich handeln um:

  • Innere Differenzierung

Hierbei handelt es sich um Fördermaßnahmen für Hochbegabte, die innerhalb des Klassenverbandes stattfinden. Eine Möglichkeit der inneren Differenzierung ist die Individualisierung, bei der das Arbeits- und Lernniveau an das Begabungsniveau jedes Schülers angepasst wird. Dies bedeutet, dass eine genaue Beurteilung des Schülers erfolgen muss, an deren Befund das Anforderungsniveau angeglichen wird. Es kann sich hierbei um ein Vorgehen handeln, bei dem zwar alle Schüler denselben Inhalt lernen, sich aber Art und Weise des Erlernens voneinander unterscheiden. Ebenso kann aber eine Vertiefung im Sinne zusätzlicher Inhalte praktiziert werden, die losgelöst vom individuellen Stil des Erlernens ist, sich aber am Interesse des Schülers orientiert.

  • Äußere Differenzierung

Bei Maßnahmen, die unter diese Rubrik fallen, werden für hoch begabte Schüler außerhalb des Klassenverbandes Förderprogramme angeboten, die sie zusätzlich zu ihrem normalen Unterricht besuchen können. Ein typisches Vorgehen ist das Angebot von Arbeitsgemeinschaften, die extracurricular abgehalten werden. In der Praxis können die Schüler dazu angehalten oder auch verpflichtet werden, an einer Arbeitsgemeinschaft teilzunehmen. Allerdings sollte ein breites Spektrum an Interessen abgedeckt sein.

In der Praxis stellen nahezu alle Methoden eine Mischung aus Akzeleration und Enrichment dar, was am Prinzip der Intensivkurse deutlich wird:

  • Intensivkurse

Bestimmte Fächer können als Intensivkurse für besonders begabten Schüler von Parallelklassen angeboten werden. In diesen Kursen wird der allgemeine Unterrichtsstoff schneller durchgenommen (Akzeleration) und die restliche Zeit für eine Vertiefung der erworbenen Kenntnisse genutzt (Enrichment).

  • D-Zug-Klassen oder Projektklassen

Unter diese Bezeichnung fallen Maßnahmen, die dazu führen, dass das Pensum von beispielsweise neun Jahren in acht Jahren absolviert wird – wie es bei G8 der Fall ist. Im eigentlichen Sinne handelt es sich um eine akzelerative Maßnahme. In der Praxis jedoch wird diese so gestaltet, dass der Unterricht auf besondere Themenbereiche ausgedehnt wird, sofern Zeit vorhanden ist.

  • Altersheterogene Klassen

In den schon vorhandenen altersgemischten Grundschulen, die beispielsweise das erste und zweite Schuljahr gemeinsam lehren, sollte möglich sein, dass hoch begabte Schüler das Lernziel der Grundschule bereits nach drei statt nach vier Jahren erreichen. Ein typisches Beispiel hierfür sind Montessori-Schulen.

  • Spezialschulen und Schulen mit Hochbegabten-Klassen

Eine weitere Fördermöglichkeit besteht im Zusammenfassen der hoch begabten Schüler in separaten Klassen oder Schulen, die ein spezialisiertes Curriculum durchlaufen. Spezialschulen beschneiden bestimmte Fächer zu Gunsten der Spezialfächer. In Schulen für Hochbegabte wird beständig akzeleriert und Enrichment betrieben und in Abhängigkeit vom Schulprofil spezialisiert oder generalisiert. Es existieren bereits einige Schulen als Ganztagsschulen, Internate oder im Hinblick auf spezielle Teilbereiche wie musikalische oder sportliche Begabung (Talentschulen). Mit dieser Maßnahme finden sich mehr ähnlich begabte Schüler innerhalb einer Lerngruppe zusammen.

  • Offene Schulen

Offene Schulen versuchen, die Variabilität der Lernrate und Lernstile der Schüler und den Lehrplan sowie die individuellen Ziele aneinander anzupassen. Lehrer in offenen Schulen arbeiten individuell oder in kleinen Gruppen, erlauben mehr Peer-Interaktionen, benutzen mehr Zusatzmaterial und schaffen so ein breiteres Feld, in dem jeder einzelnen Schüler seinen Lernbereich finden kann.

6 Gedanken zu „Schulische Förderung von Hochbegabten

  1. von Sascha

    Welches Bundesland

    Hallo
    für welches Bundesländer gilt diese Aussage:
    Üblicherweise darf ein Kind zweimal in seiner Schullaufbahn überspringen, einmal in seiner Grundschulzeit und einmal im Gymnasium

    In NDS gibt es dazu nichts im Erlaß

    Antworten
  2. von Cornelia Klioba

    Eine Haltung der Akzeptanz ist nötig

    Hallo Herr Müller,
    ich möchte Ihre gelungene Übersicht über Fördermaßnahmen um einige Aspekte ergänzen.

    Zum einen möchte ich auf die Forschungsergebnisse von Remo Largo hinweisen, die deutlich machen, dass altersgleiche SchülerInnen in ihrer individuellen Entwicklung weit voneinander abweichen. Zum Zeitpunkt der Einschulung liegen die Schülerinnen bis zu drei Jahre in ihrer Entwicklung auseinander, im Alter von dreizehn Jahren beträgt die Spannweite der Entwicklung sogar bis zu sechs Jahre! Eine Diskrepanz in der kognitiven Entwicklung ist somit bei Altersgleichen kein Einzelfall, sondern die Normalität.

    Eine Zuordnung von SchülerInnen zu Klassenstufen, die sich an einem bestimmten durchschnittlichenEntwicklungsstand orientieren, sollte nicht nur für begabte SchülerInnen zusätzlich zum Alter über das Sichtbarmachen ihrer Vorkenntnisse erfolgen. Das sogenannte "Compacting" ist eine Möglichkeit dazu. Ein Wechsel zwischen Unterricht in homogenen Gruppen bzw. heterogenen Gruppen kommt allen SchülerInnen entgegen.

    Zu berücksichtigen ist auch, dass Mädchen bis zur Pubertät einen deutlichen Entwicklungsvorsprung von etwa einem Jahr haben. Damit ist die Gefahr einer Unterforderung mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die Lernbiographie für begabte Mädchen am größten - ausgerechnet für die Gruppe, die häufig in ihrer Begabungsstärke unterschätzt oder übersehen wird.

    Das schnellere Durchlaufen der Grundschule wird nicht in allen Bundesländern als Überspringen einer Klasse angesehen. So können SchülerInnen in Schleswig-Holstein beispielsweise die Klassenstufen 1 und 2 in ein, zwei oder drei Jahren durchlaufen. Diese flexible Schuleingangsphase trägt der unterschiedlichen Entwicklung Rechnung, indem sie dies weder als Springen noch als Sitzenbleiben bezeichnet. Leider wird in der Praxis selten ein gleitender Übergang innerhalb dieser Klassenstufen ermöglicht. Dies strukturell zu verankern würde ich mir wünschen.

    Grundlage jeder gelingenden Fördermaßnahme in Schulen ist meiner Ansicht nach allerdings eine positive Haltung der Lehrkräfte gegenüber den begabten Schülern. Akzeptanz für deren andere Lernbedürfnisse in Verbindung mit angemessenen Freiraumen für die Begabungsentfaltung tragen zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung begabter Schüler mehr bei als herausfordernde fachliche Angebote - eine Erfahrung, die ich als Beraterin in der Begleitung von Begabten immer wieder mache.

    Ich freue mich daher sehr über diesen Blog, der viel dazu beiträgt, genau diese Haltung hervorzurufen.

    Antworten
  3. von Stolze Mutter

    Unsere Tochter geht jetzt in eine "ICE-Klasse", da wird der Lernstoff "mit Tempo 300" durchgenommen ;-) .

    P.S.:
    Bevor jetzt in diesem lebhaften Thread einer meckert, ja, es wird überwiegend Wissen und weniger "Bildung" vermittelt, aber in der heutigen Zeit ist es halt so, dass das nicht mehr so sehr von gesellschaftlich-kulturellem Interesse ist, die Technik schläft nicht, und darauf müssen die Schulen reagieren. Wir wollen ja schließlich alle was leisten und Exportweltmeister bleiben, nicht wie die Griechen rumbummeln und das Leben vordergründig genießen. Die kontemporäre Herangehensweise an die Hochbegabtenförderung ist dabei in ihrem treffenden Vokabular und der ganzen Exzellenz, die daran hängt, der zeitgemäße Schlüssel zur Erzeugung einer neuen Elite, deren soziale Fähigkeiten - Empathie und was es sonst so gibt - eben nicht erstrangig sind, da wir diese nicht marktkonform einsetzen können, im Gegenteil.

    Sie will Jura studieren und dann mit Anfang 20 direkt in die Politik.

    Antworten
  4. von Tim Müller

    Titel *

    Kommentartext *

    Antworten
  5. von Tim Müller

    Welches Bundesland?

    @Sascha

    War auch auf der Suche. Habe leider auch nichts gefunden.

    Antworten
  6. von Silke Heinrich

    Dankbar für Begabtenförderung!

    Meine Tochter hat die 3. und die 9. Klassenstufe 'übersprungen'. Ich bin sehr dankbar für diese Begabtenförderung. Mittlerweile hat sie ihren Bachelor!

    Antworten

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