8. Juni 2017 | Tanja Gabriele Baudson

#SoapboxScience – Hochbegabung kommunizieren

Am letzten Sonntag fand ein originelles Event statt: Wissenschaftskommunikation hautnah! Und zwar in Form der "Soapbox Science", die vor inzwischen seit sieben Jahren im Vereinigten Königreich entwickelt wurde und dieses Jahr zum ersten Mal auch in Deutschland, in Australien und Kanada stattfand. Ich war für Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, dabei. Was also hat Wissenschaft mit Seifenkisten zu tun?

Zunächst einmal: Der Begriff "Seifenkiste" wird in Deutschland ja eher für selbstgebaute Wagen, in der Regel aus Holz, verwendet, mit denen man in wahnsinniger Geschwindigkeit Berge hinunterfährt und sich dabei den Hals bricht ohne Motor in der Gegend herumfährt. Diejenigen von Ihnen jedoch, die schon mal im Londoner Hyde Park waren, kennen die soap box aber möglicherweise vom dortigen "Speakers' Corner", wo jeder, der der Öffentlichkeit etwas mitteilen will, auch öffentlich reden darf.

Gegen die Unterrepräsentation von Frauen in den Naturwissenschaften

Das Prinzip von "Soapbox Science" knüpft daran an: Zwölf Wissenschaftlerinnen, vorwiegend aus den Naturwissenschaften, sind eingeladen, auf einer Holzkiste stehend einem interessierten Publikum ihre Forschung verständlich nahe zu bringen. Anlass ist die sogenannte leaky pipeline, die über den Verlauf akademischer Lebensläufte zu beobachten ist: Über die Karriere dröppeln Frauen raus, aus verschiedenen Gründen (beim Übergang vom Bachelor zum PhD nähern sich die Verbleibequoten inzwischen an, und das, obwohl Betreuer nach wie vor weiße männliche Kandidaten bevorzugen; in absoluten Prozentzahlen sind jedoch nach wie vor deutlich mehr Männer als Frauen in den höheren akademischen Positionen). Die Idee hinter "Soapbox Science" ist einerseits, Wissenschaftlerinnen ein öffentliches Forum zu bieten, in dem sie ihre Forschung interessant und verständlich darstellen können, andererseits, der Öffentlichkeit deutlich zu machen, dass (insbesondere Natur-)Wissenschaften nicht nur männlich sind, auch wenn sich dieses Stereotyp hartnäckig hält.

Wie sieht das Ganze praktisch aus? Im Grunde ist die Umsetzung denkbar einfach: Jeweils vier Frauen sprechen zeitgleich, insgesamt dauert das Event folglich drei Stunden. Meist fasst man sich kurz, damit die Zuhörer/innen auch alle Vorträge innerhalb dieser Stunde anhören können. Es ist ein fröhliches Kommen und Gehen (und erfreulicherweise vor allem ein Kommen und Bleiben), man diskutiert und ist insgesamt in sehr direktem Kontakt mit seinem Publikum.

Und, wie war's?

Da wir Psychologen ja den Naturwissenschaften recht nahe stehen, was die Methodik angeht (in Trier, wo ich promoviert wurde, verleiht man sogar den Dr. rer. nat.), wurde auch ich nach Berlin eingeladen, einige meiner empirischen Befunde zum Thema Hochbegabung zu präsentieren. Das Thema ist ja immer dankbar – die meisten Menschen haben grundsätzlich eine Idee, was Hochbegabung ist (oder zumindest ein Vorurteil, an das man anknüpfen kann), kennen vielleicht sogar Hochbegabte oder vermuten es bei sich selbst. Wirklich indifferent sind die wenigsten bei dem Thema, und das ist eine sehr gute Voraussetzung, um in einen echten Dialog einzusteigen!

Zunächst war es sehr ungewohnt, "einfach so" zu reden – bei Konferenzen, Vorträgen etc. macht man ja nichts mehr ohne Folien, aber gleichzeitig auch sehr spannend. Durch die Nähe – auch die räumliche – traut sich das Publikum auch eher, Zwischenfragen zu stellen, so zumindest mein Eindruck. Das ermöglicht eine Diskussion auf Augenhöhe – das halte ich für ganz zentral für funktionierende Wissenschaftskommunikation. Besonders schön fand ich auch, dass man sehr flexibel auf seine Zuhörer/innen eingehen kann – wenn eine interessierte Frage kommt, kann man beispielsweise einen kleinen Exkurs einbauen und anderweitig kürzen, weil man an keinen festen Ablauf gebunden ist; bei größerem Vorwissen kann man auch mal tiefer in die Materie einsteigen. Und das Publikum selbst war ebenfalls großartig – selbst der Regen auf dem Tempelhofer Feld (der zum Glück im Lauf des Nachmittags nachließ) konnte die Zuhörer/innen nicht verschrecken!

Ich habe auf jeden Fall sehr viel gelernt. Vorträge halte ich inzwischen recht routiniert; aber so ganz "ohne was" zu präsentieren, ist dann doch etwas ganz anderes. Beim nächsten Mal würde ich auf jeden Fall ein paar (wetterfest laminierte ;) ) Grafiken mitnehmen, zu Anfang mehr auf Intelligenz als Grundlage der intellektuellen Hochbegabung eingehen (immer ein super Thema zum Diskutieren) und die Informationsmenge insgesamt noch mal etwas reduzieren. Dass das Ganze auf englisch war, war für mich kein großes Problem; allerdings hätte das Ereignis vielleicht noch mehr Leute auf den Tempelhofer Acker gelockt, wenn es auf den Plakaten auch in deutsch angekündigt bzw. englisch- und deutschsprachige Vorträge zeitlich genau geplant worden wären, sodass sich die Zuhörer/innen aussuchen können, wo sie hin wollen (viele Sprecherinnen hätten in beiden Sprachen präsentieren können); Berlin war das einzige #SoapboxScience-Event, das in einem Land stattfand, wo Englisch nicht Amtssprache ist, da kann man die Rahmenbedingungen möglicherweise etwas flexibilisieren.

Aber das alles ist Kritik auf hohem Niveau. Insgesamt war es eine tolle Erfahrung, bei der ich viel gelernt habe. Die Organisatorinnen haben einen tollen Job gemacht, das alles auf die Beine zu stellen, und ich hoffe sehr, dass noch viele Veranstaltungen dieser Art folgen werden! Für alle, die jetzt neugierig geworden sind und vielleicht selbst einmal ein #SoapboxScience-Event organisieren wollen, gibt es auf der Website von #SoapboxScience übrigens weitere Informationen. Es macht auf jeden Fall viel Spaß und ermöglicht einem eine ganz andere Art Kontakt mit dem Publikum.

Das bringt mich zu meinem letzten Punkt: nämlich, dass die #SoapboxScience eine sehr authentische und "basisnahe" Art der Wissenschaftskommunikation ist. Diese erklärt ja häufig eher unidirektional, wie Dinge funktionieren, statt zunächst einmal herauszufinden, was das Publikum eigentlich schon an Vorwissen mitbringt, und dann dort einzusteigen, um gezielt das vorhandene Wissen (oder auch Halbwissen – auch das ist ein wichtiger Anknüpfungspunkt!) zu erweitern – und auch selbst von seinem Publikum zu lernen. Mein Eindruck, der nicht zuletzt durch die Erfahrungen als Mitinitiatorin des #MarchforScience in Deutschland gespeist wurde: Wissenschaftler/innen und Wissenschaftskommunikator/innen stellen zu wenig Fragen an ihr Publikum! Genau das aber ist Voraussetzung für einen echten Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft – und der lohnt sich aus meiner Sicht für alle Beteiligten.

Insofern starte ich hiermit einen Appell an die geschätzte Leser/innenschaft: Über welche Themen aus dem Bereich Hochbegabung und Intelligenz würden Sie gern mehr wissen? Ich bin gespannt!

Kategorien: Bildungssystem Forschung Unterhaltsames

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