17. Juni 2014 | Tanja Gabriele Baudson

Talentförderung im Fußball und anderswo

Deutschland flaggt, und wer behauptet, von dem Großereignis dieser Tage und Wochen nichts mitbekommen zu haben, ist entweder Eremit oder ironisch: Die Fußballweltmeisterschaft der Männer läuft, und unsere Jungs haben eine fulminante Eröffnung hingelegt! Sportlich hochbegabt, würde man spontan vermuten; aber da steckt noch deutlich mehr dahinter …

… denn zum einen müssen die Talente erst einmal erkannt werden. Deutschland schafft mit seinem Vereinssystem ganz gute Voraussetzungen dafür. Zunächst erfolgt im Wesentlichen eine Breitenförderung – wer Interesse hat, kann schon von klein auf mitspielen und wird durch gezieltes Training von Technik gefördert; der Spielspaß kommt für die Jungen und Mädchen dabei natürlich auch nicht zu kurz. Wichtig ist aber dann im nächsten Schritt auch die Spitzenförderung: Hierzu schicken die Bundesligavereine spezielle Talentscouts [1] durch die Lande, die sich diejenigen Jugendlichen mit besonderem Potenzial herauspicken. Die erfolgsverwöhnten Bayern beispielsweise arbeiten gezielt daran, Talent schon früh zu fördern. Schon früh achtet man auf Professionalität (beispielsweise treten die Spieler immer gemeinsam an), die Trainingsbedingungen sind nach Angaben von Beobachtern sehr gut [2].

Hier komme ich dann zum zweiten Faktor: Sicherlich gibt es bestimmte günstige Voraussetzungen dafür gibt, einen so technischen und taktischen Sport wie Fußball gut zu lernen (in der Begabungsforschung sprechen manche im Bereich Sport und Musik übrigens lieber von "Talent" als von "Hochbegabung", wenn sie von diesen Dispositionen sprechen, um den Unterschied zur intellektuellen Hochbegabung klarer zu machen). Andererseits steckt aber eine Menge Arbeit dahinter. Wenn die Jugendlichen in den Kader kommen, haben sie schon viele tausend Stunden auf dem Platz verbracht. Und nicht nur einfach mit rein spaßorientiertem Herumkicken, sondern mit gezielter Übung. Die Expertiseforschung [3], von K. Anders Ericsson ins Leben gerufen, spricht hier von "deliberate practice". Die "Extremisten" unter den Expertiseforschern gehen so weit zu sagen, dass Talent im Grunde gar nicht nötig ist und dass Übung (als Faustregel etwa 10000 Stunden, das sind etwa 2–3 Stunden am Tag über zehn Jahre) völlig ausreicht. (Eher musikalisch Interessierte werden hier vielleicht an die Suzuki-Methode [4] denken, die nichts mit Hochleistungsmotoren, sondern eher mit der Hochleistungsmotorik des Geigenspiels zu tun hat.) Befunde der Study of Mathematically Precocious Youth beispielsweise, die sich mit den intellektuellen Domänen der Begabung befasst hat, legen allerdings nah, dass durchaus Begabung und Interesse in einem bestimmten Bereich zusammenkommen müssen, damit Menschen auch Leistungen auf diesem Gebiet erbringen [5]; und es ist plausibel, dass es sich in anderen Domänen nicht großartig anders verhält.

Interessant finde ich persönlich, dass es im sportlichen (und auch im musikalischen Bereich) völlig klar ist, dass Begabung entwickelt werden muss; und in der Tat besteht mit Sportvereinen und Musikschulen ein gutes Netzwerk, um von der Breiten- zur Spitzenförderung zu kommen. Unsere intellektuell Hochbegabten finden da deutlich schlechtere Rahmenbedingungen vor: Wenngleich sich immer mehr Schulen darum bemühen, hochbegabte Kinder und Jugendliche zu fördern, liegt der Fokus nach wie vor am unteren Ende des Begabungsspektrums. Das führt zum einen dazu, dass vielversprechende Talente gar nicht erst entdeckt werden (nach wie vor insbesondere Mädchen, denen man eher Fleiß als Begabung zuschreibt, wenn sie gut in der Schule sind – wenn Lehrkräfte in ihrer Klasse ein hochbegabtes Kind vermuten, handelt es sich dabei in knapp 70 % der Fälle um einen Jungen, was sich nur leicht bessert, wenn bei zwei oder drei Kindern der Verdacht auf Hochbegabung besteht [6]; des Weiteren Kinder mit Migrationshintergrund oder niedrigem sozioökonomischem Status, bei denen man besondere Begabungen nicht vermutet, obwohl sie selbstverständlich auch in diesen Gruppen vorkommen), zum anderen aber auch, dass die Spitzenförderung über lange Zeit ausbleibt. Das Gymnasium hat seinen Status als Institution zur Förderung der Begabtesten verloren (die Noteninflation tut ein übriges [7]), das brauchen wir wohl nicht schönreden. Bis vielversprechende Begabte tatsächlich auf Anforderungen treffen, die hoch genug sind, um sie tatsächlich zu fordern, vergeht also viel Zeit, die man schon früher hätte nutzen können, um eine vorhandene Hochbegabung auszubauen – Stichwort 10000 Stunden. Im intellektuellen Bereich scheint immer noch die Vorstellung vom "geborenen Genie" vorzuherrschen, das mehr oder weniger ohne Unterstützung von außen zur Entfaltung kommt. Wahrscheinlich liegt dem auch ein gewisser "Survivor-Bias" zugrunde, weil eben auch nur diejenigen im System bleiben, die nicht vorher entmutigt aus selbigem herausgefallen sind.

Ich würde sagen: Wir brauchen ein ähnliches Fördersystem wie im Sport und in der Musik auch im intellektuellen Bereich. Ob Begabungen erkannt und zur Entfaltung gebracht werden, darf nicht von dem Glück abhängen, informierte Eltern zu haben, in der Stadt zu wohnen oder in der Schule über Begabtenfördermaßnahmen informiert werden. (Der oben erwähnten Studie von Heller, Reimann und Senfter zu Folge haben gerade mal 2 % der Grundschullehrkräfte Aus- oder Fortbildungskurse zum Thema Hochbegabung besucht [8] – das ist ziemlich erschreckend, wenn man bedenkt, dass im Durchschnitt [9] in jeder Schulklasse etwa ein hochbegabtes Kind sitzt.) Es wäre also wichtig, von diesem "Genie-Glauben" abrücken und stattdessen sicherzustellen, dass im Zuge der Breitenförderung (erster Schritt) möglichst keine Begabung übersehen wird, im Zuge der Spitzenförderung hingegen diejenigen zur Blüte gebracht werden, die von den Maßnahmen besonders profitieren (zweiter Schritt). Frei nach Karl Valentin: Hochbegabung ist schön, macht aber viel Arbeit. Und das ist auch gut so.

 

Zum Weiterlesen:

[1] Ein interessantes Interview mit Marc Dommer, Talentscout beim 1. FC Köln: http://www.bildung-und-begabung.de/aktuelles/news/2013-02-18-interview-dommer

[2] Ein Eindruck vom Kinder- und Jugendtraining beim FC Bayern München:
http://www.soccerdrills.de/Theorie/fcb-jugendtraining.html

[3] Ein Überblick findet sich im Lexikon der Psychologie:
http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/expertiseforschung/4567

[4] Für einen ersten Einstieg: https://de.wikipedia.org/wiki/Suzuki-Methode

[5] Ein interessanter Artikel über Geschlechterunterschiede in Interessen und Begabungen ist auf der Seite der Vanderbilt-Universität, an der die SMPY seit den 1970er Jahren läuft, frei verfügbar: https://my.vanderbilt.edu/smpy/files/2013/01/SexDiffs.pdf

[6] Heller, K. A., Reimann, R. & Senfter, A. (2005). Hochbegabung im Grundschulalter. Erkennen und Fördern. Münster: Lit. (S. 32)

[7] Hierzu ein Bericht aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 14.6.14: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/studie-super-abi-aber-nichts-dahinter-12990707.html

[8] Heller, Reimann & Senfter, a.a.O., S. 52.

[9] Das "Gesetz der großen Zahlen" zieht in einer einzelnen Klasse natürlich nicht, und folglich kann man nicht sagen, dass man dieses eine Kind, das vor einem in der Klasse sitzt, nur finden muss. Über die Berufslaufbahn einer Lehrkraft kommen jedoch einige Kinder zusammen. Hier wird das Gesetz anhand der Lottozahlen erklärt: http://mathematik-online.de/F116.htm