2. Juli 2009 | Götz Müller

Underachiever

Die heiße Zeit ist dran: Nicht nur der Sommer, sondern auch die Zeugnisse setzen dem ein oder anderen hoch begabten Schüler derzeit zu. Sicherlich sind es nicht alle Hochbegabte, aber für einen Teil der Hochbegabten, die Schule ohnehin als notwendiges Übel erachten, wird die Zeit der Zeugnisse zum wirklichen Problem. Was sind das für Kinder, die ja eigentlich aufgrund ihrer Fähigkeiten das Potenzial per se für akademische Leistungen mitbringen, sie aber nicht erreichen?

So genannte hoch begabte Underachiever leisten nicht das, was man aufgrund ihres hohen IQ erwartet. Da Schulleistungen und Intelligenz nicht 1:1 zusammenhängen, ist eine Passung (das so genannte Achievement) sowieso nicht zu erwarten, jedoch wird eine Abweichung bis hin zum Nicht-Erreichen des Klassenziels als auffällig umschrieben. Im wissenschaftlichen Kontext wird hier genau gerechnet: Nur wenn ein hochbegabter Schüler nur durchschnittliche und unterdurchschnittliche Leistungen erbringt, ist er ein „wirklicher“ Underachiever.

Heißt das, dass bei einem Notendurchschnitt von 3,1 erst eine 3- den „wirklichen“ Underachiever ausmacht? Ja, genau das heißt es. Die glatte 3 gehört eben noch in einem Abweichungsraum, der statistisch nicht signifikant ist. Hochbegabte, die ja zu den besten 2% gehören, also 98% ihres Alters hinsichtlicher kognitiver Fähigkeiten übertreffen, werden eben erst zum Underachiever, wenn sie zu den unteren 50% in der gezeigten Leistung gehören. Rein wissenschaftlich betrachtet, lässt sich der Anteil der hochbegabten Underachiever in der Gruppe der Hochbegabten auf etwa 15% beziffern. Also nicht wirklich viele.

Neben den grundsätzlichen Fragen, ob das in der Praxis so umsetzbar ist, der Intelligenztest denn ach so valide und wann denn ein Noch-Achiever nun zum Underachiever wird, ist viel wichtiger, auf die Begleitphänomene des Underachievements zu achten. Underachiever haben enorme psychische Auffälligkeiten, sie haben negative Einstellungen von sich selbst und zeigen Verhaltensauffälligkeiten von ängstlich bis aggressiv. Sie stellen sich selbst in Frage, haben eine niedrige Selbstwirksamkeitserwartung und befinden sich in sozialer Randständigkeit. Auch arbeiten sie ineffizient, denn selbst wenn sie lernen, kommt nicht viel dabei heraus.

Hieraus folgt für die Arbeit mit Underachievern zunächst, die psychischen Beeinträchtigungen zu minimieren. Störungen zuerst – denn diese können sich verselbstständigt haben und hemmen den Fortschritt. Einfache Nachhilfe, ein bisschen Förderkurs und Experimentierkasten oder das Motto „Lernen lernen“ greifen hier zunächst nicht, sondern sie verkennen die Tiefe des Underachievements. Es ist klinisch geworden.

Kategorien: Beratung Förderung

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