14. Oktober 2015 | Tanja Gabriele Baudson

Welchen Test zur Hochbegabungsdiagnostik verwenden?

Vielleicht haben es die einen oder anderen schon entdeckt: Im Fachportal Hochbegabung gibt es nun ein neues Modul "Intelligenztests"! Insgesamt werden hier die 25 gĂ€ngigsten IQ-Tests sehr detailliert vorgestellt und kritisch besprochen. Besonders interessant: Das Portal bietet vermutlich die kompakteste aktuell verfĂŒgbare Übersicht darĂŒber, inwiefern die verschiedenen Tests zur Hochbegabungsdiagnostik geeignet sind.

Das Modul findet sich im Fachportal unter der Rubrik "Diagnostik". Besonders richtet es sich natĂŒrlich an die in der Begabungsdiagnostik tĂ€tigen Psychologinnen und Psychologen, die sich hier detailliert darĂŒber informieren können, wie gut die gĂ€ngigen Intelligenztests ĂŒberhaupt sind und vor allem, inwiefern sie brauchbar fĂŒr die Diagnostik intellektueller Hochbegabung sind.

Die einzelnen Rezensionen folgen immer dem selben Schema: Nach einer Beschreibung des Tests (Zielsetzung, Aufbau und Quellenangaben) folgt eine Übersicht ĂŒber die Anwendbarkeit in der Hochbegabungsdiagnostik. Hier gibt es verschiedene AnlĂ€sse, die jeweils separat abgehandelt werden: Will man erste Hinweise erhalten (Screening), geht es um die Erkundung individueller StĂ€rken (Profilerstellung), um die Frage, wie es in der Schule weitergehen soll (Schullaufbahnberatung) oder darum, ob ein Kind oder Jugendlicher beispielsweise fĂŒr eine spezielle Begabtenfördermaßnahme geeignet ist (Selektionsentscheidungen)? Das ist aus meiner Sicht wirklich gelungen, denn mit diesem speziellen Fokus gab es eine solche Übersicht bislang noch nicht.

DarĂŒber hinaus liefern die Rezensionen Informationen zu den GĂŒtekriterien insgesamt: Wie aktuell und wie reprĂ€sentativ ist die Vergleichsgruppe, ist der Test objektiv, misst er genau, und misst er valide? Auch Informationen zur Ökonomie der DurchfĂŒhrung und Auswertung gibt es, außerdem weiterfĂŒhrende Literatur.

FĂŒr diejenigen, die alles auf einen Blick haben wollen, gibt es auch Übersichtstabellen, in denen die Informationen kurz und knapp prĂ€sentiert werden. Das ist insbesondere dann nĂŒtzlich, wenn man ein Verfahren fĂŒr eine spezielle diagnostische auswĂ€hlen oder plant, einen neuen Test zu erwerben, und sich erst mal kurz und knackig informieren will. Die Symbole sind intuitiv verstĂ€ndlich: Ein Haken (check) bedeutet, dass alles so ist, wie es sein sollte; ein Ausrufezeichen (!) heißt, dass man etwas beachten muss, und ein Fragezeichen (?), dass die Information dem Manual nicht ganz eindeutig zu entnehmen ist. Die Symbolik zieht sich durch das gesamte Modul, sodass die Orientierung leicht fĂ€llt.

Alles in allem bin ich ziemlich begeistert – die Kolleginnen Preckel, Meier und Vogl haben meines Erachtens ganze Arbeit geleistet, und ich denke, die Informationen werden vielen Praktiker/innen von Nutzen sein. Und möglicherweise nicht nur denen: Auch fĂŒr Eltern, die sich die Frage stellen, ob sie eine Hochbegabungsdiagnostik angehen wollen, kann es interessant sein, sich schon vorab ĂŒber vorhandene Verfahren zu informieren. Tests, die Kindern und Jugendlichen heute leichter fallen als noch vor 10, 20 Jahren (Stichwort Flynn-Effekt), als Maßstab aber immer noch die alten Normen verwenden, produzieren ĂŒberproportional viele Hochbegabte; auch Verfahren, die eher am unteren Ende der Verteilung genau differenzieren und deshalb relativ viele leichte, aber wenig schwere Aufgaben beinhalten, muss man kritisch auf mögliche Deckeneffekte ĂŒberprĂŒfen (mehr als alle Aufgaben lösen geht ja nun mal nicht, sodass die Differenzierung am oberen Ende entsprechend weniger genau ist).

Jede Diagnose soll zur Beantwortung einer konkreten Frage beitragen – etwa "Soll mein Kind eine Klasse ĂŒberspringen?" oder "Wo liegen die besonderen StĂ€rken meines Kindes?" Mit falschen Diagnosen tut man niemandem einen Gefallen. Professionelles diagnostisches Handeln erfordert es, dass man sich mit seinem "Handwerkszeug" kritisch auseinandersetzt; und alle Klientinnen und Klienten, die diesbezĂŒglich Rat suchen, verdienen es, dass man ihnen so professionell wie möglich Hilfe zuteil werden lĂ€sst; das gebietet aus meiner Sicht das berufliche Ethos. Ich denke, das Modul Intelligenztests kann dazu einen wertvollen Beitrag leisten.