15. August 2015 | Götz Müller

Worüber Justus Kontrolle hat

Im Gespräch mit Justus, 15 Jahre alt, hochbegabt und ein Underachiever, war deutlich geworden, dass Justus – um die Versetzung zu schaffen – seine Leistungen steigern wolle, auch wenn er gewisse Schwierigkeiten in den Rahmenbedingungen wie Klasse und einzelne Lehrer erkannte. Festgestellt hatte er auch, dass er daher etwas gehemmt sei, sich mündlich zu beteiligen.

In unserem Gespräch hatten wir uns dann allgemein Problemen gewidmet, die wir als Diskrepanz von IST- und SOLL-Zustand festgelegt hatten. Darauf hatte Justus diverse SOLL für Fächer formuliert und z.B. in Latein festgehalten, dass „nichts mehr rauszuholen“ sei. Um aber in den anderen Fächern vom IST auf ein gewünschtes SOLL zu gelangen, müssen Ressourcen verfügbar sein, die wir auch abrufen und kontrollieren können. Schnell hatte Justus abgeleitet, dass damit Lehrer und Mitschüler wohl nicht gemeint sein. Wir waren dann so verblieben, dass er sich für unseren nächsten Termin überlegen solle, worüber Menschen Kontrolle haben.

In unserem Gespräch tritt zunächst die Frage auf, was genau unter Kontrolle zu verstehen ist. Die Abgrenzung zum Beeinflussen fiel uns schwer, da wir feststellten, dass wann immer wir etwas sagen, dies den Gegenüber irgendwie beeinflusst, sofern er es wahrnimmt. Daraus aber abzuleiten, dass ein kausales An- und Ausschalten möglich ist, hatten wir wiederum schnell verworfen, auch wenn uns für das Ziel der Versetzung der Gedanke, Mitschüler und Lehrer zu kontrollieren, günstig erschien. „Wäre eine Illusion“, wie Justus feststellte, was ich teile. Gemeinsam spielen wir unterschiedliche Situationen durch: Hundeerziehung, Lehrer-Schüler bis hin zum Bankräuber, der die Pistole zückt. Ob Manipulieren denn überhaupt möglich sei, sinnieren wir. In letzter Konsequenz aber entscheidet immer das Subjekt, was es tut, nicht derjenige, der über Sanktionen eine Entscheidung erzwingen will. Wir halten fest: Über andere Personen, Tiere und Gegenstände haben wir per se keine Kontrolle, allenfalls indirekt, indem wir mit unserer Handlung z.B. eine Tasse bewegen. Gerade in der zwischenmenschlichen Interaktion haben wir keine Kontrolle – wir können nur für bestimmte Handlungen werben, indem wir Anreize setzen oder Reaktionstendenzen wie z.B. beim Banküberfall ausnutzen. Letzteres bezieht Justus auch auf das schulische System, da hier Regeln bestehen müssten, nach denen beurteilt wird. Darauf komme ich noch.

Wir wenden uns dann der eigenen Person zu und prüfen, was im eigenen Erleben und Verhalten unserseits kontrolliert werden kann. Können z.B. Gefühle kontrolliert werden? Können wir unsere Motorik kontrollieren? Verschiedene mögliche Szenarien gehen wir durch und stellen fest, dass weder Gefühle wie Angst oder Ärger noch Körperreaktionen wie Herzschlag oder Schwitzen kontrollierbar sind – sie lassen sich nicht direkt ein- oder ausschalten. Sätze wie „Die verunsichern mich [als Vorläufer von Angst]“ seien dann sprachlich nicht genau, wie Justus aus meiner Sicht erkennt. Damit wird implizit die Verursachung des Gefühls im Gegenüber verortet, was nicht zutrifft, da Gefühle von meiner Bewertung, wie ich etwas finde, abhängig sind. Wenn ich eine Situation als Bedrohung auffasse und etwas befürchte, dann kommt Angst zustande. Also kann ich ein Gefühl nicht direkt kontrollieren, sondern allenfalls indirekt über die Bewertung, also meine Gedanken, falls ich nicht stark in Automatismen feststecke. An dieser Stelle kommt es im Gespräch zu einem Schlenker, da Justus' Mitarbeit bekanntlich schwächer ist und hier durchaus eine Unsicherheit festzustellen ist. Dies lasse ich hier zunächst außen vor. Einfach schien uns die Betrachtung unserer Motorik, da wir z.B. Herzschlag oder Atem als autonome Prozesse gleich außen vor lassen – hier kontrollieren wir nichts, allenfalls indirekt über z.B. die Einnahme von Medikamenten. Willentlich ausgeführte Handlungen aber wie das Arm heben liegen in unserem Kontrollbereich, so unsere Erkenntnis. Gleiches gilt wohl auch für Worte, die wir sprechen (mit Ausnahme einer vokalen Tic-Störung oder im Schlaf). So – und das finde ich bemerkenswert bei Justus – leistet er den Transfer zu sich: „Wenn ich sage, dass ich mich nicht melden kann, stimmt das nicht ganz; ich müsste von Nicht-Wollen oder so sprechen.“

Die Überlegungen bleiben bei den Gedanken hängen. Wir sortieren zunächst und überlegen, ob es unterschiedliche Arten von Gedanken gibt. Unbewusst und bewusste, automatische und willentliche … Schnell wird klar, dass wir über unbewusste Gedanken keine Kontrolle haben, zumal die ja gar nicht ins Bewusstsein kommen. So auch bei automatischen, die wir bewusst denken (und manches Mal gar nicht wollen). Sie kommen aber trotzdem. Bei den bewussten Gedanken aber gibt es vor Allem Entscheidungen, die wir treffen und die wir kontrollieren. Wir entwickeln gemeinsam, was wir entscheiden können und einigen uns auf drei wichtige Richtungen: Wir können entscheiden, was wir wollen, was wir glauben und was wir tun.

Das Gespräch pausiert, nachdenkliches Schweigen beherrscht den Raum. Dann fasst Justus zusammen: „Okay, Herr Müller, ich habe das verstanden. Wenn ich entscheide, die Versetzung zu erreichen, darf ich nicht auf die anderen zählen, weil ich die nicht kontrollieren kann. Da kann ich versuchen, Einfluss zu nehmen, mehr nicht. Es zählt also nur, was ich kontrollieren kann.“

Was sonst – könnte man lapidar anfügen, aber so lapidar ist es nicht. Gerade für Hochbegabte, die bisher oft den Eindruck haben gewinnen können, mit ihren Bemühungen zum Erfolg zu kommen. Da könnte man der Versuchung verfallen, sich als Kontrolleur aller möglichen Prozesse aufzuwerten …

 

Anmerkung: Es handelt es sich um ein aufgezeichnetes Gespräch auf, welches ich aber verkürzt und pointiert wiedergegeben habe. Und: Justus ist versetzt.

Kategorien: Beratung Förderung

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