Hochbegabte fördern

Hochbegabte fördern

Welche Möglichkeiten der Förderung gibt es? Handlungsoptionen im familiären, (vor)schulischen und außerschulischen Kontext.

Was ist bei der Förderung hochbegabter Kinder zu beachten?

Wichtig ist hier, nicht per se zu fördern, sondern sich bei der Förderung an den Bedürfnissen des Kindes zu orientieren. Dabei sollte das Kind in seiner gesamten Persönlichkeit, mit all seinen Schwächen und Stärken betrachtet werden. So sollte eine Förderung trotz der Orientierung an den individuellen Fähigkeiten des Kindes ganzheitlich ausgerichtet sein und auch in Bereichen wie Sport, Musik und Kunst angeboten werden.

Für Anregungen und zur Interessensentwicklung ist die Beobachtung des Kindes eine wichtige Quelle. So können Impulse des Kindes aufgegriffen und es darin unterstützt werden, selbstständig Antworten auf seine Fragen zu finden – beispielsweise über Bücher, Zeitungen, das Internet oder Besuche von Museen. Das Kind lernt so, sich auch selbst Zugang zu Informationen zu beschaffen – eine wichtige Kompetenz für späteres selbstreguliertes Lernen.

Pädagogen und Eltern sollten dem Kind ein aufmerksamer, herausfordernder Gesprächspartner sein, der dem Kind authentisches Interesse entgegenbringt, seine Perspektiven ernst nimmt und sensibel erweitert.

Das Ziel einer Förderung sollte also nicht primär Wissenserwerb sein, sondern die Freude an der intellektuellen Herausforderung und – gegebenenfalls – auch die Kompensation von Defiziten. Es geht sowohl um das Fördern der Stärken als auch den Abbau individueller Schwächen.

Welche Bedeutung hat vorschulische Förderung?

Erfahrungen und Lernen in den ersten Lebensjahren haben eine besondere Bedeutung. Auf Grund der besonders hohen Plastizität des Gehirns lernen wir im späteren Leben nie wieder so schnell und leicht. Aus dieser Erkenntnis heraus hat auch die Bedeutung vorschulischer Institutionen als bildungsvermittelnde Einrichtungen in den letzten Jahren immer mehr zugenommen.

Häufig entwickeln besonders begabte Kinder früher und tiefgreifendere Lernansprüche, welche sie teilweise sehr hartnäckig einfordern. In einigen Städten gibt es bereits spezielle Kindergärten mit meist integrativer Hochbegabtenförderung, um den besonderen Bedürfnissen begabter Kinder entgegenzukommen. Im Zentrum steht jedoch immer die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit des Kindes. Es geht also sowohl darum, die Kinder in ihren Stärken herauszufordern, als auch ihnen Hilfestellungen für schwächere Bereiche zu geben.

Wenn sich das Kind früh mit Lerninhalten des Schulanfangs beschäftigt, so stellt sich auch die Frage einer vorzeitigen Einschulung. Hier sind es häufig eher die Kinder als die Eltern, die darauf drängen, bald in die Schule zu dürfen. Ein weiteres Jahr im Kindergarten kann für manche Kinder quälende Langeweile und ein Ausbremsen ihrer Lernfreude bedeuten. Für eine frühere Einschulung ist jedoch nicht nur der intellektuelle Entwicklungsstand des Kindes ausschlaggebend, sondern eine ganzheitliche Betrachtung der Schulfähigkeit des Kindes. Die Erzieherinnen im Kindergarten ebenso wie die Lehrkräfte der Grundschule und die schulischen Beratungsdienste sind hierfür kompetente Ansprechpartner. Steht eine vorzeitige Einschulung an, so kann es ratsam sein, das Kind baldmöglichst in die Vorschulgruppe des Kindergartens aufzunehmen.

Welche schulischen Fördermöglichkeiten gibt es?

Die Basis schulischer Förderung ist eine innere Differenzierung des Unterrichts nach Arbeits- und Lernniveau der einzelnen Schüler. Allgemein werden schulische Fördermöglichkeiten für besonders begabte Kinder in beschleunigende (Akzeleration) und vertiefende (Enrichment) Maßnahmen unterteilt.

Akzelerierend wird gearbeitet, indem derselbe Stoff in kürzerer Zeit erlernt wird. Manche Schulen bieten beispielsweise jahrgangsübergreifende Eingangsklassen an, so dass die ersten beiden Schuljahre wahlweise in zwei oder einem Jahr durchlaufen werden können. Weiterhin kann während der gesamten Schullaufbahn – nach sorgfältiger Abwägung der Vor- und Nachteile – eine Klasse übersprungen werden. Eine andere Möglichkeit bietet die Akzeleration in Fächern, für die eine besondere Begabung vorliegt, durch den Besuch dieser Fächer in einer höheren Jahrgangsstufe.

Bei Enrichment-Maßnahmen wird der Schulstoff vertieft und um zusätzliche Inhalte erweitert. Enrichment kann etwa durch Projektarbeit oder Lernverträge methodisch umgesetzt werden. Zusätzliche Umsetzungsmöglichkeiten ergeben sich durch Arbeits¬gemeinschaften oder die Kooperation mit Hochschulen und weiteren außerschulischen Partnern. In der Praxis der individuellen Förderung sind häufig Mischformen von Enrichment und Akzeleration sinnvoll.

Eine spezielle Form der Hochbegabtenförderung stellen Begabtenklassen an Gymnasien oder eigene Schulen für die Hochbegabtenförderung (zum Beispiel das Landesgymnasium St. Afra in Meißen oder das Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch-Gmünd) dar. Im Grundschulbereich erfolgt die Förderung besonders und hochbegabter Schüler überwiegend in integrierter Form, also im Rahmen des gemeinsamen Unterrichts für alle Kinder. Hierbei stellt eine binnendifferenzierende Unterrichtsgestaltung unter Anwendung möglichst einer Vielfalt von Methoden der individuellen Förderung eine wesentliche Gelingensbedingung für eine erfolgreiche Förderung der Kinder dar. Einige Grundschulen bieten zudem sogenannte »pull-out« Programme an. Hier werden begabte Schülerinnen und Schüler an zumeist einem Tag der Woche vom regulären Unterricht freigestellt und in besonderen Begabtengruppen unterrichtet. Diese Form der Förderung setzt in der Regel die Kooperation mehrerer Schulen voraus.

Welche schulübergreifenden Fördermöglichkeiten gibt es?

Als schulübergreifende Fördermöglichkeit bietet sich u.a. die Teilnahme an verschiedenen Wettbewerben an; eine gute Übersicht über bundesdeutsche Schülerwettbewerbe findet sich z. B. in der Broschüre des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (vgl. Literaturhinweise). Zudem gibt es Schüler- und Sommerakademien, die sich an besonders begabte, engagierte und interessierte Schülerinnen und Schüler mit Spaß an Projektarbeit oder intensiver Beschäftigung mit einem Fachbereich richten. Angebote hierzu bestehen meist im Schulverbund und Schülerinnen und Schüler werden für eine Teilnahme in der Regel von Seiten der Schule vorgeschlagen. In höheren Klassenstufen bietet sich weiterhin in einigen Städten die Möglichkeit, ein Frühstudium an der Universität zu beginnen. Dieses erlaubt individuelle Förderung im Fachbereich der besonderen Fähigkeiten und Interessen und kann durch Anrechnung von erbrachten Leistungen (z. B. »Scheinen«) eine spätere Studienzeit verkürzen. Eine Übersicht über Hochschulen mit Möglichkeit eines Frühstudiums finden Sie im Internet-Portal der www.telekom-stiftung.de im Themenbereich der weiterführenden Schulen.

Welche außerschulischen Fördermöglichkeiten gibt es?

Besonders begabte Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, auch außerhalb der Schule verschiedene Angebote der Hochbegabtenförderung wahrzunehmen. Außerschulische Fördermöglichkeiten sollten sich hierbei möglichst mit schulstofffernen Inhalten auseinandersetzen, um die Unterforderung in der Schule nicht zu verstärken. Verschiedene staatliche und freie Träger bieten beispielsweise Sommer- bzw. Ferienakademien oder Nachmittagskurse zu breit gefächerten Themengebieten an. Weiterhin haben verschiedene bundesweit aktive oder auch regionale Elterninitiativen häufig ein spezielles Kursangebot für besonders begabte Kinder und Jugendliche. Das Internet bietet auch ein breites Repertoire an außerschulischen Fördermöglichkeiten, wie zum Beispiel Informationen zu Wettbewerben, Chatrooms zum Austausch mit anderen besonders begabten Kindern und Jugendlichen oder Internetseiten mit Knobelaufgaben, an.

Was ist beim Überspringen zu beachten?

Generell ist das Überspringen einer Klasse zu überlegen, wenn Unterforderung und eine breit angelegte Begabung vorliegen. Hierbei ist jedoch weiterhin zu bedenken, dass nicht nur intellektuelle, sondern auch soziale Fähigkeiten von Bedeutung sind:

Wie ist der allgemeine Entwicklungsstand des Kindes? Wie ist der körperliche Entwicklungsstand des Kindes? Kann es Schwierigkeiten durch den dann bestehenden Altersunterschied zu den Klassenkameradinnen und -kameraden geben? Wie ist die Persönlichkeit des Kindes – kann es auf andere Kinder zugehen, neue Kontakte knüpfen? Wie wird die soziale Situation in der neuen Klasse für das Kind sein? Wie geht das Kind im Allgemeinen mit Belastungen um?

Auch löst das Überspringen einer Klassenstufe Probleme oft nur zeitweilig: ein frühes Überspringen schließt nicht zwangsläufig aus, dass sich ein Kind in späteren Schuljahren wieder langweilt. In einem solchen Fall sollte zusätzlich auf außerschulische Fördermöglichkeiten zurückgegriffen werden.

Bei der Umsetzung einer solchen Überlegung sollte unbedingt das Einverständnis aller Seiten, also der abgebenden und aufnehmenden Lehrkraft, der Eltern und auch des Kindes selbst vorliegen. Außerdem bietet sich das Einführen einer Probezeit an, in der sich das Kind ohne Gesichtsverlust dazu entscheiden kann, wieder in seine alte Klasse zurückzugehen. Auch sollte geplant werden, wie und wann der Lernstoff aufgearbeitet werden kann und wer dabei Hilfestellung gibt.

Zum Zeitpunkt des Überspringens muss noch nicht das Niveau der nächsthöheren Klasse erreicht sein; bisher gezeigtes Leistungsvermögen und Lernverhalten sollten aber darauf hinweisen, dass der neue Stoff beschleunigt nachgeholt werden kann.

Besondere Zeitpunkte für das Überspringen ergeben sich durch den Wechsel der Schulform nach der 4. Klasse und den hierfür in einigen Bundesländern benötigten Notendurchschnitt für die Schulart-Empfehlung: Eine Versetzung von der dritten in die vierte Klasse in den ersten Monaten des ersten Halbjahres kann dazu führen, dass der für das Gymnasium notwendige Notenschnitt im vierten Halbjahrszeugnis nicht erreicht wird. Leiten Sie deshalb als Eltern einen solchen Vorgang selbst nur ein bzw. akzeptieren Sie einen solchen Versetzungsvorschlag nur, wenn damit gleichzeitig das verbindliche Signal für den Weg ins Gymnasium gegeben wird. Auch ein Überspringen der kompletten 4. Klasse ist grundsätzlich möglich. Hierbei sollte jedoch berücksichtigt werden, dass in den vergangenen Jahren in vielen Bundesländern die Verweildauer im Gymnasium von neun auf acht Jahre reduziert wurde. Das hat zu einer Verdichtung des Unterrichtsstoffes geführt, sodass die Gefahr einer Überforderung beim Überspringen der 4. Klasse erhöht ist. Daher sollten die Bedingungen und Voraussetzungen im jeweiligen Bundesland vorab sorgfältig geprüft werden (einen Überblick dazu gibt ein bundesweites Gutachten zur schulischen Begabtenförderung; im Internet zu finden unter http://www.blk-bonn.de/papers/heft121.pdf ).

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