24. November 2010 | Götz Müller

Besserwisser

Sichtlich gut gelaunt begrüßte mich
Sebastian bei unserem letzten Gespräch und stellte mit spöttelndem
Unterton fest, den Limburgern mangele es wohl an Kenntnissen zur
Rechtschreibung. Man schreibe doch nicht „Oh du fröhliche“, das
sei ja wohl klar. Es müsse „O du fröhliche“ heißen. Die
Schilder an den Ortseingängen Limburgs werben anscheinend nicht nur
für den anstehenden Weihnachtsmarkt, sondern auch für eine weitere
Rechtschreibreform.

Hört man dies von einem 14-jährigen
Schüler, ist sicherlich leicht ableitbar, dass hier ein genialer
Besserwisser heranwächst. Sebastian hat schon oft seine Mitschüler,
Geschwister, Eltern und Bekannten auf Fehler in der Grammatik
hingewiesen. Nebenbei bemerkt: Sein Grundschullehrer schwankte in der
Beurteilung zwischen „unerhört vorlaut“ bis „brilliant“.
Einer seiner Lieblinge ist im Übrigen das „wegen mir“, was
eigentlich „meinetwegen“ heißen müsste. Auch der Tod des
Genitivs im Sinne „Das ist dem sein ...“ gehört zu Sebastians speziellen
Un-Formulierungen.

Nun kann man über die soziale
Diplomatie, empathische Prozesse und womöglich eine gewisse Arroganz
und Hochnäsigkeit nachdenken, doch im Kern ist doch zunächst
interessant, wieso Sebastian die Fehler auffallen und anderen nicht.
Sicherlich gibt es auch welche, denen die Fehler auffallen, sie aber
nicht anmerken. Aber auch hier muss man den Fehler erst einmal
erkennen können. Rechtschreibung und Grammatik sind vielleicht nicht
das beste Beispiel, da ja auch Teilleistungsprobleme denkbar wären,
doch das vernachlässige ich einfach mal. Und dass Intelligenz nicht
durch Rechtschreibregeln oder Grammatik abgebildet werden sollte, ist
auch klar.

Sebastian kann außerdem noch mehr. Ihm
fallen leicht und schnell Abweichungen und Veränderungen in
Ortschaften, bei Beschilderungen, bei Tafelskizzen oder Zeichnungen
auf. Den meisten seiner Mitschüler kann er die entsprechende
Handschrift zuweisen oder am Schriftbild der Adresse erkennen, wer
der Familie einen Urlaubsgruß zukommen lässt. Hinter diesen
Fähigkeiten verbirgt sich letztlich eine bunte Mischung aus
unterschiedlichen kognitiven Facetten, die da visuelle Wahrnehmung,
Mustererkennung und insbesondere Musterspeicherung heißen.

In seinem Falle trifft Forschung eben
Praxis: Sebastian macht mit seinen besonderen Fähigkeiten deutlich,
wie Modelle der Wissenschaft praktisch aussehen können. Aktuell
herrschen Modelle in der Intelligenz- und Begabungsforschung vor, die
einen dreistufigen Ansatz wählen: Cattell-Horn-Carroll-Theorie, kurz
CHC, wird diese genannt. Sie verbindet unterschiedliche Ansätze der
Intelligenz- und Begabungsforschung miteinander. In der CHC-Theorie
findet sich auch Sebastian wieder, der eine sehr gut entwickelte
visuelle Informationsverarbeitung besitzt. Diese ist z.B. gepaart mit
einer hohen und schnellen Informationsverarbeitung, die ihn befähigt,
bekannte Muster abzurufen und mit neuen zu vergleichen.

Wer eine kurze und prägnante Übersicht
zu einigen Modellen zu Intelligenz und Begabung lesen will, der lese
z.B. den Beitrag von: Rohrmann, Sabine: Hochbegabung – was ist das?
In: Koop, C. (et.al./ Hrsg): Begabung wagen. (2010).

Und wer es viel ausführlicher mag, der
nehme: Rost, Detlef: Intelligenz - Fakten und Mythen. (2009).