4. April 2013 | Götz Müller

Bis in die Oberstufe

Bekannt ist es vielen aus der eigenen Schulzeit – ganz unabhängig davon, ob Sie sich zur Gruppe höher oder Hochbegabter zählen. Mit zunehmendem Schulalter nehmen nicht die intellektuellen Fähigkeiten ab, sondern durch die Veränderung der formalen und inhaltlichen Bedingungen verändern sich die Anforderungen derart, dass auch für Hochbegabte kleine oder größere Anpassungsschwierigkeiten auftreten können.

Anlass für diesen Beitrag gibt mir das Gespräch mit einer Mutter, die bei ihrem hochbegabten Sohn, der die 7.Klasse eines Gymnasiums besucht, eine Versetzungsgefährdung befürchtet, „wenn das so weiter geht“. Aus der Grundschulzeit seien als Zensuren nur 1er und 2er bekannt; mit dem Wechsel auf das Gymnasium hätten sich wenige 3er, dann auch 4er ergeben. Doch sei nun mit dem zweiten Halbjahr der 6.Klasse und dem 1.Halbjahr der 7.Klasse eine deutliche Verschlechterung aufgetreten.

Abgesehen davon, dass eine Diskussion über eine hohe Erwartungshaltung, über familiäre Leistungsnormen und die Diskrepanz zwischen Mutter und Sohn angebracht wäre, findet sich dieser „Notenabfall“ bei vielen Schülerinnen und vor Allem Schülern. Worin kann dies begründet sein? Schauen wir uns zunächst die Grundschule an: Aus der Praxiserfahrung ist zunächst zu benennen, dass die Notengebung im Grundschulalter im Grand mit den Noten 2 und 3 abgedeckt ist. Insbesondere für Hochbegabte ist die Umsetzung des Schulstoffs leicht, so dass zudem kaum höhere Lernstrategien entwickelt werden müssen, was ein weiterer Aspekt in der Betrachtung ist. Außerdem werden in der Grundschule die Inhalte überwiegend sprachlich vermittelt, so dass auch im mathematisch-naturwissenschaftlichen Feld die Umsetzung durch sprachliche Fähigkeiten erfolgt. Der sprachlich Begabte hat Vorteile.

Mit dem Wechsel auf das Gymnasium verändert sich die Zusammensetzung der Klasse, die formalen Bedingungen nehmen eine Erweiterung des Fächerspektrums sowie der Lehrkäfte vor und auch in der kindlichen Entwicklung kommt es durch die anstehende Pubertät zu Veränderungen. Alles in Allem beginnt ein (nicht ganz) neues Spiel für die Schüler. Zu Beginn des Gymnasiums überwiegt nach wie vor die sprachliche Vermittlung schulischen Stoffes, was sich in dem hohen Anteil von Lesen, Verschriftlichen und mündlichem Arbeiten zeigt. Strategien der Textverarbeitung stehen in vielen Fächern im Vordergrung, wobei auch zunehmend reproduzierendes Lernen aufkommt, was am Beispiel „Europa und sein Länder“ für das Fach Erdkunde zu verdeutlichen ist. Für den Hochbegabten, der bis dato nebenbei gelernt hat, sind hier Umstellungsprozesse erforderlich. Zuhören und Drüberlesen reichen nicht mehr aus.

Mit zunehmender Laufbahn gesellt sich eine Vertiefung der Naturwissenschaften hinzu, die dann zu einer Ablösung der Hegemonialstellung der sprachlichen Fähigkeiten führt. Dies hat zwangsläufig auch eine Veränderung der Notengebung zur Folge, wenn nicht mehr die sprachlich orientierte Wiedergabe von Versuchsprotokollen, sondern Hebelgesetze o.ä. Anwendung finden. Insofern kommt es mit der 8. und 9.Klasse häufig auch zu Veränderungen der Notenstruktur der gesamten Lerngruppe. Deutlich erkennen kann man diesen Interaktionsprozess, wenn man einen Blick auf die Zeugnisse der Oberstufe wirft und die unterschiedlichen Lernfelder miteinander vergleicht. Durch die Spezifizierung, die die Oberstufe ermöglicht, lassen sich diese Unterschiede wieder etwas ausgleichen, so dass für viele Betroffene das Notebild wieder Besserung erfährt.

Aus der Praxis lässt sich klar sagen, dass es wichtig ist, die kritischen Jahre bis zum Eingang in die Oberstufe zu überstehen. Dass sich Noten verschlechtern, ist sozusagen vorprogrammiert. Auch durch innere Reifungsprozesse verliert sich die Begabung der Schülerin bzw. des Schülers nicht – egal, wie sich das System anstrengt, eine Verblödung kommt kaum zustande!