5. Mai 2014 | Götz Müller

Der ängstliche Verstand

Sich die Hand zu geben, ist Zeichen von Anstand – so die gängige Meinung im mitteleuropäischen Kulturkreis. Dass es dann die rechte sein sollte, ist meist ebenfalls bekannt. Wir folgen somit einer alten Tradition, die aus hygienischen Gesichtspunkten verworfen werden sollte, wie es mir ein junger, sehr begabter Jugendlicher im Gespräch erklärte.

Wahrscheinlich kennen Sie die bunten Bilder zu Hausstaub, diversen Erregern und Bakterien, die man so in kleinen Ecken, Türklinken und vor Allem auf Händen finden kann. Abgesehen von dem guten Geldstück, das aus so mancher Hand feine, kleine Mitbringsel für den nächsten Handschlag bereithält. Alexander hat – so die normale Betrachtung – gesteigerte Ängste vor Verunreinigung und kennt sich sehr gut mit möglichen Herden und Keimen aus. Eine Grippe im vergangenen Jahr, die ihm einige Tage intensiven Leidens bescherte, führte letztlich zur Dekompensation. Nun wächst er sich bis zu 40mal die Hände, lässt keine anderen Personen in sein Zimmer, wechselt Kleidung, bevor er das Zimmer betritt etc.

Eine mögliche Betrachtung, das Immunsystem zu stärken, wenn die Erreger – nach vorheriger Krise – erfolgreich bekämpft wurden, traf bei Alexander nicht ins Schwarze. Auch der Austausch über die Prävalenz möglicher Erkrankungen half nur bedingt weiter. Immerhin löste es leichte Irritationen aus und wir sinnierten eine Weil über Sinn und Zweck von Aktiv- und Passivimpfungen, dem Aussterben der Pest und dem Aufkommen des HIV-Virus. Aufzulösen aber war die Todesangst jedoch nicht. Es könnte ja doch sein.

Krankheitserreger sind überall. Wem haben Sie heute schon die Hand gegeben? Schon eine Klinke berührt? Zwar scheint das Risiko kalkulierbar, aber vorhanden allemal. Unser Verstand ist nicht rational, nicht vernünftig, nicht weise – er ist die Waffe des Menschen, die sein Überleben sichert. So hat er sich entwickelt, so wird es noch eine lange Zeit bleiben. Damit ist gemeint, dass auch bei hoher Begabung wie bei Alexander sich eine rationale Betrachtung in Wahrscheinlichkeiten verfängt, da wir in der Geschichte lernen mussten, auf Gefahren zu achten. Vorausschauend zu denken, war überlebenssichernd. Duftpyramiden in Höhlenbädern, die schlechten Geruch übertünchten – solche Vorfahren hat heute keiner, die sind bestimmt ausgestorben...

Alexanders Ängste und folgende Zwänge sind Resultat eines Verstandes, der jahrtausendelang trainiert wurde, Überleben zu sichern, da der Tod überall lauerte. Der Verstand ist eben gefärbt; er ist gerichtet auf Gefahr und die Vermeidung derselben. Die Gabe, entsprechend zu katastrophisieren, ist uns in die Wiege gelegt, damit wir alles dafür tun, dem nahen Ende zu entgehen. Sein hoch entwickelter Verstand präsentiert stolz, was die Evolution ihm beigebracht hat. Jeglicher Keim, jedes Symptom – wie schnell und leicht er es doch in Kategorien stecken kann und die „richtige“ Handlung ableiten kann?

Auf dem Weg, den wir in der Therapie nun gemeinsam gehen werden, gilt es, dies zu erkennen, die Gefahrenwelt zu erkennen und trotzdem in angemessener Form zu tun, was für eigene Ziele hilfreich ist. Gut, dass auch das Umlernen ein wenig vom Verstand abhängt!

Kategorien: Förderung

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