28. November 2011 | Tanja Gabriele Baudson

Gastbeitrag von Eva Wegrzyn: Kein Wissen ohne Macht – keine Macht ohne Wissen: Soziologische Perspektiven auf Hochbegabung (II)

Wie versprochen, folgt nun die Fortsetzung der soziologischen Perspektive – schön, dass Du wieder dabei bist, Eva! Heute wird es darum gehen, wer definiert, wer und was hochbegabt ist – und wer davon profitiert. Wenn man sich beispielsweise die Anzahl der Kinder aus weniger privilegierten sozialen Gruppen anschaut, die für Hochbegabtenfördermaßnahmen identifiziert werden, wird deutlich, dass diese Frage einiges an Sprengstoff beinhaltet … Für diejenigen, die erst neu dazugestoßen sind: Hier geht's zum ersten Teil der Soziologie der Hochbegabung. Ich wünsche den Leserinnen und Lesern nun viel Spaß!

In meinen Beiträgen stelle ich die Positionen eines dem Hochbegabungskonzept kritisch gegenüberstehenden Autors Leslie Margolin vor. Zugegeben, das Buch ist mit dem Erscheinungsjahr 1994 nicht aktuell. Die Argumentation des Autors kann jedoch für soziologische Perspektiven auf das Konzept der Hochbegabung  sowie eine interdisziplinäre Forschung fruchtbar gemacht werden. Im heutigen Beitrag benenne ich die zentralen theoretischen Bezugspunkte des Autors, den Entstehungskontext des Buches sowie Margolins erste These.

Zentraler Bezugspunkt Margolins ist das Machtkonzept von Michel Foucault (1926–1984), Philosoph, Psychologe, Soziologe und Historiker der in Paris lehrte und forschte. Foucaults zentrales Anliegen war es, die Entstehung von Macht und Techniken zur Durchsetzung von Macht, wie etwa Strafe, Überzeugung, Verführung aufzuzeigen. Foucaults These hierbei ist: Machtbeziehungen, z. B. zwischen Schüler/Lehrerin, Eltern/Kind, Chefin/Angestellter setzen ein entsprechendes Wissensfeld voraus, um wirksam zu sein. Diese Wissensfelder können sich beispielsweise auf Schule, Familie oder Beruf beziehen. Gleichzeitig gibt es kein Wissen, das nicht Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert. Zentral ist auch die Prämisse Foucaults, dass Macht produktiv ist, also nichts per se schlechtes. Das Stehen bleiben an einer roten Ampel ist hierfür ein Beispiel. Macht kann demnach also Unfälle verhüten.

Die Kernaussage in Bezug auf wissenschaftliche Konzepte: Wissen ist nicht 'unschuldig', also darauf wartend entdeckt zu werden, sondern entsteht in einem Geflecht von Mächtigen und weniger Mächtigen. Ob ein bestimmtes Wissen Bedeutung erlangt, wie etwa das um Hochbegabung, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Gibt es Leute die nach Messgrößen der Geisteskraft suchen? Warum tun sie das? Finden sie dankbare Abnehmer für ihre Ergebnisse und Theorien? Passen die Messgrößen in den Geist der Zeit in dem ihre EntwicklerInnen leben?

Auf die Frage in den Kommentaren zu meinem letzten Beitrag "Gibt es nun Personen, die auf gewissen Gebieten oder in gewissen Tests besser abschneiden als die meisten anderen oder gibt es sie nicht" würden Foucault und Margolin antworten: Wenn Sie solche Personen finden möchten, werden Sie dies auch tun. Ob es letztlich der 'tatsächlichen Denkleistung‘ der Getesteten entspricht – wer kann das tatsächlich objektiv beantworten? Warum sollen überhaupt Denkleistungen gemessen werden? Wer profitiert von dem Ergebnis? Kann man Denkprozesse überhaupt messen? Beeinflusst die Fragestellung nicht maßgeblich das Ergebnis? Was ist das implizite, also versteckte Ergebnis? Etwa eine Hierarchie zwischen Personen, die das Label 'hochbegabt', 'durchschnittlich begabt' oder 'unterdurchschnittlich begabt' bekommen? Mit welchen Konsequenzen?

Wie eben jenes Wissen um Hochbegabung entstand, welche Argumentationsmuster von Forschenden formuliert wurden und welche Konsequenzen dies hatte, sind Gegenstand des Buches "GoodnessPersonified" von Leslie Margolin.

Seine erste These lautet: Die Wurzeln der Hochbegabungsforschung in den USA sind 'weiß', der dazugehörige Baum heißt 'obere Mittelschicht'. Hochbegabte Kinder würden in den Forschungen als quasi perfekte kleine Wesen porträtiert. Alles das was sie sind (fleißig, diszipliniert, besonnen, bescheiden, schön, gut gebaut usw.), können (logisch und druckreif formulieren, abstrahieren usw.) und wollen (je nachdem ob Mädchen oder Junge: einen Job in der Ölindustrie, Wissenschaft oder eine Tätigkeit als Lehrerin/Musikerin, nach der Heirat versteht sich), fügt sich in den Jargon und Wertekanon der höher gestellten Bevölkerungsgruppen ein.

Die Kinder haben nach Aussagen von Forschenden wie Terman oder Hollingworth alles Potential das benötigt wird, um Großes zu erreichen. Denn: Studien über Genies (vielmehr über die großen Männer) der Geschichte belegten dies. Fast alle wären in ihrer Kindheit frühreif in der geistigen Entwicklung gewesen, dazu noch besonnen, bescheiden und aus mindestens der gehobenen Mittelschicht stammend – und das seit Generationen. Bereits ihre Väter und Urgroßväter verstanden es, Reichtum und Ansehen zu häufen. Die untersuchten Kinder der 1920er Jahre haben bereits als Babies außerordentliche Fähigkeiten an den Tag gelegt, sie sprachen und liefen früh und erfreuten sich an Spielen für ältere Kinder. Die in den 1920er Jahren untersuchten Kinder von Terman und Hollingworth gehörten fast ausnahmslos den reicheren Bevölkerungsgruppen an – und das, so betonen die Forschenden, seit Generationen.

Die Message: Hochbegabung ist etwas extrem Gutes, Tugendhaftes und das Ticket zu gesellschaftlichem Ansehen und Wohlstand. Entsprechende Kinder sind nicht nur schlau, sondern allen anderen auch moralisch überlegen. Hochbegabung kommt dazu nicht von Ungefähr – sie werde vererbt, abzulesen an den Eltern, Großeltern und Urgroßeltern der Kinder sowie ihrer frühreifen Entwicklung. Soziale Stellung und das Konzept der Hochbegabung stehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem engen Verhältnis und nicht nur das: Begabung ist biologisch, erblich und damit auch der soziale Stand. Die besser Gestellten können also nichts für ihre Position – sie nehmen sie 'natürlich' ein. Ebenso die Armen, die beruflich niedriger Gestellten wie etwa ArbeiterInnen, einfache Angestellte – also die große Mehrheit der Bevölkerung. Ethnische Minderheiten befanden sich größtenteils in der ärmeren Bevölkerungsmehrheit. Die Schlussfolgerung hieraus lautete: Hierarchien nach Klasse und Ethnie seien erblich bedingt. Hätten Ärmere bessere Gene für Begabung und allem was damit zusammenhängt (Können, Fleiß, Bescheidenheit, gutes Aussehen), hätten sie auch eine bessere Stellung. Offener Rassismus und Klassismus schwingen hier explizit mit.

Der Anfang 20. Jahrhunderts intensivierte Diskurs um Hochbegabung, so das abschließende Fazit des ersten Kapitels, soll soziale Hierarchien legitimieren und steht im Zusammenhang mit der eugenischen Bewegung. Es geht also um den Erhalt von Macht einer bestimmten Bevölkerungsgruppe durch die Schaffung eines entsprechenden 'Wissens' zur Begründung der sozialen Ordnung. In der aktuellen Forschung nimmt die kritische Diskussion um die Fragen zum Verhältnis sozialer Herkunft und Hochbegabung, v. a. im Kontext pädagogischer Maßnahmen, einen zentralen Stellenwert ein.