29. Oktober 2013 | Götz Müller

Hochbegabung – Entwicklung und Merkmale

Was ist eine Hochbegabung? Oft bezeichnen wir jemanden, der etwas gut macht, als begabt oder gar als hoch begabt. In diesem Fall nehmen wir eine Gleichsetzung von Leistung – eben dem, was er gut macht – und Begabung – dem, was ihn dazu befähigt – vor, die problematisch ist. Was aber steckt hinter dem Wort Begabung?

In der Etymologie dieses Wortes liegen Begriffe wie ‚ausstatten, beschenken‘, die ursprünglich auf konkrete Situationen wie die einer Hochzeit bezogen waren. Begabung wird als eine ‚Schenkung‘ verstanden, im Zusammenhang mit Talent als ‚etwas, was man mitbekommen hat‘. Diese Entlehnung stammt aus den biblischen Übersetzungen des Gleichnisses von den anvertrauten Talenten (auch: Zentnern oder Pfunden), das eine Gabe Gottes an den Menschen thematisiert.

Allgemein wird unter Begabung die Gesamtheit der angeborenen Fähigkeiten verstanden, die einer Person ermöglichen, Leistungen in einem bestimmten Bereiche zu erbringen. Intelligenz wird häufig und umstrittenerweise mit Begabung identifiziert. Denn es liegt nahe, den Begriff der Begabung umfassender zu sehen. Zwei Positionen kennzeichnen die Begabungsforschung: die endogenistische oder statische sowie die dynamische Auffassung von Begabung.

Die statische Definition der Begabung basiert auf der psychophysischen Konstitution des Menschen und sieht Begabung als etwas, das in seinem Ausmaß veranlagt ist. Begabung ist somit etwas durch und durch Angeborenes. Ähnlich wie die Farbe der Augen hat man sie von Geburt an und behält sie sein ganzes Leben lang. Sie ist im wesentlichen unveränderbar und von Umwelteinflüssen unbeeinflussbar. In der Psychologie spricht man von einer angeborenen Begabungsdisposition, aus deren Perspektive der englische Psychologe Burt vor Jahrzehnten einen Vergleich zog: „(...) und wenn ein Kind mit einem geringen Maß an vererbten Fähigkeiten geboren wurde, wäre es genauso unsinnig, wenn der Lehrer versuchte, ihm die volle Menge an Wissen und Können einzuflößen wie zwölf Unzen einer Medizin in eine Flasche von acht Unzen zu füllen.“ In diesem Sinne lässt es sich auch anders ausdrücken: Wir haben es, oder wir haben es nicht.

Dem statischen steht der dynamische Begabungsbegriff gegenüber, der ausgehend von einer angeborenen Veranlagung die Plastizität derselben einbezieht. Begabung kann sich durch die Umwelteinflüsse entfalten und ist zu verstehen als Ergebnis von Lernprozessen. Begabung ist somit veränderbar. Eine extrem dynamische Position, dass bestimmte Umwelteinflüsse beispielsweise aus normal begabten Kindern hoch begabte machten, wird von WINNER als mythisch dargestellt, denn diese Auffassung ignoriere, dass die Biologie einen wesentlichen Anteil daran hat, ob die Umwelt etwas Formbares vorfinde. Die heutige Begabungsforschung versucht, beide Positionen zu vereinbaren, denn „Begabung ist (...) nicht einfach eine Eigenschaft von Individuen, sondern stets auch das Resultat der Interaktion zwischen dem Individuum und dem soziokulturellen Kontext, in dem es lebt.“ (WALDMANN & WEINERT, 1990). Es scheint so zu sein, dass Begabung in ständiger Interaktion mit der Umwelt zu verstehen ist. Letztlich stellen sich andere Probleme, die auf die Komplexität einer gezeigten Leistung – der Repräsentation einer Begabung – zurückzuführen sind. Ohne Zweifel ist, dass ein Individuum mit Fähigkeiten ausgestattet – sozusagen begabt – ist, wobei das Resultat der Begabung – z.B. gut mit einem Fußball umgehen zu können – von uns als Indikator für Begabung angesehen wird. Wir sprechen dann von fußballerischer Begabung, vernachlässigen jedoch, dass viele Trainingsstunden in die gezeigte «Begabungsleistung» eingeflossen sind. Fraglich sind die Verhältnisse, in denen tatsächliche Begabung und Umwelt zusammenwirken können und das Produkt Leistung ermöglichen. Kann die Umwelt einen so starken Einfluss ausüben, dass ein grobmotorisch veranlagter Mensch jemals Fußball spielen kann wie Mario Götze?

Im Übrigen formulierte bereits in den 70er-Jahren KLAUER nachdenklich, dass die Debatte um Statik oder Dynamik, um Erbe oder Umwelt hinfällig wird und vielmehr interessieren sollte, „die Frage des Wie zu untersuchen (...), denn erst aus der Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten könne man Voraussagen ableiten, die den Pädagogen interessieren.“

Dies aber beantwortet nicht die Frage, was nun unter einer Hochbegabung zu verstehen ist. Hierüber gehen die Meinungen auch weit auseinander. Eine brisanter Punkt ist bspw. die soziale Kompetenz, die den Hochbegabten fehlen soll.

Wissenschaftlich wird das Bild klar und eng umrissen. Merkmale und Anzeichen, die nahe der Intelligenz liegen, werden da genannt: Merk- und Erinnerungsfähigkeit, rasche Auffassungsgabe, logisch-schlussfolgerndes Denken, hohe sprachliche Fähigkeiten, auch differenziertes Zeichnen und Malen, frühe und intensive Beschäftigung mit Buchstaben und Zahlen. Doch besonders für nach Orientierung suchende Eltern ist hier Klarheit zu fordern: Hochbegabung ist erkennbar – und mittels Diagnostik dann auch feststellbar – bei Kindern, die sich hinsichtlich ihrer kognitiven Fähigkeiten von gleichaltrigen Kindern positiv unterscheiden.

Den emotionalen Problemen mancher Hochbegabter, den Entwicklungsphasen wie auch den natürlichen Differenzen zwischen Begabung und (schulischer) Leistung folgend, weist eine Vielzahl an Literatur auch auf nicht-kognitive Aspekte hin. So wird manches Mal ein schneller Entwicklungsverlauf genannt (so kann bspw. das Krabbeln als Phase übersprungen worden sein), auch tauchen die Begriffe wie Perfektionismus oder Kreativität auf. Sicherlich haben auch diese ihre Berechtigung, im Felde der Hochbegabung genannt zu werden, doch sollten sie deutlich nachrangig behandelt sein. Es ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass mit nicht-kognitiven Merkmalen der Begriff Hochbegabung aufgeweicht wird. Solche Merkmale sind nicht „trennscharf“, denn auch andere Gruppen wie hyperaktive ADHSler neigen zum Überspringen von Entwicklungsphasen oder sind durchaus kreativ.