2. Januar 2011 | Tanja Gabriele Baudson

Hochbegabung im Spiegel von GoogleBooks

Auf ein ganz tolles Tool wurde ich dank Markus A. Dahlem, dem SciLogs-Kollegen von der Grauen Substanz aufmerksam: Google NGrams durchsucht das Korpus von GoogleBooks, sodass man schauen kann, wie häufig bestimmte Begriffe vorkommen. "Giftedness" und das deutschsprachige Äquivalent "Hochbegabung" sind natürlich meine Lieblingsbegriffe, und die Ergebnisse sind sehr interessant!

Hier kann man sehen, wie sich "Giftedness" im englischsprachigen Korpus darstellt:

Giftedness

Um den Beginn des 20. Jahrhunderts erschloss sich erstmals die Möglichkeit, Intelligenz zu testen. In der Grafik sind auch deutlich die Auswirkungen des Sputnik-Schocks zu erkennen: Nachdem die Russen den Weltraum "erobert" hatten, setzte in den USA eine massive Bewegung ein, das intellektuelle Potenzial in der Bevölkerung besser zu fördern, damit so etwas nicht noch einmal geschähe. Frühförderprogramme wie "HeadStart" (oder auch die "Sesamstraße"!) sind einige Beispiele dafür, wie versucht wurde, die Intelligenz zu fördern.

 

Und hier das deutschsprachige Pendant "Hochbegabung":

Hochbegabung

1916 erschien ein Artikel von William Stern, der sich als einer der ersten deutschsprachigen Forscher mit Intelligenz und Begabung auseinandersetzte: "Psychologische Begabungsforschung und Begabungsdiagnose". Die Auswirkungen zeigen sich in der Grafik. Stern zeigte darin, dass eine unglaubliche Menge an Potenzial (von ihm zeitgemäß pathetisch als "geistige[r] Nationalschatz an Begabungen" bezeichnet) verloren geht, weil es in der Schule nicht erkannt wird. Was mir bei ihm besonders gefällt, ist, dass er auch die motivationale Komponente berücksichtigt: Um eine Begabung zu realisieren, braucht es auch Interesse und Tüchtigkeit. Hier das Originalzitat:

Die Bewegung für Förderung der Tüchtigen muss daher erstens dafür sorgen, dass nicht die intellektuelle Begabung für sich allein bestimmend bei der Auslese wird, sondern dass die Stärke des Interesses und der Tüchtigkeit der Willenssphäre zur Entscheidung mit herangezogen werden; sie muss zweitens bei der Erziehung der Begabten diesen immer wieder und wieder den Satz zu Gemüt führen: Begabung ist kein Verdienst, sondern eine Verpflichtung.

 

Nach den egalitären 1960er und 1970er Jahren, in denen die Förderung der Benachteiligten viel stärker im Fokus stand als eine weitere unselige Elitenbildung, folgte dann in den 1980ern eine Wiederentdeckung der Hochbegabung in Folge eines Arbeitstreffens in Hamburg, dem 1985 ein weltweiter Kongress folgte. Seitdem steigt die Verwendung kontinuierlich … oder sollte man sagen: inflationär?

 

P.S.: Für alle, die selbst mal ein paar Suchbegriffe eingeben wollen: Hier geht's zu Google Ngrams.