31. August 2012 | Götz Müller

Jonas' Sozialkompetenz (2)

Hier bin ich wieder live aus der Praxis: Vor den Sommerferien hatte ich von dem 11-jährigen Jonas berichtet, der aufgrund sozialer Interaktionsprobleme von seinen Eltern bei mir vorgestellt wurde. Ich hatte schon erläutert, dass er eine kleine Odyssee hinter sich gebracht hat – von Beratungsstelle für Hochbegabung über Psychotherapeut bis hin zum sozial-pädiatrischen Zentrum war vieles dabei.Was ich damals schrieb, ist nun nur minimal anzupassen, denn im Großen und Ganzen hat sich der erste Eindruck bestätigt. Jonas ist hoch begabt, liebt Fußball (Ergänzung: spielt wohl „mittelprächtig“, Familie ist aber hochgradig im Fußball-Fan-Club der Eintracht Frankfurt verwurzelt), zurückhaltend, unsicher wirkend. Das ist zunächst auch so geblieben, nur hatte Jonas Geburtstag und ist 12 Jahre jung. Vergessen möchte ich nicht, dass Jonas bereits beim Erstgespräch selbst festgestellt hat, dass er nach der Teilnahme an einem Sozialen Kompetenztraining durchaus Erfolge in der Interaktion zu verzeichnen hatte, nicht aber im inneren Erleben. Nach wie vor leide daran, denn Zugehörigkeit erlebt er nicht. Er fühlt sich weiterhin schlecht, erlebt sich als unzulänglich und schwach. Insofern war er nicht nur fremdmotiviert, sondern hatte auch für sich ein klares Anliegen. Nun sind wir ganze sechs Gespräche weiter, die sich durch die Sommerferien eben ein wenig hingezogen haben. Am Mittwoch haben wir uns verabschiedet und festgelegt, dass wir uns erst nach den Herbstferien zu einer Lagebesprechung zusammensetzen werden. Was ist passiert?

Im Gespräch mit den Eltern sind viele Aspekte besprochen worden, die – das bemerke ich gern – in einigen Blogkommentaren thematisiert wurden. Die kritische Betrachtung der Haltung der Schule ließ sich durchaus bestätigen, denn Aussagen von Lehrern wie „Das müssen die selbst regeln“ oder „So schlimm ist das doch nicht. Das findet andauern statt.“ erschwerten den Eltern in der Vergangenheit den Zugang zur Schule. Eine Regulieren der offensichtlich nicht vorhandenen sozialen Reife bzw. Kompetenz der Mitschüler stand somit nicht zur Debatte, wenngleich ehrlich festzuhalten ist, dass pubertierende Unterstufenschüler manches Mal eher einer Horde von Jungtieren in Rivalenkämpfen ähneln. Kleine kurzfristige Erfolge wie Sitzplatzwechsel oder Absprachen zum Aufenthaltsort in den Pausen wirkten nur oberflächlich, denn für Jonas ergab sich daraus ja immer noch kein Zugehörigkeitsgefühl. Hat er ja auch recht, wenn er sagt, dass eigentlich die anderen hier bei mir sitzen müssten.

Interessant war der Bezug, der sich zum Thema Selbstwert herstellen ließ. Was kommuniziere ich eigentlich, wenn ich Maßnahmen ergreife, um irgend etwas zu verbessern, was anscheinend nicht der Norm entspricht? Auch dies war ein Punkt, der für Eltern und weitere Beteiligte durchaus transparent war. Gerade das durchgeführte Soziale Kompetenztraining ist ein Paradebeispiel dafür, dass zwar Fertigkeiten zum Durchsetzen oder Freunde gewinnen erlernbar sind, die Grundlage aber – im Sinne von „Ich mag mich, egal, was andere denken oder tun“ - kaum aufgegriffen wird. Gut, man könnte mutmaßen, dass indirekt eine Stabilisierung oder Besserung erfolgen kann, wenn sich die Interaktion mit den anderen bessert, doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass eine Kopplung des Selbstwerts und der Stimmung suggeriert wird.

Mit Jonas ließ sich erst einmal das „Problem“ umreißen und klären. Nach gemeinsamer Analyse ließ sich sein Problem in ein Ziel umformulieren: Ich hätte gern einen Freund in der Schule. Wir hatten bereits geklärt, dass er zwei Freunde hat, doch wohnt der eine weit entfernt, der andere besucht eine andere Schule. Über diesen Weg mussten wir klären, was eigentlich ein Freund ist, was Menschen zu Freunden macht usw. Auch dies gelang ganz gut, denn Jonas erarbeitete für sich, dass z.B. gemeinsame Hobbys und Interessen eine Grundlage für eine Freundschaft sein können. In unseren Gesprächen fielen auch Stichworte wie Vertrauen, gegenseitig helfen usw. Wir sind dann auf die Idee gekommen, mal in der Erwachsenenwelt zu forschen, wie denn dort Freundschaften verstanden und gelebt werden. Nebenbei: Welche Freunde haben Sie? Wir haben festgestellt, dass tatsächlich Gemeinsamkeiten wichtig sind. Und wir haben festgestellt, dass anscheinend die wichtige Zeit nicht der Kindergarten, die Grundschule und die Unterstufe sind, sondern sich eine Tendenz abzeichnet, dass so ab 14, 15, 16 – bei manchen sogar später – die Freundschaften entstanden sind, die im späteren Leben noch bestehen. Die Befragung weitete Jonas im Übrigen aus: Sein geliebter Mathe-Lehrer habe wohl erst während des Studiums und Referendariats seine Freunde fürs Leben gefunden.

Woran mag das wohl liegen? In frühen Jahren sind wir kaum in der Lage, an mehr als nur uns selbst zu denken. „Freunde im Sandkasten“ gibt es bei genauerer Betrachtung nicht, dies sind allenfalls Spielgemeinschaften, eher ein Nebeneinanderspielen. Grundsätzlich war die Klärung des Begriffs Freund ein guter Schritt, denn Jonas erkannte für sich, dass es nicht gleich um den Freund geht, sondern um Kontakte, um Spielfreunde, mit denen man etwas machen kann, was Spaß macht. Seine, für Hochbegabte häufig typische Vorstellung eines wahren Freundes hatte er angepasst.

Aber das Leben spielt eben anders, als man plant. Im Grunde hätten wir uns die Termine sparen können, denn zu Schulbeginn wurden die Klassen verteilt und neu zusammengelegt - besser hätte es jetzt nicht laufen können. Jonas hat sich mit zwei neuen Mitschülern angefreundet, hat seit Schulbeginn gute Pausen zu dritt und wird am heutigen Freitage das erste Mal bei seinem neuen Freund, nein, nicht richtig, Spielkameraden übernachten. Hoffen wir, dass es so weiterläuft! Ich berichte dann gegebenenfalls nach den Herbstferien.