21. Juli 2014 | Tanja Gabriele Baudson

Kreativität und Innovation im Fußball: Warum Jogis Jungs Weltmeister wurden

Vor einer Woche ist der Fußball-Weltmeistertitel an Deutschland gegangen – Zeit, die WM noch einmal Revue passieren zu lassen und zu analysieren; denn der Erfolg "unserer" Jungs war kein Zufall! Ich freue mich, dass wir zu diesem Anlass einen Gastautor gewinnen konnten: Claus Martin, seines Zeichens Musiktheaterregisseur und -komponist - und begeisterter Fußballfan. Ab dem nächsten Beitrag widmen wir uns dann wieder anderen Aspekten hoher Begabung – aber es war einfach eine tolle WM, das müssen Sie zugeben! Damit gebe ich das Wort weiter – vielen Dank, Claus, dass Du Dich zu diesem Beitrag bereit erklärt hast!

Alle vier Jahre erweist sich die Fußballweltmeisterschaft als ein Schaulaufen der Weltstars. Spieler wie Beckenbauer, Maradona oder Zidane waren die prägenden und für die jeweilige Weltmeistermannschaft unersetzlichen Spieler, die Genies und unumstrittenen Herrscher auf dem Platz – die Hochbegabten vergangener Jahre. Auch die WM 2014 hat solche hochbegabten Ausnahmekönner gesehen (Neymar und Lionel Messi), die sich durch ihre virtuose Ballbehandlung auszeichnen. Interessanterweise fehlt jedoch in der deutschen Weltmeistermannschaft ein solcher Virtuose.

Die Begabungen der deutschen Spieler liegen auf einem anderen Gebiet. Gewiss, sie beherrschen alle ihr solides fußballerisches Handwerk auf hohem Niveau. Doch ihre Besonderheit liegt in ihrer Vielseitigkeit. Dazu muss man wissen, dass noch bis weit in die 70er Jahre jede Spielposition eine klare Aufgabe hatte (z.B. Rechter Läufer, Linksaußen, Mittelstürmer, Libero etc.). Spieler wurden für diese Positionen ausgebildet und spezialisierten sich. Die Aufgabe des Trainers bestand im Wesentlichen darin, in seinem Kader den jeweils am besten geeigneten Spieler für die jeweilige Position zu finden und ihn dann dort spielen zu lassen: Der Spieler wusste, was er zu tun hatte, denn er war ja ein Spezialist. Der moderne Fußball ist zwar diesbezüglich erheblich weniger dogmatisch, aber dennoch haben sich diese altehrwürdigen Standardpositionen bis heute in der Namensgebung erhalten („Doppel-Sechs“, „Falsche Neun“ etc.), und noch immer orientiert sich die Ausbildung der Spieler daran.

Das könnte sich möglicherweise in Zukunft ändern; denn Löws Erfolgsmodell setzte auf Spielertypen, die sich durch hohe Flexibilität auszeichneten, also gerade durch eine Nicht-Spezialisierung. In der Verteidigung beispielsweise spielten ausschließlich „gelernte“ Innenverteidiger, somit wurden auch die Außenpositionen von „Innenverteidigern“ besetzt. Außerdem trat die Mannschaft mit nur einem einzigen „nominellen“ Stürmer an - dem 36-jährigen Miroslav Klose. Alle anderen Spieler waren entweder gelernte Verteidiger oder Mittelfeldspieler. Mit diesem „Sturm ohne Stürmer“ erzielte die DFB-Elf die meisten Tore aller teilnehmenden Mannschaften.

Durch die enorme Flexibilität seiner Spieler war es Löw beispielsweise möglich, nachdem (im Spiel gegen Algerien) gleichzeitig die beiden Verteidiger Hummels und Mustafi verletzt waren, während des Spiels (!) taktisch umzustellen und den Mittelfeldspieler Philipp Lahm auf der Position des rechten Außenverteidigers spielen zu lassen – und das Spiel zu gewinnen. Im Finale wurde dem Weltfußballer Lionel Messi kein „Bewacher“ (früher: „Manndecker“) zugeteilt. Er wurde in Raumdeckung jeweils von jenem Spieler gedeckt, in dessen Nähe er sich befand. Messi erzielte kein Tor.

Philipp Lahm, von dem sein Trainer Pep Guardiola sagt, er sei „der intelligenteste Fußballer, der mir je begegnet ist“, ist ein Musterbeispiel für diesen neuen Spielertyp: den Generalisten. Er ist als offensiver Mittelfeldspieler ebenso einsetzbar wie als Verteidiger (und das trotz seiner geringen Körpergröße). Durch sein vorausschauendes Spiel begeht er so gut wie keine Fouls.

Einer von Löws Lieblingsspielern ist Thomas Müller, der ganz gewiss kein begnadeter Techniker ist. Aber er ist kreativ, das ist sein Kennzeichen. Was in der Fußballersprache etwas diffus „ungewöhnliche Laufwege“ genannt wird, ist nichts anderes als: das Unerwartete tun. Mehmet Scholl sagte im ZDF: „Er tut Dinge, die ein Stürmer nicht tut.“ Er ist unberechenbar, weil er sich nicht wie ein Spezialist verhält. Das Entscheidende für den Erfolg der Mannschaft ist es, diese Unberechenbarkeit auszuhalten, sie als Qualität zu erkennen und im Sinne der Mannschaft zu nutzen. Denn natürlich ist ein Müller auch für die eigene Mannschaft, den eigenen Trainer unberechenbar. Viele Trainer der älteren Generation hätten Müller an die Kette gelegt, in das taktische Konzept des Trainers gezwungen, ihm seine „Eskapaden“ verboten und ihn dadurch seiner Qualitäten beraubt.

Ein weiteres Musterbeispiel für den Typus des vielseitigen Fußballers ist Manuel Neuer. Spätestens seit der WM ist Neuer international als der gegenwärtig beste Torwart der Welt anerkannt. Er kann nicht nur das, was alle großen Torhüter können: Bälle fangen. Er kann außerdem noch etwas anderes: Fußball spielen. Er interpretiert seine Rolle so, dass der Torwart tatsächlich zeitweise als elfter Feldspieler fungiert. Bei eigenem Ballbesitz kommt er weit aus seinem Tor hinaus, bis 20 oder 30 Meter, um sozusagen als Libero hinter der Abwehr sich als aktive Anspielstation anzubieten, und nicht nur als Notlösung für den unbeliebten Rückpass. Das kann er sich natürlich nur deshalb erlauben, weil er über die technischen Fertigkeiten eines Feldspielers verfügt. Christoph Metzelder urteilt über seine fußballerischen Qualitäten: „Manuel könnte auch Innenverteidiger spielen.“ Sein technisches Niveau legt den Schluss nahe, dass Neuer diese Fähigkeiten gezielt trainiert: Er ist nicht „zufällig“ ein Generalist, sondern mit voller Absicht.

Dies ist also der Stoff, aus dem die Weltmeistermannschaft gemacht ist: Innenverteidiger, die auch Außenverteidiger spielen können. Mittelfeldspieler, die nahtlos im selben Spiel Verteidiger spielen können. Ein kreativer, unberechenbarer Mittelfeldspieler, der bei zwei Weltmeisterschaften 10 Tore schießt. Und ein Torwart, der bei eigenem Ballbesitz zum elften Feldspieler wird.

Am Beispiel der tragischen Verletzung von Neymar erweist sich das gegenteilige Konzept: Den Brasilianern wurde der einzige Spieler geraubt, auf den das gesamte Spiel zugeschnitten war, und die Mannschaft ging kläglich unter. Umgekehrt verletzte sich Sami Khedira beim Aufwärmen vor dem Finale und wurde durch den unerfahrenen Christoph Kramer ersetzt. Zum Staunen der Welt erwies sich das keineswegs als Problem: Kramer kannte das Team und war mühelos in der Lage, sich einzupassen.

Löws Erfolgsmodell besteht also darin, solchen Spielern den Vorzug zu geben, die über den Tellerrand hinausschauen. Spieler, die zwar ihr Handwerk beherrschen, die aber keine Fachidioten sind. Spieler, die den Blick für das Ganze haben. Mit anderen Worten: Spielern, die vielseitig begabt sind.

Ich glaube, dieser Ansatz hat das Potenzial, auch in anderen Bereichen unseres Lebens umgesetzt zu werden. Vielseitige Begabungen sind ein Kapital, das wir meist zu wenig nutzen. Noch immer stößt man oft auf das ausgesprochene oder unausgesprochene Vorurteil: "Ein vielseitiger Mensch kann zwar vieles, aber nichts richtig.“ Dass Vielseitigkeit etwas völlig anderes ist, als nur an vielen Ecken gleichzeitig herumzuwerkeln zeigt das Beispiel der Nationalelf. Jemand mit mehr als nur einer Begabung hat eben die Möglichkeit, über den Tellerrand hinauszusehen, seine eigene Begabung im Licht seiner anderen Begabung zu reflektieren und damit Ergebnisse zu erzielen, zu denen er nicht imstande gewesen wäre, wenn er immer nur auf seine „ursprüngliche“ Begabung fixiert gewesen wäre: Ein Verteidiger kann besser verteidigen, wenn er gelernt hat, wie ein Mittelfeldspieler zu denken. Und viele große Fortschritte in der Wissenschaft wurden von Wissenschaftlern erzielt, die althergebrachte Denkmodelle mit einem Blick von außen hinterfragten anstatt sie immer weiter zu vertiefen.

Unsere Welt wird immer komplexer. Die Reaktion darauf war in den vergangenen Jahren eine Renaissance des Spezialistentums. Weil das Wissen ständig zunimmt, beschäftigt sich jeder nur noch mit einem kleinen Ausschnitt, um wenigstens diesen kleinen Teilbereich noch umfassend zu beherrschen.

Die Weltmeistermannschaft von 2014 geht den umgekehrten Weg, und zwar mit Erfolg. Und es spricht vieles dafür, dass dieses Modell auch außerhalb des Fußballs funktioniert.

Löw bevorzugt beidfüßige Spieler: solche mit zwei Standbeinen. Es wäre wunderbar, in Zukunft auch außerhalb der Nationalmannschaft mehr solche Menschen zu sehen!