1. Februar 2013 | Götz Müller

Nils springt

Zwar nicht in die Dusche, aber ein wenig ins kalte Wasser: Zum Halbjahreszeugnis ist bei Nils die Frage von Seiten der Schule gestellt worden, ob er nicht ins nächsthöhere Schuljahr springen solle. Seine Leistungen im 3.Schuljahr sind durchgängig als sehr gut eingestuft, seine Lese- und Rechtschreibfertigkeiten entsprechem dem Niveau von 4.Klässlern, was auch für das Rechnen gilt. Nun möchte die Schule den Weg der Akzeleration einschlagen.

Das „Springen“ zieht zahlreiche Konsequenzen für Nils nach sich: Die Lernsituation verändert sich, da insbesondere im Grundschulbereich neben leicht reproduzierbaren Inhalten methodische Fertigkeiten entwickeln müssen. Auch werden die Anforderungen an motivationale und kognitive Fähigkeiten wie Anstrengungsbereitschaft, Ausdauer und Konzentration erhöht, da nach dem ersten und zweiten Schuljahr eine Grundlage von Fertigkeiten entwickelt ist. Von älteren Schülern wird zunehmend mehr Geschwindigkeit in der Informationsverarbeitung gefordert, die Quantität nimmt zu. Zudem wird der Anspruch an die Selbständigkeit und Selbstregulation bei der Erledigung von Aufgaben erhöht, soziale Lernformen kommen hinzu.

Insbesondere im Bereich des Lesen und Schreiben ist zu berücksichtigen, dass zunächst – unabhängig von der Schwierigkeit des zu Lesenden oder zu Schreibenden – entweder ein bereits vorentwickeltes Niveau vorliegt (also wie bei Nils) oder ein solches zu erwarten ist (was die Pädagogen in Anbetracht der Entwicklung einschätzen können). Denn größere Schübe in diesen Bereichen lassen sich nicht in kurzer Zeit nachholen. Kinder, die trotz hoher Begabung, in diesen Bereichen über altersangemessene Fertigkeiten verfügen, können häufig den quantitativen Anforderungen nach dem Sprung in die höhere Klasse nicht gerecht werden. In solchen Fällen kann sich kurzfristig das Leistungsniveau senken, was auch die Integration in die Klasse erschweren kann. Entscheidend ist aber die mittelfristige Entwicklung, hier meist der Zeitraum eines Halbjahres, in welchem die Fortschritte zu betrachten sind. Im Fokus müssen also nicht die Inhalte stehen, sondern vielmehr die methodischen und technischen Fertigkeiten.

Häufig bestehen Sorgen über die soziale Entwicklung, was auch bei Nils der Fall ist. Die Eltern sind verunsichert, da einige Freunde Nils' aus seiner Klasse stammen, wohl aber auch aus Umgebung und Verein. Wird Nils in der neuen Klasse Fuß fassen? Wahrscheinlich ja, lautet die Antwort der Eltern selbst, denn Nils ist grundsätzlich kontakfreudig, sozial attraktiv und, weil er im Oktober geboren ist, altersmäßig relativ nah an dem Alter der dritten Klasse, was auch für das Fach Sport von Bedeutung ist. Das „natürliche“ Kriterium für Jungen eben. Die Diskussion über das jugendliche Alter als Abiturient will ich an dieser Stelle außen vor lassen.

Die Weichen sind gestellt: Wenig deutet bei Nils auf Langeweile infolge von nicht erfolgter kognitiver Auslastung hin, er geht eigenaktiv mit Leerlaufphasen um, in denen er recht genügsam zeichnet oder Zahlenrätsel löst, ohne nach ständiger Fremdbeschäftigung zu fragen. Die Kulturtechniken sind weit entwickelt, der Altersunterschied in überschaubarem Maße gegeben. Insofern ist das Springen nicht als Flucht nach vorn anzusehen, sondern mehr als eine Überlegung wert, um Nils die Chance zu geben, sich weiterzuentwickeln. Am Montag geht es in der 4.Klasse weiter!