11. Juni 2013 | Götz Müller

Übung macht den Meister

Viele hochbegabte Schüler hören das nicht gern: Übung macht den Meister! Und doch wird es oft ausgesprochen, wenn es um schulisches Lernen geht. Und dabei sollte nicht nur an das Lernen von Vokabeln gedacht werden, sondern auch an methodische Kompetenzen wie z.B. aus Texten die Kernaussagen herauszulesen. Selbstverständlich drängt sich da die Frage auf, warum das denn so ist. Insbesondere für heranwachsende Lernende steckt hinter jedem Tun viel Information darüber, was man kann, was man ist und was man nicht kann und nicht ist. Persönlichkeit wird entwickelt, die im Idealfall sich selbst mag und das Bild eines fähigen und wirksamen Menschen enthält. Dafür ist es auch wichtig, dass Fähigkeiten vorliegen, die im ewigen Wettbewerb mit anderen Heranwachsenden möglich gut, am besten besser entwickelt sind.

Insofern ergibt sich aus dem Satz „Übung macht den Meister“ ein Dilemma, denn die einfache Verknüpfung von Leistung und Übung liefert den Boden für eine andere Form von Grundannahme: Wer viel übt (üben muss), hat weniger Begabung. Nun liegt es nahe, an pubertierende Jugendliche zu denken, die alles dafür tun, das Lernen zu umgehen, statt ein paar Minuten für Vokabellernen zu opfern. Wenn gelernt wird, besteht bei Versagen oder auch Ausbleiben des erwarteten Mehrgewinns die Gefahr, systematisch Selbstabwertung betrieben zu haben. Wer will das schon?!? Grundlage hierfür bildet die einfache Gleichung aus „Ergebnis ist gleich Fähigkeit plus Aufwand“. Erbringe ich bei gleichem Ergebnis mehr Aufwand, so muss meine Fähigkeit sinken. Insofern ist es verständlich, ökonomisch und psychisch gesund, möglichst wenig zu tun. Anwendbar scheint das unbeliebte Sprichwort in der Schule für Hochbegabte kaum, da auf Abruf immer wieder Leistungslichter möglich sind. Intelligenz bedingt nun einmal, sich relativ schnell in Systeme eindenken und logische Ableitungen treffen zu können, was – insbesondere aufgrund der Schnelligkeit – dem steten Üben widerspricht.

Im Bereich der Expertise hingegen kommt man Übung nicht vorbei. Auch hier gilt: Als nötige, aber nicht hinreichende Bedingung für eine Spitzenleistung wird Intelligenz angesehen. Insbesondere ist dies anwendbar, wenn es sich um eingegrenzte Bereiche handelt, in denen spezifisches Wissen einen Einfluss auf die Erbringung von Leistungen hat. Hier wird angenommen, dass Intelligenzunterschiede deutlich in den Hintergrund rücken, wenn die Lernenden über spezifisches Vorwissen verfügen. Allerdings ist dies nicht für alle Intelligenzgruppen gültig, denn je komplexer die Anforderungen werden, desto höher wird das grundlegende Intelligenzniveau - wenngleich dem Vorwissen nach wie vor ein Grand zuzusprechen ist. Und Vorwissen erwirbt man sich durch Übung, welche eben Zeit kostet. Schneider (2000) hat hieraus ein Modell des Schwellwertes gemacht, in welchem postuliert wird, dass das erbrachte Leistungniveau ab einem Grenzwert der Intelligenz im wesentlichen von nicht-kognitiven Merkmale abhängt. Unter diesen versteht er Interesse, Motivation, Ausdauer oder Konzentrationsfähigkeit, während er als Grenzwert für den IQ eine leicht überdurchschnittliche Begabung benennt. Eine Hochbegabung muss es gar gar nicht sein.

Aus „Übung macht den Meister“ formt sich somit eher: „Ein gutes Pferd springt eben nur so hoch, wie es muss.“

 

Literatur: Schneider, W. (2000). Giftedness, expertise, and (exceptional) performance. A developmental perspective. In: Heller, Mönks, Sternberg, & Subotnik: International handbook of research and development of giftedness and talent. London, UK: Elsevier Science.