31. Dezember 2012 | Tanja Gabriele Baudson

Vom Potenzial zur Leistung

Die hier schon des Öfteren angesprochenen "Underachiever", deren Leistungen hinter dem zurückbleiben, was man eigentlich erwarten könnte, zeigen es wahrscheinlich am deutlichsten: Potenzial entfaltet sich nicht unbedingt von selbst. Welche Gedanken sich die Hochbegabtenforschung dazu in Form von theoretischen Begabungsmodellen gemacht hat, will ich Ihnen heute - zumindest in Auszügen - vorstellen.

Bei allem Bestreben nach "Potenzialförderung", "früher Identifikation von Begabungen" und was sich die Politik sonst noch gern so auf die Fahnen schreibt, stellt sich bei der ganzen Geschichte doch durchweg ein zentrales Problem: nämlich das, dass Potenzial nur sehr schwer zu erkennen ist, wenn es sich nicht in Leistung manifestiert. Denn bekanntlich sind Prognosen ja insbesondere dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Häufig hört man dann sogar den Umkehrschluss: Wenn ein als hochbegabt diagnostizierter Mensch keine Hochleistungen erbringt, kann ja wohl mit der Diagnose etwas nicht stimmen.

Dem liegen streng genommen zwei unterschiedliche Konzeptionen von Hochbegabung zugrunde: Im ersten Fall wird Hochbegabung als hohes Potenzial definiert, im zweiten als hohe Leistung. Nur im ersten Fall ist so etwas wie Underachievement überhaupt möglich - und dieses Modell bietet auch die spannenderen Herausforderungen, denn Leistungsdiagnostik ist im Vergleich zur Potenzialdiagnostik doch deutlich einfacher. (Was nicht heißt, dass sie einfach wäre.)

Bleiben wir also bei der Definition von Hochbegabung als hohem Potenzial. Gerne werden dazu IQ-Tests (beispielsweise im Gegensatz zu Schulnoten, die manifeste Leistung darstellen) eingesetzt. Die Sache ist jedoch, dass auch ein IQ-Test nur eine Annäherung an das Potenzial erlaubt. Denn letzten Endes lässt sich auch bei einem IQ-Test nur das bewerten, was der Kandidat oder die Kandidatin erbracht hat, mithin eine Leistung. Immerhin genügt diese Messung aber bestimmten statistischen Gütekriterien - im Gegensatz zum Lehrerurteil: Die gängigen IQ-Tests sind standardisiert, messen zuverlässig und zeigen auch Zusammenhänge mit anderen Merkmalen, die mit Intelligenz in Verbindung stehen (oder von denen man das zumindest annehmen kann). Darüber hinaus gibt es eine hinreichend große Vergleichsstichprobe, zu der sich das individuelle Ergebnis in Bezug setzen lässt. In der Schule dagegen ist es eher so, dass Lehrkräfte sich an der Klasse orientieren und ihre Noten mehr oder weniger an eine Normalverteilung (großes Mittelfeld, wenige sehr gute, wenige sehr schlechte Schülerinnen und Schüler) anpassen. Dass zwischen verschiedenen Klassen große Leistungsunterschiede bestehen können, fällt dabei ebenso unter den Tisch wie die Tatsache, dass man bei einer Stichprobe von vielleicht dreißig Kindern oder Jugendlichen nicht unbedingt von einer Normalverteilung ausgehen kann: Je kleiner die Gruppe, desto eher können statistische "Ausreißer" die Gesamtverteilung verzerren.

Münchner Hochbegabungsmodell
Abb. 1: Das Münchner Hochbegabungsmodell (vgl. etwa Heller & Ziegler, 2008, S. 67; die Grafik selbst findet sich etwas größer hier: http://www.vs-haimhausen.de/Elternseite/Hochbegabung/hochbegabungsmodell.gif)

Nun kann ein Mensch Potenzial in verschiedensten Bereichen haben. Manche sind sprachlich sehr fit, andere mathematisch; Sportskanonen und künstlerisch Begabte kennen Sie vermutlich ebenfalls. Was aber trägt dazu bei, dass Potenzial in Leistung umgesetzt wird? Das Münchner Hochbegabungsmodell von Heller und Kollegen (Abb. 1) nimmt hier insbesondere zwei moderierende Faktoren an: zum einen nichtkognitive Merkmale, die in der Person selbst liegen, zum anderen Einflussfaktoren aus der Umwelt der Person. Unter ersteres fallen beispielsweise Faktoren wie Motivation, Ängstlichkeit (Prüfungsangst beispielsweise kann massiv dazu beitragen, dass ein Ergebnis unter dem liegt, was die Person eigentlich könnte) oder Lernstrategien, unter zweiteres ein bildungsaffines Elternhaus, die Unterrichtsqualität oder auch kritische Lebensereignisse, die einen "aus der Bahn werfen" können. Wenn man sich das Modell anschaut, sieht es auf den ersten Blick viel komplizierter aus als es ist: Im Grunde besagt es, dass man (1) in verschiedenen Bereichen begabt sein kann, (2) dass Leistung sich entsprechend auch in verschiedenen Bereichen äußern kann und (3) dass der Weg vom Potenzial zur Leistung durch Faktoren beeinflusst wird, die in der Person oder in ihrer Umwelt liegen.

Gagnés DMGT
Abb. 2: Das "Differentiated Model of Giftedness and Talent" (vgl. etwa Gagné, 2008, S. 2; die Grafik von hier http://www.sydneyr.det.nsw.edu.au/files/Curriculum/GAT/gagne-model.jpg ist etwas klein (Danke an Bartleby für den Hinweis an die Autorin mit den überscharfen Kontaktlinsen), aber in dem unten verlinkten Artikel von Gagné gibt es sie noch mal in größer)

Das Modell von Françoys Gagné - das "Differentiated Model of Giftedness and Talent" - ist im Grunde ganz ähnlich aufgebaut. "Giftedness" ist für Gagné das Potenzial, während "Talent" das entfaltete Potenzial ist. Ein Unterschied zum Münchner Modell besteht allerdings darin, dass Gagné neben den intra- und den extrapersonalen Katalysatoren noch einen weiteren Einflussfaktor annimmt: nämlich Kommissar Zufall. Und das ist in der Tat ein kluger Gedanke, den wir vermutlich alle aus eigener Erfahrung nachvollziehen können: Wie oft ist es die "glückliche Fügung", das Zur-rechten-Zeit-mit-den-richtigen-Leuten-am-richtigen-Ort-Sein, was letzten Endes das Zünglein an der Waage ist?

Fürs Neue Jahr wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, auf jeden Fall viele solcher glücklicher Momente - auf dass Sie auch 2013 weiterhin Spaß daran haben, für sich herauszufinden, was an Potenzial in Ihnen steckt und wie sie es realisieren können. Denn Möglichkeiten zu finden und zu schaffen, um die eigenen Fähigkeiten umzusetzen, trägt auch ganz massiv zum persönlichen Glück bei. Alles Gute!

Literatur: