7. März 2013 | Tanja Gabriele Baudson

Warum es so schwer ist zu sagen, wie Hochbegabte sind

"Hochbegabte sind so und so" – oder vielleicht doch ganz anders? Wenn man den Medien glauben darf, sind Hochbegabte tendenziell eher männlich, tragen nerdige Brillen und sind bei der Partnersuche nur bedingt erfolgreich. Oder in jeder Hinsicht die totalen Überflieger. Stimmt natürlich alles nicht. Oder doch. Naja, vielleicht für einige. Warum ist es eigentlich so schwer, genaue Aussagen über Hochbegabte zu treffen?

Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen; und ein paar davon will ich Ihnen heute vorstellen. Eindeutig zu sagen, wie "die Hochbegabten" sind, scheitert zunächst schon einmal daran, dass sie sehr verschieden sind; als Gruppe sind sie mit ihren vielfältigen Fähigkeits- und Interessenprofilen sogar noch heterogener als durchschnittlich Begabte. Sie über einen Kamm zu scheren, um derart absolute Aussagen zu treffen, würde dieser Vielfalt nicht gerecht. (Von der Vielfalt der Definitionen einmal ganz abgesehen, aber das ist noch mal ein Kapitel für sich. Um das Problem, sich für eine zu entscheiden, kommt man auf jeden Fall nicht herum.)

Eine Möglichkeit wäre allerdings, Hochbegabte und durchschnittlich Begabte zu vergleichen, um so zumindest relative Aussagen darüber zu treffen, in welcher Hinsicht sich die beiden Gruppen unterscheiden. Das ist nicht ganz einfach: Bekanntlich sind Hochbegabte selten (wenn man ein IQ-Kriterium von 130 anliegt, kommt man auf etwa 2–3 Prozent der Gesamtbevölkerung); und um solide Aussagen zu treffen, braucht man schon so einige von ihnen.

Nichts leichter als das, wird der oder die eine oder andere von Ihnen vielleicht sagen: Fragen wir doch einen Hochbegabtenverein! Oder meinethalben auch eine Hochbegabtenberatungsstelle. Da sollten wir doch viele von ihnen antreffen. Die Idee ist grundsätzlich nicht dumm; so ähnlich ging auch die Hochbegabtenforschung vor, als sie in den 1980er Jahren in Deutschland ihr Revival erlebte. In kognitiver Hinsicht – was beispielsweise Fragen wie Funktion und Struktur der Intelligenz angeht – sollten in der Tat auch alle Hochbegabten weitgehend gleich ticken, egal, wo man sie findet; problematisch wird es allerdings dann, wenn man auf Grundlage einer so selektiven Stichprobe Verallgemeinerungen treffen will, die über die kognitiven Merkmale hinaus gehen. Denn es ist anzunehmen, dass sich Menschen, die Mitglied in einem Hochbegabtenverein werden oder eine Beratungsstelle für Hochbegabte aufsuchen, schon irgendwie systematisch vom durchschnittlichen Hochbegabten unterscheiden. Das wäre ungefähr so, als wolle man aus der Patientenkartei einer Schlafklinik Rückschlüsse auf das durchschnittliche Schlafverhalten von Menschen ziehen: Diejenigen, die dorthin kommen, haben ihre Gründe dafür.

Mit anderen Worten: Solche Stichproben sind nicht repräsentativ. Um unverfälschte Aussagen treffen zu können, müsste man in der Tat eine große Gruppe untersuchen, die weiterhin möglichst wenig vorausgelesen ist und die in relevanten Merkmalen wie sozioökonomischem Status, Geschlechtszusammensetzung, Migrationshintergrund etc. der Gesamtpopulation entspricht, über die man Aussagen treffen will. Das ist noch halbwegs realisierbar, solange man die meisten Personen einer Altersgruppe noch zusammen antrifft – etwa in der regulären Grundschule, die ja alle Kinder absolvieren, von Kindern mit gesondertem Beschulungsbedarf einmal abgesehen. (Eine große deutsche Hochbegabtenstudie, das Marburger Hochbegabtenprojekt, ist beispielsweise so vorgegangen.) Dadurch fallen zumindest schon mal einige der Faktoren, die die Repräsentativität einschränken, weg.

Aber selbst dann lauern noch einige Fallstricke. Schon allein das Wissen um die Hochbegabung kann Auswirkungen haben. Wenn etwa Eltern oder Lehrkräfte einem Kind das Etikett "hochbegabt" anhängen und entsprechende Erwartungshaltungen damit verbinden, kann das durchaus zu Problemen führen – oder auch, wenn sich das Kind selbst so verhält, wie es meint, dass Hochbegabte zu sein hätten, und dadurch seine Handlungsmöglichkeiten einschränkt. Sinnvoll kann es auch sein, mehrere Informationsquellen heranzuziehen – so wird das Bild weniger einseitig, als wenn man nur die hochbegabten Personen selbst befragt. Nicht zuletzt sollte natürlich auch die Vergleichsgruppe der Hochbegabtengruppe in den meisten Merkmalen jenseits der Hochbegabung entsprechen: Wenn sich die beiden Gruppen im Hinblick auf relevante Charakteristika systematisch unterscheiden – etwa im Bildungsgrad der Eltern –, ist am Ende gar nicht die Begabung, sondern der Bildungsstatus die eigentliche Ursache.

Man sieht: Solide Aussagen über Hochbegabte zu treffen, ist auch aus methodischer Sicht gar nicht so einfach – aber wenn man diese Kriterien beachtet, hat man ganz gute Chancen, eine Antwort auf diese Frage zu finden. (Hier spanne ich Sie jetzt noch ein bisschen auf die Folter; denn darüber werde ich Ihnen in einem der nächsten Beiträge noch was schreiben.)

Und auch, wenn jeder wohl eine subjektive Vorstellung davon hat, wie "typische Hochbegabte" so sind: "Typische Hochbegabte" gibt es ungefähr so, wie es "typische Menschen" gibt.