6. Mai 2013 | Tanja Gabriele Baudson

Wie sind Hochbegabte?

Nachdem ich im letzten Artikel vorgestellt hatte, welche Schwierigkeiten sich für die Forschung bei der Beantwortung dieser Frage ergeben, geht es nun ans Eingemachte: Wie sind sie denn nun, die Hochbegabten?

Zusammenfassend könnte man sagen: abgesehen von Intelligenz und Faktoren, die damit zusammen hängen, gar nicht so sehr anders. Dass Hochbegabte intelligenter sind, ist ja ein Kriterium, in dem sich so gut wie alle Theorien und Modelle einig sind: Sowohl Forschung als auch Laientheorien messen der kognitiven Begabung eine zentrale Bedeutung bei. Insofern ist dieser Unterschied nicht besonders überraschend.

Spannender wird es dann bei Variablen, die sich an die hohe Begabung knüpfen: nämlich Leistung und Fähigkeitsselbstkonzept. Darüber, dass Intelligenz das Merkmal ist, welches für sich genommen späteren Erfolg (also etwa das Bildungsniveau, das spätere Einkommen etc.) am besten vorhersagt, besteht weitgehender Konsens1. Und im Durchschnitt ist es in der Tat so, dass Hochbegabte höhere Leistungen erbringen.

Der Knackpunkt liegt allerdings "im Durchschnitt": Denn der Zusammenhang ist keineswegs perfekt – denn sonst gäbe es beispielsweise keine Underachiever. Und die gibt es ja anscheinend, wie die Artikel des Kollegen Müller immer wieder zeigen. Das illustriert, dass man von einem statistischen Zusammenhang nur sehr bedingt auf den Einzelfall rückschließen kann: Mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ist es so – aber im Einzelfall muss die Frage sozusagen binär gelöst werden: Leistet das Kind gemäß seinem Potenzial oder nicht? Umgekehrt heißt das aber auch, dass man aus dem Einzelfall keine allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten ableiten kann: Nur, weil man ein (oder zwei, oder drei ...) Gegenbeispiele kennt, heißt das nicht, dass der statistische Zusammenhang nicht stimmen würde.

Was das Fähigkeitsselbstkonzept angeht – die Überzeugungen, die jemand von seinen eigenen Fähigkeiten hat und die sich durch Selbsteinschätzungsfragen, wie beispielsweise "Ich bin gut in Mathe" erfassen lässt –, schneiden Hochbegabte auch hier im Schnitt besser ab als durchschnittlich Begabte (was zu erwarten ist, weil sie im Schnitt ja auch höhere Leistungen erbringen). Die Ausnahme sind auch hier erwartungsgemäß die Underachiever. Dagegen liegt ihr Körperselbstkonzept ein wenig niedriger als bei den durchschnittlich Begabten. Im sozialen Selbstkonzept (das sind die Überzeugungen darüber, wie gut man mit anderen Leuten umgehen kann und mit ihnen zurechtkommt) zeigen sich dagegen keine Unterschiede – aus ihrer eigenen Sicht sind Hochbegabte also keineswegs pauschal sozial unfähiger!

Und auch objektiv betrachtet nicht: Schaut man sich nämlich die Persönlichkeitsmerkmale an – die so genannten "Big Five", die fünf zentralen Persönlichkeitsdimensionen –, so zeigt sich, dass Hochbegabte offener für neue Erfahrungen sind. Aber das ist auch fast schon der einzige Unterschied, denn was die anderen vier Dimensionen angeht, liegen die Unterschiede eher im Detail. So sind Hochbegabte etwas introvertierter als durchschnittlich Begabte; allerdings unterscheiden sie sich nicht von Hochleistern und durchschnittlich Leistenden, wie Ergebnisse des Marburger Hochbegabtenprojekts zeigen2 – die Gruppe, die "herausfällt", sind also eher die durchschnittlich Begabten! Im Bezug auf emotionale Stabilität, die dritte Persönlichkeitsdimension, zeigen sich allenfalls kleine Unterschiede zugunsten der Hochbegabten -- vor allem ihre geringere Ängstlichkeit und insbesondere ihre geringere Prüfungsängstlichkeit (die ja wiederum mit Leistung zusammenhängt) ist hier zu erwähnen. Was soziale Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit angeht, sind Hoch- und durchschnittlich Begabte etwa vergleichbar.

Interessant ist auch, dass Hochbegabte sich im Vergleich zu durchschnittlich Begabten durch eine größere Heterogenität auszeichnen – die Spannbreite der verschiedenen Erlebens- und Verhaltensweisen und auch die Unterschiedlichkeit in Leistungs- und Persönlichkeitsprofilen ist bei ihnen also größer.

Was sich insgesamt zeigt, ist, dass die Unterschiede eigentlich hauptsächlich in den Bereichen liegen, die mit Intelligenz in Verbindung stehen. Hochbegabte sind weder emotional instabiler, anfälliger für Störungsbilder oder sozial unfähiger als durchschnittlich Begabte, auch wenn Klischees uns das immer wieder glauben machen wollen. Die Gemeinsamkeiten sind also deutlich größer als die Unterschiede – und das kann auch zu denken geben, ob eine kategoriale Unterscheidung zwischen "hochbegabt" und "durchschnittlich begabt" überhaupt so sinnvoll ist. Denn auch, wenn Hochbegabte in bestimmten Bereichen über den Durchschnitt hinausragen, so sind sie doch keine andere Sorte Mensch, sondern im Grunde viel "normaler", als man denkt.

1 Neisser, U., Boodoo, G., Bouchard Jr., T. J., Boykin, A. W., Brody, N., Ceci, S. J., Halpern, D. F., Loehlin, J. C., Perloff, R., Sternberg, R. J. & Urbina, S. (1996). Intelligence: Knowns and unknowns. American Psychologist, 51, 77–101.

2 Freund-Braier, I. (2009). Persönlichkeitsmerkmale. In D. H. Rost (Hrsg.), Hochbegabte und hochleistende Jugendliche (2. Aufl., S. 161–210). Münster: Waxmann.