Hochbegabte beraten

Hochbegabte beraten

Wer bietet Hilfe bei individuellen Fragen und Problemen? Gegenstand von begabungspsychologischer Beratung und mögliche Anlaufstellen.

Zu welchen Fragen und Themen suchen Eltern Rat?

Eltern sehen sich bei einer vermuteten Hochbegabung mit vielen Fragen konfrontiert. Studien zufolge möchten Eltern vor allem wissen, ob bei dem Kind tatsächlich eine außergewöhnlich hohe Begabung vorliegt und wo sie diese testen lassen können. Auch die Frage, wie das Kind angemessen gefördert werden kann und ob die Fördermöglichkeiten in der Kita und zu Hause ausreichen, bewegt Eltern. Schließlich suchen Eltern auch Rat zu spezifischen Problemen, z. B. zu Erziehungsfragen, aggressivem Verhalten oder psychosomatischen Beschwerden des Kindes.
Die vermutete oder bereits festgestellte Hochbegabung ihres Kindes führt anfangs oft zu einer Verunsicherung der Eltern. In ihrem Umfeld begegnen ihnen möglicherweise kritische Fragen. Sie müssen sich mit dem Thema Hochbegabung, ihrem eigenen Bild von hochbegabten Menschen, aber auch mit Vorurteilen anderer auseinandersetzen. Sie stellen sich die Frage, wie sie ihr Kind optimal unterstützen können, ohne es zu überfordern. Das starke Verlangen des Kindes nach kognitiver Stimulierung kann zudem zu Erschöpfung seitens der Eltern führen, insbesondere wenn es gar mehrere (hoch-) begabte Kinder in der Familie gibt. All diese Themen können Eltern dazu bewegen, professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen.
Es ist wichtig, dass Eltern Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner finden, die ihren Fragen empathisch und mit profunden fachlichen Kompetenzen zum Thema Hochbegabung auf den Grund gehen. Nur so können Eltern ihre Sorgen und Fragen vertrauensvoll formulieren. Oft reicht gerade bei Kita-Kindern anfangs eine informierende Beratung der Eltern aus, sofern nicht spezifische Problemlagen Anlass für die Ratsuche sind. Letztere können eine professionelle psychologische Beratung erforderlich machen.

Wer bietet professionelle Beratung an?

Professionelle Beratung wird von unterschiedlichen Institutionen angeboten. Es gibt auf das Thema Hochbegabung spezialisierte Beratungsangebote und solche, die zu einer breiten Palette von möglichen Problemlagen beraten und in diesem Angebotsspektrum auch bei Anliegen zu Entwicklungsbesonderheiten eines Kindes helfen. Zu ersteren gehören spezielle Hochbegabungs-Beratungsstellen in öffentlicher, universitärer oder privater Trägerschaft. Zu letzteren zählen beispielsweise die Erziehungsberatungsstellen, die ihren Schwerpunkt u. a. in der Beratung von Eltern mit Erziehungsfragen haben. Wenn eine vorzeitige Einschulung erwogen wird, können auch die Schulpsychologischen Beratungsdienste hilfreich unterstützen.
Schließlich gibt es auch Fachberatungsangebote, bei denen Erzieherinnen und Erzieher für den pädagogischen Alltag in der Kindertageseinrichtung Rat zur Arbeit mit Kindern mit hohen Begabungen erhalten können. In einigen Bundesländern gibt es hierfür – verbunden mit den Bildungs- und Erziehungsplänen – Konsultationsangebote. Manchmal halten auch Kita-Träger Angebote in ihrer Fachberatungsstruktur hierfür vor.

Worauf kommt es bei der Auswahl eines Beratungsangebotes an?

Ob eine Beratung als hilfreich empfunden wird, hängt davon ab, wie gut das Beratungsangebot zum Beratungsanliegen passt. Daher ist es wichtig, sich im Vorfeld Gedanken über das Ziel einer Beratung zu machen.
Suchen Eltern zu Problemen im familiären Zusammenleben Rat oder zu Fragen der Erziehung, sollten sie sich eher an eine Erziehungsberatungsstelle wenden. Geht es um Fördermöglichkeiten oder um Fragen der Schullaufbahn, können spezialisierte begabungspsychologische Beratungsstellen oder die Schulpsychologischen Dienste vermutlich besser helfen, auch weil sie erfahrener in der Diagnostik von Hochbegabung sind.
Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen können Eltern helfen, die richtige Beratungsstelle zu finden. Dafür ist es wichtig, Eltern mit ihrem Anliegen grundsätzlich ernst zu nehmen und Fragen rund um eine mögliche Hochbegabung nicht als „Luxusproblem“ abzutun. Wenn sich Kindertageseinrichtungen mit den Beratungsstellen in ihrer Umgebung unabhängig vom Einzelfall regelmäßig vernetzen, können sie sicherer Auskunft und passende Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner benennen.

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind nicht mehr in die Kita gehen möchte?

Eine anhaltende Abneigung oder gar Weigerung eines Kindes, in die Kita zu gehen, kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Das Kind kann beispielsweise durch andauernde Konflikte mit anderen Kindern belastet sein, sich durch die pädagogischen Angebote dauerhaft unterfordert fühlen oder aber auch einfach keine geeignete Spielpartnerin oder keinen geeigneten Spielpartner finden, die bzw. der seine Interessen und Lernbedürfnisse teilt. Aber auch weitere Gründe, die nicht ursächlich mit dem Vorliegen einer besonderen Begabung zusammenhängen, sind denkbar, z. B. aufgrund familiärer Belastungen.
Wichtig ist es daher, dass Eltern und pädagogische Fachkräfte möglichst gemeinsam versuchen, die Ursachen einzugrenzen. Dabei können sie sich beispielsweise durch Beratungsstellen unterstützen lassen, die durch eine neutrale Außensicht dabei helfen können, die Entstehung der Problematik zu klären, Verläufe nachzuvollziehen und mögliche Lösungen zu erarbeiten.
Zu beachten ist, dass Kinder im Kita-Alter nur begrenzt in der Lage sind, über Ursachen für ihr Befinden zu reflektieren und diese zu artikulieren. Sie sollten daher nicht übermäßig bedrängt werden, über „das Problem“ zu reden. Dennoch ist es wichtig, das Kind einzubeziehen, es nach seinen Wünschen und Sichtweisen zu fragen und diese ernst zu nehmen. Zudem kann die Kita ihre Beobachtung des Kindes intensivieren, um herauszufinden, woran das Kind Freude hat, mit wem es gerne zusammen ist, wann es sich bei einer Sache besonders engagiert, um anschließend diese Dinge bewusster anbieten zu können.

Was sollte beim Übergang von der Kita in die Grundschule beachtet werden?

Kinder mit hoher kognitiver Begabung lernen leicht und schnell und zeigen oft schon früh Interesse am Lesen, Schreiben und Rechnen. Im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern stellt sich daher überdurchschnittlich häufig die Frage nach dem „richtigen“ Einschulungszeitpunkt.
Ein zu früher Schuleintritt kann vom Kind eventuell sozial-emotional noch nicht bewältigt werden. Ein zu später Eintritt in die Schule birgt die Gefahr einer Unterforderung von Beginn an. Dem Prozess des Übergangs sollte daher von Eltern, Kita und Grundschule bei besonders begabten Kindern genauso viel Aufmerksamkeit geschenkt werden wie bei Kindern mit Entwicklungsrückständen.
Aus diesen Gründen ist es wichtig, dass Kitas und Grundschulen Informationen über den Lern- und Entwicklungsverlauf des Kindes, seine Interessen und Bedürfnisse austauschen. Die Eltern sollten dabei unbedingt einbezogen sein und diesen Austausch ihrerseits durch ihr Einverständnis unterstützen. Sie sind es am Ende auch, die maßgeblich die Entscheidung über den Einschulungszeitpunkt ihres Kindes treffen, weshalb ihr Einbezug in die Beratungen als selbstverständlich anzusehen ist. Auf keinen Fall vernachlässigt werden sollte der Wunsch des Kindes, denn nur wenn es selbst in die Schule möchte, wird es sich gut in das neue Umfeld eingewöhnen.
Bedeutsam für einen gelingenden Übergang in die Grundschule ist, dass Lehrkräfte etwaige Vorkenntnisse, schon erworbene Fähigkeiten und die hohe Lernmotivation des Kindes im Anfangsunterricht angemessen berücksichtigen. Andernfalls drohen schulische Langeweile und Unterforderung mit Folgen für Lernmotivation, emotionales Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit. Langfristig kann das die Entwicklung eines Underachievements (d. h. eine dauerhafte Beeinträchtigung im Lern- und Leistungsverhalten) begünstigen.
Kinder mit hohen Begabungen können von Schulkonzepten mit flexibler Eingangsphase in besonderem Maße profitieren. Dabei lernen Kinder der ersten beiden Klassenstufen gemeinsam und können diese flexibel in ein bis drei Jahren durchlaufen. Lehrkräfte können die Lernbegleitung von Kindern individualisierter gestalten als in reinen Jahrgangsklassen und damit unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten der Kinder besser gerecht werden. Daher kann dieses Konzept eine Alternative zur vorzeitigen Einschulung darstellen.

Was ist bei einer vorzeitigen Einschulung wichtig?

Im Einzelfall kann eine vorzeitige Einschulung oder eine Einschulung in die zweite Klasse eine angemessene Fördermaßnahme für Kinder mit hoher kognitiver Begabung sein. Doch auch für diese Kinder ist der Übergang in die Grundschule mit zahlreichen Entwicklungsaufgaben verbunden, deren Bewältigung sensibel begleitet und bei Bedarf zielgerichtet unterstützt werden sollte.
Wichtig ist, dass das Kind den schulischen Anforderungen kognitiv gewachsen ist. Liegt das Alter des Kindes deutlich unter dem Durchschnittsalter von Schulanfängern, sollte es daher über überdurchschnittliche kognitive Lernvoraussetzungen verfügen. Ein Intelligenztest ist nicht in jedem Fall erforderlich, kann aber helfen, die Entscheidung abzusichern.
Darüber hinaus muss beurteilt werden, ob das Kind der Einschulung sozial-emotional gewachsen ist. Dabei spielen die kindlichen Fähigkeiten zur Selbststeuerung und Selbstregulation sowie soziale Kompetenzen, etwa zur Selbstbehauptung eine Rolle. Voraussetzung für das Gelingen der vorzeitigen Einschulung ist, dass sowohl das Kind und die Eltern als auch die aufnehmende Lehrkraft der Maßnahme optimistisch und vorurteilsfrei gegenüberstehen. Ein konstruktiver Dialog über Stärken und Bedürfnisse des Kindes hilft, den Prozess gut zu planen und bei Bedarf zu unterstützen. Zudem ist es wichtig, Kind und Eltern im Vorfeld gut über die neuen Anforderungen zu informieren und – insbesondere bei einer Einschulung in die 2. Klasse – gezielt darauf vorzubereiten.
Der Einbezug einer Beratungsstelle kann aus mehrfacher Sicht ratsam sein. Die Beratenden können sowohl in der Entscheidungsfindung als auch in der Begleitung der vorzeitigen Einschulung eine neutrale Position einnehmen und bei unterschiedlichen Meinungen im Sinne der Bedürfnisse des Kindes vermitteln. Darüber hinaus verfügen Beratende über einen breiten Erfahrungshintergrund in vergleichbaren Fällen und kennen die formalen Regelungen der einzelnen Bundesländer zur vorzeitigen Einschulung gut. Das kann allen Beteiligten Sicherheit geben.

Schadet eine vorzeitige Einschulung der späteren Entwicklung von Kindern?

Wissenschaftliche Studien, die dieser Frage nachgingen, konnten mehrheitlich zeigen, dass im Hinblick auf die vorzeitige Einschulung von Kindern mit hoher kognitiver Begabung die positiven Aspekte überwiegen. Die vorzeitige Einschulung hatte für sie im Vergleich zu Kindern, die regulär eingeschult wurden, nicht häufiger negative Auswirkungen – weder auf die soziale oder emotionale Entwicklung noch auf die schulischen Leistungen. Für Kinder mit durchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten zeigten sich hingegen bei einer vorzeitigen Einschulung häufiger negative Erfahrungen im Vergleich zu regulär eingeschulten Kindern.
Das Hauptargument für eine vorzeitige Einschulung von besonders begabten Kindern liegt in der möglichen Vermeidung einer schulischen Unterforderung gleich zu Beginn der Schullaufbahn. Darüber hinaus muss bedacht werden, dass ein späteres Überspringen einer Klassenstufe die möglicherweise größere Belastung für das Kind darstellt (z. B. aufgrund eines Sonderstatus in der Klasse oder dem wiederholten Eingewöhnen in neue Klassenverbände).
Die Entscheidung für eine vorzeitige Einschulung sollte dennoch nicht allein vom kognitiven Entwicklungsstand eines Kindes abhängig gemacht werden. Sie sollte weitere relevante Faktoren berücksichtigen, z. B. den sozial-emotionalen Entwicklungsstand des Kindes oder die Einstellungen von Kind, Eltern und zukünftiger Lehrkraft zur vorzeitigen Einschulung des Kindes.

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