Hochbegabung erkennen

Hochbegabung erkennen

Wie kann eine Hochbegabung identifiziert werden? Merkmale von Hochbegabung und Möglichkeiten der diagnostischen Abklärung.

Welche Merkmale weisen auf eine hohe Begabung hin?

Die individuelle Disposition für ein besonderes Leistungs-potenzial ist bei jungen Kindern vor allem an einem außergewöhnlich hohen Maß an Wissbegier, Erkundungsdrang, gezielter Informationssuche bei gleichzeitig sehr rascher Auffassungsgabe zu erkennen. Da die meisten Kinder im Vorschulalter ihre Umwelt interessiert erkunden, sind vor allem Beobachtungen zu Ausmaß, Tiefe und Qualität der Auseinandersetzung der Kinder mit neuen Inhalten von Bedeutung: Kinder mit hohen Begabungen zeigen zum einen ein vertieftes und andauerndes Erkenntnisinteresse und zum anderen eine sehr schnelle Auffassungsgabe, hohe Lernfähigkeit, außergewöhnliche Merkfähigkeit und raschen Kompetenzzuwachs. Sie zeigen zudem häufig eine hohe Anstrengungsbereitschaft und Ausdauer in ihrem Bestreben, Wissen oder neue Fertigkeiten zu erwerben. Zielgerichtete Interessen sind im Vorschulalter zwar entwicklungsbedingt noch selten. Ein frühes, intensives Interesse kann aber gerade deshalb einen Hinweis auf eine hohe bereichsspezifische Begabung geben.

Gibt es bereits in der frühen Kindheit Anzeichen für eine hohe kognitive Begabung?

Eine große Wissbegier und ein ausdauernder Wunsch Neues zu lernen, ein auffallend gutes Gedächtnis, das selbstständige Erschließen neuer Sachverhalte auf der Basis bekannter Prinzipien, auch ein schon früh sehr umfangreicher und differenzierter Wortschatz können erste Hinweise auf eine hohe kognitive Begabung sein. Es ist jedoch ratsam, nicht vorschnell Schlüsse aus solchen Beobachtungen zu ziehen: Prognosen zur weiteren Entwicklung sind umso unsicherer, je jünger ein Kind ist. Zudem treffen diese Hinweise nur Aussagen über die allgemeine Lernfähigkeit eines Kindes und lassen weitere für die Begabungsentwicklung relevante Persönlichkeits- und Umweltmerkmale außer Acht.
Eltern berichten immer wieder von Besonderheiten ihrer Kinder, zum Beispiel von geringem Schlafbedürfnis und hoher Empfindlichkeit gegenüber sensorischen Reizen (Sinneseindrücken) im Kleinkindalter, die sie rückblickend als erste Hinweise auf die später festgestellte Hochbegabung ihrer Kinder bewerten. Dies mag für Einzelfälle durchaus zutreffen, allerdings lassen sich diese Erfahrungen nicht generalisieren bzw. auf die Gesamtheit aller hochbegabten Kinder übertragen.

Wie kann man hohe Begabungen in der Kita erkennen?

Die Identifizierung hoher Begabungen sollte als Prozess verstanden werden. Dies gilt in besonderem Maße für junge Kinder. Da sich besonders begabte Kinder unter anderem durch ein hohes Maß an Wissbegier, eine schnelle Auffassungsgabe, große Anstrengungsbereitschaft, beachtliche Lernfähigkeit und rasches Lerntempo auszeichnen, eignen sich insbesondere die Beobachtung und Dokumentation der Aktivitäten und des Lernens von Kindern, um erste Hinweise auf eine hohe Begabung zu erhalten. Sie sollten mit prozessorientierten Beobachtungsverfahren (z. B. Bildungs- und Lerngeschichten, Leuvener Engagiertheitsskala) über einen längeren Zeitraum erfolgen und regelmäßig reflektiert werden.
Insbesondere im Vorschulalter können ergänzend Verfahren eingesetzt werden, die den Entwicklungs- oder Lernstand eines Kindes in Bezug auf seine soziale Vergleichsgruppe (z. B. Gleichaltrige) oder auf einen spezifischen Entwicklungs- oder Kompetenzbereich (z. B. die sprachliche Entwicklung) beurteilen helfen.
Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren haben den Vorteil, dass sie nicht nur einer Beurteilung des kindlichen Lernens dienen, sondern gleichzeitig die Qualität der pädagogischen Arbeit unterstützen, weil sie didaktische Entscheidungen ermöglichen, diese auf eine methodisch abgesicherte Basis stellen und ihrer Reflexion dienen. Damit helfen sie nicht nur bei der Beobachtung und Bewertung kindlicher Merkmale, sondern suchen auch Antworten auf die Frage nach günstigen Umweltvariablen zur Förderung kindlicher Potenziale. Zudem ermöglichen sie den Einbezug der Perspektive des Kindes, wenn mit ihm gemeinsam die Beobachtungen reflektiert werden.

Wann ist eine psychodiagnostische Abklärung sinnvoll?

Eine psychologische Diagnostik ist nur dann gewinnbringend, wenn es eine einzugrenzende Fragestellung gibt, zu deren Beantwortung psychologische Verfahren einen substanziellen Beitrag leisten können. Nur unter dieser Voraussetzung können geeignete Verfahren ausgewählt und die Ergebnisse des Kindes in den Tests mit Bezug auf die anstehende Entscheidung oder Frage sinnvoll bewertet werden.
Stellt sich beispielsweise die Frage nach einer vorzeitigen Einschulung oder einer Einschulung schon in die zweite Klassenstufe, können psychologische Tests hilfreich sein und die Entscheidungsfindung unterstützen. Ein Intelligenztest kann die kognitive Entwicklung eines Kindes in Bezug zu der seiner Altersgruppe setzen und über ein Fähigkeitsprofil die Frage klären helfen, ob das Kind in allen für die Bewältigung schulischer Anforderungen relevanten kognitiven Teilleistungen gleichermaßen weit entwickelt ist.
Psychologische Diagnostik kann zudem der Beurteilung weiterer Merkmale des Kindes (z. B. Aufmerksamkeit, Konzentration, Ängstlichkeit) oder des Erlebens seiner sozialen Beziehungen (Familie, Peers, Kita) dienen.
Die Frage nach der Ausgestaltung der individuellen Förderung im Kita-Alltag hingegen kann kaum mittels psychologischer Diagnostik beantwortet werden. Um die individuellen Lernbedürfnisse und Interessen eines Kindes zu erfassen und in der Kita darauf angemessen zu reagieren, sollte beispielsweise auf Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren zurückgegriffen werden.

Ab welchem Alter können Intelligenztests eingesetzt werden?

Psychologische Testverfahren zu einer Beurteilung der kognitiven Entwicklung gibt es für alle Altersstufen. Insbesondere für die Frühdiagnostik von Entwicklungsverzögerungen gibt es zahlreiche Entwicklungstests. Diese lassen eine substanzielle Beurteilung der motorischen, kognitiven und sprachlichen Entwicklung bereits im Säuglingsalter zu. Da der Schwerpunkt auf der Identifikation von therapiebedürftigen Entwicklungsgefährdungen liegt, sind diese Verfahren jedoch in der Regel nicht darauf ausgelegt, hohe Begabungen zu identifizieren.
Intelligenztests können prinzipiell ab einem Alter von zweieinhalb Jahren eingesetzt werden, d. h. die Erfassung der kognitiven Leistungsfähigkeit ist in diesem Alter grundsätzlich möglich. Je jünger jedoch ein Kind bei der Testung ist, desto geringer ist die Stabilität der Intelligenzmessung und damit die Vorhersagekraft des Ergebnisses. Anhand einer Einmaltestung können daher nur sehr begrenzt Aussagen zu späteren Entwicklungsverläufen gemacht werden.
Aus diesen Gründen raten Experten dazu, Intelligenztests im Rahmen der Hochbegabungsdiagnostik nicht vor dem vierten Lebensjahr, besser erst im späten Vorschulalter (ab fünf Jahren) einzusetzen. Ab diesem Zeitpunkt sind die Testungen aussagefähiger. Langfristige Prognosen sind jedoch auch in diesem Alter nur eingeschränkt möglich.
Konkrete diagnostische Fragestellungen, z. B. die Frage nach dem Einschulungszeitpunkt, lassen sich in diesem Alter durch Intelligenztestergebnisse sinnvoll unterstützen. Dabei sollten vor allem Verfahren genutzt werden, welche die Erstellung eines Fähigkeitsprofils und damit die Abbildung verschiedener Teilleistungen ermöglichen, um einen Eindruck von den individuellen Stärken und gegebenenfalls Schwächen des Kindes zu gewinnen.

Wer sollte eine Intelligenzdiagnostik durchführen?

Eine psychologische Testdiagnostik sollte ausschließlich durch Psychologinnen und Psychologen oder speziell qualifizierte Berufsgruppen (z. B. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen) erfolgen, da sie die erforderlichen Kompetenzen für die Auswertung und Interpretation der Ergebnisse besitzen: Es reicht nicht aus, nur den Gesamtwert eines Testergebnisses bestimmen zu können. Die bzw. der Untersuchende muss auch unterschiedliche Ergebnisprofile interpretieren und die Aussagekraft des Ergebnisses anhand von wissenschaftlichen Gütekriterien der verwendeten Testverfahren bewerten. Die Ergebnisse müssen mit Blick auf die diagnostische Fragestellung eingeordnet, den Ratsuchenden verständlich erläutert und auch schriftlich zur Verfügung gestellt werden. Zudem müssen die Ergebnisse der psychologischen Diagnostik zu weiteren diagnostischen Erkenntnissen (z. B. Beobachtungen in der Kita oder Familie) ins Verhältnis gesetzt werden. Auch eine Beratung dazu, welches weitere Vorgehen mit Blick auf die Fragestellung ratsam ist, sollte Bestandteil der Auswertung von Testdiagnostik sein

Bestehen Unterschiede zwischen psychologischen Tests und pädagogischen Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren?

Beobachtungsverfahren dienen der Dokumentation kindlicher Entwicklungsverläufe. Es geht überwiegend darum, Anregungen für die individuelle Förderung des Kindes zu erhalten. Die Verfahren nehmen die Stärken, die aktuellen Lernthemen und vor allem auch das Wohlbefinden von Kindern in den Blick und ermöglichen so eine fähigkeitsorientierte Förderung aller Kinder. Eine Bewertung des Entwicklungsstandes erfolgt hierbei nicht.
Darüber hinaus werden in Kitas Entwicklungsfragebögen eingesetzt. Sie dienen ähnlich wie Vorsorgeuntersuchungen einer überblickshaften Beurteilung des kognitiven, sprachlichen, motorischen und sozial-emotionalen Entwicklungsstandes eines Kindes. Dabei geht es vor allem darum, Kinder mit bedeutsamen Entwicklungsrisiken zu identifizieren, um gegebenenfalls eine Diagnostik und Behandlung durch eine Fachtherapeutin oder einen Fachtherapeuten (z. B. Logopädinnen und Logopäden) zu empfehlen.
Standardisierte entwicklungspsychologische Tests dienen einer vertieften diagnostischen Untersuchung zu einer spezifischen Fragestellung. Sie messen häufig klar umgrenzte Merkmale und setzen die Leistung des einzelnen Kindes in ein Verhältnis zu einer repräsentativen Gruppe von Gleichaltrigen. Im Vergleich zu Entwicklungsfragebögen sind psychologische Tests meist nach strengeren wissenschaftlichen Standards entwickelt, um Mess- und Beobachtungsfehler so weit es geht zu reduzieren. Daher lässt sich mit ihnen objektiver und zuverlässiger beurteilen, ob das untersuchte Merkmal bei einem Kind in einem Bereich liegt, der als altersgerecht beurteilt wird.

Sind Entwicklungsfragebögen geeignet, um Kinder mit hohen Begabungen zu identifizieren?

Viele Entwicklungsfragebögen, die Kindertageseinrichtungen zur Beurteilung des kindlichen Entwicklungsstandes nutzen, wurden mit dem Ziel entwickelt, Kinder mit bedeutsamen Entwicklungsrückständen oder -risiken zu identifizieren. Aus diesem Grund differenzieren diese Verfahren sehr gut im unteren Leistungsbereich, jedoch nur unzureichend im oberen Leistungsbereich. Bewältigt ein Kind alle Aufgaben/Entwicklungsschritte seiner Altersgruppe, muss das daher noch kein Hinweis auf eine außergewöhnlich hohe Begabung sein, sondern kann auch Ausdruck einer „ganz normalen“, altersgerechten Entwicklung sein. Diese Instrumente sind daher meistens ungeeignet für die sichere Identifikation einer hohen Begabung. Überdurchschnittliche Ergebnisse können aber zum Anlass genommen werden, genauer zu beobachten, ob ein Kind durch die pädagogischen Angebote in der Kita ausreichend in seiner Entwicklung herausgefordert ist und eventuell auch – anlassbezogen – eine weitere Diagnostik (z. B. mit Intelligenztests) angebracht ist.

Sind Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren für die Diagnostik von hohen Begabungen geeignet?

Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren können eine prozessorientierte Diagnostik von hohen Begabungen unterstützen. Sie können beispielsweise wichtige Hinweise auf Merkmale liefern, die mit einer hohen kognitiven Begabung in Zusammenhang stehen, wie etwa motivationale Aspekte, Lerninteressen und -engagement.
Ausgangspunkt für die Auswahl von Verfahren ist immer der Zweck, dem die Beobachtung dienen soll. In der Begabungsförderung geht es in einem ersten Schritt darum, mögliche besondere Interessen und thematische Vorlieben eines Kindes zu erfassen und gegebenenfalls in einem zweiten Schritt den Entwicklungsstand bzw. seine besonderen Potenziale einzuschätzen, um schließlich im dritten Schritt ein adäquates Förderangebot zu unterbreiten, dessen Wirksamkeit zu beobachten und zu bewerten. Für den ersten und den dritten Schritt erscheinen Verfahren besonders geeignet, die das kindliche Engagement sowie Ausmaß und Tiefe kindlicher Lerninteressen beobachten und dokumentieren, z. B. Bildungs- und Lerngeschichten oder die Leuvener Engagiertheitsskala. Sie bilden vor allem die Motivation und das Engagement eines Kindes ab.
Um zu beurteilen, ob ein Kind neben vertieften Interessen auch über besondere Kompetenzen verfügt, müssen ergänzende Verfahren zum Einsatz kommen, die den Kompetenzzuwachs eines Kindes in unterschiedlichen Bereichen auch qualitativ und im zeitlichen Verlauf erfassen können. Als Beispiel sei hierfür der KOMPIK-Beobachtungsbogen genannt. Bezüglich außergewöhnlicher Fähigkeiten in sehr spezifischen Bereichen (z. B. bei Vorliegen einer hohen musikalischen oder sportlichen Begabung) kann es sinnvoll sein, mit weiteren Institutionen zusammenzuarbeiten.

Welche Bedeutung haben frühes Lesen und Rechnen für die Diagnostik von Kindern mit hoher kognitiver Begabung?

In der Ratgeberliteratur finden sich häufig Hinweise darauf, dass hochbegabte Kinder sich das Lesen und Rechnen bereits sehr früh aneignen. Kann man daraus schließen, dass frühes Lesen und Rechnen auf eine außergewöhnlich hohe kognitive Begabung hinweisen?
Viele Kinder zeigen bereits im Kindergartenalter Interesse an Symbolen, Zahlen und Buchstaben. Sie erfragen z. B. ihre Bedeutung, lernen ihren Namen zu schreiben und zu zählen. Das ist zunächst nicht ungewöhnlich. Ob die Beschäftigung damit auf eine hohe Begabung des Kindes hinweist, ist zum einen vom erreichten Leistungsniveau abhängig. Zum anderen kann die Art und Weise, wie das Kind die Kompetenzen erworben hat, Aufschluss geben.
So ist beispielsweise das selbstständige, sinnerfassende Lesen von Texten qualitativ anders zu bewerten als das bloße Wiedererkennen von häufig gesehenen Wörtern (z. B. täglich genutzte Buslinien, Namen auf Klingelschildern). Kann ein Kind die Prinzipien der Addition auf Fragestellungen im Alltag anwenden oder hat es „Lösungen“ durch häufige spielerische Wiederholung auswendig gelernt („Zwei plus Zwei ist Vier“)? Und wie viel systematische Unterweisung hat das Kind erhalten?
Je stärker bei einem Kind die eigene Motivation zur Beschäftigung mit dem Lesen und Rechnen und je geringer das Ausmaß an pädagogischer Anleitung beim Erwerb seiner Kompetenzen, desto eher können aus dem erreichten Niveau Rückschlüsse auf überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten gezogen werden.

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