Hochbegabung verstehen

Hochbegabung verstehen

Was versteht man unter Hochbegabung? Begriffsbestimmung und wissenschaftliche Erkenntnisse über Hochbegabung.

Begabung, Hochbegabung – was ist was?

Umgangssprachlich werden die Begriffe „begabt“ und „hochbegabt“ mehrdeutig verwendet: Zum einen, wenn eine Person eine besondere Leistung zeigt, zum anderen aber auch, wenn man ihr aufgrund ihrer wahrgenommenen Potenziale eine außergewöhnliche Leistung lediglich zutraut. Im Falle von Kindern im Kita-Alter nehmen Erwachsene manchmal deutliche Entwicklungsvorsprünge oder altersuntypische Fähigkeiten wahr und vermuten deshalb eine hohe Begabung.
In der Wissenschaft versteht man unter Begabung das leistungsbezogene Entwicklungspotenzial eines Menschen. Natürlich verfügt jeder Mensch über ein gewisses Leistungsvermögen oder kann dieses unter Förderung entwickeln. Im engeren Sinne werden aber vorrangig Personen als begabt bezeichnet, die über ein hohes oder überdurchschnittliches Leistungs- und Förderpotenzial verfügen. Hochbegabt sind in diesem Sinne Personen mit einem besonders hohen oder weit überdurchschnittlichen Leistungspotenzial.
Für Kinder im Alter von null bis sechs Jahren ist es aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich, genau zu unterscheiden, ob sie begabt oder hochbegabt sind. Daher kann es sinnvoll sein, im Kita-Alter von Kindern mit hohen oder besonderen Begabungen zu sprechen, wenn man bei ihnen ein überdurchschnittliches oder weit überdurchschnittliches Leistungspotenzial vermutet.

Wodurch ist eine hohe Begabung beeinflusst?

Eine hohe Begabung bezeichnet allgemein das leistungsbezogene Entwicklungspotenzial eines Menschen. Dabei ist zu beachten, dass sich dieses Leistungspotenzial nicht auf ein Merkmal der Person reduzieren lässt. Vielmehr ist eine hohe Begabung ein Fähigkeits- und Persönlichkeitsprofil, das durch unterschiedliche Merkmale der Person beeinflusst ist. So ist beispielsweise eine musikalische Begabung nicht nur durch eine besondere Musikalität beeinflusst, sondern auch durch ein hohes Maß an Anstrengungsbereitschaft beim Erlernen eines Instruments.
Das besondere Leistungspotenzial kann in unterschiedlichen Bereichen auftreten – zum Beispiel auf kognitivem, sprachlichem, musisch-kreativem oder sportlichem Gebiet. Für jede Domäne muss daher die Frage gesondert beantwortet werden, was das Potenzial zu außergewöhnlichen Leistungen in dieser, also eine Begabung darin ausmacht.
Die Faktoren, die ein besonderes Leistungspotenzial ausmachen, unterliegen einem Wandel: Sie sind sowohl abhängig vom Alter eines Kindes und damit von seinem allgemeinen Entwicklungsstand (z. B. hinsichtlich der Persönlichkeitsmerkmale) als auch vom Grad bereits realisierter Leistungspotenziale. Insofern ist eine hohe Begabung eines Kindes immer auch Ausdruck des individuellen Entwicklungsstandes seiner leistungsbezogenen Potenziale zu einem bestimmten Zeitpunkt und verändert sich im Laufe der Zeit.
Voraussetzung für die Entfaltung der Potenziale sind zum einen günstige Umweltfaktoren und Förderbedingungen, z. B. ein unterstützendes Elternhaus oder die Qualität der pädagogischen Arbeit in der Kita, die es besucht. Zum anderen übernimmt auch das Kind eine aktive Rolle im Prozess seiner Begabungsentwicklung: Es nutzt aktiv die sich ihm bietenden Gelegenheiten zur Entfaltung seiner Potenziale, gestaltet diese durch seine Reaktionen darauf mit und engagiert sich, z. B. durch Anstrengung oder Übung für seine Begabung.

Welche Rolle spielt die Intelligenz?

Häufig sind insbesondere Menschen mit außergewöhnlich hohen kognitiven Fähigkeiten gemeint, wenn von einer Hochbegabung die Rede ist. Auch im wissenschaftlichen Diskurs wird auf der Seite relevanter Personenmerkmale eine hohe allgemeine Intelligenz als bedeutsame Voraussetzung für außergewöhnliche Leistungen, insbesondere in akademisch geprägten Domänen, erachtet. Konventionelle Definitionen erklären Hochbegabung als außergewöhnlich hohe Ausprägung von Intelligenz, gemessen mit standardisierten Intelligenztests und ausgedrückt mit dem Intelligenzquotienten (IQ). Befindet sich der gemessene IQ-Wert zwei Standardabweichungen über dem Mittelwert der Vergleichsgruppe (z. B. bei einem zehnjährigen Kind im Vergleich zu einer repräsentativen Gruppe zehnjähriger Kinder), wäre demnach die Voraussetzung erfüllt, von einer Hochbegabung zu sprechen. Dies entspricht einem IQ von mindestens 130.
In der Förderpraxis sollten Grenzwerte nicht zu starr gehandhabt werden. Zwischen einer Person mit einem IQ von 125 und einer Person mit einem IQ von 134 gibt es keine wesentlichen Niveauunterschiede in der Intelligenz. Geringe Unterschiede im IQ ergeben daher keinen substanziellen Mehrwert für die Frage nach einer angemessenen Förderung.
Dennoch: Eine hohe Intelligenz hat allgemein einen günstigen Einfluss auf die Entwicklung von Fähigkeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen, also nicht nur für die Entwicklung von Denkfähigkeiten in klassisch akademischen Domänen wie der Mathematik oder den Naturwissenschaften. Sie gilt als Maß der allgemeinen Lernfähigkeit. Eine schnelle Auffassungsgabe, hohe Merkfähigkeit und ausgeprägtes logisch-schlussfolgerndes Denkvermögen sind in jeglichem Lerngebiet hilfreiche Voraussetzungen für außergewöhnliche Leistungen.

Welche Besonderheiten sind für das Kita-Alter zu beachten?

Gerade in sehr frühen Jahren entwickeln sich Kinder gleichen Alters sehr unterschiedlich. Die Zeitfenster, welche für das erfolgreiche Absolvieren bestimmter Entwicklungsschritte als „normal“ gelten, sind entsprechend weit gefasst. Von einer Etikettierung sehr junger Kinder als „hochbegabt“ im Sinne eines stabilen Merkmals ist abzuraten. Es besteht die Gefahr, Kinder mit zu hohen Erwartungen an ihre (kognitive) Leistungsfähigkeit zu überfordern.
Eine beschleunigte Entwicklung eines Kindes in einem oder mehreren Bereichen kann auch Ausdruck eines zeitweisen Entwicklungsvorsprungs gegenüber Gleichaltrigen sein. Wichtig ist es daher, die Fähigkeitsentwicklung eines Kindes kontinuierlich und über einen längeren Zeitraum zu beobachten und einzuschätzen. Nur so kann beurteilt werden, ob das Kind über eine hohe Begabung im Sinne eines außergewöhnlichen Leistungspotenzials verfügt.
Zudem ist gerade bei sehr jungen Kindern die Entwicklung stark von den jeweiligen Umweltbedingungen, in denen sie aufwachsen, abhängig. Das gilt auch für die Entwicklung von hohen Begabungen. Sie hängt davon ab, ob Kinder Gelegenheit erhalten, sich vielfältig auszuprobieren und davon, dass sie bei entsprechender Motivation auch in den Genuss einer individuellen Förderung ihrer Stärken und Potenziale kommen. Eine individuelle Förderung auf dem jeweiligen Fähigkeitsniveau des Kindes ist demnach von großer Bedeutung, um Aufschluss über das Leistungspotenzial eines Kindes zu erlangen. Sie sollte als wichtiger Bestandteil einer prozesshaft gestalteten Begabungsdiagnostik betrachtet werden und nicht umgekehrt eine Begabungsdiagnostik zur Voraussetzung einer individuellen Förderung gemacht werden.

Wird eine hohe Begabung vererbt?

Die Entwicklung einer hohen Begabung ist sowohl von Merkmalen des Kindes, zu denen auch genetische Anlagen und Dispositionen gehören, als auch von Umweltfaktoren beeinflusst. Insofern unterliegt eine hohe Begabung zwar nicht ausschließlich, aber immer auch genetischen Einflüssen. Das gilt vor allem für besondere Begabungen in akademischen Domänen, für die eine hohe Intelligenz eine bedeutsame Rolle spielt: Intelligenzunterschiede sind zu einem erheblichen Teil (ca. 40 bis 60 %) genetisch bedingt, wenngleich auch Umweltbedingungen einen wichtigen Beitrag zu ihrer Erklärung leisten.
Der lange geführte Streit darüber, ob genetische Faktoren oder Umweltfaktoren von größerer Bedeutung für die Intelligenz sind, machte klar, dass das Ausmaß ihres jeweiligen Einflusses im Lebensverlauf schwankt. Je jünger Kinder sind, umso größer ist der Einfluss der Umweltfaktoren auf ihre Entwicklung. Das liegt auch daran, dass manche genetisch veranlagten Potenziale erst durch Umweltfaktoren aktiviert werden. Deshalb sind insbesondere für Kinder aus benachteiligten Milieus qualitätsvolle und anregungsreiche pädagogische Angebote schon ab einem frühen Alter von besonderer Bedeutung.
Die Wechselwirkung genetischer und umweltbedingter Faktoren ist dabei kein passiver Prozess. Mit zunehmendem Alter gestalten Kinder und später auch Erwachsene ihre Umweltbedingungen aktiv mit: Sie wählen sich beispielsweise Freunde, die ähnliche Interessen oder Fähigkeiten haben oder wählen bestimmte Freizeitaktivitäten oder schulische Angebote, mit denen sie ihren Neigungen nachgehen können. Damit nehmen sie aktiv Einfluss auf ihre (informellen) Lerngelegenheiten.

Ist hohe Begabung geschlechts- oder herkunftsabhängig?

Eine hohe Begabung kann prinzipiell bei allen Kindern unabhängig von ihrer sozialen oder kulturellen Herkunft sowie ihrem Geschlecht vorkommen. In Fördermaßnahmen für besonders begabte Kinder finden sich jedoch überproportional viele Kinder aus bildungsnahen und/oder einkommensstarken Familien ohne Migrationshintergrund. Zudem werden Mädchen mit hohen Begabungen seltener erkannt als Jungen. Die Ursachen sind vielfältig. Subjektive Zuschreibungen (Attributionen) und unterschiedliche Erwartungen aufseiten der Eltern und pädagogischen Fachkräfte spielen dabei eine bedeutsame Rolle. Kindern aus bildungsfernen oder einkommensarmen Familien sowie Kindern mit Migrationshintergrund wird häufig weniger zugetraut, zum Teil trotz vergleichbarer oder besserer Leistungen gegenüber Gleichaltrigen. Insbesondere sprachliche Einschränkungen können zu einer Unterschätzung von kognitiven Fähigkeiten führen. Außergewöhnliche Leistungen von Mädchen werden demgegenüber häufiger mit Fleiß und Anstrengung erklärt als bei Jungen, denen bei vergleichbaren Leistungen eher besonderes Talent zugetraut wird. Zudem zeigen besonders begabte Jungen, die sich unterfordert fühlen, eher Verhaltensprobleme als Mädchen. Das führt dazu, dass sie häufiger in Beratungsstellen vorgestellt und in der Folge als besonders begabt erkannt werden.

Warum ist es wichtig, schon früh besondere Potenziale von Kindern zu entdecken?

Eine hohe Begabung wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst und erklärt sich aus einem Zusammenspiel von Merkmalen der Person und ihrer Umwelt. Die Entwicklung und Entfaltung von besonderen Leistungspotenzialen steht zudem unter dem Einfluss von Lernprozessen. Gerade die Entwicklung sehr junger Kinder ist stark von den jeweiligen Umweltbedingungen, Lerngelegenheiten und -anregungen, mit denen sie aufwachsen, abhängig. Deshalb ist es wichtig, Kinder schon früh stärkenorientiert zu beobachten und ihnen vielfältige Gelegenheiten zu geben, sich in den unterschiedlichsten Bereichen auszuprobieren. Nur so können Kinder ihre „Leidenschaften“ entdecken und erwachsene Bezugspersonen die besonderen Potenziale der Kinder durch spezifische Lerngelegenheiten in ihrer Entfaltung unterstützen.
Die Frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen nimmt dabei in zweifacher Hinsicht eine wichtige Rolle ein: Sie kann helfen, kindliche Begabungen angemessen zu identifizieren und zu fördern sowie bei Bedarf nachteilige Herkunftseffekte auszugleichen. Ein ressourcenorientierter Blick auf jedes Kind hilft Kitas, die Potenziale und Fähigkeiten aller Kinder unabhängig von Geschlecht und Herkunft zu erkennen und zu fördern. Die Beobachtung und Dokumentation kindlicher Entwicklung sollte daher nicht nur mögliche Entwicklungsrückstände, sondern prinzipiell auch die Frage nach besonderen Stärken und Talenten der Kinder umfassen. Qualitätsvolle pädagogische Arbeit, die diese Stärken, die Interessen und Begeisterung der Kinder fördert, schafft die Grundlagen für Freude am eigenen Können, hohe intrinsische Lernmotivation und damit auch für die Entfaltung besonderer Leistungspotenziale.

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