Hochbegabung verstehen

Kita

Stigmatisierende Zuschreibungen

„Kleiner Einstein“, „Super-Brain“, „Überflieger“ – all dies sind beispielhafte Zuschreibungen, mit denen Kinder mit hohen kognitiven Begabungen mitunter konfrontiert werden. Wie es zu stigmatisierenden Zuschreibungen kommen, welche Ursachen es hierfür geben kann und was man als Erwachsener in solchen Situationen unternimmt, wird nachfolgend erläutert.

Von: Lisa Pohlmeier


Zuschreibungen können stigmatisierende Wirkungen entfalten

Mit dem Begriff der Stigmatisierung (vom Griechischen „Stigma“: Wundmal, Stich) ist ein Prozess gemeint, bei welchem einer Person Merkmale oder Eigenschaften zugeschrieben werden, die bei anderen zumeist negativ konnotiert sind. Das führt dazu, dass eine besonders prägnante Eigenschaft eines Kindes so stark hervorgehoben wird, dass andere Eigenschaften, die das Kind ebenso ausmachen, nicht mehr gesehen oder wahrgenommen werden. Erwachsene wenden diese Zuschreibung zum Teil liebevoll oder unbedacht an und wollen im besten Fall mit solchen Bezeichnungen positive Eigenschaften des Kindes besonders unterstreichen. Sie sind sich jedoch häufig nicht darüber bewusst, welche negativen Auswirkungen mit solchen stereotypen Zuschreibungen einhergehen können, vor allem, wenn das Kind regelmäßig und dauerhaft damit konfrontiert wird und wegen der Zuschreibung ein Gefühl des Stigmatisiert-Seins entwickelt.

Wenn beispielsweise ein kognitiv besonders begabtes Kind auf viele Fragen im täglichen Morgenkreis zumeist die richtige Antwort kennt und äußert, empfinden die anderen das Kind dann häufig als „Besserwisser“ und sagen ihm das auch direkt oder lassen es mit Mimik und Gestik wissen, dass sie das Engagement nicht gutheißen. Dabei geht dieses Kind lediglich seinem Impuls nach und möchte es gar nicht „besser wissen“. Es spricht lediglich aus, was es weiß. Die besondere kognitive Kompetenz des „Besserwissers“ wird aber durch die Bezeichnung negativ bewertet und damit wird ein eigentlich positives Merkmal ins Negative verkehrt – und besonders hervorgehoben. Weitere Eigenschaft(en) des Kindes treten gleichzeitig für alle Anwesenden eher in den Hintergrund.

Einmal Einstein, immer Einstein!

Jean Piaget forschte umfangreich im Bereich der kognitiven Entwicklung und seine Erkenntnisse sind in ihrer Bedeutsamkeit bis heute von hoher Relevanz. So lässt sich erklären, dass alles, was wir als Menschen wahrnehmen, wir aufgrund der uns permanent umgebenden Komplexität an Informationen gedanklich auf der Grundlage uns bereits bekannter Erfahrungen kategorisieren 1. Dadurch strukturieren und reduzieren wir die Komplexität unserer jeweiligen Umwelt, sodass unser Gehirn effizient(er) arbeiten kann. Erlebtes, Gesehenes und Erfahrenes wird dabei in Sekundenschnelle mit Vorwissen und früheren Erfahrungen abgeglichen und entsprechend kategorisiert. Durch Beobachtungsfehler oder fehlende Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes können, sofern nicht regelmäßig reflektiert, unbewusst Stigmatisierungsprozesse in Gang kommen.

Fallbeispiel:
Stellen wir uns die wissbegierige, kluge, intelligente, neugierige Fatima in der Kita vor. Wir nennen sie wegen ihres für ihr Alter überaus beachtlichen Wissens in verschiedenen Bereichen wohlwollend gerne „kleine Einstein“ und lächeln dabei. Wir meinen es nicht böse, ganz im Gegenteil. Ihr Wissen und Lernverhalten assoziiert lediglich unsere Bilder über Einstein oder das, was andere über Einstein meinen zu wissen, in unserem Kopf – und das führt dazu, dass wir Fatima einen liebevoll gemeinten Kosenamen zusprechen. Schon morgens begrüßen wir sie mit „Hallo, kleine Einstein“ und wir verabschieden sie am Ende des Tages mit: „Tschüss, Einstein. Bis morgen.“

Holzfiguren bilden einen Kreis um eine rote Holzfigur
Bild: iStock/Andrii Yalanskyi

Aktiver und passiver Part in Stigmatisierungsprozessen

In dem vorangegangenen Fallbeispiel beurteilen die pädagogischen Fachkräfte durch die Zuschreibung „Kleine Einstein“ Fatima aktiv. Sie werten und kategorisieren die Fähigkeiten bzw. Eigenschaften von Fatima und leiten daraus eine aus ihrem Erfahrungshorizont als Erwachsene passende Etikettierung ab, die Fatima auch mitgeteilt wird. Dass dabei die Person Fatima hinter dem Etikett „Kleine Einstein“ verschwindet, macht deutlich, wie dieses Fatima als Person mit ihren ganz individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verdecken vermag.

Fatima selbst bleibt bei diesem Prozess passiv: Sie nimmt die Etikettierung durch die pädagogischen Fachkräfte wahrscheinlich wahr und wird sich vermutlich fragen, was die Erwachsenen mit „Kleiner Einstein“ wohl meinen? Sie wundert sich und verbindet im Lauf der Zeit Eigenschaften, die sie hinter dieser Zuschreibung aufgrund der Etikettierung begleitenden nonverbalen Zeichen der pädagogischen Fachkräfte vermuten lassen. Konfrontieren die pädagogischen Fachkräfte Fatima immer wieder mit dieser Etikettierung, wird sie ihre Vorstellung von „Kleine Einstein“ jeweils kontextbezogen anhand der weiteren verbalen und nonverbalen Zeichen weiter ausdifferenzieren und verfestigen. Sind Fatimas Vorstellungen von „Kleine Einstein“ aufgrund der Kontexterfahrungen erst einmal negativ bei ihr konnotiert, kann es zu einem Gefühl des Stigmatisiert-Seins kommen, das sich mit jeder weiteren Ansprache als „Kleine Einstein“ weiter verfestigt.

Welche Auswirkungen haben stigmatisierende Zuschreibungen auf Kinder?

Gerade sensible Kinder fühlen sich durch stigmatisierende Zuschreibungen häufig unter Druck gesetzt: Sie versuchen dann, der zugeschriebenen Rolle zu entsprechen (oder meinen, es zu müssen), um Aufmerksamkeit zu erhalten. Schließlich ist die Zuschreibung das Bild, welches die pädagogischen Fachkräfte von ihm als Kind haben. Und seine Bezugspersonen sollen nach Möglichkeit nicht enttäuscht sein von ihm! – So oft der kindliche Gedanke. Dementsprechend kann ein Kind durch stigmatisierende Zuschreibungen Ängste entwickeln, dass die Erwachsenen sich abwenden oder ihm weniger Aufmerksamkeit widmen, wenn es seine Rolle des „Überfliegers“ einmal nicht erfüllt. Doch jedes Kind (und auch Kinder mit hohen kognitiven Begabungen!), brauchen Erholungs- und Ruhephasen. Auch sie dürfen Fragen aus ihrer Perspektive ohne Fachwissen beantworten oder eine Antwort mal nicht kennen.

Stigmatisierende Zuschreibungen tragen in der Regel dazu bei, dass Kinder sich nicht frei entwickeln, denn sie passen ihr Verhalten im Sinne selbsterfüllender Prophezeiungen häufig den Zuschreibungen an sie an. Auf der anderen Seite entsteht eine Selektion in der Wahrnehmung der pädagogischen Fachkräfte, indem das Bild vom „Überflieger“ die tatsächlichen Beobachtungen überlagern. Somit erhalten pädagogische Fachkräfte eingeschränkte, ja sogar verfälschte Beobachtungsergebnisse, die sich in verschiedenen Gesprächen über das Kind fort- und festsetzen und den Blick für die individuelle Vielfalt des Kindes sowie seine Förderbedarfe unzureichend abbilden.

Auslöser für stigmatisierende Zuschreibungen

Wie zu Beginn bereits erwähnt, sortieren Menschen alle ihre Wahrnehmungen gedanklich auf der Grundlage ihnen bereits bekannter Vorerfahrungen. Dadurch strukturieren und reduzieren sie die enorme Komplexität der jeweiligen Umwelt, sodass ihr Gehirn äußerst effizient arbeiten und – mitunter kann dies lebensentscheidend sein (!) – in Sekundenbruchteilen gegebenenfalls die richtige Entscheidung treffen kann.

Gerade, wenn pädagogische Fachkräfte im Arbeitsalltag froh um jede Entlastung sind, hilft das Kategorisieren für die eigene mentale Ordnung und Struktur, ohne sich dabei zu jedem Zeitpunkt mit jeder Information über ein Kind individuell auseinander setzen zu müssen. Fachkräfte brauchen aber Zeit(-Räume), um ihr Professionshandeln reflektieren zu können. Insbesondere beim Berufseintritt, wenn möglicherweise noch eingeschränktes Fachwissen über Lern- und Entwicklungsverläufe, (Verhaltens-)Auffälligkeiten bei Kindern und professionelle Diagnostik besteht, können Mechanismen der Komplexitätsreduktion den Blick auf ein Kind zu schnell verengen. Diese kategorisierenden Muster aufzulösen und neue Beobachtungs- und Deutungsmuster zu erlernen, ist wie jede Verhaltensänderung mit Anstrengung verbunden. Pädagogische Fachkräfte brauchen den Antrieb und die Neugier, sich intensiv mit der Individualität von Kindern auseinandersetzen zu wollen und sich auf den Weg zu machen, Unbekannte(s) zu erforschen, sich mehr Fachwissen anzueignen und anzuwenden und in den regelmäßigen reflektierenden Austausch mit ihren Teammitgliedern zu gehen.

Wie kann stigmatisierendes Verhalten vermieden werden?

Wie zuvor bereits angerissen, ist für pädagogische Fachkräfte einerseits die Reflexion der eigenen Rolle und ein Bewusstsein für das eigene Professionshandeln wesentlich, um Stigmatisierungsprozesse zu verhindern bzw. in der (Team-)Reflexion als solche aufzudecken. Fachkräfte, die um die Auswirkungen von Zuschreibungen wissen, die wertfrei und möglichst neutral beobachten, geben Kindern Freiräume zur Individualität und zur persönlichen Entfaltung. Entscheidend dabei ist der ressourcenorientierte Blick auf die Stärken und Potenziale der Kinder. Partizipative Formate, bei denen aktives Zuhören und die achtsame Beobachtung aller Kinder gefördert wird, hat ebenfalls vorbeugenden Effekte, denn dieser Zugang ermöglicht Kindern eine aktive Rolle, die sie mitunter auch dazu nutzen, um auf ihr Empfinden des Stigmatisiert-Seins aufmerksam zu machen.