Hochbegabte unterstützen

Beratung

Welche Herausforderungen gibt es in der Beratung (hoch-)begabter Kinder und Jugendlicher?

In Zusammenhang mit Hochbegabung ergeben sich häufig Fragen, zu denen sich Familien mit besonders begabten Kindern kompetente Beratung wünschen. Beratende müssen dafür über breites Fachwissen verfügen und in der sensiblen und individualisierten Begleitung der Familien erfahren sein.

Von: Wiebke Evers


Hochbegabung in vielen Gewändern

Eine zentrale Herausforderung für Beratende stellt dabei die Vielfalt der Anlässe dar, aufgrund derer Familien Kontakt zur Beratungsstelle aufnehmen 1. Es kann um Probleme in der Familie, um Verhaltensauffälligkeiten, Leistungsschwierigkeiten in der Schule oder auch soziale Ausgrenzung gehen. Mal steht die Hochbegabung dabei im Vordergrund, mal spielt sie eher eine Nebenrolle, mal ist sie auch zunächst gar kein Thema. Zudem können sich neben dem im Erstgespräch genannten Beratungsanlass im Beratungsverlauf weitere Themen auftun, zu denen die Beratenden sowohl bei der Analyse der Situation als auch bei der Ermittlung von Lösungsansätzen Hilfestellung leisten können.

Wissen vermitteln & Stereotypen begegnen

Oft geht es zunächst darum, den Ratsuchenden Wissen zu vermitteln und Falschannahmen, die in Bezug auf Hochbegabung bestehen, oder auch hinderliche Denkmuster und Haltungen aufzulösen. Herrscht z. B. die Vorstellung, dass Hochbegabte durch ihren hohen IQ in der Lage sind, aufkommende Probleme selbstständig lösen zu können, kann sich daraus die Annahme ableiten, dass das Kind Schwierigkeiten einfach nicht bewältigen will. In der Konsequenz wird ihm die benötigte Unterstützung nicht zuteil. Informationen können nicht nur für ein besseres Verständnis der Situation durch die Beteiligten sorgen, sondern auch Raum für neue Lösungsansätze schaffen. In manchen Fällen kann es sich schwierig gestalten, die auf falschen Informationen basierenden Haltungen bei den Familien und auch bei den Hochbegabten selbst zu verändern. Diesen Prozess zu begleiten, erfordert von den Beratenden viel Geduld, Einfühlungsvermögen und Zeit.

Komplexe Frage- und Problemstellungen

Beratung zielt auch auf die Lösung vorhandener Probleme. Diese reichen von der Identifikation adäquater Fördermöglichkeiten und deren Umsetzung über Erziehungs- und Lernschwierigkeiten bis hin zu klinisch-psychologisch gelagerten Fragestellungen. Mit einer Hochbegabung können komplexe Problemstellungen einhergehen, die sich oft über Jahre entwickeln und aufbauen. Zwei besonders herausfordernde Beratungsanlässe stellen dabei Underachievement (Minderleistung) und Twice-Exceptionality (doppelte Außergewöhnlichkeit) dar.

Underachievement

Bleibt die gezeigte Leistung unter dem eigentlichen Potenzial zurück, ist von Underachievement die Rede. Underachievement kann ein Grund dafür sein, dass eine besondere Begabung nicht wahrgenommen wird, ist aber ohne einen Hinweis auf das kognitive Potenzial (z. B. in Form eines IQ-Tests) kaum erkennbar. Underachievement kann einen hohen Leidensdruck erzeugen und die persönliche Entwicklung negativ beeinflussen. Sowohl die frühe Erkennung, eine einfühlsame und stärkende Begleitung sowie die Erarbeitung spezifischer Interventionskonzepte sind in der Begleitung von Minderleistenden wesentlich.

Twice Exceptionality

Wenn Hochbegabung gemeinsam mit einer Lern- oder (Teil-)Leistungsstörung (z. B. Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche) oder auch psychischen Entwicklungsstörungen wie einer Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts-)Störung auftritt, spricht man von einer sogenannten doppelten Außergewöhnlichkeit. Eine solche Kombination erschwert manchmal die richtige Diagnose, sowohl in Bezug auf die besondere Begabung als auch die vorliegende Störung, da sich die Symptome ähneln und verdecken oder auch gegenseitig ausgleichen können. Dabei ist die Erkennung wichtige Voraussetzung für die passende Förderung des Kindes. In Bezug auf die beiden Problemstellungen bedarf es auf Seiten der Beratenden nicht nur fundierte Kenntnisse in Diagnostik, Beratung und Gesprächsführung, sondern auch klinisch-psychologisches Fachwissen. Auf Basis ihres individuellen fachlichen Hintergrundes entscheiden die Beratenden im Verlauf der Beratung, ob für die weitere Behandlung an andere Fachpersonen wie Psycho- oder Lerntherapeut:innen vermittelt wird bzw. diese in den Prozess miteingebunden werden.

Gemeinsam und miteinander

Das hochbegabte Kind in der Beratung

Kinder und Jugendliche sollten in der Beratung immer entwicklungsangemessen am Beratungsprozess beteiligt sein. Mit Blick auf die Arbeit mit (Hoch-)Begabten können sich hier besondere Herausforderungen ergeben. Je nach Persönlichkeit des Kindes stellt dieses unter Umständen die Beratungsstrategien und vorgeschlagene Lösungsansätze in Frage. Dabei ist es wichtig, auf die Rückmeldungen des Kindes einzugehen und den kognitiven sowie den emotionalen Bedürfnissen, die dahinterstehen, Beachtung zu schenken 2.

Kommunikation & Netzwerkarbeit

In der Beratung von Kindern und Jugendlichen gilt es, das familiäre und institutionelle Umfeld (Kita, Schule) einzubeziehen. Manche Lösungsansätze, z. B. bei Underachievement, sind in ihrer Realisierung von der Unterstützung der Lehrkraft oder der Eltern abhängig. Diese systemische Herangehensweise verlangt neben der Bereitschaft der Beteiligten zu dieser oft sehr zeit- und ressourcenintensiven Zusammenarbeit auch Aufgeschlossenheit für neue Perspektiven. Der Aufbau unterstützender Netzwerke und die Koordination von Maßnahmen fordert von den Beratenden starke kommunikative und auch organisatorische Fähigkeiten.

Beratung barrierefrei

Beratung zum Thema Hochbegabung sollte allen Ratsuchenden unabhängig von ihrer kulturellen und sozialen Herkunft offenstehen. Barrieren, die bestimmten Gruppen den Zugang zu Beratung erschweren, müssen dafür aktiv abgebaut werden.

  • Informationen zum Beratungsangebot: z. B. die Möglichkeit der Sprachauswahl, der Verwendung einfacher Sprache beim Internetauftritt sowie eine genaue Aufklärung über den Ablauf einer Beratung und eventuelle Kosten.
  • Zugehende Beratung: Diese siedelt sich örtlich dort an, wo Fragen zu Hochbegabung auftauchen können, z. B. in Kindertageseinrichtungen, Schulen oder auch Kinder- und Familienzentren. Durch die örtliche Nähe und den bereits bestehenden persönlichen Kontakt zur Einrichtung ist sie besonders niedrigschwellig.
  • Offene Haltung: Eine offene Haltung der Beratenden gegenüber anderen Kulturen mit unter Umständen anderer Norm- und Wertvorstellung ist unerlässlich. Die Beratenden müssen ehrliches Interesse haben, das Anliegen und auch die individuellen familiären wie auch kulturellen Gegebenheiten zu verstehen. Das erfordert auch, die eigenen Vorannahmen stetig zu reflektieren und zu hinterfragen.