Hochbegabung verstehen

Schule

Möglichkeiten der Förderung für Underachiever

Immer wieder begegnen uns hochbegabte Schüler:innen, die ihr Potenzial nicht voll ausschöpfen. Doch wie kann Underachievement begegnet werden? In diesem Beitrag werden Elemente von Projekten für Underachiever beispielhaft skizziert.

Von: Karen Johannmeyer


Einleitung

Was ist Underachievement?

Der Begriff Underachievement lässt sich mit Minderleistung übersetzen. Eine einheitliche Definition gibt es jedoch nicht. In der Forschung definiert die sogenannte Diskrepanzdefinition, über die auf Grundlage von einem hohen IQ-Wert ein Underachievement als eine Diskrepanz zwischen den zu erwarteten Leistungen und den tatsächlich erbrachten Leistungen angesehen wird. Kritik an dieser Definition bezieht sich darauf, dass es nicht zwingend einen Zusammenhang zwischen der kognitiven Leistungsfähigkeit und der Schulleistung gibt 1.

Bei der Definition von Underachievement über so eine Diskrepanz stellt sich außerdem die Frage, ob – und für wen – es ein Problem darstellt, wenn eine Hochbegabung nicht mit einer Hochleistung einhergeht. Die Perspektive der Kinder und Jugendlichen selbst ist in dieser Frage entscheidend.

Ursachen von Underachievement

Ursachen für Underachievement können vielfältig sein. In der Forschung, die bisher häufig im Bereich der Psychologie lag, wird meist auf Persönlichkeitsmerkmale verwiesen, wie beispielsweise eine mangelnde Leistungs- und Lernmotivation, Desinteresse, persönliche Einstellungen oder Schwierigkeiten in der Selbstregulation 1. Inwiefern auch der Unterricht oder schulsystemische Bedingungen im Zusammenhang mit Underachievement stehen, wurde bisher nur in wenigen Studien empirisch untersucht 12. Es gibt jedoch Hinweise, dass auch Aspekte wie die Klassengröße, individuelle Förderung, und eine Verbesserung der Beziehung von Lehrperson und Schüler:innen einen positiven Einfluss haben können 3.

Förderung bei Underachievement

Wenn die Ursachen für ein Underachievement vielfältig und komplex sind, dann wird kaum ein Programm für alle Betroffenen passen. Ansätze zur Förderung bei Underachievement müssen deshalb meist individuell für den/die jeweilig betroffene:n Schüler:in gefunden werden. Eine besondere Herausforderung in der Begleitung von Underachievern liegt demnach in der zeitaufwendigen, einzelfallspezifischen Förderung. In der Förderung bei Underachievement werden häufig verschiedene Ansätze vereint. Mögliche Elemente einer Förderung bilden die Förderung im Unterricht, Arbeitsgemeinschaften und Projekte, die einzelfallorientierte Beratung, die in der Schule oder außerhalb über Beratungsstellen stattfinden kann sowie Trainings für Motivation und Selbststeuerung. Diese Elemente werden im Folgenden überblicksartig vorgestellt.

Förderung von Underachievement im Unterricht

Zur Förderung hochbegabter Schüler:innen in Schule und Unterricht haben sich Maßnahmen wie Enrichment oder Akzeleration etabliert. Prinzipiell können viele dieser allgemeinen Ansätze auch für hochbegabte Underachiever genutzt werden. Allerdings haben Underachiever häufig zusätzliche Schwierigkeiten mit Lern- und Arbeitstechniken, einer Anstrengungsvermeidung, oder auch fachlichen Lernlücken. Für diese Herausforderungen gibt es jedoch bisher kaum spezifische Empfehlungen zur Förderung im Unterricht: Es mangelt an Forschung zu passenden Lehr-Lernsettings, die diesen allgemeinen und fachlichen Schwierigkeiten von Underachievern begegnen 1. Insbesondere dann, wenn für die Betroffenen ein hoher Leidensdruck vorliegt, sollte eine Förderung im Unterricht deshalb mit anderen Maßnahmen kombiniert werden.

Billardkugeln
Bild: iStock/taurusgio

Arbeitsgemeinschaften und Projekte

Themenbezogene Arbeitsgemeinschaften und Projekte können bei Underachievement auf zwei Wegen eine Unterstützung sein. Einerseits können diese, wenn ein Underachievement erkannt wurde, eine geeignete Fördermaßnahme sein, über die hochbegabte Kinder und Jugendliche interessengeleitet an spezifischen Themen arbeiten können. Andererseits können sich in themenbezogenen Arbeitsgemeinschaften oder Projekten besondere Begabungen von den Teilnehmenden erstmalig zeigen, wenn es keine Zugangsbegrenzungen durch hohe Schulleistungen oder IQ-Tests gibt.

Praxisbeispiel: Billardkugeln als Lernmedium in der Förderung von Underachievern

Das Projekt begann im Mathematikunterricht von Heike Hagelgans 4mit der Vektorrechnung, deren Gesetzmäßigkeiten sich gut über das Billardspiel und die Bewegung der Billardkugeln illustrieren lässt. Als Arbeitsgemeinschaft jenseits des regulären Unterrichts kamen dann zunehmend Schüler:innen zum Projekt, die zwar ein hohes kognitives Potenzial hatten, aber nicht unbedingt hohe Schulleistungen erbracht haben: Das Billardprojekt sah sich plötzlich mit der Problemlage hochbegabter Underachiever konfrontiert. Im Team mit Lehrpersonen, Sonder-, Sozial- und Schulpädagog:innen wurde daraus ein ganzheitliches innerschulisches Förderprogramm entwickelt. Mit den Schüler:innen wurde auf der Beziehungsebene und über eine Lernberatung und -begleitung gearbeitet. Ergänzt wurde dies um eine Akademie für die Eltern und Diagnoseverfahren und Fallberatungen für die Schulen.

Einzelfallorientierte Beratung

Das Feld der einzelfallorientierten Beratung zur Hochbegabung ist vielfältig besetzt: Die außerschulischen Beratungsstellen können begabungspsychologische Beratungsstellen in kultusministerialer, kommunaler oder universitärer Trägerschaft sein, Erziehungsberatungsstellen mit Beratungsangeboten für Familien hochbegabter Kinder, sowie freie (psychologische) Praxen mit einem Schwerpunkt auf der Beratung und Begleitung von Hochbegabten. Während die Beratungsanliegen im Erstkontakt zu Beratungsstellen meist vielfältig sind, war in einer Studie in etwa 25% der Fälle auch ein Underachievement eines der Themen, für die eine Beratung gesucht wurde 5. Es gibt unter den Beratungsstellen und Praxen zunehmend solche, die für die Beratung bei Underachievement besondere Expertise und umfassende Konzepte entwickelt haben.

In der Schule gibt es ebenfalls verschiedene Möglichkeiten der individuellen Beratung. Häufig gibt es schuleigene Beratungslehrpersonen, die zur Seite stehen können. Zum Teil haben diese auch eine besondere Fortbildung zur Beratung und Begleitung von hochbegabten Kindern und Jugendlichen erhalten. Eine zentrale Rolle spielen aber die Fach- und Klassenlehrpersonen der betroffenen Schüler:innen. Über ihren Kontakt, ihre Beziehung zu den Schüler:innen, sowie über einen echten Dialog mit diesen können sie sowohl dazu beitragen, Underachievement zu erkennen, als auch die weitere Unterstützung und Förderung zu beraten und begleiten.

Trainings für Motivation und Selbststeuerung

Da mit einem Underachievement häufig Schwierigkeiten in der Motivation sowie in der Selbststeuerung zusammenhängen, gibt es verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten für diese. Selbstverständlich kann dies auch ein Teil der einzelfallorientierten Beratung sein. Darüber hinaus gibt es Konzepte für Trainings in (Klein-)Gruppen. Meist werden diese durch eine Anamnese in Form eines Intelligenztests begleitet und beinhalten verschiedene Bausteine für die Arbeit in Kleingruppen. Themen können Selbstmotivierung, Umgang mit herausfordernden Gefühlen und Situationen, (Re-)Attribution oder auch Lernstrategien sein.

Praxisbeispiel: Bildungschance – Get started: Programm für Underachiever

Zielgruppe des Projekts am Hoch-Begabten-Zentrum Rheinland sind Schüler:innen der neunten Klasse, die ihr Begabungspotenzial nicht in gute (schulische) Leistungen umsetzen können, oder die aufgrund ihres sozialen oder familiären Hintergrunds ihr Potenzial nicht entfalten können. Kern des Programms sind acht Module, in denen in Kleingruppen von 10-15 Schüler:innen gearbeitet wird. Nach einem Einstieg mit einer Teambuilding-Maßnahme arbeitet die Gruppe beispielsweise an sozialen Kompetenzen, der Selbstregulation, Lernstrategien, (Re-)Attribution, oder an Motivation und Zielen. Zusätzlich werden für die Schüler:innen zwei telefonische Coaching-Termine angeboten. Für die Eltern gibt es einen Sprechtag, an dem die Aktivierung familiärer Ressourcen im Fokus steht, und ein bedarfsorientiertes Beratungsangebot. Ergänzt wird das Programm um ein Beratungsangebot für die Schulen 6.

Ausblick auf weitere Interventionsmöglichkeiten bei Underachievement

Vorgestellt wurden verschiedene Möglichkeiten, dem Underachievement über eine gezielte Förderung zu begegnen. In der Praxis zeigt sich, dass in vielen Projekten mehrere Elemente der Förderung miteinander kombiniert werden. Der Schwerpunkt dieser Zusammenstellung liegt auf Projekten, deren Zielgruppe die betroffenen Schüler:innen selbst sind. Nicht zuletzt sind jedoch ergänzende Maßnahmen zu nennen, die sich an Eltern oder Lehrpersonen richten. In besonderen Trainings oder Gesprächsgruppen können Eltern lernen, die besondere Begabung ihrer Kinder besser zu verstehen, und sie beim Entfalten ihrer Potenziale zu unterstützen. Für Lehrpersonen gibt es Möglichkeiten der Fortbildung, denn für betroffene Schüler:innen ist es besonders wichtig, wenn ihre Lehrpersonen das Phänomen des Underachievements kennen und wissen, wie sie in dem Fall unterstützen können. Eltern und Lehrpersonen spielen zudem nicht nur bei der Unterstützung und Förderung der betroffenen Kinder und Jugendlichen, sondern auch beim Erkennen von Underachievement eine zentrale Rolle.

Es zeigt sich, dass Interventionen meist eben dann erfolgreich sind, wenn beispielsweise nicht nur ein Training in einer Kleingruppe stattfindet, sondern verschiedene Elemente der Unterstützung kombiniert werden 789. So gibt es Projekte, die ein Training zur Motivation und Selbstregulation für die Schüler:innen selbst anbieten, und in denen gleichzeitig in Gesprächsgruppen die Eltern und über Fortbildungsmaßnahmen die Lehrpersonen begleitet werden. Oder es gibt Berater:innen, die einerseits mit Kind und Eltern gemeinsam an Lernstrategien arbeiten und andererseits auch die Lehrpersonen beratend begleiten. Underachievement-Projekte sollten idealerweise verschiedene Elemente der Unterstützung vereinen und nicht mit der Begleitung der Kinder selbst aufhören, sondern auch auf der institutionellen Ebene ansetzen, und die Eltern und die Lehrpersonen mitberücksichtigen.