Hochbegabung verstehen

Schule

Beobachtungs- und Beurteilungsfehler

Beobachtungen im Unterricht gehören zu den alltäglichen Aufgaben der Lehrkraft: Arbeiten Marvin und Sina mit? Gibt es bei Tina, Sven oder Malte Probleme mit der Aufgabenstellung? Ist Katja heute mit der Aufgabe fertig geworden? Wer übernimmt in der Gruppenarbeit welche Aufgabe? Diese alltäglichen Beobachtungen werden meist unbewusst nebenbei ausgeführt und erfolgen nicht zwingend systematisch. Wenn Beobachtungen im Rahmen der pädagogischen Diagnostik eingesetzt werden, erfolgen sie in der Regel fokussierter. Begabungen der Schüler:innen können dadurch gezielter erkannt werden.

Von: Nicole Miceli


Welche Herausforderungen gibt es bei der Beobachtung von Schüler:innen?

Bei der Beobachtung von Schüler:innen durch die Lehrkraft gibt es einige Herausforderungen. Insgesamt sollte bedacht werden, dass Beobachtungen, die von Menschen durchgeführt werden, immer subjektiv verarbeitet werden. Erwartungshaltungen und Vorerfahrungen prägen die eigenen Beobachtungen und führen dazu, dass man bei der Beobachtung unbewusst darauf den Fokus legt und das beobachte Verhalten entsprechend bewertet. Eine strukturierte Beobachtung zum Beispiel mit einem Beobachtungsbogen kann die Lehrkraft dabei unterstützen, den Blick auch auf Verhaltensweisen der Schüler:innen zu lenken, die sie sonst nicht wahrgenommen hätte.

Dennoch ist es wichtig sich vor Augen zu halten, dass Beobachtungen auch in einem strukturierten Setting zu einem gewissen Anteil subjektiv bleiben. Beobachtete Verhaltensweisen oder Interaktionen bei Schüler:innen können daher von unterschiedlichen Lehrkräften unterschiedlich wahrgenommen, beschrieben oder interpretiert werden. Hinzu kommt, dass Beobachtungen immer an die jeweiligen Rahmenbedingungen gebunden und situationsabhängig sind: Findet die Beobachtung in der ersten oder der sechsten Stunde statt? Steht in der darauffolgenden Stunde etwas Besonderes an und sind die Schüler:innen vielleicht deshalb besonders unkonzentriert? Wie ist der Lärmpegel im Klassenzimmer?

Darüber hinaus gilt es beim Erkennen von Begabungen durch Beobachtungen zu bedenken, dass das gezeigte Lern- und Leistungsverhalten der Schüler:innen immer an die jeweiligen Unterrichtsinhalte und -formen gebunden ist. Je nachdem wie der Unterricht gestaltet wird, welche Lernformen angewendet werden und welche Aufgabenformate zum Einsatz kommen, können die Schüler:innen agieren und ihre Begabungen zum Vorschein bringen 12.

Häufige Beobachtungsverzerrungen und Beurteilungsfehler

  • Pygmalion-Effekt: Dieser Effekt beschreibt die komplexe Wechselwirkung von Vorannahmen, die eine Lehrkraft in Bezug auf ihre Schüler:innen hat sowie dem Interaktionsverhalten, das die Lehrkraft aufgrund dieser Vorannahmen zeigt und den Reaktionen auf Seiten der Schüler:innen. Wenn eine Lehrkraft beispielsweise annimmt, dass ein:e Schüler:in eine besondere Begabung hat und ihn oder sie entsprechend im Unterricht behandelt, kann sich das – je nach Verhalten der Lehrkraft – positiv oder negativ auf die Reaktionsweise der Schülerin / des Schülers auswirken. Die Art der Interaktion hat wiederum Auswirkungen u. a. auf das Selbstkonzept und die Motivation des Kindes/Jugendlichen. 34
  • Kontrastfehler: Der Kontrastfehler wird in der Literatur häufig auch Projektion oder Similar-to-me-Effekt genannt. Hierbei legt die Lehrkraft für die Beurteilung der Leistungen oder des Verhaltens von Schüler:innen ihre eigenen Fähigkeiten und Verhaltensweisen als Maßstab an. Dies kann bewusst oder unbewusst geschehen. Oftmals werden die Kompetenzen und Verhaltensweisen, die denen der Lehrkraft ähnlicher sind, auch positiver bewertet. 5 Dies kann dazu führen, dass z. B. eine extrovertierte Lehrkraft, die Begabungen eines eher introvertierten Kindes oder Jugendlichen erst zu einem späteren Zeitpunkt oder sogar gar nicht wahrnimmt.
  • Ungeprüfte Übernahme von Vor- und/oder Zusatzinformationen: Hierbei verlässt sich eine Lehrkraft ohne eine eigene Überprüfung auf Informationen von Personen, die bereits mit dem/der Schüler:in zu tun hatten. Dies hat für begabte Schüler:innen insbesondere dann negative Konsequenzen, wenn die Begabungen bisher noch nicht erkannt wurden und entweder die Begabungen eher verstecken, um im Klassengefüge nicht aufzufallen oder im Rahmen eines Underachievements unterhalb ihrer Möglichkeiten geblieben sind. Verlässt sich eine Lehrkraft, die den/die Schüler:in neu übernimmt dann auf Vorinformationen, besteht die Gefahr, dass die Begabung weiterhin nicht erkannt wird“ 2.
  • Halo-Effekt: Beim Halo-Effekt wird eine Eigenschaft einer Schülerin oder eines Schülers auf einen Bereich übertragen, der damit nicht im Zusammenhang steht. Dabei wird beispielsweise einer Schülerin, die eine eher unordentliche Heftführung hat, unterstellt, dass sie auch fachlich schlechte Leistungen erbringt 6. Begabte Schüler:innen neigen jedoch häufig dazu, solche organisatorischen Aspekte zu vernachlässigen und sich eher auf die inhaltlichen Teile zu konzentrieren. Der Halo-Effekt könnte dann dazu führen, dass eine Begabung nicht erkannt wird, weil der Fokus der Wahrnehmung anders gelegt wird“ 2.
  • Stereotype: „Beim Heranziehen von Stereotypen werden bestimmte Eigenschaften als ‚typische‘ Eigenschaften für eine bestimmte Gruppe von Menschen z. B. Menschen gleicher sozialer Herkunft, gleichen Geschlechts angesehen. Diese Eigenschaften werden dann auf alle Menschen dieser Gruppe übertragen." 4 Hochbegabten Kindern und Jugendlichen wird beispielsweise ein eher wenig sozialkompetentes Verhalten zugeschrieben oder es werden von ihnen aufgrund der Hochbegabung zwingend herausragende Leistungen erwartet.
  • Tendenz zur Mitte: Häufig vermeiden Lehrkräfte, bei der Notengebung besonders gute oder extrem schlechte Noten zu vergeben. Es besteht eher die Tendenz ein mittleres Notenniveau zu halten, beispielsweise indem Aufgaben, die einem mittleren Niveau entsprechen eine besonders hohe Gewichtung erhalten. 7 „Für besonders begabte Schülerinnen und Schüler ist es dadurch schwerer ihre Potenziale zu zeigen und dadurch als begabte Schülerinnen und Schüler erkannt zu werden" 11.
Zielscheibe mit zwei Pfeilen, die Perspektive ist verschoben
Bild: iStock/malerapaso

Wie können Beobachtungs- und Beurteilungsfehler minimiert werden?

Ein erster Schritt zur Minimierung der Beobachtungsverzerrungen und Beurteilungsfehler ist das Bewusstsein darüber, dass diese die eigenen Beobachtungen beeinflussen. Dadurch wird es möglich, dass man eine kontinuierliche Reflexion des eigenen Handelns vornimmt. Dabei kann – wie oben beschrieben – ein Beobachtungsbogen hilfreich sein, um zum Beispiel bewusst den Fokus auf andere Aspekte des Handelns der Schülerin oder des Schülers und ihre Begabungen zu lenken, als die, die man sonst wahrnehmen würde. Darüber hinaus kann eine im Vorfeld durchdachte und transparent gemachte Liste an Beobachtungs- und Bewertungskriterien dazu beitragen, dass Beobachtungs- und Bewertungsverfahren objektiver zu machen. In die Erarbeitung der Beobachtungs- und Bewertungskategorien könnten auch die Schüler:innen eingebunden werden. Dies trägt dazu bei, dass sie das Verfahren verstehen und erhöht damit die Akzeptanz 7.

Regelmäßiger Austausch mit anderen ist wichtig

Insbesondere der Schritt der Auswertung der Beobachtungen, die Interpretation der Ergebnisse und die Ableitung der Handlungskonsequenzen bleibt – auch bei den oben beschriebenen Maßnahmen – zum Teil subjektiv. Es ist daher ein wichtiger und zielführender Schritt, weitere Informationsquellen zu nutzen, um die Begabungen eines Schülers / einer Schülerin zu erkennen und entsprechende Fördermaßnahmen einzuleiten. Hierzu kann beispielsweise ein regelmäßiger Austausch mit Kolleg:innen, die die Schüler:innen ebenfalls unterrichten hilfreich sein. Auch Gespräche mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen sowie den Schüler:innen selbst, können als Informationsquelle dienen. In einem gemeinsamen Auswertungs- und Feedbackgespräch können die gemachten Beobachtungen mit anderen Perspektiven abgeglichen, besprochen werden und es kann gemeinsam überlegt werden, welche weiteren Handlungsschritte und Fördermaßnahmen folgen sollen[ #8.