Hochbegabte unterstützen

Schule

Welche Konzepte des Lernens und welche Begabungskonzepte gibt es für Schülerinnen und Schüler?

Gleich zu Beginn muss festgehalten werden: Eine allgemein gültige, alles umfassende Definition für das Lernen gibt es sowohl für den Lern- als auch den Begabungsbegriff nicht. Vielmehr bestehen verschiedene Definitionen und Modelle nebeneinander, die jeweils auf unterschiedliche Aspekte fokussieren. Darüber hinaus sind Konzepte des Lernens und die sich daraus entfaltenden Lern- und Begabungskonzepte immer auch dem Zeitgeist unterworfen. Abhängig von sozioökonomischen Entwicklungen, von politischen Interessen und gesellschaftlichen Wertvorstellungen, aber natürlich auch im Kontext neuer Erkenntnisse, befinden sie sich immer wieder in einem Zustand der Veränderung und Anpassung.

Von: Claudia Pauly


Lernkonzepte damals und heute

Schon seit Langem geht man davon aus, dass Lernen aktiv durch die Lernende bzw. den Lernenden selbst geschehen muss. Zwar findet sich häufig der Versuch, zu belehren, wirklich erfolgreich und nachhaltig, so wird es auch in der konstruktivistischen Lerntheorie beschrieben 1, ist Lernen aber dann, wenn es eine persönliche Aneignung des Lerngegenstandes gibt.

Aktuell werden für das begabungsförderliche Lernen in der Schule meist differenzierende Förderprinzipien wie Akzeleration, Enrichment, Compacting und Grouping empfohlen bzw. angewendet. Zudem wird vermehrt Wert auf Partizipation der Schüler:innen sowie die Orientierung an Ressourcen (statt an Defiziten) gelegt.

Auffällig ist: Die diesen Prinzipien zugrunde liegenden Ideen sind nicht ganz neu. Es findet sich vielmehr eine Verbindung zu Konzepten, die bereits in der Reformpädagogik entwickelt und erprobt wurden. Schon dort geht es wesentlich um die aktive Konstruktion gegenüber einer linear gedachten Wissensvermittlung, um die wichtige Rolle von Kommunikation als Lerndomäne und Verbindungselement zwischen Personen, sowie den Wert des Spiels als ein grundlegendes Phänomen der Welt- und Wissensaneignung. Weiterhin werden in reformpädagogischen Ansätzen Konzepte wie das altersgemischte und kooperative Lernen thematisiert, welches gerade auch lernschnellen und/oder hochbegabten Kindern und Jugendlichen erlaubt, in ihrem eigenen Tempo voranzugehen, ohne dabei Isolierung zu empfinden. So geschieht Lernen als „individueller Vorgang im sozialen Vollzug“ wie Thomas Trautmann in seinem Beitrag „Altes“ Lernen – „Neues Lernen“ ausführt 2. Darin wird dargelegt, wie sich das Verhältnis zwischen älteren und aktuellen Lernkonzepten gestaltet, und welche Schlüsse sich daraus für die Begabungs- und Begabtenförderung ziehen lassen.

Modelle zur (Hoch-)begabung

Einen Einblick über verschiedene Modelle zu Begabung und Hochbegabung gibt hingegen der Artikel „Ausgewählte Begabungsmodelle im Vergleich“. Die dort vorgestellten Modelle erschließen das Phänomen Hochbegabung mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen – allen gemeinsam ist allerdings eine mehrdimensionale Perspektive: Ihnen liegt also die Annahme zugrunde, dass sich (Hoch-)Begabung in einem dynamischen Zusammenspiel mehrerer Faktoren ausbildet und stetig entwickeln kann. Ob und wie sich Begabungen zeigen können, ist dabei von der Person selbst, aber auch von äußeren Bedingungen abhängig. Diese Sichtweise war nicht immer vorherrschend, denn ebenso wie die Vorstellung und Definition von Lernen unterlag und unterliegt auch die Auffassung von Begabung und Hochbegabung einem zeitlichen Wandel. So war der Beginn der Begabungsforschung beispielsweise von der Annahme geprägt, dass Begabung und Hochbegabung im Wesentlichen vererbt wird – ein Grundgedanke, den der Nationalsozialismus für sein politisches Handeln zu nutzen wusste. Dieser Ansatz gilt heute jedoch als überholt und wurde durch wesentlich komplexere Modelle ersetzt.

Rückschlüsse für die Praxis

(Hoch-)Begabungsmodelle sollten, wie auch Lernkonzepte, nicht nur isoliert betrachtet werden. Aus ihrem Zusammenspiel lassen sich Rückschlüsse ziehen, wie das Lernen für begabte Kinder und Jugendliche in der Schule gestaltet werden kann:

Lernumgebungen sollten so gestaltet sein, dass sie Individualisierung ermöglichen und die Anerkennung heterogener Lernvorgänge widerspiegeln. Kollegien in Schulen arbeiten bestenfalls mit der gleichen Idee von Begabungsförderung und verständigen sich dabei über gemeinsame Ziele. Häufig noch gängiger Unterricht in eng getakteten Stundenplänen darf überdacht und das Arbeiten mit jahrgangsübergreifenden Konzepten oder Formaten wie Lernbüros erprobt werden. Lernbegleitung sollte ressourcenorientiert und in Zusammenarbeit mit den Schüler:innen erfolgen.

Nicht immer gelingt es schon, solche Konzepte in angemessener Form umzusetzen – häufig sind hier fehlende zeitliche und personelle Ressourcen ein limitierender Faktor. Es bleibt jedoch die Feststellung, dass eine an aktuellen Ideen von Lernen und Hochbegabung orientierte Gestaltung von Schule solche Ansätze prüfen und integrieren muss, um begabte Schüler:innen so zu begleiten, wie sie es benötigen.

Zur Vertiefung

„Altes“ Lernen – „neues“ Lernen? Ein Plädoyer für das Rückwärts-Schauen