Hochbegabte unterstützen

Beratung

Podcast-Reihe „Liebe Karg-Stiftung ...“ – Folge 5: Selbstzweifel bei Hochbegabung

In dieser Folge der Podcast-Reihe „Liebe Karg-Stiftung ...“ sprechen Dr. Wiebke Evers und Dr. Anne-Kathrin Stiller, beide Projektleiterinnen im Bereich Beratung der Karg-Stiftung, über Selbstzweifel bei Hochbegabung: Viele denken, Menschen mit Hochbegabung sind einfach nur schlau und alles im Leben läuft wie von selbst. Dabei kommt es gar nicht so selten vor, dass Hochbegabte von Selbstzweifeln geplagt werden und glauben, ihr Erfolg sei allein äußeren, glücklichen Umständen geschuldet. Wie kann das sein? Hören Sie rein in diesen interessanten Beitrag.

Von: Wiebke Evers und Anne-Kathrin Stiller


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Die Podcastfolge zum Nachlesen

Dr. Wiebke Evers: Herzlich willkommen zum Podcast „Liebe Karg-Stiftung …“.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Wir sind Anne-Kathrin Stiller …

Dr. Wiebke Evers: …und Wiebke Evers.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Wir beide sind Psychologinnen und in der Karg-Stiftung im Bereich Beratung tätig.

Dr. Wiebke Evers: Wir werden in dieser Reihe auf typische Fragen und Anliegen von Eltern hochbegabter Kinder eingehen, die Viele bewegen. Dabei stellen wir fiktive Anfragen von Eltern vor und besprechen diese gemeinsam vor unserem fachlichen Hintergrund.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Das ersetzt natürlich keine individuelle Beratung. Wir möchten damit eine erste Orientierung geben, Eltern vielleicht den ein oder anderen Handlungsansatz bieten und wir werfen Fragen auf, die helfen können, eine Situation zu klären oder Lösungsmöglichkeiten zu finden.

In dieser Anfrage von Frau R. aus Freiburg geht es um Selbstzweifel bei Hochbegabten.

Dr. Wiebke Evers: Frau R. schreibt:

"Liebe Karg-Stiftung,

meine Tochter Milena ist 17 Jahre alt und bereitet sich gerade mit sehr großem Engagement auf das Abitur vor. Sie hat sehr gute Noten aber ist trotzdem stark von Selbstzweifeln geplagt. Sie sagt, dass sie die Noten eigentlich gar nicht verdient, sondern nur bekommt, weil die Lehrkräfte wissen, dass sie hochbegabt ist. Ihrer Meinung nach kann es mit der Hochbegabung aber nicht weit her sein, wenn sie trotzdem so viel ins Lernen investieren muss und immer so gestresst ist. Sie fühlt sich außerdem sehr unter Druck gesetzt durch die Frage, was sie denn nach der Schule machen möchte. An ihren Überlegungen merkt man, dass sie sich selbst wenig zutraut und sich den Herausforderungen, die sie zum Beispiel mit einem Studium in Mathe in Verbindung bringt, trotz ihrer Noten gar nicht gewachsen sieht. Wie kann das sein? Sie ist doch so begabt und das wurde doch auch schon im Test nachgewiesen. Und sie ist doch auch sehr erfolgreich. Wie können wir sie unterstützen, damit sie mehr Selbstvertrauen bekommt?"

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Ja, das ist ein spannendes Anliegen. Da kommt mir gleich der Begriff „Imposter-Phänomen“ in den Sinn. Dahinter steckt das Gefühl eine Hochstaplerin oder ein Hochstapler zu sein, also dass man etwas vorspielt und andere nicht erkennen, wer man eigentlich wirklich ist, was man kann, beziehungsweise – in der eigenen Wahrnehmung – nicht kann. Interessanterweise erleben sich auch besonders begabte und viele sehr erfolgreiche Menschen als Imposter.

Dr. Wiebke Evers: Ja, daran musste ich auch gleich denken. Menschen die sich als Imposter, also als Hochstapler, wahrnehmen, erklären ihren Erfolg oft mit irgendwelchen Umständen, so wie es auch Milena zu tun scheint. Eine gute Note liegt nicht an dem eigenen Einsatz oder Können, sondern daran, dass die Lehrkraft einen guten Tag hatte, oder einfach, dass man Glück hatte, weil man zufällig das richtige gelernt hat. Erfolge werden auf externe Faktoren zurückgeführt. Also eine Attribution oder Ursachenzuschreibung des Erfolges geht auf Faktoren zurück, die gar nicht von einem selbst bestimmt sind und das führt dazu, dass der Erfolg nicht als selbstbestimmt und damit als verdient wahrgenommen wird.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Oft bereiten sich die Menschen, die von solchen Selbstzweifeln betroffen sind, exzessiv vor und überlassen damit eigentlich gar nichts dem Zufall. Dann spricht man von „Overpreparation“, also einer Übervorbereitung.

Dr. Wiebke Evers: Und gerade in dieser Beschreibung findet sich das Verhalten von Milena ganz gut wieder. Sie scheint sich selbst sehr unter Druck zu setzten. Sie investiert sehr viel Zeit und Energie und hat trotzdem das Gefühl immer noch mehr machen zu können. Außerdem hat sie den Eindruck, dass sie eigentlich nicht die Person ist, die andere Leute zu sehen glauben.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Und ihren Selbstwert, den koppelt sie ganz eng an die Leistung oder den Erfolg, das ist auch ganz typisch … Die Menschen, die von diesen Selbstzweifeln betroffen sind, können ihren Erfolg auch gar nicht für sich verbuchen, da dieser unter so viel Druck und Stress zustande kam. Da besteht die Vorstellung, dass man ja nicht besonders intelligent sein kann, weil man so viel investieren musste in den Erfolg.

Dr. Wiebke Evers: Interessant bei diesem Imposter-Phänomen ist, dass auch die Erfolge Stress auslösen. Sie sind gar kein Anlass zur Freude oder gar für Stolz, sondern sorgen eher dafür, dass die Latte der eigenen Erwartungen, aber auch die wahrgenommene Erwartung von außen, noch mal höher gelegt wird. Das kann sogar dazu führen, dass Personen, die vom Imposter-Phänomen betroffen sind, vor dem eigenen Erfolg regelrecht Angst haben.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Gleichzeitig aber auch vor dem Misserfolg. Ich meine, stell dir das mal vor … was für ein Stress! Wenn man in beide Richtungen eigentlich nicht kann, weil es Stress erzeugt. Ich würde mir denken, dass vielleicht auch manche, in dieser Zwickmühle, im „Underachievment“ so eine Art erlösenden Ausweg suchen. Also sich einfach ganz aus dem Leistungsanspruch befreien, der mit Hochbegabung oft verbunden ist und verknüpft wird – also von außen, aber auch von innen verknüpft wird.

Dr. Wiebke Evers: Ja, das wäre mal spannend zu hören oder zu sehen, wie viele Underachievier:innen ehemalige Imposter-Betroffene sind …

Dr. Anne-Kathrin Stiller: So, heute haben wir ausnahmsweise mal sehr viel erklärt –  im Gegensatz zu unseren anderen Folgen – tatsächlich ist das Imposter-Phänomen doch häufig eher unbekannt. Es ist aber wichtig darüber Bescheid zu wissen, es ein bisschen kennenzulernen, um dann eben jemanden wie Milena auch verstehen und ihr auch helfen zu können.

Dr. Wiebke Evers: Und wie die Mutter im Anliegen selbst schreibt, ist das von außen, manchmal auch für nahestehende Personen, unter Umständen schwer nachzuvollziehen. Gerade bei so viel objektivem Erfolg und einem so hohen kognitiven Potenzial – was Milena ja besitzt.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Genau. Und jetzt soll es verstärkt darum gehen, was man tun kann.

Dr. Wiebke Evers: Hier könnte es hilfreich sein erstmal zu schauen, auch gemeinsam mit Milena, welche Erwartungen sie eigentlich an sich selbst stellt und welche sie aus ihrem Umfeld wahrnimmt.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Ja, also die Frage zu stellen: Wer nimmt die Situation eigentlich gerade als Problem wahr? Ist das Milena, die so hohe Ansprüche an sich selbst stellt, oder ist es doch vielleicht einfach zu viel externer Erwartungsdruck oder eben empfundener Erwartungsdruck von außen.

Dr. Wiebke Evers: Und hier geht es erstmal eigentlich nur darum, die wahrgenommen Erwartungen anzuerkennen und gar nicht so sehr diese direkt zu entkräften oder zu relativieren –  auch wenn man das als Eltern vielleicht erstmal gerne tun möchte …

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Konkret heißt das, die Frage zu stellen: Will Milena überhaupt solche anspruchsvollen Fächer studieren, da war von Mathe die Rede, was will sie eigentlich erreichen? Und die Eltern sollten dann auch ehrlich sein und nochmal überlegen, was vermitteln sie vielleicht auch der Tochter für einen Druck – vielleicht auch unbewusst oder ungewollt?

Dr. Wiebke Evers: Wie du vorhin schon gesagt hast, scheint Milena ja ihren Selbstwert eng an ihre Leistung zu koppeln. Um diese starke Verknüpfung vielleicht etwas aufzulösen, ist es als Eltern wichtig, dass sie ihre Wertschätzung unabhängig von der erbrachten Leistung geben. Also dem Kind ihre Unterstützung versichern und ihre Liebe und sie zu begleiten, egal welchen Weg sie auch einschlägt. Auf dieser, hoffentlich, sicheren Basis kann Milena dann entscheiden, welche Herausforderung sie sich selbst heraussucht.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Ja, es ist auch hilfreich den Misserfolg zum Thema zu machen. Darüber zu reden. Es ist wie eine Art Tabu und der Bann kann nur gebrochen werden, indem man darüber spricht. Und vielleicht auch mal bewusst ein Scheitern auszuprobieren, dass Milena ermuntert wird, auch mal etwas ganz bewusst und mit Absicht nicht perfekt zu machen.

Dr. Wiebke Evers: Auch über die Wahrnehmung der eigenen Hochbegabung zu reden ist sicherlich wichtig. Denn schon aus diesem ‘Etikett‘ scheint sich sehr viel Druck zu ergeben, der bei Milena Stress auslöst. Manchen hilft es auch, sich hier mit anderen Hochbegabten auszutauschen und zu sehen wie sie mit diesem ‘Etikett?, diesem ‘Label?, eigentlich umgehen.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: In so einem Austausch wird dann meistens deutlich, dass es letzten Endes darum geht, welchen „Erwartungs-Schuh“ man sich eigentlich selbst anzieht.

Dr. Wiebke Evers: Natürlich ist es nicht leicht, sich davon freizumachen und gerade in diesem Alter in dem Milena ist, ist es auch eine ganz schöne Herausforderung.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Ja, diese alles überdeckende Frage, "Was passiert eigentlich nach dem Abitur?", ist eine große Herausforderung. Viele besonders begabte Schüler:innen spüren hier wirklich einen unglaublich hohen Druck. Erstmal ein entsprechend anspruchsvolles Studienfach zu wählen, hier war jetzt zum Beispiel von Mathe die Rede, und dann aber auch, dass das dann die richtige Entscheidung für das ganze Leben sein soll.

Dr. Wiebke Evers: Einen Studienabbruch oder auch einen Studiengangs-Wechsel, den sehen auch viele als Misserfolg, oder der passt nicht in ihr Selbstbild, dass sie es auf jeden Fall vermeiden möchten diese Erfahrung machen zu müssen.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Hier sollten Sie versuchen, den Druck rauszunehmen. Die Entscheidung für ein Studium muss ja keine Entscheidung für das ganze Leben sein.

Dr. Wiebke Evers: Wegweisend sollte hier eher die Frage an sich selbst sein, welches Gebiet interessiert und inspiriert mich, und zwar gerade jetzt in diesem Moment. In der heutigen Welt wandelt sich so viel und wir werden immer neue Herausforderungen gestellt bekommen, die einfach auch dazu führen, dass wir immer auch was Neues lernen und uns umorientieren müssen. Also, sich von dem eigenen Anspruch zu befreien und auch von dem Anspruch, den andere haben könnten, ist hier, glaube ich, besonders wichtig. Milena könnte auch erstmal ein Praktikum machen oder ein soziales Jahr einschieben, um sich darüber klar zu werden, was sie eigentlich interessiert und inspiriert.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Ja, der Übergang in ein Studium ist für viele Menschen tatsächlich der Augenblick, indem sich Imposter-Gefühle einschleichen können. Oder sogar –  von heute auf morgen – einfach aufpoppen, einfach da sind. Die Umgebung an der Hochschule ist wirklich viel, viel kompetitiver als noch in der Schule. Je nach Fach werden außerdem hohe kognitive Fähigkeiten sehr, sehr hochgehängt und das gilt auch für das Fach Mathematik, über das Milena ja gerade nachdenkt.

Dr. Wiebke Evers: Als Eltern ist es hier natürlich die Aufgabe diesen Übergang zu begleiten. Gerade für Milena, die ja schon die Imposter-Gefühle hat. Auch an den Unis gibt es oft Beratungsangebote für Studierende, auch hier gilt es Milena, im Fall des Falles, zu ermutigen, sich auch Hilfe zu suchen, wenn sie merkt, dass der Druck einfach zu groß wird.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Da Milena bereits während der Schulzeit diese Selbstzweifel und Unsicherheiten zeigt, erscheint es mir wirklich gut und richtig, dass die Eltern hier nicht wegschauen, sondern dem Imposter einfach beherzt zu Leibe rücken und im Zweifelsfall auch einfach offen und ausführlich über alternative Lebensentwürfe sprechen. Nicht jeder Mensch muss studieren und es gibt da auch für Hochbegabte keinerlei Verpflichtungen.

Dr. Wiebke Evers: Was kann man ansonsten und auch grundsätzlich –  also auch schon in jungen Jahren tun  – um solche Imposter-Gefühle und Selbstzweifel zu vermeiden und zu reduzieren? Eine gute Basis ist auf jeden Fall die Förderung von günstigen Attributionsmustern. Wie vorher bereits angesprochen, ist es hier zum Beispiel wichtig, dass die Erfolge auch am eigenen Einsatz und der eigenen Anstrengung fest gemacht werden – und Misserfolge durchaus auch an externe Faktoren geknüpft werden können.

Ganz wichtig ist, dass man das hier auch schon von der Kindheit an unterstützt, dass sich das so entwickeln kann.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Eltern, aber auch Lehrkräfte und Erzieher:innen, können das durch passende Rückmeldungen gut beeinflussen. Besonders wichtig ist in meinen Augen aber auch das Modelllernen, also auch in Sachen Attribution ein gutes Vorbild zu sein. Sprechen Sie über Ihre eignen Erfolge wertschätzend.

Dr. Wiebke Evers: Und in meinen Augen, ist ein weiterer möglicher Ansatzpunkt nochmal gemeinsam die Stereotypen zu reflektieren, die mit der Hochbegabung oder dem „Etikett Hochbegabung“ einhergehen. Im Gespräch können die ganz gut auf den Tisch gebracht und dann eventuell auch ein bisschen abgebaut werden. Eine andere Möglichkeit ist, die Lehrkräfte miteinzubeziehen die Milena in der Schule begegnen und hier gemeinsam zu schauen, welcher Erwartungsdruck vielleicht auch über diese vermittelt wird und auch deren Expertise einzubeziehen, wenn es um die Studienwahl geht.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Ja, zentral ist meiner Ansicht nach, nehmen Sie Milena ernst, auch und gerade, wenn es von außen manchmal schwer verständlich ist, woher diese Selbstzweifel kommen. So bleiben Sie ihre Vertrauensperson.

Dr. Wiebke Evers: Wir hoffen Sie konnten wieder hilfreiche Anregungen und Impulse für sich mitnehmen und wenn es Ihnen gefallen hat, dann hören Sie doch auch in unsere anderen Folgen rein.

Dr. Anne-Kathrin Stiller: Bis dahin …

Dr. Wiebke Evers: Tschüüüss!

Weitere Informationen

Mehr Infos zu diesem Thema finden Sie zum Beispiel in diesem Podcast „Ich bin ein Fake" oder in dem Vortrag von Dr. Matt Zakreski „Now They're Going to Find Out that I'm a Fraud“.