Eene, meene, muh und raus bist du
Wer sich in der Gemeinschaft ausgeschlossen, sich nicht als Teil der Gemeinschaft versteht, dem fällt es auch schwerer, in der Gemeinschaft zu lernen. Positiv gewendet heißt das: Je höher das Gefühl der Zugehörigkeit, desto höher ist die Lernmotivation der Schülerinnen und Schüler und desto höher ihr schulischer Erfolg – auch und besonders wenn es um die Begabungsentfaltung geht. Denn wer sich gesehen fühlt, der zeigt sich auch.
Das Zugehörigkeitsgefühl wird mit dem aus dem angloamerikanischen Raum stammenden theoretischen Konstrukt des Sense of Belonging (SoB) mithilfe psychologischer Skalen erfasst. Der SoB spielt für verschiedene Bereiche in der Schule eine wichtige Rolle, unter anderem auch für den Lernerfolg. Dieser Beitrag greift den Zusammenhang zwischen dem SoB und dem schulischen Lernerfolg auf und zeigt Möglichkeiten zur Stärkung des Gefühls, Teil einer Gemeinschaft zu sein.
Ins Deutsche übertragen und etwas vereinfacht gesagt wird mit dem SoB das Gefühl, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen und in dieser „zu Hause zu sein“, beschrieben. Das Gefühl der Integration ist aber leider nicht immer vorhanden. Damit es sich ausprägt, sind pädagogische Bemühungen notwendig, die hier näher beleuchtet werden.
Die Gesundheitswissenschaftler:innen rund um Mahar 1 haben die Hauptelemente des SoB in einer Zusammenschau einer Vielzahl an Beiträgen aus verschiedenen Forschungsdisziplinen abgeleitet. Demnach setzt es sich aus den folgenden fünf Bestandteilen zusammen:
Die Schulpsychologin Allen und ihr Team 2 zeigen, dass der SoB ein Prädiktor für schulisches Wohlbefinden, soziale Eingebundenheit in die Schul-/Klassengemeinschaft, schulische Motivation, emotionales Wohlbefinden und Problemlösefähigkeiten ist. Das Gefühl, zugehörig zu sein, hat zudem einen Einfluss auf die emotionale Stabilität und prosoziales Verhalten. Kindern mit einem hohen SoB fällt es leichter, positive Beziehungen zu Mitschüler:innen und zu Lehrkräften aufzubauen und sie haben mitunter ein höheres Selbstwirksamkeits- und Selbstwertgefühl.
Gerade begabte Kinder profitieren davon, wenn Schule sich bemüht, das Zugehörigkeitsgefühl zu stärken, anstatt Anpassungsleistungen der Schülerin bzw. des Schülers zu erwarten, damit er oder sie „reinpasst“. Begabte Schüler:innen haben in vielen Lebensbereichen das Gefühl, zu viel zu sein, zu viel zu wissen und sich entsprechend äußeren Erwartungen anpassen zu müssen. Verinnerlichen sie diese externen Ansprüche, kann dies dazu führen, dass sie ihr Potenzial nicht voll entfalten können.
Wie aber hängt der SoB mit dem Lernerfolg, der schulischen Motivation und dem schulischen Wohlbefinden zusammen und wie wird der Einfluss des SoB hierauf erklärt? Die soziale Eingebundenheit basiert auf den sozialen Beziehungen, die das Zugehörigkeitsgefühl prägen und die Gemeinschaft gestalten: Positive Beziehungen unter den Schüler:innen sowie mit ihren Lehrkräften tragen dazu bei, dass Schüler:innen sich zugehörig fühlen 3. Das Klassen- und Schulklima kann ebenfalls positiv auf das Zugehörigkeitsgefühl einwirken.
Aus dem Münchner Hochbegabungsmodell 4 wiederum geht hervor, dass Klassen- und Schulklima als Umweltfaktoren einen Einfluss auf die Übersetzung von Begabungspotenzial in Leistung haben. Gleichzeitig erhöht ein Gefühl von Zugehörigkeit den Wunsch, sich zu engagieren, in die Gemeinschaft einzubringen, etwas Gutes für sie zu bewirken und somit erhalten zu wollen. Damit entsteht ein positiver Zirkel.
Als psychologisches Konzept wurden für die Messung des SoB Skalen entwickelt, wie etwa die „School Belongingness Scale” 5. Die Items, die hier erfasst werden, sind zum Beispiel
Fühlen Kinder sich als Teil der Gemeinschaft, kann man bei ihnen also einen hohen SoB nachweisen – dementsprechend ist auch ihr Gefühl von Sinnhaftigkeit und Kohärenz höher. Der US-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky ist Begründer des Konzeptes der Salutogenese und des Konzepts des Sense of Coherence, was ins Deutsche mit Kohärenzgefühl übersetzt werden kann 6. Je stärker Menschen das Gefühl von Kohärenz in ihrem Leben haben, desto höher ihre mentale Gesundheit. Antonovsky widmete sich in seinen Studien der Frage, was zur Gesunderhaltung (= Salutogenese) des Menschen beiträgt und welche Faktoren die Gesundheit von Menschen fördern. Drei Säulen sind dafür entscheidend:
Verstehbarkeit …
... beschreibt, in welchem Ausmaß Personen Anforderungen von außen als kognitiv sinnhaft wahrnehmen. Personen, bei denen dies ausgeprägt ist, gehen davon aus, dass zukünftige Anforderungen vorhersehbar sind oder, wenn sie überraschend auftreten, zumindest erklärbar und einzuordnen sind.
Ein Beispiel: Laura geht in die dritte Klasse. Sie hat seit diesem Jahr Englischunterricht und richtig Spaß daran gefunden. Auch in ihrer Freizeit lernt sie gerne Englisch. Ihr großer Wunsch ist es, einmal nach London zu fahren, Big Ben zu besuchen und dort ihre Sprachkenntnisse auszuprobieren. Sie ist zuversichtlich, dass dies klappen wird, und engagiert sich dafür, dass ihr Wunsch Realität werden kann. Einen Teil ihres Taschengeldes legt sie hierfür zurück und manchmal organisiert sie einen kleinen Flohmarkt bei sich in der Straße. Den Erlös spart sie für die Reise.
Handhabbarkeit …
... beschreibt, in welchem Ausmaß Personen glauben, dass sie geeignete Ressourcen für die Bewältigung von Herausforderungen haben.
Auch hier ein Beispiel: Marko steht vor der Herausforderung, sich auf die mündliche Abiturprüfung vorzubereiten. Er geht das Ganze positiv an, denn er ist der Überzeugung, alle notwendigen Ressourcen zur Verfügung zu haben, um diese Situation gut bewältigen zu können. Er hat eine kleine Lerngruppe mit ein paar Mitschüler:innen aus seinem Kurs gegründet. Sie treffen sich regelmäßig, erstellen einen genauen Zeitplan und gemeinsam Unterlagen, die ihnen bei der Prüfungsvorbereitung helfen. Markos große Schwester hat bereits ihr Abitur in der Tasche, auch sie kann er zu ihren Erfahrungen befragen, und sie bestärkt Marko immer wieder, dass er das Abitur schaffen wird.
Bedeutsamkeit/Sinnhaftigkeit …
... beschreibt, inwieweit Personen das Leben als sinnvoll ansehen. Je stärker dieses Gefühl ausgeprägt ist, desto eher empfinden Individuen an sie gestellte Anforderungen nicht als Belastung, sondern als Herausforderungen, in die man gerne und sinnvollerweise Energie investiert.
Ein weiteres Beispiel: Katharina ist Schulleiterin einer Grundschule. Sie empfindet die schulrechtlichen Vorgaben und Dokumentationspflichten immer wieder als Herausforderung. Dennoch weiß sie, wofür sie ihren Job macht, denn sie möchte für die Kinder ein gutes Lernumfeld und eine unterstützende Schulgemeinschaft schaffen. Sie blickt positiv in die Zukunft und hat ein starkes Team, mit dem sich der Aufwand gut bewältigen lässt.
Die Essenz von sozialen Beziehungen fasst Peterson 7 als Psychologe zusammen mit „other people matter“ – oder mit anderen Worten: „Das Ich wird erst am Du zum Ich.“ 8 Identität und soziale Zugehörigkeit prägen sich demnach durch die Interaktion mit dem Gegenüber – dies kann die Lehrperson in der Schule, der beste Freund im Fußballverein oder die Patentante und primäre Bezugspersonen sein.
Obsuth und seine Kolleg:innen 9 konnten in psychologischen Studien zeigen, dass Beziehungen, die 10- bis 11-jährige Kinder zu ihren Lehrpersonen haben, auch die Beziehungen prägen, die sie vier Jahre später im Allgemeinen zu Erwachsenen haben. Positive Erfahrungen, die Kinder und Jugendliche in sozialen Beziehungen in Familie, Schule und Freundeskreis machen, wirken sich generell langfristig positiv auf ihre mentale Gesundheit aus, fördern prosoziales Verhalten und die Resilienz. Umgekehrt verstärken negative Erfahrungen die Vulnerabilität von Kindern und Jugendlichen. Wenn Schüler:innen demnach gute Beziehungen im schulischen Umfeld erleben, fühlen sie sich auch stärker als Teil dieser Gemeinschaft.
Hier lässt sich eine Verknüpfung zwischen dem Sense of Belonging und dem Sense of Coherence herstellen – fühlen Menschen sich als Teil einer Gemeinschaft (wie Marko, der sich eine Lerngruppe gesucht hat, oder Anne, die als Schulleiterin mit einem tollen Team zusammenarbeitet), dann ist auch das Kohärenzgefühl stärker ausgeprägt. Haben hochbegabte Kinder also ein hohes Gefühl von Kohärenz in ihrem Leben und erleben sich als Teil der Gemeinschaft, erzielen sie höhere Lernerfolge, erleben sich als selbstwirksam und sind in ihrem Schulalltag insgesamt zufriedener.
Laut OECD 10 fühlt sich einer von drei befragten Schüler:innen nicht zugehörig; die Zahlen steigen. Der Bi-Psy-Monitor untersucht die mentale Gesundheit von Schüler:innen, insbesondere mit Blick auf die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie 11. Die Studie verweist darauf, dass Schüler:innen, die sich nicht zugehörig fühlen, ein geringes schulisches Wohlbefinden haben und häufig ein negatives Klassenklima erleben. Soziale Ausgrenzung und fehlender Rückhalt verstärken den empfundenen Stress.
Diese Hinweise sollten deshalb beunruhigen, weil ein geringes Gefühl der Zugehörigkeit ein Prädiktor für problematisches Verhalten, verringerte mentale Gesundheit und geringeren schulischen Erfolg sein kann.
Daher richten wir nun den Blick darauf, wie das Zugehörigkeitsgefühl und damit das Wohlbefinden von Schüler:innen an Schulen erhöht werden kann und welche Maßnahmen hier sinnvoll sein können.
Partizipation – eigene Entscheidungen fördern Verantwortungsübernahme
Schüler:innen sind eher geneigt, sich für die Gemeinschaft zu engagieren, sich verantwortungsvoll und aktiv in diese einzubringen, wenn sie hohe individuelle Freiheits- und Entscheidungsmöglichkeiten beim Lernen haben 12. Wenn Überlegungen für die Gemeinschaft gehört, Entscheidungen für sie getroffen und auch aktiv umgesetzt werden, dann fühlen Kinder und Jugendliche sich als Teil derselben und partizipieren aktiv.
Buddy-Programme – das voneinander Lernen fördern
Verantwortung für jüngere Mitschüler:innen übernehmen, sie in die Gemeinschaft einführen, Inhalte und oder Lernumgebungen näherbringen. Das steckt oft hinter Peer-to-Peer-Mentoring-Programmen. Ob schulintern oder einrichtungsübergreifend mit Kindertageseinrichtungen, Grundschulen oder weiterführenden Schulen – Buddy-Programme können ein echter Gewinn sein und die Schulgemeinschaft stärken.
Positive Klassengemeinschaft – Individualität anerkennen
Individualität ist normal, jeder ist anders und das ist gut so. Von einer solchen Haltung können gerade begabte Schüler:innen profitieren. Wenn es normal ist, dass Schüler:innen im Unterricht unter Umständen auch andere Aufgaben als ihre jeweiligen Mitschüler:innen bearbeiten, muss sich niemand anpassen, sondern kann seine beziehungsweise ihre individuellen Potenziale entfalten.
Gute Schüler-Lehrkraft-Beziehung – das Lernen leichter machen
Haben Schüler:innen eine gute Beziehung zu ihren Lehrkräften, fällt es ihnen auch leichter zu lernen. Eine kleine, aber sehr wirksame Intervention kann sein, die Schüler:innen an der Schultür individuell zu begrüßen: Die Schüler:innen dürfen sich dabei aussuchen, ob sie der Lehrkraft ein High-Five geben, die Hand schütteln, einen kleinen Tanz mit der Lehrkraft machen wollen oder die Lehrperson umarmen möchten. Der Schulpsychologe Cook 13 fand mit seinen Kolleg:innenen heraus, dass diese Begrüßung an der Tür das Engagement der Schüler:innen um 20 Prozent erhöht. Individuelle Feedbackgespräche, seien sie systematisch verankert oder in spontanen Tür-und-Angel-Situationen, bestärken darüber hinaus die Kinder und geben ihnen die Möglichkeit, sich mit ihren Potenzialen und Begabungen einzubringen.