Die Kita-Leitung als Architektin des Miteinanders
In der heutigen Zeit, die auch von den Hausforderungen des Fachkräftemangels geprägt ist, stehen Kita-Teams immer wieder vor der Aufgabe, neue Kolleg:innen zu integrieren. Wie gut der Onboarding-Prozess, das systematische Einarbeiten von neuen Mitarbeitenden, gelingt, zeigt sich oft an der Zufriedenheit der neuen Fachkräfte. Die Kita-Leitung nimmt hier eine besondere Rolle ein, sie ist Vorbild und gibt eine/die Richtung vor. Zudem begleitet und strukturiert sie den Onboarding-Prozess. Für eine begabungs- und begabtenfördernde pädagogische Haltung im Team ist ihr wertschätzender, stärkenorientierter Blick wichtig.
Die Aufgabenbereiche der Leitung einer Kita sind komplex. Sie schafft die Strukturen, die eine Kita zum Wohlfühlort für die Kinder, deren Eltern und das Team machen. Diese Rolle bringt eine Vielzahl an Anforderungen mit sich 1:
Neben den genannten Punkten ist auch das Onboarding von neuen Mitarbeitenden eine wichtige Leitungsaufgabe. Denn Einstiege sind für neue Fachkräfte Schlüsselsituationen, die den weiteren beruflichen Weg in der Einrichtung beeinflussen. In einer Studie der „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte“ (Wiff) wird genau nach diesen beruflichen Wegen von Fachkräften in Kindertageseinrichtungen gefragt 2. Dabei steht die Frage im Fokus, wie Fachkräfte ihre berufliche Entwicklung gestalten und was sie im Beruf hält. In der qualitativ angelegten Interviewstudie wird die Rolle des Einstiegs für den Verbleib und das Wohlbefinden in der Organisation betont. Die organisationale Sozialisation steht hier im Fokus – also der Prozess, in dem neue Mitglieder im Team aufgenommen, bestehende Strukturen vermittelt, Rollenerwartungen und Werte weitergegeben werden. Zentrales Ziel davon ist die Bindung an die Organisation 2.
Zusammen mit ihrem Team gestaltet die Kita-Leitung als Architektin des Miteinanders den Einstieg neuer Fachkräfte. Hier zählt neben ihrer stärken- und bedürfnisorientierten sowie wertschätzenden Haltung auch ihre Kommunikationsfähigkeit und ihre Planungskompetenz. Nicht zuletzt schafft sie das Fundament für eine gelingende, begabungsfördernde Grundhaltung im Team. Erfahren Fachkräfte diese Haltung von Leitung und Kolleg:innen, profitieren besonders die Kinder, deren Eltern und die pädagogische Qualität insgesamt 3.
Die stärkenorientierte Grundhaltung der Fachkräfte hat für das Erkennen und Fördern von besonders begabten Kindern in der Kita eine hohe Relevanz. Es geht hier nicht um ein individuelles pädagogisches Selbstverständnis einer Fachkraft, vielmehr handelt es sich um eine für alle gültige Handlungsleitlinie, die ein zentraler Baustein für die Teamkultur der Einrichtung ist: Wenn Fachkräfte (von Anfang an) erleben, dass ihre eigenen Stärken durch Leitung und Kolleg:innen gesehen werden, prägt dieser wertschätzende Umgang auch ihren Blick auf die Kinder und deren Eltern. Begabungs- und Begabtenförderung braucht ein Klima, das Wertschätzung und Ressourcenorientierung als handlungsleitendes Prinzip in ihrem Konzept integriert. Ein gut strukturierter, stärkenorientierter Onboarding-Prozess für neue Fachkräfte schafft das Fundament für diese pädagogische Grundhaltung.
Fachkräfte lernen Arbeitsabläufe und Organisationsregeln einer Kita nicht (nur) über einen niedergeschriebenen Leitfaden kennen. Meist geht es vielmehr um unausgesprochene Abläufe, die das Miteinander leiten und die pädagogische und soziale Haltung im Team widerspiegeln. Diese unausgesprochenen Spielregeln des „Spiels ohne Worte“ 4 an eine neue Fachkraft zu vermitteln, ist Aufgabe der Leitung und des Teams.
Damit der Einstieg der neuen Fachkraft erfolgreich ist, empfiehlt es sich, einen klaren Plan für das Onboarding zu formulieren, in dem Zuständigkeiten geklärt sind. Hier sind einige Ideen für hilfreiche Bausteine für den Onboarding-Prozess:
Eine wertschätzende offene Grundhaltung im Team mit dem Fokus auf die Ressourcen der neuen Fachkraft beeinflusst den Onboarding-Prozess positiv. Diversität wertschätzen, kritische Fragen zulassen und die Bereitschaft, die eigenen Handlungsroutinen zu hinterfragen, heben die Lernkultur 2. Der gemeinsame Blick auf die Stärken und Vorlieben der neuen Fachkraft kann die Einbindung in das Team positiv begleiten – es muss nicht immer jeder alles gleich können. Wenn alle Teammitglieder ihre Stärken und Interessen in ihre pädagogische Arbeit einbringen können, erhöht das insgesamt die pädagogische Qualität in der Einrichtung und wirkt sich so ganzheitlich auf die Zufriedenheit aller aus 2.
Die Kita-Leitung ist die Brückenbauerin zwischen Team und neuer Fachkraft. Eine Führungskultur, in der jedes Teammitglied sein Potenzial einsetzen sowie partizipieren kann und Vertrauen erfährt, trägt zu einer guten Teamkultur bei. Dabei spielt Partizipation, die Beteiligung an Entscheidungsprozessen, sowohl für die Kinder in der Kita als auch für deren Erzieher:innen eine zentrale Rolle. Gibt die Leitung Aufgaben ab, entstehen Räume für Mitgestaltung und Mitsprache. Die Motivation im Team wird gestärkt, die pädagogische Arbeit und das Zugehörigkeitsgefühl der Fachkräfte profitieren. So können beispielsweise der Dienstplan oder Vertretungsregeln von einzelnen Teammitgliedern erstellt werden oder der Abschied aus der Kita vor dem Schulstart wird von der „Arbeitsgruppe Kita–Schule“ konzeptionell geplant.
Kommt jemand Neues ins Team, ist damit oft erstmal ein Moment der Unsicherheit verbunden. Von beiden Seiten gilt es, offen für Neues zu sein, sich gegenseitig Raum für Austausch zu geben und sich wertschätzend zu begegnen. Wenn Teammitglieder von Anfang an Einblicke und Mitspracherecht im Prozess der Rekrutierung und Einarbeitung neuer Fachkräfte bekommen, fühlen sich diese auch mitverantwortlich für deren guten Einstieg.
Doch wo kann das Team speziell im Onboarding-Prozess partizipieren?
Partizipation braucht die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben und Prozesse gemeinsam zu gestalten. Sie ist eine Querschnittsaufgabe in der Frühen Bildung, die in allen Bereichen mitgedacht werden sollte. Im Team braucht sie Zeit und Vertrauen und eine Offenheit für Veränderungen 5. Im Onboarding-Prozess geht es darum, Räume für Gestaltung zu schaffen. Die Fachkraft soll sich in ihrer Individualität gesehen und akzeptiert fühlen und einen Raum vorfinden, den sie mitgestalten kann.
Wie Räume für die Mitgestaltung geschaffen werden können und welche Haltung eine Kita-Leitung mitbringen kann, wenn sie stärkenorientiert auf ihr Team und den Onboarding-Prozess blickt, erfahren wir im Gespräch mit Beatrix Hirschbolz-Ter. Sie leitet seit vielen Jahren die Karg Modellkita Hans-Georg Karg in Nürnberg. Ein partizipatorischer Leitungsstil mit viel Raum für Mitgestaltung und der Fokus auf einen gelingenden Onboarding-Prozess ist ihr in ihrer Rolle als Leitung wichtig.