Begabung wächst zu Hause
Die kognitive Entwicklung beginnt bereits vor der Geburt und zieht sich über die gesamte Lebensspanne. Schon im Vorschulalter lassen sich Unterschiede in der Intelligenz erkennen, und die Intelligenzentwicklung kann durch gezielte Förderung positiv beeinflusst werden. Der Ökonom und Nobelpreisträger James Heckman konnte mit seiner Forschung zeigen, dass Investitionen in frühe Bildung gegenüber späteren Interventionsmaßnahmen besonders wirksam und langfristig rentabel sind – für die Kinder selbst sowie für die Gesellschaft 1. Die frühe Kindheit bietet daher eine gute Chance und stellt ein sensibles Zeitfenster dar, in dem gezielte Förderung große Wirkung entfalten und Effekte erzielen kann, die über viele Jahre hinweg relativ stabil bleiben. Kinder, die früh hohe Begabungen zeigen, behalten ihr Potenzial meist auch in späteren Jahren bei 2.
Gleichzeitig sorgt eine frühe Förderung für mehr Chancengerechtigkeit, denn sie hilft, soziale Ungleichheiten auszugleichen und allen Kindern einen vergleichbaren Start zu ermöglichen. Diese Erkenntnisse sind auch im Kontext von Hochbegabung von großer Bedeutung: Nur wenn Potenziale von Kindern frühzeitig erkannt und gefördert werden, können sie diese unabhängig von ihrem Hintergrund voll entfalten.
Darüber hinaus ist die frühe Kindheit entscheidend für die Entwicklung akademischer Kompetenzen. Viele schulische Grundlagen, die sogenannten Vorläuferkompetenzen, erwerben Kinder oft schon vor dem Schuleintritt. Beispielsweise lernen sie Buchstaben kennen, Laute in Wörtern zu unterscheiden oder wie ein Text von links nach rechts gelesen wird – wichtige Bausteine, um später lesen und schreiben zu können. Kinder, die solche Vorläuferkompetenzen mitbringen, tun sich beim Lesen- und Schreibenlernen in der Schule deutlich leichter und zeigen langfristig bessere Leistungen. Eine gezielte frühzeitige Förderung dieser Kompetenzen kann daher entscheidend dazu beitragen, dass Kinder mit hohen Begabungen ihre intellektuellen Potenziale besser in schulische Leistungen umsetzen können.
In den frühen Lebensjahren, insbesondere bis zur Einschulung, verbringen Kinder einen Großteil ihrer Zeit im häuslichen Umfeld und im engen Austausch mit ihrer Familie. Die Familie stellt damit die erste Sozialisationsinstanz und den ersten Lernort für sie dar 3. Sie bietet eine besondere Gelegenheit für die Entwicklung von Kompetenzen und Begabungen im frühen Kindesalter.
Die Aspekte innerhalb der Familie, die dem Kind Möglichkeiten eröffnen und es dabei unterstützen, grundlegende Vorläuferkompetenzen zu erwerben, werden als familiäre Lernumwelt bezeichnet 4, Abb. 1]. Eine anregende familiäre Lernumwelt fördert die Entwicklung von Vorläuferkompetenzen, die wiederum langfristig die schriftsprachliche und mathematische Entwicklung unterstützen und zu besseren schulischen Leistungen beitragen. Kinder, die einen eingeschränkten Zugang zu Lernanregungen zu Hause haben, entwickeln dadurch teils schwächere Vorläuferkompetenzen, was sich später auf ihre schulischen Leistungen auswirken kann. Die Qualität der familiären Lernumwelt und damit die Kompetenzentwicklung werden dementsprechend von strukturellen Herkunftsmerkmalen der Familie wie dem sozioökonomischen Status, dem Bildungsniveau der Eltern oder dem Migrationshintergrund beeinflusst.
Entsprechend der domänenspezifischen Unterteilung der Vorläufer- und schulischen Kompetenzen wird die familiäre Lernumwelt in die Home Literacy Environment und die Home Numeracy Environment gegliedert, die jeweils verschiedene Facetten umfassen (s. Abb.1). Kulturelles Kapital und kulturelle Praxis zeigen sich im schriftsprachlichen Bereich beispielsweise in der Anzahl vorhandener Bücher und in der Häufigkeit des (Vor-)Lesens. Im mathematischen Bereich wird zum Beispiel der Besitz von Uhren, Taschenrechnern oder Kalendern sowie das Spielen von Würfelspielen berücksichtigt. Studien zeigen zudem, dass elterliche Einstellungen, wie die Wertschätzung von Mathematik oder die Haltung zum Lesen, in Zusammenhang mit den entsprechenden Kompetenzen der Kinder stehen. Ebenfalls wirken sich elterliche Unterstützungsleistungen, die eng mit diesen Einstellungen verknüpft sind, positiv auf die Fähigkeiten der Kinder aus. Außerdem beinhaltet die familiäre Lernumwelt sowohl formelle Aktivitäten, wie das Lehren durch die Eltern (z. B. das Üben des Alphabets oder das Vermitteln von Rechenfertigkeiten), als auch implizites Lernen in alltäglichen Situationen, etwa beim Vorlesen oder gemeinsamen Spielen eines Würfelspiels 5.
Mittlerweile spielen auch digitale Medien im Alltag vieler Familien eine wichtige Rolle. In fast allen Haushalten haben Kinder Zugang zu Tablets oder Smartphones, entweder allein oder gemeinsam mit den Eltern. Dadurch erweitert sich die familiäre Lernumwelt um eine digitale Komponente 6. Digitale Medien, zum Beispiel Lern-Apps, bieten hierbei eine wertvolle Möglichkeit zur individualisierten Förderung und können eine sinnvolle Ergänzung für den Lernprozess sein, wenn sie altersgerecht und qualitativ hochwertig sind. Wichtig ist jedoch, dass sie nicht die analogen, zwischenmenschlichen Lernerfahrungen ersetzen, sondern diese sinnvoll ergänzen. Bezugspersonen sollten daher genau überprüfen, welche Inhalte ihr Kind nutzt, und die Mediennutzung aktiv begleiten.
Grundsätzlich gilt: Je begabter ein Kind ist, desto besser sind meist auch die akademischen Leistungen. Tatsächlich zeigt sich dieser Zusammenhang oft schon im Vorschulalter, denn viele hochbegabte Kinder lernen schnell, sind neugierig und motiviert. Trotzdem schneiden nicht alle von ihnen in der Schule so gut ab, wie man es aufgrund ihres Potenzials erwarten würde (Underachievement). Denn hohe Begabung allein führt nicht automatisch zu guten Noten. Es gibt viele Gründe, warum begabte Kinder ihr Potenzial in der Schule nicht ausschöpfen – etwa weil sie sich unterfordert fühlen, wenig Unterstützung erfahren oder Schwierigkeiten im sozialen Umfeld haben.
Eltern können viel dazu beitragen, solchen Problemen vorzubeugen. Wenn sie frühzeitig aufmerksam auf die Stärken und auch auf mögliche Schwächen ihres Kindes eingehen, können sie ihr Kind gezielt unterstützen. Kinder, die in einem anregenden und unterstützenden familiären Umfeld aufwachsen, haben oft nicht nur bessere Lernvoraussetzungen, sondern können ihre Begabungen meist auch besser entfalten 7.
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Wenn Kinder zu Hause gute Voraussetzungen vorfinden, werden ihre Begabungen oft früh sichtbar und können gefördert werden.
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Die familiäre Lernumwelt spielt zudem eine wichtige Rolle mit Blick auf die sozio-emotionale Unterstützung begabter Kinder, deren Entwicklung Besonderheiten aufweisen kann. Die sogenannte asynchrone Entwicklung beschreibt, dass sich hochbegabte Kinder in manchen Bereichen, vor allem kognitiv, schneller entwickeln als in anderen 8. Ihr Denken kann ihrem Alter weit voraus sein, während ihre körperliche, emotionale oder soziale Entwicklung völlig altersgemäß verläuft. Solche Unterschiede können zu Frustration führen, wenn sie sich zum Beispiel von Gleichaltrigen unverstanden fühlen oder im sozialen Miteinander Schwierigkeiten haben. Gerade in solchen Situationen ist die Familie besonders wichtig. In einem sicheren, unterstützenden Umfeld lernen Kinder, mit diesen Herausforderungen umzugehen, ihre Emotionen besser zu verstehen und passende Lösungsstrategien zu entwickeln. Die elterliche Unterstützung in der familiären Lernumwelt kann somit maßgeblich zur sozio-emotionalen Entwicklung der Kinder beitragen. Auch andere Facetten der familiären Lernumwelt können dabei hilfreich sein: Gemeinsame Aktivitäten in der Familie wie das Vorlesen stärken beispielsweise die sozio-emotionalen Kompetenzen, etwa indem über die emotionalen Erlebnisse der Figuren in der Geschichte gesprochen wird oder die sprachlichen Fähigkeiten des Kindes gefördert werden 9, 10.
Zurück zur Frage: Welche Rolle spielt die Familie bei der Förderung junger Kinder mit hohen Begabungen? Eine zentrale Erkenntnis aus der Begabungsforschung lautet: „Hochbegabte findet man nicht einfach so vor, sondern man schafft sie erst durch Bereitstellung anregender Umwelten, guter Lernbedingungen und ausreichender Förderung“ 11, S. 19]. Das zeigt, dass sich Hochbegabung nicht losgelöst von der Familie betrachten lässt.
Genau hier setzt das Forschungsprojekt HOME an, das im Rahmen des William Stern Programms der Karg-Stiftung gefördert und durchgeführt wird. Daran nehmen Familien mit Kindern im Alter von 4 bis 6 Jahren teil, die bereits in diesem Alter hohe Begabungen zeigen. Die Familien werden insgesamt zweimal zu Hause besucht: im Sommer 2025 und im Sommer 2026. Bei diesen Besuchen wird untersucht, welche Fähigkeiten die Kinder bereits mitbringen und wie ihre familiären Lernumwelten aussehen.
Die Ergebnisse eines systematischen Literaturreviews zeigen, dass hochbegabte Kinder häufig in anregende familiären Lernumwelten aufwachsen 12. Allerdings gibt es bislang keine eindeutigen Befunde dazu, welche konkreten Faktoren in der Familie tatsächlich zur Förderung von Begabungen beitragen. Zudem können Studien im Kontext von Hochbegabung bisher nicht klar belegen, welche Rolle die familiäre Lernumwelt für die schulischen und emotionalen Kompetenzen der Kinder spielt.
Ziel des Projekts HOME ist es daher, herauszufinden, welche Aspekte der familiären Lernumwelt besonders wichtig für die Entwicklung begabter Kinder sind, und die Rolle der Familie in der Begabungsentwicklung in den Vordergrund zu stellen. Daraus sollen konkrete Empfehlungen für Eltern abgeleitet werden: Wie kann ich mein neugieriges, wissbegieriges Kind zu Hause optimal unterstützen, sodass es gut auf die Schule vorbereitet ist? Wie finde ich die richtige Balance zwischen Förderung und Freiraum? Dies sind wichtige Fragen, denn viele Familien mit jungen hochbegabten Kindern berichten von Unsicherheit darüber, wie sie ihre Kinder angemessen fördern und begleiten können. Das Projekt HOME will genau das ändern: Familien sollen wissenschaftlich fundierte Anregungen bekommen, wie sie Kinder mit hohen Begabungen im Alltag bestmöglich unterstützen können. Gleichzeitig sollen die gewonnenen Erkenntnisse Fachkräften in der Elternberatung und in der frühen Bildung (v. a. Erzieher:innen) helfen, Eltern kompetent zu begleiten.
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Mehr Informationen zum William Stern Programm und den geförderten Projekten finden Sie im Karg Stiftungsportal unter folgendem Link: