Digitalisierung. Fortschritt oder Unfall?
„Das Segel- oder Dampfschiff zu erfinden, bedeutet, den Schiffbruch zu erfinden. Die Eisenbahn zu erfinden, bedeutet, das Eisenbahnunglück des Entgleisens zu erfinden. Das private Automobil zu erfinden, bedeutet die Produktion der Massenkarambolage auf der Autobahn“ 1.
Als der französische Philosoph Paul Virilio (1932–2018) vor 20 Jahren zu Papier brachte, dass jede technische Erfindung zugleich ihren eigenen Unfall hervorbringt, schrieb er nicht nur eine Pointe über die Geschichte der Technik. Er formulierte vielmehr ein Grundgesetz des Fortschritts: Innovation kommt niemals allein. Sie bringt immer auch nicht intendierte Folgen mit sich, die zuvor kaum abzuschätzen sind. Diese Ambivalenz zieht sich bis in unsere Gegenwart, in der Digitalisierung, Social Media und insbesondere Künstliche Intelligenz (KI) längst nicht mehr nur Werkzeuge, sondern aktive Mitgestalter unserer Lebenswelt sind.
Die Digitalisierung und der breite Einsatz von KI-Anwendungen schafft neue Räume und bringt zugleich neue Fragen mit sich: Wie verändert sich unser Umgang mit Wissen? Wie beurteilen wir Informationen, die in nie dagewesener Geschwindigkeit erzeugt und verbreitet werden? Was bedeutet es für uns, wenn Anwendungen beginnen, selbst kreative Texte zu verfassen, individuelle Entscheidungen zu beeinflussen oder Lernprozesse mitzugestalten? Und was geschieht eigentlich mit unseren Daten?
Für junge Menschen, die heutzutage aufwachsen, sind diese Entwicklungen schon lange keine abstrakten Trends mehr, sondern gelebte Realität. Die Inhalte, Bilder und Nachrichten aus dem digitalen Raum sind ständig präsent – manchmal bewusst, manchmal unbewusst –, aber dabei selten neutral. Algorithmen entscheiden, was in unseren Feeds sichtbar wird (und was nicht), und prägen damit Wahrnehmung, Kommunikation und Selbstbild. Diese digitale Präsenz kann inspirieren und verbinden, sie kann aber auch belasten und verunsichern 2, 3, 4.
Spannungen zwischen Chance und Risiko prägen dabei nicht nur die Freizeit. Gerade im Bildungssystem zeigt sich die Ambivalenz besonders klar. Digitale Technologien eröffnen neue Möglichkeiten des Lernens und der Zusammenarbeit, verlangen aber zugleich mehr kritische Urteilsfähigkeit, Orientierung und mediale Souveränität. Hier verdichten sich Virilios Gedanken über Fortschritt und Unfall zu einer alltäglichen pädagogischen Herausforderung – von der Frühen Bildung bis in die Hochschule.
Digitalisierung ist längst kein Zusatzthema, sondern zu einem strukturellen Bestandteil von Bildung geworden. Digitale Medien sind Hilfsmittel für Lernprozesse, Werkzeuge von Organisationen und Gegenstand von Bildung selbst 5. Schon in der frühen Kindheit zeigt sich, dass digitale Medien für die meisten wie selbstverständlich zum Alltag gehören 6. Die zentrale Frage ist demnach nicht mehr, ob digitale Technologien in Bildungssettings eingesetzt werden sollen, sondern wie dies kompetent, reflektiert und entwicklungsangemessen geschehen kann. Digitale Kompetenz ist dabei nicht einfach eine Frage der Nutzungshäufigkeit, sondern erfordert die Fähigkeit, Inhalte einzuordnen, zu bewerten und ihre Verlässlichkeit kritisch zu prüfen. Nicht alles, was schnell verfügbar ist, ist auch verlässlich.
Ergebnisse der International Computer and Information Literacy Study (ICILS) zeigen, dass Jugendliche digital zwar sehr aktiv, aber keineswegs automatisch kompetent sind. Die Vorstellung, die sogenannte Generation Smartphone sei per se medienkundig, erweist sich – spätestens im Hinblick auf Quellenkritik, algorithmische Verzerrungen oder Datenschutz – als Mythos 7, 8, 9. Dabei kann und sollte der kompetente und reflektierte Umgang mit digitalen Medien als eine Schlüsselkompetenz der Gegenwart verstanden werden.
Diese Anforderungen gelten grundsätzlich für alle Lernenden. Im Kontext der Hochbegabung lassen sich zentrale Fragen digitaler Bildung jedoch exemplarisch betrachten, da Lernprozesse hier in besonderer Weise von Selbststeuerung, analytischer Tiefe und dem Wunsch nach inhaltlicher Durchdringung geprägt sind.
Preckel et al. 10 beschreiben hochbegabte Kinder und Jugendliche als Lernende mit besonderen kognitiven Voraussetzungen, ausgeprägtem Problembewusstsein und starkem Interesse an komplexen Fragestellungen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum KI für die Hochbegabtenförderung relevant ist: Es sind gerade diese spezifischen Lernbedürfnisse, die in KI-gestützten Lernumgebungen konkrete Anknüpfungspunkte finden 11. So kann KI differenzierte Lernpfade unterstützen, individuelles Feedback ermöglichen, vertiefte Recherchen begleiten oder die Entwicklung eigener Ideen und Projekte fördern – vorausgesetzt, sie ist sinnvoll in didaktische Konzepte eingebettet.
So weisen Steenbuck & Terfloth 11 ebenfalls darauf hin, dass digitale Werkzeuge Lernprozesse auch verkürzen können, wenn einzelne Denk- und Arbeitsschritte übersprungen werden – ein Phänomen, das der Lehrer Florian Nuxoll 12 in seiner Kolumne sehr passend als Skillskipping beschreibt. Gerade in KI-gestützten Lernumgebungen stellt sich damit die Frage, ob Lernende Denkprozesse nachvollziehen, reflektieren und weiterentwickeln – oder ob Ergebnisse entstehen, ohne dass die zugrunde liegenden Wege bewusst durchlaufen werden. Denn digitale Technologien unterstützen vor allem dann dabei, Potenziale von Lernenden zu entfalten, wenn sie Lernprozesse nicht abnehmen, sondern dabei helfen, diese zu vertiefen.
Digitalisierung, Bildung und Begabungsförderung treffen damit an einer Stelle zusammen, an der es um weit mehr geht als technische Fähigkeiten: Es geht um Orientierung, kritische Urteilskraft, kulturtechnische Souveränität und die Fähigkeit, in komplexen Informationsräumen klug, verantwortungsvoll und selbstbestimmt zu navigieren. Es geht darum, digitale Werkzeuge nicht nur produktiv zu nutzen, sondern sie zu verstehen, zu hinterfragen und im eigenen Leben – und Lernen – sinnvoll einordnen zu können.
Der neue Blog der Karg-Stiftung möchte genau dort ansetzen. Er soll ein Ort sein, an dem wir die Dynamik zwischen Digitalisierung und Hochbegabung gemeinsam in den Blick nehmen: wissenschaftlich fundiert, aber zugänglich; kritisch, aber nicht kulturpessimistisch; neugierig, ohne naiv zu sein. Ein Ort, an dem wir Virilios Einsicht ernst nehmen, ohne in Alarmismus zu verfallen. Jede neue Technologie bringt ihren eigenen Unfall hervor – aber eben auch neue Wege, Potenziale zu entfalten. Wie wir diese Wege gestalten, ist eine Bildungsaufgabe: eine gesellschaftliche – und nicht zuletzt eine persönliche.