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Motivation als Antrieb für die individuelle Begabungsentwicklung

Motivation als Antrieb für die individuelle Begabungsentwicklung

Motivation spielt für eine gelingende Talententwicklung eine entscheidende Rolle. Doch was ist Motivation und wie trägt sie zur Entfaltung individueller Begabungen und Talente bei? Was passiert, wenn die Motivation fehlt, und wie kann sie erkundet und gefördert werden?

Mara ist 13 Jahre alt und besucht die 8. Klasse eines Gymnasiums. Sie kommt in der Schule gut zurecht, macht im Unterricht mit und schreibt meist gute bis sehr gute Noten. Wenn sie danach gefragt wird, ob sie gerne in die Schule gehe, antwortet sie mit „ja, geht schon“ und so ein richtiges Lieblingsfach hat sie nicht. Wegen ihrer guten Leistungen hat ihr Mathelehrer ihr angeboten, in seine Mathe-AG zu kommen. Eigentlich ist diese erst für Schüler:innen ab der 9. Klasse gedacht, die tiefer in die Mathematik einsteigen wollen. Mara hat darauf aber keine Lust. Sie hat Angst, die Aufgaben dort nicht zu schaffen, und außerdem findet sie Mathe gar nicht so spannend. Aus ihrer Sicht bekommt sie es im Unterricht einfach nur gut hin.

Maras Lehrer ist zunächst überrascht von ihrer Reaktion. Erst im vergangenen Schuljahr war Luna, damals Schülerin der 8. Klasse, aus eigenem Antrieb in seine AG gekommen. Der Lehrer war sich damals nicht sicher, ob sie sich in der Gruppe wohlfühlen und bei den komplexen Themen mitkommen würde. Nach ein paar Probestunden bemerkte er aber, wie sehr sie in der AG aufblühte, und inzwischen nimmt sie sogar an einem Wochenendseminar der Uni teil. Der Lehrer wollte Mara mit seiner Einladung ähnlich positive Erfahrungen ermöglichen. Nun fragt er sich, welche individuellen Voraussetzungen es für eine gelingende Begabungsförderung eigentlich braucht.

Mara und Luna bringen ähnliche, überdurchschnittliche Fähigkeiten mit. Doch während Luna regelmäßig Herausforderungen sucht und sich freiwillig engagiert, wirkt es bei Mara so, als hätte sie noch nicht herausgefunden, wofür sie ihr Potenzial einsetzen möchte. Am Beispiel von Mara und Luna wird die wichtige Rolle der Motivation in der Begabungsförderung deutlich: Sie trägt zu einer selbstgesteuerten Begabungsentwicklung von Kindern und Jugendlichen bei.

Was ist Motivation und wie entsteht sie?

Man kann sich Motivation als eine Art Antrieb oder innere Kraft vorstellen. Sie bestimmt die Richtung, die Ausdauer und die Stärke unserer Handlungen 1. Mit Richtung kann zum Beispiel ein Schulfach gemeint sein, zu dem sich eine Schülerin oder ein Schüler vermehrt hinwendet. Ausdauer zeigt sich, wenn jemand dranbleibt, auch dann, wenn mal Herausforderungen auftreten. Bei der Stärke geht es darum, wie intensiv man sich einem Thema widmet, also zum Beispiel wie tief jemand versucht, bestimmte Inhalte zu durchdringen.

Zur Motivation gibt es einige Theorien, die unterschiedliche Aspekte einschließen. Ein Beispiel ist die Situierte Erwartungs-Wert-Theorie nach Eccles und Wigfield 2. Nach dieser Theorie spielen die eigenen Erwartungen sowie die persönlichen Werte und motivationalen Kosten eine wichtige Rolle für die Motivation. Das Wort „situiert“ im Namen der Theorie zeigt an, dass jeweils auch der Kontext beachtet werden muss. Beispielsweise kann das soziale Umfeld eine Rolle spielen: Wer Anerkennung oder Zugehörigkeit erfährt, bleibt oft länger motiviert. Außerdem nimmt die Theorie an, dass auch frühere Erfahrungen einer Person ihre Motivation formen.

Anhand von Mara und Luna lassen sich die wichtigsten Bestandteile der Theorie gut erklären: Mara glaubt nicht, dass sie die Aufgaben in der Mathe-AG gut bewältigen könnte. Ihre Erwartung, dass sie in der AG erfolgreich sein wird, ist also nicht besonders hoch. Im Unterricht ist das anders: Hier weiß sie, dass sie mit den Aufgaben eigentlich immer gut zurechtkommt. Luna war hingegen so überzeugt, mit dem Stoff der Mathe-AG klarzukommen, dass sie sogar ihren zuerst skeptischen Lehrer umstimmen konnte. Dazu hat sicherlich auch beigetragen, dass sie wirklich für die Mathematik brennt. Sie begeistert sich für die Themen und Aufgaben und hat daran großen Spaß. In der Theorie wird diese Begeisterung als intrinsischer Wert bezeichnet, weil sie von innen her kommt. Maras Freude an der Mathematik hingegen hält sich eher in Grenzen. Ihr intrinsischer Wert für Mathe ist vermutlich niedriger als der von Luna. Dafür findet Mara das Wissen, das sie im Matheunterricht lernt, nützlich. Sie denkt sich aber: „Alles, was wir für die Zukunft brauchen, werden wir schon im Unterricht lernen. Warum soll ich dann in die Mathe-AG?“ Auch der Nützlichkeitswert ist ein Teil der Motivation. Außerdem kommt die persönliche Wichtigkeit ins Spiel: Für Mara ist es zwar wichtig, gute Noten zu haben, sie sieht sich aber nicht als zukünftige Mathematikerin. Daher sind ihr besondere Leistungen in Mathe nicht so wichtig. Bei Luna ist das anders: Sie versteht sich selbst als Mathe-Expertin und ihre positiven Erfahrungen mit den anderen in der AG haben das noch verstärkt. Für sie sind deshalb ihre Leistungen in Mathe sehr zentral.

Ein Schaubild zeigt das Wechselspiel zwischen Erfolgserwartungen, motivationalen Werten und motivationalen Kosten.
Erfolgserwartungen und motivationalen Kosten spielen eine wichtige Rolle für die Motivation. Bild: Novamondo

Neben den Aspekten, die Motivation fördern, gibt es aber auch solche, die sie hemmen. Das sind sogenannte motivationale Kosten, die sich auf mögliche negative Folgen einer Handlung beziehen. Beispielsweise könnte Mara die Teilnahme an der Mathe-AG als sehr aufwendig bewerten, weil ihr die Grundlagen aus der 9. Klasse noch fehlen. Das bezeichnet man als Aufwandskosten. Außerdem kostet die AG natürlich Zeit, die Mara dann nicht mehr für Treffen mit Freund:innen oder Hobbys nutzen kann. Andere Dinge, die Mara wichtig sind, würden also vielleicht in den Hintergrund rücken. Das nennt man Opportunitätskosten. Mara erwartet, dass die Aufgaben in der AG sie herausfordern und sie vielleicht Misserfolge erleben wird. Diese psychologischen Kosten möchte sie gerne vermeiden. Auch für Luna könnten die Kosten eine Rolle spielen. Bei ihr überwiegen aber die positiven Aspekte, weshalb sie sich für eine Teilnahme an der AG und später auch am Wochenendseminar der Uni entschieden hat.

Bei Mara und Luna ist die Motivation, die Mathe-AG an ihrer Schule zu besuchen, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Während Luna vor allem Spaß an den Aufgaben hat und ihre persönliche Weiterentwicklung als Mathe-Expertin sieht, fühlt sich Mara von den Anforderungen eher überfordert. Sie denkt nicht, dass ihr die Mathe-AG etwas bringen würde und hat das Gefühl, dass ihr wertvolle Zeit, die sie für andere Dinge nutzen könnte, verloren geht.

Motivation ist also eine wichtige Größe aus verschiedenen Bestandteilen. Sie hängt ganz allgemein mit Leistungen und Wahlentscheidungen zusammen. Entstehen kann Motivation im Zusammenspiel aus Überzeugungen, Interessen, Erwartungen und Kosten. Sie ist nichts, was man „hat oder nicht hat“, sondern etwas, das sich entwickeln und durch positive Erfahrungen stärken lässt. Besonders begabte Kinder und insbesondere Jugendliche können mit ihrer Hilfe ihre Begabungsentwicklung selbst in die Hand nehmen, indem sie beispielsweise Förderangebote wahrnehmen. Wie das Beispiel von Mara zeigt, ist es aber nicht selbstverständlich, dass solche Angebote genutzt werden.

Enrichment lebt von Motivation

Besonders gefordert ist die eigene Motivation immer dann, wenn der Weg der Begabungsentwicklung wenig vorgegeben und frei wählbar ist. Das ist beispielsweise bei der Teilnahme an Enrichmentangeboten der Fall, also solchen Förderangeboten, bei denen Schüler:innen innerhalb oder außerhalb der Schule Lerninhalte erweitern und vertiefen 3. Enrichmentangebote haben positive Effekte auf die schulischen Leistungen und die sozial-emotionalen Kompetenzen von Schüler:innen (z. B. 45). Sie werden in Deutschland von unterschiedlichen Stellen angeboten. Kinder und Jugendliche finden sie an ihren eigenen Schulen in Form von zusätzlichen Wahlfächern oder AGs, wie etwa die Mathe-AG in der Schule von Mara und Luna. Es gibt aber auch Enrichmentangebote an Universitäten (z. B. Kinder-Unis und Frühstudienprogramme), bei nationalen und regionalen Stiftungen und Verbänden (z. B. Wettbewerbe und Akademien) oder digital im Internet (z. B. Digitale Drehtür und Online-Wettbewerbe).

Die Vielzahl dieser Angebote kann als große Ressource in der Begabungsentwicklung gesehen werden, allerdings nur, wenn Schüler:innen die Angebote kennen und annehmen wollen. Enrichment lebt davon, dass Kinder und Jugendliche eigene Entscheidungen treffen und Verantwortung für ihre Begabungsentwicklung übernehmen. Dabei passt nicht jedes Angebot zu allen gleich gut. Manche Schüler:innen haben Lust, ihr Können im Wettbewerb mit anderen zu beweisen, während andere sich lieber in einer Seminar- oder Akademiegruppe ganz intensiv mit einem Spezialthema befassen. Sie müssen also für sich passende Angebote finden. Hinzu kommt, dass inzwischen immer mehr Angebote auch ohne eine Nominierung durch Lehrkräfte genutzt werden können. Das macht die Schüler:innen unabhängiger, fordert allerdings unter Umständen eine noch stärkere Eigeninitiative.

Genau von dieser Eigeninitiative werden Schüler:innen auch im weiteren Verlauf ihres Lebens profitieren, denn eine gelingende Begabungsentwicklung und Potenzialentfaltung nach der Schulzeit kann nur durch individuelle Motivation funktionieren. Wer schon früh selbst aktiv wird, ist beispielsweise im Studium oder einer Ausbildung geübter darin, seine Interessen und Fähigkeiten einzuschätzen und sich entsprechend passende Lehr- und Fortbildungsveranstaltungen zu suchen. Für Lehrkräfte, Eltern und Beratungspersonen bedeutet dies, dass Motivation nicht nur eine Voraussetzung für gelingendes Lernen, sondern auch ein langfristiges Ziel darstellt. Bei Mara und Luna zeigt sich: Begabungsförderung entfaltet ihr volles Potenzial erst, wenn Kinder und Jugendliche ihre Motivation kennen, verstehen und ihr folgen. Doch wie lässt sich diese Motivation in der Praxis erkennen und gezielt unterstützen?

Motivation erkennen und fördern

In der Psychologie werden vor allem Fragebögen zur Untersuchung der Motivation genutzt. Damit werden systematisch unterschiedliche Interessen, Fähigkeitseinschätzungen oder Ziele abgefragt, die Aufschluss darüber geben, wie stark die Motivation für unterschiedliche Fachbereiche ausgeprägt ist. Mithilfe der anfangs beschriebenen Situierten Erwartungs-Wert-Theorie lassen sich aber auch Reflexionsfragen formulieren, die Schüler:innen sich selbst stellen oder Lehrkräfte und Eltern in Gesprächen nutzen können, um das Nachdenken und Sprechen über die eigene Motivation anzuregen. Solche Reflexionsfragen sind zum Beispiel:

  • In welchem Schulfach bin ich besonders gut?
  • Welche fächerübergreifenden Kompetenzen liegen mir besonders (z.  B. Präsentieren, Schreiben, Experimentieren …)?
  • In welchen Bereichen möchte ich mich noch entwickeln?
  • Welche Themen oder Schulfächer interessieren mich besonders?
  • Worüber lese ich gern? Zu welchen Themen schaue ich Videos und Dokumentationen an?
  • Bei welchen Tätigkeiten vergesse ich alles um mich herum?
  • Über welche Themenbereiche würde ich gerne mehr erfahren?
  • Was ist aktuell mein Berufswunsch? Welche Fähigkeiten sind dafür wichtig?
  • Welche Kompetenzen sind für meine Zukunft besonders nützlich?
  • Welche Themen liegen mir am Herzen?
  • In welchem Bereich sind mir meine Leistungen besonders wichtig?

Wenn schon ein bestimmtes Angebot im Raum steht, lohnt es sich auch, über mögliche Hindernisse nachzudenken.

  • Wie schätze ich den zeitlichen Aufwand für das Angebot ein? Ist meine Einschätzung realistisch?
  • Wie anstrengend wird das Angebot für mich?
  • Welche Hobbys muss ich für die Teilnahme vielleicht einschränken?
  • Welche anderen Nachteile erwarte ich bei einer Teilnahme? Warum?
  • Was denken meine Freund:innen über das Angebot?
  • Welche negativen Gefühle oder Ängste verbinde ich mit einer Teilnahme? Sind diese berechtigt?

Die hier formulierten Fragen können Schüler:innen dabei helfen, ihre eigene Motivation besser zu verstehen. Manchmal reichen das Erkennen und Nachdenken über den eigenen Antrieb sowie das Wissen um entsprechende Angebote aber noch nicht aus. Als Lehrkräfte oder Eltern können Sie die Motivation in kleinen Schritten unterstützen und damit gezielt die unterschiedlichen Aspekte, also Erwartungen, Werte und Kosten, ansprechen:

  • Melden Sie Schüler:innen gezielt ihre individuellen Stärken zurück.
  • Betonen Sie die positiven Effekte von Förderangeboten.
  • Wenn möglich, bieten Sie Gespräche mit etwa gleichaltrigen Schüler:innen an, die bereits an einem Angebot teilnehmen oder teilgenommen haben und von ihren Erfahrungen berichten. Wenn Schüler:innen erkennen, dass schon andere die Anforderungen erfolgreich bewältigt haben, kann das ihre Erwartungen stärken.
  • Gehen Sie auf die Sorgen der Schüler:innen ein und nehmen Sie die motivationalen Kosten ernst. Versuchen Sie aber, diese gemeinsam mit den Schüler:innen realistisch zu bewerten.
  • Stellen Sie möglichst Schnupperangebote zur Verfügung, damit Schüler:innen Angebote ohne Druck testen können. Das kann die wahrgenommenen motivationalen Kosten reduzieren und zu Erfolgserlebnissen führen.

Projekt „Enr!chment“

Um die Motivation (hoch-)begabter Schüler:innen zur Teilnahme an Enrichmentangeboten systematisch zu untersuchen, führen wir das Projekt „Enr!chment: Analyse und Modifikation von Bedingungsfaktoren für eine (Nicht-)Teilnahme (hoch-)begabter Schüler:innen an Enrichmentangeboten“ durch. Dieses wird seit Oktober 2024 im Rahmen des William Stern Programms von der Karg-Stiftung gefördert.

Im Sommer 2025 haben wir in einer ersten Teilstudie Daten von rund 700 Schüler:innen aus Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen erhoben. Die Schüler:innen wurden zu ihrem familiären und schulischen Hintergrund, ihrer Motivation nach der Situierten Erwartungs-Wert-Theorie sowie ihren bisherigen Erfahrungen mit Enrichmentangeboten befragt. In einer zweiten Teilstudie wurden zusätzlich die Lehrkräfte und Eltern der Schüler:innen in die Befragung einbezogen, um das Bild um die Perspektive relevanter Bezugspersonen zu erweitern. Die Ergebnisse der Teilstudien ermöglichen es uns, individuelle, schulische und familiäre Hürden zu identifizieren, die einer Teilnahme (hoch-)begabter Schüler:innen an Enrichmentangeboten entgegenstehen. Darauf aufbauend lassen sich Interventionen entwickeln, mit denen die Motivation der Schüler:innen gesteigert werden kann. Unser Ziel ist es, dazu beizutragen, dass in Zukunft mehr Schüler:innen von den positiven Effekten von Enrichmentangeboten profitieren.

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Mehr Informationen zum William Stern Programm und den geförderten Projekten finden Sie im Karg Stiftungsportal unter folgendem Link:

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Mehr zum Projekt Enr!chment finden Sie hier:

Enr!chment: Analyse und Modifikation von Bedingungsfaktoren für eine (Nicht-)Teilnahme (hoch-)begabter Schüler:innen an Enrichmentangeboten