Wohlbefinden und mentale Gesundheit hochbegabter Kinder und Jugendlicher: eine Bestandsaufnahme
Rund ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist derzeit psychisch belastet 1, 2. Die Betroffenen berichten von einem geringen schulischen Wohlbefinden und/oder zeigen psychische Auffälligkeiten. Viele machen sich Sorgen um ihre Zukunft und erleben ihre Lebensqualität als eingeschränkt. Der Anstieg psychischer Belastungen ist verbunden mit den vielfältigen gesellschaftlichen Krisen der vergangenen Jahre – etwa mit Klima, Kriegs und Pandemieerfahrungen, aber auch mit wirtschaftlichen Unsicherheiten, Inflation und Armut 3.
Kindheit und Jugend sind entscheidende Lebensabschnitte für die mentale Gesundheit. Etwa die Hälfte aller psychischen Störungen entsteht vor dem 15. Lebensjahr 4, rund 75 % bis zum Alter von 24 Jahren 5. Viele spätere psychische Erkrankungen haben ihren Ursprung in unbehandelten Störungen aus der Kindheit oder Jugend und treten später als sekundäre oder komorbide Probleme auf. Eine wirksame Prävention psychischer Probleme und die Unterstützung und Förderung mentaler Gesundheit in Bildungs- und Betreuungskontexten sind daher von zentraler Bedeutung, um der Entstehung behandlungsbedürftiger Erkrankungen vorzubeugen.
Die genannten großen Studien 1, 2, 3 geben wertvolle Informationen über die Gesamtlage. Sie gehen jedoch nicht spezifisch auf (hoch-)begabte Kinder und Jugendliche ein. Für diese Zielgruppe fehlen derart umfassende und aussagekräftige Daten. Vorhandene Erkenntnisse können aber bestmöglich genutzt werden, um besser zu verstehen, welche speziellen Bedingungen oder Bedürfnisse (hoch-)begabte Kinder und Jugendliche haben und wie Familien und Bildungssystem darauf reagieren können.
Was wissen wir über die psychische Gesundheit (hoch-)begabter Kinder und Jugendlicher? Während sich gesellschaftliche Stereotype über eine vermeintlich schlechtere psychosoziale Anpassung Hochbegabter leider hartnäckig halten (siehe auch „Disharmoniehypothese“), zeigen metaanalytische und längsschnittliche Arbeiten überwiegend, dass Hochbegabte im Mittel gleich gut oder besser angepasst sind als Vergleichsgruppen, etwa in Bezug auf schulische Leistungen, Selbstkonzept und psychische Gesundheit 6, 7. Damit wird die pauschale Disharmoniehypothese empirisch deutlich widerlegt.
Hohe kognitive Fähigkeiten fungieren im Allgemeinen eher als Schutzfaktor, der psychische Gesundheit, Wohlbefinden und insgesamt eine positive Entwicklung begünstigt 8. Sie stellen keinen Risikofaktor für psychische oder Verhaltensprobleme dar 9. Hier ist jedoch ein differenzierter Blick notwendig, denn Hochbegabte sind keine homogene Gruppe 10. Sie sind also nicht per se geschützt. Ähnlich wie bei nicht Hochbegabten kann auch bei ihnen unter bestimmten Kontextbedingungen das Risiko für Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit erhöht sein 7, 9, 11, 12.
Wann ist das der Fall? Was sind zusätzliche Schutz-, aber auch Risikofaktoren für die Gesundheit von hochbegabten Kindern und Jugendlichen? Aufschluss darüber gibt eine aktuelle Analyse der Autorin 13 der empirischen Forschungsliteratur der Jahre 2000–2025 zur psychischen Gesundheit und zum (schulischen) Wohlbefinden von hochbegabten Kindern und Jugendlichen. Berücksichtigt wurden hierbei insgesamt 28 quantitative, originäre Forschungsarbeiten.
Auch in dieser Analyse bestätigt sich wieder das bereits beschriebene Bild: Es gibt für hochbegabte Kinder und Jugendliche kein erhöhtes Risiko für psychische Probleme oder ein geringeres Wohlbefinden im Vergleich zu nicht (hoch-)begabten Gleichaltrigen – häufig sogar bessere Ergebnisse für Begabte. Diese Aussage über alle Studien zusammengenommen beruht allerdings auf sehr heterogenen Einzelergebnissen. Je nachdem, welche Studie man sich ansieht, oder welchen Aspekt von psychischer Gesundheit und Wohlbefinden, sieht die Lage sehr unterschiedlich aus: Für hochbegabte Kinder und Jugendliche zeigen sich in manchen Studien bessere Ergebnisse für Wohlbefinden und psychische Gesundheit, zum Beispiel weniger Verhaltensprobleme, ein höheres Selbstwertgefühl oder bessere Motivation (u. a. 14, 15, 16). In anderen jedoch ergeben sich schlechtere Ergebnisse, etwa mehr internalisierende/externalisierende Probleme, ein geringeres Selbstwertgefühl oder mehr erlebte Traurigkeit (u. a. 17, 18, 19). Auch gab es häufig gemischte, bedingte oder unklare Ergebnisse (z. B. 20, 21, 22, 23).
Diese heterogene Lage verdeutlicht sehr gut, dass man nicht auf Einzelstudien vertrauen kann, wenn man Aussagen über hochbegabte Kinder und Jugendliche im Allgemeinen treffen will. Dies gilt umso mehr für sensible Themen: Um Stereotypen und der Stigmatisierung von Hochbegabten keinen Nährboden zu geben, ist es wichtig, das Gesamtbild über die Vielzahl an Studien hinweg zu betrachten (Forschungssynthese) und auch jede differenzierende Aussage über Unterschiede innerhalb der sehr heterogenen Zielgruppe hochbegabter Kinder und Jugendlicher mit mehreren Einzelstudien abzusichern.
Nimmt man unter dieser Prämisse Hochbegabte näher in den Blick, lassen sich spezifische Schutz- und Risikofaktoren identifizieren 13. Dies sind Kontextfaktoren, die nicht der Begabung selbst zuzurechnen sind, aber mit ihr zusammenspielen können.
Verschiedene individuelle Faktoren können bei hochbegabten Kindern und Jugendlichen die Entstehung von Beeinträchtigungen im Wohlbefinden oder in der psychischen Gesundheit begünstigen. Dazu zählen:
Perfektionismus: Sowohl selbstorientierter als auch sozial vorgeschriebener Perfektionismus stehen in Zusammenhang mit erhöhtem Stress und Burn-out sowie mit einem schlechteren Selbstkonzept in reinen Förderklassen (21, 24).
Twice-Exceptionality: Das Vorliegen einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und von Lernstörungen erhöht das Risiko für ein geringes Selbstwertgefühl, Depressionen und Anpassungsschwierigkeiten (z. B. 22, 25, 26).
Asynchrone Entwicklung: Insbesondere deutlich höhere verbale kognitive Fähigkeiten werden, im Vergleich zu nonverbalen, mit externalisierendem, d. h. nach außen gerichtetem, Problemverhalten und weiteren Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung gebracht 17.
Geschlecht: In einigen Studien wiesen Mädchen eine höhere Depressionsrate und erhöhte Stresslevel auf (z. B. 23, 24).
Solche Schwierigkeiten können, müssen aber nicht auftreten. Ein sensibler Blick und Unterstützungsangebote für Betroffene und ihre Familien können wesentlich dazu beitragen, dass Belastungen und Beeinträchtigungen sich nicht verschärfen und bei der Bewältigung von Herausforderungen unterstützen.
Ohnehin spielt die Umwelt mit Blick auf das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit eine sehr zentrale Rolle.
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Soziale und schulische Faktoren bergen ein enormes Potenzial für den Schutz des Wohlbefindens und der mentalen Gesundheit hochbegabter Kinder und Jugendlicher.
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Gleichaltrige: Verbundenheit mit Gleichaltrigen und positive Beziehungen zu Peers wirken als wichtiger Schutzfaktor für Wohlbefinden und mentale Gesundheit (z. B. 26, 27, 28). Bei hochbegabten Kindern kann diese Verbundenheit sogar einen stärkeren Einfluss auf die Zufriedenheit in der Schule haben als bei nicht hochbegabten Gleichaltrigen – ein wichtiger Faktor für diese Gruppe 27.
Familie: Unterstützung durch die Familie wirkt schützend. Gute familiäre Beziehungen verringern das Risiko für depressive Symptome (z. B. 26, 28).
Schule: Das schulische Umfeld spielt eine zentrale Rolle. Angemessene schulische Herausforderungen fördern das Wohlbefinden, während eine mangelnde Passung der Förderung, etwa Unterforderung, einen Risikofaktor darstellt (z. B. 18, 21).
Spezielle Maßnahmen der Begabtenförderung: Akzeleration hat langfristig keine negativen Auswirkungen auf psychische Gesundheit oder Wohlbefinden 29 und kann als Schutzfaktor zu einer höheren Lebenszufriedenheit und besseren sozialen Beziehungen beitragen 30. Reine Begabtenklassen (segregative Förderung) können im Gegensatz zu Pull-out-Programmen maladaptiven Perfektionismus, ein geringes Selbstkonzept und Einsamkeit befördern 21.
Etikettierung und Identifizierung: Das Label „begabt“ kann aufgrund möglicher Stigmatisierungseffekte die Beziehungen zu Gleichaltrigen beeinträchtigen 27. Auch kann diese Etikettierung zu einem geringeren allgemeinen Selbstwertgefühl und einem höheren Maß an emotionalen Problemen, Sorgen und Hyperaktivität beziehungsweise Unaufmerksamkeit beitragen 15.
Zusammengefasst: Hochbegabte Kinder und Jugendliche haben im Vergleich zu nicht hochbegabten Gleichaltrigen kein erhöhtes Risiko für psychische Probleme oder ein geringeres Wohlbefinden – häufig stehen Begabte sogar besser da. Es zeigen sich jedoch innerhalb der Gruppe Unterschiede, wenn man weitere Faktoren einbezieht. Einige individuelle Risikofaktoren können Schwierigkeiten begünstigen, während das soziale und schulische Umfeld sowie eine begabungsgerechte Förderung eine mehrheitlich schützende Funktion haben.
Segregative Begabtenfördermaßnahmen und die Etikettierung als „begabt“ können jedoch mit problematischen Nebenwirkungen verbunden sein. Eine begabungsgerechte Förderung und Unterstützung hochbegabter Kinder an die Voraussetzung einer Diagnose als hochbegabt zu knüpfen und Hochbegabte separat zu beschulen, kann also negative Folgen für das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit haben. Eine breite Begabtenförderung im inklusiven Setting – auch ohne Diagnose – verringert beziehungsweise vermeidet Risiken, die mit Etikettierung und segregativer Förderung einhergehen können. Gleichwohl liefert eine anlassbezogene fundierte Diagnostik wertvolle und mitunter unverzichtbare Anhaltspunkte für die Erkennung einer Hochbegabung, die Findung der passenden Förderung oder die Bewältigung etwaiger bereits entstandener Schwierigkeiten. Und im individuellen Fall kann auch der Besuch einer reinen Begabtenklasse oder -schule genau die richtige Wahl sein. So muss immer orientiert am einzelnen Kind über die richtige Vorgehensweise entschieden werden.
Im deutschsprachigen Raum existieren nach aktuellem Kenntnisstand bislang keine Präventions- oder Interventionsansätze zur Förderung der psychischen Gesundheit oder Resilienz, die spezifisch auf die Bedürfnisse hochbegabter Kinder und Jugendlicher angepasst sind. Die wenigen psychosozialen Angebote mit Bezug zur Hochbegabung – jedoch ohne Fokus auf psychische Gesundheit – umfassen etwa das KlikK®-Elterntraining zur Stärkung der Elternkompetenzen sowie das LOTUS-Training für Jugendliche, das die Identitätsentwicklung unterstützt.
Verschiedene evidenzbasierte präventive Maßnahmen zielen auf die Stärkung von Wohlbefinden, mentaler Gesundheit und Resilienz aller Kinder und Jugendlichen. Einige Beispiele:
Zu den Angeboten im schulischen Rahmen gehörten bis vor Kurzem die „Mental Health Coaches“, ein Modellprogramm des Bundesjugendministeriums, das an mehr als 100 Schulen umgesetzt wurde und bis zum Schuljahr 2025/2026 lief. Die Coaches unterstützten Schüler:innen bei Sorgen und Problemen, leisteten psychische Erste Hilfe in Krisensituationen und vermittelten bei Bedarf in weiterführende Angebote. Ergänzt wurde das Programm durch Gruppenangebote zur Stärkung des Wohlbefindens sowie Programme und Maßnahmen, die der Stigmatisierung psychischer Probleme entgegenwirken sollen 31.
Das Präventionsprogramm „SOS Mental Health Peers“ (getragen von SOS-Kinderdorf e. V., ebenfalls gefördert durch das Bundesjugendministerium), wird im Rahmen der Schulsozialarbeit umgesetzt. Jugendliche ab Jahrgangsstufe 8 werden als „Mental Health Peers“ ausgebildet, um psychische Belastungen bei Gleichaltrigen zu erkennen, zu entstigmatisieren und zu unterstützen. Dabei werden sie durch pädagogische Fachkräfte begleitet.
Das bundesweit nutzbare Programm „MindMatters“ zur Förderung der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens in Schulen richtet sich an Schulen, Lehrkräfte und Schulleitungen. „MindMatters“ bietet Materialien zur Schulentwicklung, Unterrichtsideen, Materialien sowie Fortbildungen. Seit 2021 wird es durch Krankenkassen, gesetzliche Unfallversicherungsträger sowie die Universität Lüneburg getragen. Das ursprünglich in Australien entwickelte Programm wurde auch in der deutschen Version evaluiert und ist mittlerweile im Bereich von mehreren Tausend Schulen bundesweit implementiert.
Neben solchen umfangreichen Programmen auf Schulebene existieren auch Programme, die direkt durch Lehrkräfte im Unterricht eingesetzt werden können. Dazu zählen evaluierte Unterrichtsprogramme wie etwa „Psychische Gesundheit und Schule“ sowie niedrigschwellige Handreichungen, beispielsweise zur Resilienzförderung im Unterricht 32.
Außerschulische Angebote zielen zumeist auf die Mental Health Literacy: Diese umfasst Wissen, Überzeugungen und Fähigkeiten im Kontext psychischer Gesundheit, die Prävention, Erkennung und Behandlung unterstützen, einschließlich des Hilfesuchverhaltens (z. B. 33). Ein Beispiel für solche Angebote ist das Fortbildungsprogramm „Mental Health First Aid (MHFA) Youth“, das international Anwendung findet und auch im deutschsprachigen Raum evaluiert wurde 34, 35.
Digitale Angebote wie etwa „ich bin alles“ vermitteln wissenschaftlich fundierte Informationen zu Depressionen und psychischer Gesundheit, nennen professionelle Anlaufstellen und zeigen nachgewiesenen Wissenszuwachs 36. Ergänzend stehen frei zugängliche Fortbildungen für Lehrkräfte zur Verfügung („ich bin alles @Schule“-Portal für Lehrkräfte).
Psychische Erste Hilfe-Angebote im virtuellen Raum mit hoher Erreichbarkeit bieten beispielsweise „Krisenchat“, „JugendNotmail“ und „Nummer gegen Kummer“ bzw. „Chat gegen Kummer“ als anonyme, kostenlose Beratungsangebote per E-Mail oder Chat für Kinder und Jugendliche in Notlagen. Die Angebote werden vom Bundesjugendministerium gefördert sowie von gemeinnützigen Organisationen getragen. Auch die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (BKE) bietet für Jugendliche ab 14 Jahren ein anonymes Online-Beratungsangebot, getragen vom BKE-Verband und gefördert durch öffentliche Mittel.
Wenn hochbegabte Kinder oder Jugendliche aufgrund entstandener emotionaler oder psychischer Schwierigkeiten Hilfe suchen, treffen in der Beratung oder in der Therapie die Themen psychische Gesundheit und Hochbegabung aufeinander. Gibt es hier spezielle Unterstützungsangebote? Und braucht es diese überhaupt?
Beratungsangebote und Strukturen im Bereich Hochbegabung finden sich in der Schulpsychologie, der Schulsozialarbeit, der Erziehungs- und Familienberatung sowie in Beratungsstellen, die auf Hochbegabung spezialisiert sind und in öffentlicher, universitärer und freier Trägerschaft stehen (siehe Beratungsstellendatenbank der Karg-Stiftung). Beraterische Interventionsmaßnahmen zielen hier in der Regel nicht speziell auf die psychische Gesundheit ab. Dennoch beschränkt sich professionelle Beratung im Kontext Hochbegabung nicht auf Lern- und Leistungsthemen, sondern bezieht auch sozio-emotionale Themen ein. Berater:innen, die für den Themenbereich Wohlbefinden und psychische Gesundheit sensibilisiert sind und begabungsassoziierte Risiko- und Schutzfaktoren kennen, können sowohl präventiv als auch interventiv wirksame Unterstützung leisten.
Ansätze der Psychotherapie für psychische Störungen sind nicht speziell auf hochbegabte Kinder und Jugendliche zugeschnitten. Bei vorliegenden psychischen Problemen kommen daher die gängigen Verfahren zum Einsatz. Da Psychotherapie grundsätzlich immer am individuellen Fall orientiert ist, ist es jedoch auch hier nicht unbedingt notwendig, sie speziell auf die Bedürfnisse hochbegabter Kinder und Jugendlicher zuzuschneiden. Wissen zu spezifischen Herausforderungen Hochbegabter sowie zu speziellen Schutz- und Risikofaktoren für diese Zielgruppe aufseiten von Therapeut:innen ist dennoch von Vorteil. In psychotherapeutischen Prozessen kann es zudem hilfreich und bereichernd sein, Begabung als Ressource einzubeziehen.
Scham und die Angst vor Stigmatisierung können dazu führen, dass Kinder und Jugendliche Unterstützung bei emotionalen oder psychischen Problemen nur zögerlich in Anspruch nehmen. Nach Ergebnissen des Deutschen Schulbarometers 1 wäre es 36 % der befragten Kinder und Jugendlichen unangenehm, über emotionale Schwierigkeiten zu sprechen; unter denen mit bestehenden psychischen Auffälligkeiten betrifft dies sogar 61 %. Gleichzeitig bestehen weiterhin erhebliche Versorgungslücken für psychisch belastete Kinder und Jugendliche: Die Angebote der Schulsozialarbeit, der Schulpsychologie sowie der ambulanten Psychotherapie reichen nicht aus, um den bestehenden Bedarf abzudecken – sowohl innerhalb der Schule als auch darüber hinaus 37.
Im Bildungsbereich ist inzwischen die Erkenntnis angekommen, dass mentale Gesundheit eine zentrale Voraussetzung für gelingende Bildungsprozesse ist und auch, dass die psychologische Unterstützung für Kinder und Jugendliche verbessert werden muss. In der Begabtenförderung spielt dieser Aspekt allerdings bislang noch keine angemessene Rolle.
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Es ist daher notwendig, das Thema mentale Gesundheit stärker in den Blick zu nehmen und bei der Unterstützung Hochbegabter in Schule, Beratung und Familie konsequent mitzudenken und proaktiv zu adressieren.
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Darüber hinaus sollten schulische präventive beziehungsweise erstinterventive Angebote – wie etwa die SOS Mental Health Peers – weiterhin gefördert und ausgeweitet werden, um eine kontinuierliche, niedrigschwellige Unterstützung sicherzustellen.
In der praktischen Beratungsarbeit im Bereich Hochbegabung sollte dem Thema psychische Gesundheit deutlich mehr Raum gegeben werden. Schließlich ist davon auszugehen, dass etwa 20 % der ratsuchenden Kinder und Jugendlichen psychisch belastet sind. Der Anteil dürfte sogar noch höher sein: Da Beratung oft erst dann aufgesucht wird, wenn bereits erhebliche Schwierigkeiten entstanden sind, sind die in Beratungsstellen anzutreffenden Hochbegabten tendenziell eher solche mit bestehenden Problemen und somit nicht repräsentativ für alle Hochbegabten. Auch wenn der konkrete Beratungsanlass zunächst nur Schullaufbahnentscheidungen oder Lern- und Leistungsthemen zu betreffen scheint, so kommen doch ganze Menschen mit ihren Nöten und Problemen in die Beratung, denen ein primärer Fokus auf Diagnostik und Lern-/Leistungsförderung nicht gerecht wird.
Hochbegabte Kinder und Jugendliche bringen oft günstige Voraussetzungen für eine positive psychische Entwicklung mit – ihre kognitiven Stärken können als Schutzfaktor wirken. Das heißt jedoch nicht, dass sie jegliche Herausforderungen automatisch gut bewältigen. Auch Hochbegabte können belastet sein – besonders dann, wenn individuelle oder soziale Risikofaktoren vorliegen. Entscheidend ist daher ein aufmerksamer Blick, der Unterstützung ermöglicht, wenn sie gebraucht wird.
Wünschenswert ist, dass psychisches Wohlbefinden im Bildungs- und Familienalltag selbstverständlich und regelmäßig angesprochen wird – nicht erst bei konkreten Problemen, sondern als fester Bestandteil guter Begleitung. So entstehen verlässliche Rahmenbedingungen, in denen hochbegabte Kinder und Jugendliche ihre Potenziale entfalten und gleichzeitig psychisch gesund aufwachsen können.
KlikK®-Elterntraining
LOTUS-Training
Mental Health Coaches
SOS-Mental Health Peers
MindMatters
Mental Health First Aid
ich bin alles
ich bin alles – Schule
Krisenchat
JugendNotmail
Nummer gegen Kummer
BKE-Onlineberatung
Downloads des Zentrums für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter (ZPI), Universität Bielefeld