Hochbegabt und hochsensibel?
Spricht man über Hochsensibilität, werden vor allem zwei Namen genannt: Kazimierz Dabrowski (1902–1980) und Elaine Aron. In seiner Theorie der positiven Desintegration beschreibt der Psychologe und Psychiater Dabrowski die sogenannte Übererregbarkeit (engl. overexcitability) als eine deutlich erhöhte subjektive Wahrnehmung und Reaktion auf Reize 1. Wichtig zu wissen ist, dass das Konzept der Übererregbarkeit dabei nur ein Teil in der Theorie Dabrowskis ist. Oft wird das Konstrukt aus dem Zusammenhang gerissen, was zu Missverständnissen und Mythen führen kann – beispielsweise, dass Hochsensibilität eine Schwäche sei und diese vor allem bei Hochbegabten vorkäme. Dabrowskis Theorie beschreibt, dass hoch ausgeprägte Übererregbarkeiten ein höheres Potenzial zur persönlichen Weiterentwicklung durch die Bewältigung von Krisen bedeuten (= positive Desintegration). Nach Dabrowski sind Übererregbarkeiten also keinesfalls ein Hindernis oder gar eine Krankheit, sondern sie ermöglichen erst die Entfaltung von Potenzial und haben damit eine ressourcenorientierte Bedeutung.
Er beschreibt fünf Bereiche, in denen sich Übererregbarkeiten zeigen können:
Die Psychologin Elaine Aron prägte den Begriff sensory-processing sensitivity für eine besondere Art der Verarbeitung von Reizen bei manchen Personen. Im Deutschen wird dieses Konstrukt häufig mit Hochsensibilität übersetzt.
Aron 2 beschrieb vier Merkmale von Hochsensibilität:
Obwohl sich die Begriffe und deren Definition also im Detail unterscheiden, haben sie dennoch viele Gemeinsamkeiten.
Nach dieser kurzen Einführung zum Begriff Hochsensibilität können Sie in einer kleinen Übung „Irrtum oder Wahrheit?“ Ihr Wissen testen. Sie finden fünf interaktive Karten: Auf der Vorderseite steht eine Aussage. Auf der Rückseite steht, ob es sich um Irrtum oder Wahrheit handelt. Zudem erläutert ein kurzer Text mit den jeweiligen Quellen die Zuordnung. Die Aussagen handeln von der Erfassung von Hochsensibilität sowie (nicht) vorhandenen Zusammenhängen zwischen Hochsensibilität, Hochbegabung und psychischer Gesundheit.
Im Jahr 1997 entwickelte die Psychologin Elaine Aron einen Fragebogen, um das Konstrukt Hochsensibilität zu erfassen. 27 Fragen zielten auf alltägliche Erfahrungen und Empfindungen ab, etwa: „Neigen Sie dazu, Dinge tiefgründig zu reflektieren?“, „Beeinflussen Sie die Stimmungen anderer Menschen leicht?“ oder „Ist es unangenehm für Sie, wenn viel um Sie herum los ist?“ 2. Laut Umfragen von Aron und anderen Forscher:innen beschreiben sich anhand des Fragebogens ca. 20 Prozent der Bevölkerung als hochsensibel.
Obwohl dieser Fragebogen in der Praxis häufig verwendet wird, ist er aus wissenschaftlicher Sicht umstritten. Es besteht Unklarheit darüber, ob er tatsächlich ein einheitliches Persönlichkeitsmerkmal misst oder vielmehr Anteile anderer psychologischer Merkmale (z. B. Neurotizismus, Ängstlichkeit) erfasst. Zudem ist nicht abschließend definiert, ab welchem Schwellenwert eine Person als hochsensibel gilt. Das erschwert die Interpretation der Ergebnisse und schränkt die Vergleichbarkeit ein 3.
In der pädagogischen Praxis und vielen Werken aus dem Bereich Ratgeberliteratur entsteht oft der Eindruck, dass hochsensible Menschen gleichzeitig auch hochbegabt seien. Meistens bezieht sich dieser Zusammenhang dann aber auf besondere Talente in musischen, kreativen oder sportlichen Bereichen. Statistisch lässt sich die Annahme nicht stützen: Während etwa 2 Prozent der Bevölkerung als hochbegabt gelten, beschreiben sich 15 bis 20 Prozent als hochsensibel.
Auch aus wissenschaftlicher Sicht ist Hochsensibilität kein verlässliches Merkmal zur Identifikation von Hochbegabung. Hochbegabte zeigen sehr unterschiedliche Profile – manche mit, manche ohne ausgeprägte Übererregbarkeit 4. In der Forschung dazu gibt es viele methodische Herausforderungen. Das bisherige Fazit aber könnte heißen: Hochsensibilität und Hochbegabung sind nicht gleichzusetzen – auch wenn sie sich in Einzelfällen überschneiden können und es für den Umgang in der pädagogischen und psychologischen Praxis relevant sein kann, sich mit der Bedeutung dieser Überschneidung auseinanderzusetzen.
Eine Analyse von zehn Studien zeigte: Hochbegabte hatten tatsächlich höhere Werte in intellektueller und imaginativer Übererregbarkeit als durchschnittlich Begabte. Die Unterschiede in emotionaler und sinnlicher Übererregbarkeit waren sehr gering, während es bei psychomotorischer Übererregbarkeit keine Unterschiede gab 5.
Die intellektuelle Übererregbarkeit umfasst große Neugier, Wissensdurst und das Bedürfnis, Dinge tief zu durchdringen. Diese Merkmale ähneln der „Offenheit für neue Erfahrungen“ – einer Dimension des Persönlichkeitsmodells „Big Five“ 6. Die Zusammenhänge zwischen Hochbegabung und Übererregbarkeit könnten dadurch erklärt werden 7, 8. Das stellt infrage, ob die Definition von Übererregbarkeit so überhaupt sinnvoll ist. Es bleibt auch offen, ob die Ergebnisse für jüngere Kinder gelten – meist wurden nur ältere Kinder und Erwachsene untersucht. Wichtig ist: Die Forschung zeigt insgesamt, dass Übererregbarkeit sich nicht als Merkmal zur Identifikation von Hochbegabung eignet 4.
Durch Medienberichte und Anekdoten entsteht leicht der Eindruck, hochsensible Personen seien weniger belastbar oder gar psychisch instabil. Es gibt einzelne Hinweise darauf, dass Aspekte von Hochsensibilität − etwa unangenehme Erregung durch Reize oder mentale Überwältigung − mit einem erhöhten Risiko für psychische Belastungen einhergehen können. Andere Facetten wie die ausgeprägte Wahrnehmung ästhetischer Reize werden eher als Schutzfaktoren angesehen 9, 10, 11.
Ob diese Aspekte ursächlich für psychische Erkrankungen sind, bleibt wissenschaftlich stark umstritten. Körperliche und psychische Beschwerden treten bei sensiblen Menschen nicht häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Dabrowski betont, dass Übererregbarkeit keinen Krankheitswert hat. Im Gegenteil: Er versteht sie als Ausdruck innerer Entwicklung und persönlicher Reifung − eine ressourcenorientierte Perspektive, die zur wertschätzenden Haltung gegenüber Merkmalen hoher Sensibilität beitragen kann 1.
Einige Studien berichten, dass hochbegabte Mädchen tendenziell höhere Werte bei emotionaler und sinnlicher Übererregbarkeit zeigen, während hochbegabte Jungen eher bei intellektueller und psychomotorischer Übererregbarkeit auffallen 12, 13. Allerdings treten ähnliche Unterschiede auch bei nicht-hochbegabten Jugendlichen auf − teils sogar stärker 14. Zudem wird diskutiert, ob solche Muster durch Geschlechterstereotype beeinflusst sein könnten, was bei der Interpretation der Ergebnisse besondere Vorsicht erfordert 4. Eine aktuelle Studie mit hochbegabten Kindern im Alter von 4 bis 13 Jahren fand zudem gar keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Facetten von Übererregbarkeit 15.