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Gute soziale Beziehungen – eine nachhaltige Ressource für hochbegabte Kinder

Gute soziale Beziehungen – eine nachhaltige Ressource für hochbegabte Kinder

Zentrale und sozial relevante Gestalter der Umwelt eines Kindes sind in erster Linie seine Eltern und darüber hinaus Erzieher:innen und Lehrpersonen. Qualitativ gute, durch Nähe geprägte soziale Beziehungen zu diesen Personengruppen sind Ressourcen für Kinder, die mögliche Belastungen abfedern können. Mit zunehmendem Alter eines Kindes werden Beziehungen zu Gleichaltrigen und Freunden immer wichtiger. Diese Ressource ist für alle Kinder wichtig –  auch für hochbegabte Kinder.

Welche sozialen Ressourcen für die Entwicklung eines hochbegabten 27-Jährigen in seiner Kita- und Schulzeit relevant gewesen sind, soll im folgenden Interview näher beleuchtet werden. Bevor wir zusammen mit Jonas (Name von der Redaktion geändert) auf seine Zeit in Kita, Grundschule und weiterführender Schule zurückblicken, stellt er sich selbst kurz vor:

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Dass ich hochbegabt bin, hat sich bereits im Kindergartenalter abgezeichnet. Aber davon später mehr. Vielleicht vorweg schon mal: Ich bin mit sechs Jahren eingeschult worden und habe ganz gewöhnlich vier Jahre die Grundschule besucht und danach acht Jahre das Gymnasium. Nach dem Abitur habe ich vier Fächer auf Lehramt studiert und unterrichte seit ein paar Jahren an einem Gymnasium. Das macht mir sehr viel Freude. Mit ebenso viel Freude habe ich parallel zu meiner Tätigkeit als Lehrperson ein naturwissenschaftliches Studium aufgenommen.

Jonas
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Das folgende Interview hat Dr. Katharina Grunwald, Programmleitung Beratung in der Karg-Stiftung, im Frühjahr 2026 geführt.

Erstmal ein Dankeschön an Dich, das Du uns Einblicke gewährst in Deine Zeit als Kind und Jugendlicher. Im Vorgespräch zu diesem Interview hast Du von schönen und von weniger schönen Phasen berichtet, über die wir sprechen werden.

Was macht Hochbegabung für Dich aus? Wie fühlt sich hochbegabt zu sein für Dich an?

Ich würde sagen, Hochbegabung ist für mich weniger eine Frage von Intelligenzpunkten, sondern eher eine bestimmte Art zu denken und wahrzunehmen. Ich merke oft, dass ich sehr schnell Zusammenhänge sehe oder Fragen stelle, die andere vielleicht erst später formulieren würden. Es ist so ein innerer Drang, Dinge wirklich verstehen zu wollen – nicht nur oberflächlich, sondern bis ins Detail. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass mir alles leichtfällt. Es gibt Themen, die mich unglaublich fesseln, und andere, bei denen ich mich genauso anstrengen muss wie alle anderen.

Wie es sich anfühlt, hochbegabt zu sein, ist ehrlich gesagt ziemlich ambivalent. Einerseits empfinde ich Lernen oft als etwas sehr Schönes, fast wie ein Spiel mit Ideen. Wenn ich ein Problem durchdringe oder eine neue Verbindung entdecke, ist das ein richtiges Glücksgefühl. Andererseits kann es auch frustrierend sein, wenn man sich im Unterricht oder im Studium unterfordert fühlt oder das Gefühl hat, nicht richtig dazuzugehören. Manchmal denkt man schneller, als die Situation es zulässt, und dann muss man sich bewusst bremsen oder warten, bis andere so weit sind. In der Schulzeit fand ich das oft ziemlich anstrengend, mittlerweile aber fällt es im Alltag nicht mehr so stark auf.


Gab es früh in Deiner Kindheit Interessen oder Themen, die Dich besonders fasziniert haben? Welche waren das, und was hat Dir daran besonders viel Spaß gemacht?

Als ich 3 Jahre alt war, habe ich begonnen, mich für Kirchenarchitektur zu interessieren. Die großen, oft sehr mächtigen und prunkvoll ausgestatteten Kirchen haben mich irgendwie beeindruckt und ich wollte mehr darüber wissen und habe mich auch immer gefreut, wenn ich mit meinen Eltern Kirchen besichtigt habe. Es gibt auch noch ein Foto, auf dem ich als Dreijähriger freudestrahlend vor dem Frankfurter Dom stehe, mitsamt einem kleinen Heftchen zur Geschichte und Ausstattung des Doms. Und anhand von Autokennzeichen habe ich mir das Lesen beigebracht, sodass ich auch mit 3 Jahren dann angefangen habe, einzelne Sätze dieses Heftchens zu lesen. Seitdem habe ich in den Urlauben mit meinen Eltern unzählige Kirchen besichtigt und konnte diese anhand von Fotos auch immer korrekt dem Ort zuordnen. Das war und ist bis heute eine meiner großen Leidenschaften und mittlerweile habe ich auch fast 10.000 dieser Hefte gesammelt. Ansonsten haben mich Pflanzen und Medizin im Kindesalter interessiert, wobei das mit der Zeit abflachte, als dann die Musik in mein Leben trat (wobei ich auch als kleines Kind klassische Musik immer sehr gerne gehört habe). Früher wollte ich aber immer Apotheker werden.

Bild: iStock.com/Stefan Tomic

Wie würdest Du rückblickend Deine Zeit in der Kita einordnen? Wie sind Deine Erzieher:innen mit Deinen Begabungen umgegangen?

Ich hatte zunächst eine Kita besucht, die mir gar nicht gefallen hat. Dort sollte ich mich an die anderen Kinder anpassen und ich wurde in meinem Anderssein nicht akzeptiert. Ich war ein eher ruhiges Kind, was gerne für sich war und auch gerne gelesen oder was gebaut hat. Die große Menge an Kindern war für mich nicht unbedingt schön, ich war ziemlich geräuschempfindlich und fühlte mich generell in größeren Gruppen überhaupt nicht wohl. Da haben mich meine Eltern nach zwei Wochen wieder herausgenommen. Nach drei Monaten habe ich dann einen Platz in einer anderen Kita bekommen. Dort bin ich wirklich gerne hingegangen und habe auch nach ein bisschen Eingewöhnung Freunde gefunden. Die Erzieher:innen dort haben erkannt, dass ich anders bin und haben es wirklich sehr gut verstanden, mich mit meiner besonderen Begabung und Persönlichkeit in die Gruppe zu integrieren. Ich konnte im Kindergarten bereits lesen und durfte dann zum Beispiel den anderen Kindern etwas vorlesen. Wiederum habe ich auch von den anderen Kindern viel positive Rückmeldung bekommen, wodurch ich sozial auch viel von ihnen gelernt habe und offener wurde. Die Erzieher:innen haben auch regelmäßig das Gespräch mit meinen Eltern gesucht, um sich mit ihnen gemeinsam zu beraten. Außerdem haben sie mich insbesondere in den Dingen gefördert, in denen ich noch nicht so gut war. Gerade motorisch war ich im Kindergarten noch nicht so fit, wodurch ich zum Beispiel vermehrt basteln oder mich bewegen durfte.


Hattest Du Dich auf die Schulzeit gefreut?

Ich wusste im Kindergarten noch nicht, was auf mich zukommt, war allerdings traurig, dass die doch sehr nette Kindergartenzeit mit meinen Freunden dann vorbei war, da niemand von ihnen mit mir in die Schule ging. Wie die erste Schulwoche war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern, besonders gefreut habe ich mich darauf aber glaube ich nicht.


Wie würdest Du Deine Zeit in der Grundschule beschreiben? Wie hat Dir der Unterricht gefallen bzw. hast Du Dich im Unterricht gelangweilt oder unterfordert gefühlt?

Im Unterricht habe ich mich sehr gelangweilt und ich hatte irgendwann auch überhaupt keine Lust mehr, in die Schule zu gehen, da ich die ganzen Inhalte aus der 1. Klasse bereits konnte. Die Klassenlehrerin war der Überzeugung, sie würde mich fördern, was sie aber nicht tat. Auch habe ich angefangen, Fehler der Lehrerin zu korrigieren, was sich schließlich negativ auf meine Noten auswirkte. Ich erinnere mich noch gut an die Situation, in der wir in der 2. Klasse Tiere zu den Anfangsbuchstaben zuordnen sollten. Da war ein Bild von einem Teddybären, den man dem Buchstaben T zuordnen sollte, woraufhin ich meinte, dass ein Teddy kein Tier sei, da es ja kein Lebewesen ist. Ich ordnete das Bild dann dem Bären, also B, zu, wofür ich dann auch noch eine schlechtere Note bekam. Es wurde von ihr dann kritisiert, dass ich mich nie beteiligen würde, wodurch meine Schulnoten dann auch schlechter wurden. Ich wurde oft einfach mit mehr Aufgaben beschäftigt, was gerade in Mathematik unfassbar langweilig war. Da hatte ich dann das 30. Blatt zur Addition bekommen, anstatt etwas Neues zu lernen, was irgendwann auch nervig war.

Oft habe ich dann über irgendwelche anderen Dinge nachgedacht oder irgendwas gemalt. Auch mit meinen Mitschüler:innen war es in der Grundschule nicht so einfach, da ich als einziger Junge kein Fußball spielen wollte und durch meine anderen Interessen eher ein Außenseiter war. Gemobbt wurde ich zwar nicht, aber so wirklichen Anschluss habe ich auch nicht gefunden. Wegen der Schulhofreife, da ich sehr schüchtern und still war, hatten meine Eltern, die Schulleitung und ich mich dazu entschieden, nicht zu überspringen. Ob das rückblickend sinnvoller gewesen wäre, kann ich nicht sagen. Die Unterforderung in der Grundschule hatte in dem Sinne was Gutes, dass meine Eltern dann eine andere Beschäftigung für mich suchten, die mich forderte und das war das Klavierspielen, sodass ich damit dann in der 3. Klasse begann und bis heute sehr viel Freude daran habe.


Wie hast Du den Übertritt erlebt von der Grundschule auf das Gymnasium?

Der Übertritt aufs Gymnasium war für mich super! Ich war in einer neuen Umgebung und hatte aus meiner alten Grundschulklasse kaum jemanden in meiner Klasse und hatte für mich das Klavier als Leidenschaft in den vergangenen zwei Jahren entdeckt, wodurch ich in der 5. Klasse schnell neue Freunde fand. Meine Klasse war in der 5./6. Klasse wirklich nett und die Freundschaften entwickelten sich erst ab der 7. Klasse mit der Pubertät auseinander. Auch war ich durch G8 und den erstmaligen Nachmittagsunterricht nun kognitiv deutlich ausgelasteter, es gab neue Fächer, neue Eindrücke und auch spannende AGs, was ich so aus der Grundschule nicht kannte.


In welchen Phasen Deiner Zeit auf der weiterführenden Schule hast Du Dich besonders wohl gefühlt und wann weniger?

Für mich am schönsten waren die 5./6. Klasse und schließlich die Oberstufenzeit, da ich dort in der Klasse oder im Kurs sehr gut integriert war und auch nette Kontakte zu den Mitschüler:innen hatte. Zwischenzeitlich haben wir immer mal wieder neue Schüler:innen in die Klasse bekommen, die die Klasse wiederholen mussten und das Klassenklima dadurch gerade in der Pubertät unruhiger wurde. Es ging bei den Mitschüler:innen viel um Drogen, Alkohol und Partys, was für mich überhaupt kein Thema war und wo ich mich stellenweise auch sehr unwohl gefühlt habe. Es ging in der Mittelstufe wirklich chaotisch in unserer Klasse zu und ich hatte zwischenzeitlich auch überlegt, auf ein Musikinternat für musikalisch besonders begabte Schüler:innen in Sachsen zu wechseln, wovon ich aber aufgrund des notwendigen ständigen Pendelns jede Woche abgerückt bin.


Wie stark haben Dich einzelne Lehrkräfte geprägt? Wie lief die Zusammenarbeit zwischen der Schule und Deinen Eltern ab?

Die Mittelstufenzeit war für mich insbesondere im Umgang mit den Mitschüler:innen ein echter Härtetest, da ich hier meiner Linie treu geblieben bin und mich nicht angepasst habe, wodurch ich in Kauf genommen habe, keine Freunde in der Klasse zu finden. Dass ich da nicht auch in die Drogen-/Alkoholszene abgerutscht bin, habe ich definitiv meinen Eltern und Lehrern zu verdanken, die mich immer bestärkt haben, dass ich so gut bin, wie ich bin und mich nicht anpassen muss. Da haben mich insbesondere mein Erdkundelehrer und auch mein Musiklehrer mit zusätzlichen spannenden Aufgaben oder auch Projekten gefördert, bei denen ich außerhalb der Klasse nette Kontakte fand. Wenn ich die nicht gehabt hätte, wäre es deutlich schwerer gewesen, so standhaft zu bleiben. Mein Musiklehrer hat mich zum Beispiel für das Cello inspiriert, indem er uns in der 6. Klasse darauf was vorgespielt hat und ich mich sofort in das Instrument verliebte. Insbesondere im Schulorchester und Kammerorchester war das dann sehr schön, da ich dort wieder Anschluss gefunden habe. Da habe ich meine Nische im Schulalltag gefunden und war auch bei den Mitschüler:innen in den Orchestern angesehen und sehr gut integriert. Zusätzlich war aber das außerschulische für mich das Gewinnbringendste, da ich in den Jugendorchestern auch neue Kontakte knüpfen konnte. Das zog sich dann auch in der Oberstufe im Leistungskurs (LK) Musik so weiter, wo ich auch mit wirklich netten Mitschüler:innen war. Wir hatten hier auch einen sehr guten LK-Lehrer, der großen Wert darauf gelegt hat, dass wir unsere Stärken und Schwächen gegenseitig respektieren, was uns als LK auch mehr zusammengeschweißt hat. Das war für den Unterricht sehr angenehm und ich konnte mich mit meinen Mitschüler:innen wirklich gut unterhalten.

Dennoch war es schwierig, tiefere Freundschaften zu knüpfen, da ich doch immer irgendwie anders war und vor allem auch keinen Alkohol getrunken habe, was mich leider zeitweise ausgrenzte. Dadurch, dass ich mein Leben und auch den Lernfokus auf das Musikalische gelegt habe, habe ich im Unterricht aber fast immer genügend Auslastung gehabt bzw. war es ansonsten nie wirklich unangenehm. Das Gefühl der Unterforderung war dann nicht so groß. Im Erdkundeunterricht hat mein Lehrer meine Leidenschaft für Kirchenarchitektur und auch für das Zeichnen von Stadtplänen und Landkarten dafür genutzt, dass ich Material für seine höheren Klassen mit erstellen durfte, so zum Beispiel eine historische Karte Frankfurts. Damals gab es noch nicht so großen digitalen Zugriff auf alte Karten für den Schulgebrauch wie heute, sodass das tatsächlich für alle Beteiligten einen Mehrwert hatte.

Das Phänomen, das Alkohol ausgrenzte und dass ich mit Architektur und klassischer Musik andere Interessen neben dem Musizieren hatte, mit denen selbst in den Jugendorchestern wie auch im Landesjugendorchester die anderen Jugendlichen nicht viel anfangen konnten, habe ich auch dort nicht so wirklich Freundschaften geknüpft, aber ich hatte oberflächlich immer gute Kontakte. Rückblickend hat mich dieses Standhaftbleiben, sich nicht zu verstellen, mir sehr viel Stärke gegeben, auch für den Lehrerberuf. Auch war es mir wichtig, für mich unangenehme Dinge, wie zum Beispiel Klassenfahrten oder auch Orchesterfahrten, durchzustehen. Klassenfahrten habe ich tatsächlich ab der 7. Klasse keine mitgemacht, da hatte ich bei meiner Klasse im wahrsten Sinne des Wortes zu starke Bauchschmerzen, weil klar war, dass ich dort alleine sein würde. Orchesterfahrten waren dadurch anfangs auch noch schwierig, was aber mit der Zeit deutlich besser wurde. Die Erfahrung zu machen, dass die Orchesterfahrt dann doch erheblich besser lief, obwohl ich am Anfang Angst hatte, zeigte mir, dass es doch wichtig ist, auch vermeintlich unangenehme Sachen mal durchzustehen und dadurch stärker zu werden. Da war ich sehr froh, dass meine Eltern mich da auch gut genug kannten, um zu wissen, bei welchen Fahrten sich das lohnt und bei welchen nicht.


Welche Rolle hat Deine Familie in Deiner persönlichen Entwicklung gespielt?

Meine Eltern haben da eine sehr große Rolle gespielt! Sie haben mich immer sehr bei meinen Interessen unterstützt und gefördert, was sicher auch dazu geführt hat, dass ich in der Schule nicht so stark daran gezweifelt habe, dass ich andere Interessen habe und mich verstellen muss. Sie haben mich immer normal behandelt und mich auch in einer allgemeinbildenden Schule eingeschult und nicht in einer Schule oder einem Internat für hochbegabte Kinder. Ihnen war wichtig, dass ich eine normale Schullaufbahn absolviere, weil ich ja auch im „normalen“ Leben bestehen muss.


Welche Tipps hättest Du aus Deiner eigenen Erfahrung für angehende Erzieher:innen?

Einerseits wie es bei mir gemacht wurde, dass man die Kinder in ihren Stärken und Schwächen sieht und nicht nur ihre Stärken zu fördern, was ich sehr wichtig finde, sondern sie auch ermutigt, neue Dinge auszuprobieren oder auch an Schwächen zu arbeiten. Ich habe meine große Leidenschaft zur Musik auch erst in der Schulzeit gefunden, indem ich durch meinen Musiklehrer quasi zu neuen Möglichkeiten inspiriert wurde. Manche Leidenschaften entstehen ja aber auch viel früher, wo die Erzieher:innen prägend sein können. Erzieher:innen haben da auch die Möglichkeit, die Stärken so einzubinden, dass auch im sozialen Miteinander das gut gelingen kann und man irgendwie integriert ist, zum Beispiel ich durch das Vorlesen damals.


Wie haben Deine Erfahrungen aus der Schulzeit Deine Studien- und Berufswahl geprägt?

Ich hatte am Gymnasium wahnsinnig tolle Lehrer gehabt, insbesondere meine beiden Musiklehrer haben mich da deutlich geprägt. Es war ab der Mittelstufe eigentlich für mich klar, dass ich Berufsmusiker werden möchte, Lehramt stand da erstmal gar nicht zur Debatte. Das hätte ich mir auch gar nicht zugetraut, da ich dafür viel zu introvertiert war und ich definitiv nicht gewusst hätte, wie ich mit meiner damaligen Klasse hätte Unterricht machen wollen. Als ich dann aber bei einem recht hochkarätigen Orchesterprojekt und bei Professoren an der Musikhochschule neben der Schule Unterricht hatte, wurde mir klar, dass der Weg zum Berufsmusiker nicht immer mit Sympathien verbunden ist. Es herrschte ein großer Konkurrenzkampf untereinander, was es auch schwer machte, engere Freundschaften zu knüpfen und als Persönlichkeit war ich dazu auch nicht stark genug (und wollte das auch nicht sein), um mich da mit dem Ellbogen durchzuboxen. Weil das Nachhilfegeben Spaß gemacht hat und ich trotzdem ein Musikstudium aufnehmen wollte, entschied ich mich dann fürs Lehramt, wozu mich auch meine beiden Musiklehrer ermutigt haben. Ich war da anfangs noch sehr skeptisch und war auch ziemlich nervös vor meiner ersten Unterrichtsstunde, aber rückblickend war das, denke ich, die absolut richtige Entscheidung

Du als Lehrer hast hier wahrscheinlich einen guten Zugang: Was hättest Du Dir von Grundschullehrpersonen retrospektiv gewünscht bzw. was denkst Du sollte im Lehramtsstudium mit Blick auf das Thema Hochbegabung gelehrt werden?

Mich hat schon immer gestört, ausschließlich mehr Aufgaben zum selben Thema und auch die Helferrolle zu bekommen. Es mag Schüler:innen geben, die es toll finden, den anderen Schüler:innen bei den Aufgaben zu helfen, bei denen sie Probleme haben. Für mich in der Grundschule war das als introvertierter Schüler:innen aber immer mit Bauchschmerzen verbunden. Für die soziale Interaktion ist das sicher auch mal eine ganz gute Sache, aber hier würde ich empfehlen, da einen guten Blick auf die Klassendynamik zu haben und das auch mit den Eltern vorher gut zu durchdenken. Es gibt Schüler:innen, die da regelrecht eine Blockade aufbauen, wenn sie in der Klasse nicht gut integriert sind und dann ihren Mitschüler:innen bei den Aufgaben helfen sollen. Ich persönlich finde es sehr viel fruchtbarer – und das merke ich auch bei meinen Schüler:innen – wenn sie eine Erweiterung des Themas im Unterricht bearbeiten. Gerade in der heutigen Didaktik ist selbstständiges Arbeiten groß in der Mode, was der individuellen Förderung der Kinder natürlich auch zugutekommt. Hier können bei mir die besonders begabten Schüler:innen beispielsweise vertiefende Knobelaufgaben in Mathematik oder auch Schnittstellenthemen zur späteren Forschung bearbeiten. Da würden mir unzählige Beispiele für einfallen. Wichtig ist vor allem, dass die Aufgaben einen Mehrwert haben. Und wenn es mal im Unterricht nicht so klappen sollte, gibt es auch die Möglichkeit eines Schülerstudiums oder andere externe Fördermöglichkeiten, so wie bei mir die Musik.


Du bist selbst Gymnasiallehrkraft: Was würdest Du Lehrkräften empfehlen, was sie bei der individuellen Förderung hochbegabter Schüler:innen beachten sollten?

Als Gymnasiallehrkraft würde ich sagen, dass die größte Herausforderung bei hochbegabten Schüler:innen nicht der Stoff, sondern die Passung ist. Viele sind nicht unterfordert, weil sie „mehr können“, sondern weil sie anders lernen, schneller abstrahieren oder stärker eigenständig denken. Deswegen, finde ich, sollte Förderung nicht nur „mehr vom Gleichen“, sondern qualitativ andere Lerngelegenheiten bieten.

Metakognition spielt in der Förderung hochbegabter Schüler:innen eine zentrale Rolle, weil viele von ihnen sehr intuitiv lernen, ohne ihre eigenen Lernprozesse bewusst zu reflektieren. Sie kommen lange Zeit mit wenig Anstrengung aus und entwickeln deshalb nicht automatisch Strategien für schwierige Situationen. Gerade im Gymnasium wird es jedoch entscheidend, dass sie lernen, ihr eigenes Denken zu strukturieren: Wie plane ich mein Vorgehen? Wie überprüfe ich meine Lösung? Wie gehe ich mit Fehlern oder Unsicherheit um? Wenn Lehrkräfte diese Fragen explizit thematisieren und Raum für Reflexion schaffen, stärkt das langfristig die Selbstständigkeit und Resilienz der Schüler:innen.

Darüber hinaus braucht es im Schulalltag konkrete organisatorische und didaktische Maßnahmen, die über spontane Differenzierung hinausgehen. Kurzfristig können bereits kleine Anpassungen im Unterricht viel bewirken, etwa Wahlaufgaben, offene Fragestellungen oder kurze Projektphasen. Mittelfristig haben sich strukturiertere Formate wie Lernverträge, Portfolioarbeit oder die Teilnahme an Wettbewerben als sehr wirksam erwiesen, weil sie Eigenverantwortung fördern und anspruchsvolle Herausforderungen bieten. Langfristig können Modelle wie das Drehtürmodell oder Kooperationen mit außerschulischen Partnern sinnvoll sein, insbesondere wenn das reguläre Unterrichtsangebot die Lernbedürfnisse dauerhaft nicht ausreichend abdeckt. Eine Schülerin von mir studiert nebenbei bereits an der Musikhochschule, eine andere besucht regelmäßig die Sommerakademien von Universitäten oder auch seitens des Landes Hessen.

Was in der Praxis häufig unterschätzt wird, ist die emotionale und soziale Entwicklung hochbegabter Schüler:innen. Viele von ihnen zeigen eine hohe Sensibilität, manchmal auch Ablehnung von Mitschüler:innen und erleben soziale Situationen stellenweise als belastend. Deshalb finde ich es wichtig, nicht nur die kognitive Förderung im Blick zu haben, sondern auch eine unterstützende Lernumgebung zu schaffen, in der Fehler als normaler Bestandteil des Lernens gelten und Zugehörigkeit erlebt werden kann. Eine wertschätzende Haltung, realistische Erwartungen und verlässliche Beziehungen sind hier oft genauso bedeutsam wie anspruchsvolle Aufgabenstellungen.