Sprachlernbegabung: Wenn das Fremdsprachenlernen einfach leichtfällt
Für uns Menschen ist das Erlernen von Sprache etwas nahezu Selbstverständliches: Jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens die Erfahrung, mindestens eine Sprache – die Muttersprache – zu erwerben. Dennoch zeigt sich, dass manche Menschen beim Erlernen weiterer Sprachen eine besondere Leichtigkeit aufweisen. So gibt es berühmte Beispiele wie den italienischen Kardinal Giuseppe Caspar Mezzofanti (1774–1849), der laut Zeitzeugen mindestens 30 Sprachen auf hohem Niveau beherrschte (1, S. 156ff.), oder die US-amerikanische Schauspielerin Natalie Portman, die sieben Sprachen fließend spricht. Auch im schulischen Kontext begegnen Lehrkräfte immer wieder Schüler:innen, denen sie ein Gefühl für Sprachen oder gar ein Sprachtalent zuschreiben. In der Sprachwissenschaft wird diese individuelle Fähigkeit als Language Learning Aptitude – auf Deutsch Sprachlernbegabung – bezeichnet.
Sprachlernbegabung wird seit den 1950er-Jahren erforscht und umfasst verschiedene kognitive Fähigkeiten einer Person die dafür ausschlaggebend sind, dass jemand eine neue Sprache schnell und effizient lernt (2, S. 169). Dabei bezieht sich die Sprachlernbegabung nicht auf eine bestimmte Fremdsprache, sondern auf grundlegende, sprachübergreifende Fähigkeiten, die beim Erwerb unterschiedlicher Fremdsprachen eine Rolle spielen (3, S. 213). Obwohl auch andere Faktoren – wie Motivation, Offenheit für neue Erfahrungen und ein positiver Umgang mit Fehlern – für erfolgreiches Sprachenlernen von Bedeutung sind, lässt sich der Erfolg beim Lernen einer neuen Sprache am besten durch Sprachlernbegabung erklären (4, S. 822).
Zu Beginn der Erforschung nahm man an, dass Sprachlernbegabung genetisch festgelegt und weitgehend unveränderlich sei (5, S. 86). Heutzutage wird die Frage nach der Veränderbarkeit genauer betrachtet. Sprachlernbegabung scheint im Vergleich zu anderen Faktoren ab dem Alter von circa 12 Jahren relativ stabil zu sein (6, S. 1122). Wie stabil sie tatsächlich ist, hängt jedoch davon ab, welche Komponenten man unter Sprachlernbegabung fasst und wie diese genau gemessen werden. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass vorherige Erfahrungen im Sprachenlernen die Sprachlernbegabung eines Individuums beeinflussen können 7. Menschen, die bereits mehrere Sprachen gelernt haben, gehen oft flexibler mit Sprache um, verfügen über erprobte Lernstrategien und reflektieren bewusster über Sprache (z. B. 8).
Sprachlernbegabung besteht in der traditionellen Forschung aus drei Kernfähigkeiten (5, S. 105; 9, S. 204):
Diese drei Kernfähigkeiten bilden das Fundament der meisten Konstrukte zur Sprachlernbegabung. In der neueren Forschung werden sie häufig noch um Aspekte des impliziten, also unbewussten oder beiläufigen, Lernens 10 sowie des Arbeitsgedächtnisses erweitert 11.
Insgesamt kann Sprachlernbegabung als eine spezifisch auf das Erlenen von Fremdsprachen bezogene Form von kognitiver Begabung verstanden werden. Damit ist sie klar im Bereich der intellektuellen Begabung verortet, bezieht sich jedoch auf einen abgegrenzten Spezialbereich. Wie bei der Intelligenz, sind auch bei der Sprachlernbegabung sehr hohe Ausprägungen möglich, die sich etwa in einem außergewöhnlich schnellen Sprachenlernen zeigen können.
Da sich Sprachlernbegabung aus kognitiven Komponenten zusammensetzt, besteht ein enger Zusammenhang zwischen Sprachlernbegabung und allgemeiner Intelligenz (4, S. 821). Besonders analytische Fähigkeiten, die zum Fremdsprachenlernen benötigt werden, und Gedächtnisleistung sind sowohl für die allgemeine Intelligenz als auch für die Sprachlernbegabung zentral. Trotz der Überschneidung zeigen empirische Befunde, dass Sprachlernbegabung fremdsprachlichen Lernerfolg besser vorhersagen kann als allgemeine Intelligenz. Somit stellt sie eine eigenständige, wenn auch mit Intelligenz verwandte Fähigkeit dar (12, S. 172; 4, S. 827).
Der Zusammenhang zwischen Hochbegabung und Sprachlernbegabung wurde im Spezifischen bisher noch nicht untersucht, kann aber durch den engen Zusammenhang mit allgemeiner Intelligenz angenommen werden. Eine Hochbegabung macht eine Sprachlernbegabung wahrscheinlicher, ersetzt sie aber nicht. Man kann davon ausgehen, dass hochbegabte Lernende sich auch im fremdsprachlichen Bereich häufig deutlich leichter tun als Nicht-Hochbegabte. Umgekehrt ist aber nicht davon auszugehen, dass speziell Sprachlernbegabte auch in anderen Fächern leichter lernen.
Das Konzept der Sprachlernbegabung fokussiert auf die kognitiven Fähigkeiten, die für das Erlernen von Sprachen wichtig sind. Neben diesen kognitiven Fähigkeiten spielen Faktoren wie Motivation, emotionale Faktoren oder das soziale Umfeld eine wichtige Rolle für den Sprachlernerfolg.
Betrachtet man beispielsweise Motivation, so zeigt sich, dass diese zwar eine entscheidende Rolle für den Erfolg im Erlernen einer Fremdsprache spielt (13, S. 73), sich jedoch überraschenderweise kein starker Zusammenhang zwischen Motivation und Sprachlernbegabung nachweisen lässt (4, S. 825). Die Annahme, dass Personen mit hoher Sprachlernbegabung automatisch motivierter seien Sprachen zu lernen, konnte in der Forschung bisher nicht belegt werden. Ebenso wenig deutet die Forschung darauf hin, dass Motivation die Sprachlernbegabung einer Person positiv oder negativ beeinflusst. Beide Variablen scheinen relativ unabhängig voneinander zu wirken.
Ähnlich wie in der Intelligenzforschung werden auch in der Forschung zur Sprachlernbegabung psychometrische Tests eingesetzt, die Sprachlernbegabung in den beschriebenen Komponenten messen. Der bekannteste Test ist der Modern Language Learning Aptitude Test (MLAT), welcher Ende der 1950er-Jahre in den USA vom Psychologen John B. Carroll (1916–2003) und dem Sprachwissenschaftler Stanley Sapon entwickelt wurde. Der MLAT gilt bis heute als sehr zuverlässiges Testinstrument und wird noch häufig eingesetzt (14, S. 153). Seit dem MLAT sind weitere Tests entstanden, die teilweise modernisierte oder alternative theoretische Ansätze verfolgen – etwa der CANAL-FT (Cognitive Ability for the Novelty in Acquisition of Language 15) und der Hi-LAB (High-Level Language Aptitude Battery 16).
Eine Herausforderung bei der Messung von Sprachlernbegabung ist jedoch, dass die meisten Tests – wie auch der MLAT, der CANAL-FT und der Hi-LAB – nicht für die Öffentlichkeit zur Verfügung stehen und für englischsprachige Erwachsene entwickelt wurden. Eine wichtige Ausnahme stellt der LLAMA-Test dar, der kostenfrei online zur Verfügung steht und durch die Verwendung von Bildern weitgehend sprachneutral funktioniert 17.
Die Grafik zeigt einen Ausschnitt aus dem LLAMA. In diesem Testteil (LLAMA-B) wird das lexikalische Gedächtnis getestet. Die Teilnehmer:innen haben zunächst zwei Minuten Zeit, sich die geschriebenen Wörter zu den Bildern zu merken. Im Folgenden werden einzelne Wörter abgefragt und die Teilnehmer:innen müssen das passende Bild dazu auswählen. Auf diese Weise wird die Fähigkeit erfasst, neue Wortformen und Bedeutungen effizient zu speichern und wiederzuerkennen.
Doch auch der LLAMA wurde für Erwachsene entwickelt und ist bisher nicht umfassend wissenschaftlich geprüft. Dadurch sind alle vorhandenen Tests zur Messung von Sprachlernbegabung für schulische oder deutschsprachige Kontexte nur eingeschränkt einsetzbar. Im deutschsprachigen Raum gibt es somit für Lehrkräfte derzeit keine Möglichkeit, ihren Unterricht an die Sprachlernbegabungen der Schüler:innen anzupassen oder hohe Sprachlernbegabung zu diagnostizieren.
Im schulischen Kontext ist die Bedeutung von Sprachlernbegabung bislang noch wenig erforscht. Das liegt zum einen daran, dass es derzeit keine guten Tests gibt, Sprachlernbegabung bei Kindern mit Deutsch als (eine) ihrer Muttersprache(n) zu diagnostizieren. Zum anderen fehlt es bisher an Studien, die untersuchen, wie die Diagnostik von Sprachlernbegabung konkret im Schulkontext genutzt werden kann 18. Dennoch ergeben sich aus der Forschung wichtige Ansatzpunkte für die Praxis.
Im schulischen Kontext fehlt im deutschsprachigen Raum bislang ein geeignetes Instrument zur Diagnostik von Sprachlernbegabung. Vor diesem Hintergrund entwickeln wir im Rahmen des von der Karg-Stiftung geförderten William Stern Programms einen neuen Sprachlernbegabungstest, der Lehrkräfte gezielt in den oben genannten Bereichen unterstützen soll.
Der Sprachlernbegabungstest GLLAD (German Language Learning Aptitude Diagnostics) wird seit Ende 2023 entwickelt, validiert und normiert und richtet sich gezielt an Schüler:innen der Klassenstufe 6. In dieser Jahrgangsstufe ist eine Diagnostik besonders relevant, da zu diesem Zeitpunkt an vielen Schulen Entscheidungen bezüglich einer bilingualen Beschulung oder die Wahl einer zweiten Fremdsprache anstehen.
Der GLLAD besteht aus den klassischen drei Komponenten der Sprachlernbegabung, die in diesem Artikel beschrieben wurden. Der Test wird webbasiert individuell von Schüler:innen auf Tablets innerhalb einer Schulstunde (ca. 40 Minuten) durchgeführt. Anschließend erhalten die Lehrkräfte eine automatisierte, verständlich aufbereitete Rückmeldung, die sie bei der Interpretation der Ergebnisse unterstützt und als Grundlage für Beratungsgespräche dienen kann. Der GLLAD wird Lehrkräften nach Abschluss des Projektes kostenfrei zur Verfügung gestellt.
Ziel des Projekts ist es, Potenziale im Bereich der Sprachlernbegabung sichtbar zu machen, die im schulischen Alltag bislang möglicherweise unentdeckt geblieben sind. Auf diese Weise soll Sprachlernbegabung als eigenständiger Begabungsbereich stärker in den schulischen Fokus rücken, sodass Lehrkräfte Bildungsentscheidungen informierter, differenzierter und potenzialorientierter begleiten können.
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Sprachlernbegabung als Schlüsselfrage im Kindes- und Jugendalter