Mehr als ein Tool: junge Menschen, KI und die neuen Formen von Beziehung
Der Satz einer Jugendlichen bringt auf den Punkt, was viele Menschen an KI-Chatbots fasziniert. Sie sind rund um die Uhr verfügbar, antworten sofort und bleiben stets geduldig.
KI-Systeme werden von Jugendlichen bereits breit genutzt. Die JIM-Studie 2025 zeigt: 74 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzen KI-Anwendungen für Hausaufgaben oder zum Lernen, 70 Prozent zur Informationssuche. 57 Prozent halten KI-generierte Informationen für vertrauenswürdig 2.
Doch die Nutzung geht mittlerweile weit über diese Zwecke hinaus: Oft werden KI-Systeme vor allem von jungen Menschen auch verwendet, um über ihre Sorgen, Liebeskummer oder Stress zu sprechen. Die Grenze zwischen Informationssuche, Unterhaltung und Kommunikation zu psychosozialen Themen verschiebt sich zunehmend 3.
So können sogenannte quasisoziale Beziehungen entstehen: Interaktionen mit künstlichen Agenten, die von Vertrauen, Intimität oder sozialer Verbindung geprägt sind, aber von zwischenmenschlichen Beziehungen unterschieden werden müssen 4. Eine Grundlage dafür ist Anthropomorphisierung, also die Zuschreibung menschlicher Eigenschaften an technische Systeme.
Ein Beispiel kann dies verdeutlichen: Ein Jugendlicher beginnt zunächst aus Langeweile, mit einem Chatbot zu schreiben. Nach und nach wird daraus ein Ritual: Er begrüßt den Bot, erzählt von Konflikten mit Mitschüler:innen, fragt nach Einschätzungen und verabschiedet sich am Ende des Gesprächs. Obwohl er weiß, dass kein Mensch antwortet, kann sich die Interaktion wie eine Freundschaft anfühlen: besonders dann, wenn der Chatbot Nähe, Interesse und Verständnis sprachlich überzeugend simuliert.
Aktuelle Befunde weisen darauf hin, dass junge Menschen KI zunehmend auch für emotionale und zwischenmenschliche Themen nutzen. Die österreichische Saferinternet.at-Studie berichtet, dass 31 Prozent der befragten Jugendlichen KI verwenden, um Sorgen oder Probleme zu besprechen; ein Viertel gibt an, dass es leichter falle, mit Chatbots über persönliche Themen zu sprechen als mit Menschen 5.
Auch internationale Daten deuten in diese Richtung. Eine US-amerikanische Studie unter 12- bis 21-Jährigen befand, dass 13,1 Prozent generative KI bereits für Rat oder Hilfe bei emotionaler Belastung genutzt haben, bei den 18- bis 21-Jährigen lag der Anteil bei 22,2 Prozent 6.
Ein Grund liegt in ihrer ständigen Verfügbarkeit und in ihrer scheinbaren Neutralität. Viele Jugendliche erleben es als entlastend, Fragen stellen zu können, ohne bewertet zu werden. Hinzu kommt das Gefühl von Kontrollierbarkeit: Man kann ein Gespräch beginnen, abbrechen, neu formulieren oder wiederholen, ohne soziale Folgen befürchten zu müssen. Gerade für junge Menschen, für die sich Fragen nach Autonomie, Zugehörigkeit und Selbstklärung stellen, kann dies bedeutsam sein.
Auch hochbegabte junge Menschen suchen häufig nach intellektueller Passung, nach vertiefter Auseinandersetzung oder nach Gesprächspartner:innen, die mit ihrem Tempo oder ihrer gedanklichen Tiefe mithalten können. KI kann hier zunächst als reizvoller Sparringspartner erscheinen: Aufgaben lassen sich skalieren, Ideen weiterentwickeln, Perspektiven vervielfältigen. Wo schulische Angebote unterfordern, kann KI kurzfristig Anregung schaffen.
Wenn KI reale Resonanz ersetzt, bleibt jedoch ein zentrales Entwicklungsfeld unberührt: Beziehung bedeutet auch Irritation, Aushandlung, Widerspruch und die Erfahrung, mit eigenen Grenzen und denen anderer umgehen zu müssen 7.
Viele Chatbots sind darauf ausgelegt, hilfreich und bestätigend zu antworten. Das kann zur Affirmationsfalle werden: Die KI bestätigt, ohne wirklich zu verstehen. Sie klingt empathisch, ohne fühlen zu können. Wer einen Konflikt einseitig schildert, erhält unter Umständen eine ebenso einseitige Rückmeldung.
Für Kinder und Jugendliche ist das besonders relevant: Ambiguitätstoleranz, Perspektivübernahme und Konfliktfähigkeit entwickeln sich in echten, zwischenmenschlichen Beziehungen. Entscheidend ist demnach auch, ob junge Menschen Rückmeldungen der KI einordnen können oder ob sie diese unkritisch als Wahrheit, Norm oder echte Beziehungserfahrung übernehmen.
Auch mit Blick auf den Jugendmedienschutz zeigen sich Risiken. Jugendschutz.net, ein Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet, untersuchte exemplarisch drei Charakter-Bot-Dienste und kam zu dem Ergebnis, dass schwache Filter und unzureichende Vorsorgemaßnahmen dazu führen können, dass Minderjährige schnell mit für sie ungeeigneten oder potenziell gefährdenden Inhalten in Kontakt kommen 8.
Die KI-Nutzung eröffnet jedoch auch Chancen. Für viele Jugendliche kann der erste Kontakt mit KI entlastend sein. Wer Gedanken sortieren möchte, kann sie zunächst in einem Chat formulieren. Wer sich auf ein schwieriges Gespräch mit Eltern, Lehrkräften oder Freund:innen vorbereitet, kann mögliche Formulierungen erproben 9. Dieser „Übungsraum“ mit KI ist auch im Bildungsbereich relevant: KI kann differenzierte Lernwege unterstützen, komplexe Inhalte auf unterschiedlichen Niveaus erklären und es Jugendlichen ermöglichen, eigene Ideen weiterzuentwickeln.
Die Nutzung von KI sollte begleitet werden. Um sich diesen Themen gemeinsam anzunähern, hat klicksafe, eine EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz, im Rahmen des Safer Internet Day unter dem Motto „KI and me. In künstlicher Beziehung“ Materialien für die pädagogische Praxis erstellt 10.
Leitfragen im Gespräch mit jungen Menschen können sein:
In quasisozialen Beziehungen zu KI steckt immer auch ein Hinweis auf ein Bedürfnis. Wenn junge Menschen Chatbots nutzen, weil diese verfügbar sind, nicht urteilen und geduldig sind, dann müssen sich auch professionelle Anbieter die Frage stellen: Sind unsere Unterstützungsräume niedrigschwellig genug? Sind sie für Jugendliche sichtbar und erreichbar?
Ein Teil dessen, was früher exklusiv bei Lehrkräften, Eltern oder Berater:innen lag, kann mittlerweile technisch unterstützt werden. Gerade deshalb tritt umso deutlicher hervor, was nicht delegierbar ist: echte zwischenmenschliche Beziehung und Resonanz.
Für hochbegabte junge Menschen kann das besonders wichtig sein. Sie brauchen nicht nur kognitive Herausforderungen, sondern auch echte soziale Resonanz und Räume, in denen sie sich zeigen dürfen und in denen sie lernen, sich mit einem menschlichen Gegenüber auseinanderzusetzen. Abschließend wird deutlich:
„KI verändert nicht, was Beratung ist, sie macht jedoch sichtbarer, was Beratung leisten muss.“ 11