Mehr Zeit für Beratung? KI als Co-Pilot für Beratende in der Begabtenförderung
Donnerstagabend, 18 Uhr. Die letzte Beratung des Tages ist vorbei. Doch an Feierabend ist noch nicht zu denken: Drei Fälle warten auf Dokumentation und für die morgige Fallbesprechung fehlt noch eine Zusammenfassung der vergangenen Kontakte mit einem hochbegabten Jungen, der sich zunehmend zurückzieht. In der Beratung bei Hochbegabung entsteht ein nicht unerheblicher Teil der Arbeit nicht im eigentlichen Gespräch, sondern bei der Vorbereitung, Dokumentation und Reflexion der Fälle.
Genau hier setzen KI-gestützte Assistenzsysteme an. Sie versprechen, Beratende bei zeitaufwendigen Routinetätigkeiten zu unterstützen und dadurch mehr Freiraum für das zu schaffen, was professionelle Beratung ausmacht: Beziehungsgestaltung, fachliche Einschätzung und gemeinsame Lösungsentwicklung. Erste Organisationen erproben solche Systeme bereits. Doch unter welchen Voraussetzungen kann KI tatsächlich zu einem hilfreichen Co-Piloten werden?
Vor jeder Entwicklung oder Einführung eines KI-Systems steht zunächst eine grundlegende Frage: Welches konkrete Problem soll gelöst werden? Nur wenn Einsatzzweck und Ziel klar definiert sind, lässt sich beurteilen, ob KI tatsächlich einen Mehrwert bietet. Für die Beratung bedeutet das: Nicht jede technisch mögliche Anwendung ist automatisch auch fachlich sinnvoll.
Wie ein solcher Co-Pilot aussehen kann, zeigt exemplarisch das Forschungsprojekt „KIA – KI-gestützte Assistenz für digitale, psychosoziale Beratung“, das am Institut für E-Beratung der Technischen Hochschule Nürnberg gemeinsam mit der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e. V. durchgeführt wurde (gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen der Förderrichtlinie „Künstliche Intelligenz für das Gemeinwohl“). Ziel war es, eine KI-Assistenz zu entwickeln, die Fachkräfte in der schriftbasierten Onlineberatung bei der Reflexion und Strukturierung ihrer Fälle unterstützt, ohne ihnen die fachliche Entscheidung abzunehmen 1. Auch wenn KIA für die Erziehungsberatung entwickelt wurde, lassen sich viele der entstandenen Funktionen auf andere Beratungsfelder – und damit auch auf die Beratung im Kontext Hochbegabung – übertragen.
Der entstandene Prototyp umfasst mehrere Funktionen, von der automatischen Zusammenfassung eines Beratungsverlaufs über die strukturierte Aufbereitung der Lebenssituation bis hin zur Visualisierung von Bezugspersonen und der Generierung von Fallhypothesen. Enthalten sind unter anderem unterstützende Funktionen, die vorhandene Informationen strukturieren, oder Anwendungen, die neue fachliche Impulse geben. Letztere erfordern eine besonders sorgfältige fachliche Einordnung.
Eine mögliche Unterstützung durch KI liegt in der Zusammenfassung und Dokumentation von Beratungsverläufen. Der KIA-Prototyp kann beispielsweise längere Beratungsverläufe automatisch strukturieren und zentrale Anliegen sowie Themen auf einen Blick sichtbar machen, ohne dass sich Fachkräfte mühsam durch umfangreiche Notizen arbeiten müssen. Für eine Beratungsstelle der Begabtenförderung könnte dies bedeuten, dass sich eine Fachkraft vor einem Elterngespräch eine kompakte Übersicht über bisherige Kontakte anzeigen lässt, anstatt Wochen oder Monate an Dokumentationen erneut durchzuarbeiten. Solche Funktionen können den Arbeitsalltag erleichtern. Gleichzeitig setzen diese Zusammenfassungen aber bereits Schwerpunkte: Welche Informationen hervorgehoben oder verkürzt dargestellt werden, sollte von der beratenden Person stets reflektiert werden.
Darüber hinaus können KI-Systeme genutzt werden, um Reflexionsprozesse anzuregen. KIA kann beispielsweise auf Grundlage vorhandener Informationen mögliche Hypothesen zu Dynamiken innerhalb eines Beratungsfalls formulieren. Gerade in der Begabtenförderung ist dabei jedoch besondere Vorsicht geboten: KI-Systeme greifen bei der Verarbeitung neuer Informationen auf Wissensbestände und Muster zurück, die sie aus ihren Trainingsdaten gelernt haben. Diese Trainingsdaten prägen somit gewissermaßen den Deutungsrahmen, vor dessen Hintergrund die KI neue Situationen einordnet und mögliche Erklärungen oder Hypothesen entwickelt. Besondere Entwicklungsverläufe oder Lebenslagen, wie sie bei hochbegabten Kindern und Jugendlichen vorkommen können, sind in solchen Daten jedoch oft weniger vertreten. Dies kann dazu führen, dass die KI bei der Einordnung eines individuellen Falls eher auf häufigere bzw. vermeintlich „typischere“ Erklärungen zurückgreift und spezifische Besonderheiten eines Falls weniger berücksichtigt. Deshalb ist ein bewusster und diversitätssensibler Umgang mit KI-Ergebnissen besonders wichtig. Dazu gehört auch, der KI relevante Kontextinformationen bereitzustellen und mögliche Verzerrungen mitzudenken. Hierzu gehören beispielsweise familiäre Besonderheiten, individuelle Eigenschaften und Entwicklungsverläufe des Kindes oder Informationen zur Schule und zum sozialen Umfeld.
Ein sinnvoller Einsatz im Feld der Begabtenberatung könnte beispielsweise darin liegen, dass eine KI bei einem komplexen Fall verschiedene mögliche Perspektiven sichtbar macht. Wenn ein hochbegabtes Kind etwa zunehmend Rückzug und Vermeidungsverhalten zeigt, könnte die KI auf Grundlage der vorhandenen Informationen unterschiedliche mögliche Erklärungsansätze zusammenstellen: von schulischer Unterforderung über soziale Herausforderungen bis hin zu familiären oder emotionalen Belastungen. Solche Vorschläge ersetzen keine fachliche Einschätzung, können aber helfen, eigene Deutungsmuster zu hinterfragen und bisher wenig beachtete Aspekte in die Fallbesprechung einzubringen. Entscheidend bleibt, dass diese Impulse von den Beratenden kritisch geprüft, ergänzt oder verworfen werden.
Damit KI Beratende sinnvoll unterstützen kann, müssen sowohl technische als auch organisatorische Voraussetzungen erfüllt sein. Orientierung bietet dabei auch der EU AI Act 2, der im August 2024 in Kraft getreten ist und erstmals einen verbindlichen europäischen Rahmen für den Umgang mit KI schafft. Die EU verfolgt damit einen risikobasierten Ansatz: Je stärker ein KI-System in Lebensbereiche von Menschen eingreift, desto höher sind die Anforderungen an Transparenz, Sicherheit und menschliche Kontrolle.
Ein zentrales Thema ist zudem der Datenschutz. In der Beratung entstehen sensible personenbezogene Daten, die der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) unterliegen: Deshalb empfiehlt sich eine möglichst organisationsnahe Bereitstellung eines KI-Systems, etwa auf eigenen Servern 3. Alternativ sollten ausschließlich DSGVO-konforme Hosting-Lösungen mit transparenten Datenflüssen und nachvollziehbaren Sicherheitsstandards genutzt werden. Ebenso muss geklärt sein, auf welcher rechtlichen Grundlage personenbezogene Daten verarbeitet werden und welche Einwilligungen erforderlich sind.
Dies gewinnt zusätzlich an Bedeutung, weil Fachkräfte zunehmend kommerzielle KI-Systeme wie ChatGPT eigenständig nutzen. Diese sogenannte Schattennutzung wirft erhebliche datenschutzrechtliche Fragen auf, wenn sensible Falldaten ohne organisatorische Regelungen oder Einwilligung in kommerzielle Systeme eingegeben werden.
Neben dem Datenschutz sind weitere Risiken zu berücksichtigen: Große Sprachmodelle können überzeugend formulierte, aber falsche Aussagen erzeugen (sogenannte Halluzinationen). Gleichzeitig übernehmen sie Verzerrungen aus ihren Trainingsdaten und können bestehende Ungleichheiten sowie Stereotype reproduzieren oder verstärken (Bias). Hinzu kommt, dass Menschen dazu neigen, plausibel formulierten KI-Vorschlägen übermäßig zu vertrauen. Umso wichtiger bleibt die kritische fachliche Prüfung jeder KI-Ausgabe.
Damit KI langfristig verantwortungsvoll in der Begabtenförderung und Beratung eingesetzt werden kann, braucht es verbindliche organisatorische Leitlinien. Das im Projekt KIA entwickelte Ethik-Manual beschreibt hierfür vier zentrale Prüffelder, die sich gut auf andere Beratungsfelder übertragen lassen 4:
KI besitzt das Potenzial, Beratende bei Vorbereitung, Dokumentation und Reflexion spürbar zu entlasten. Ihre Stärke liegt nicht darin, professionelle Beratung zu ersetzen, sondern Fachkräften zeitaufwendige Aufgaben abzunehmen und Reflexionsprozesse zu unterstützen. Damit KI tatsächlich zu einem hilfreichen Co-Piloten wird, braucht ihr Einsatz klare organisatorische Leitlinien, datenschutzkonforme Rahmenbedingungen und eine bewusste professionelle Einbettung.