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„Ich bin einfach zu blöd dafür!“ – Wie ungünstige Ursachenzuschreibungen der Begabungsentfaltung im Wege stehen

Von außen erscheint es oft ganz einfach: Würden sich Underachiever:innen mehr anstrengen, es nur mehr wollen, gäbe es keine Probleme. Doch was hindert sie daran, ihre Leistungen abzurufen? Eine mögliche Ursache kann ein ungünstiger Attributionsstil sein.

Juni 2022

Von: Lisa Bleckmann und Charlotte Steins


„Lernen ist doch was für Dumme.“ „Mathe kann ich sowieso nicht.“ „In Englisch stehe ich fünf – egal was ich tue.“ Diese Sätze begegnen uns häufig in der Zusammenarbeit mit jugendlichen Underachiever:innen, zum Beispiel im Projekt „Bildungschance – Get Started“ Rhein-Erft-Kreis. Nicht selten liegt ein ungünstiger Attributionsstil vor, der dafür sorgt, dass Jugendliche nicht für die Schule lernen. Doch was bedeutet Attribution eigentlich? Nach Weiner (1986) 1 lassen sich die Ursachen für ein erreichtes Ergebnis danach unterscheiden, ob sie in mir liegen oder von außen kommen bzw. ob sie stabil oder veränderbar sind. Es zeigt sich, dass bei Misserfolgen eine veränderbare, in mir liegende Ursachenzuschreibung (Attribution) günstiger ist, als die Schuld in äußeren Umständen zu suchen. Ich behalte damit die Möglichkeit, zukünftig selbst Einfluss auf ein Ergebnis zu nehmen und somit beim nächsten Mal einen weiteren Misserfolg zu vermeiden. Habe ich also beispielsweise eine fünf in Mathe geschrieben und weiß, ich habe mich nicht gründlich genug auf die Klassenarbeit vorbereitet, kann ich beim nächsten Mal mehr lernen und habe gute Chancen auf eine bessere Note.

Aber sind nicht immer die anderen schuld?

Unsere Erfahrungen zeigen, dass jugendliche Underachiever:innen ihre schulischen Misserfolge eher selten auf (fehlende) Anstrengung zurückführen. Hingegen werden zum Beispiel die Lehrer:innen als Schuldige gesehen. Sie sind dann aus Perspektive der Jugendlichen unfair, inkompetent, können nicht erklären oder suchen für die Klassenarbeiten viel zu schwere Aufgaben aus. Oder aber die Mitschüler:innen sind zu laut während des Unterrichts, es herrsche zu große Unruhe in der Klasse usw. Das Praktische an diesen vermeintlichen Ursachen ist: Man selbst kann an ihnen nichts ändern und somit besteht auch kein Handlungsbedarf.

Oder bin ich einfach zu dumm?

Ebenfalls begegnet uns die Annahme, dass ein Misserfolg auf mangelnder Fähigkeit beruht. Man fühlt sich also zu dumm oder hat den Eindruck, dass das Fach, das einem Probleme macht, einem einfach nicht liegt. So kommt es zu der Überzeugung, man könne lernen, so viel man will, es nutze ohnehin nichts. Auch hier ist die Möglichkeit, selbst etwas zu verändern, eigentlich nicht gegeben. Die Ursache wird einem stabilen, unveränderlichen Faktor der eigenen Person zugeschrieben, was zu einem Gefühl der Ohnmacht führen und sich ungünstig auf den Selbstwert auswirken kann.

Hochbegabte müssen nicht lernen

Die Vorstellung, dass begabte und hochbegabte Menschen nicht lernen müssen, um erfolgreich zu sein, ist immer noch weit verbreitet. Oft kommen sehr begabte Kinder am Anfang der Schulzeit gut zurecht, ohne viel Zeit und Anstrengung investieren zu müssen. Das führt dazu, dass im Grundschulalter kaum Lernstrategien erlernt werden und sich Anstrengungsbereitschaft und Durchhaltevermögen ggf. nicht ausreichend entwickeln. Kommt dann im Laufe der weiterführenden Schule (oder bei manchen auch erst im Studium) der Zeitpunkt, an dem es nicht mehr ohne Lernen und Vorbereitung funktioniert, ist die Not häufig groß. Wie passt dann das Selbstbild der eigenen Begabung als Ursache aller bisherigen Erfolge zusammen mit der plötzlichen Notwendigkeit zu lernen?

Erfolgreich und nicht stolz drauf

So paradox es klingt: Auch ein Erfolg kann auf ungünstige Art und Weise attribuiert werden und muss nicht automatisch zu einer gesteigerten Motivation oder Anstrengungsbereitschaft führen. Das Gefühl, die erzielten guten Noten auch verdient zu haben, macht zufrieden. So kann man sich stolz auf die Schulter klopfen und sich über die eigenen Fähigkeiten oder eine gelungene Vorbereitung freuen. Was aber, wenn Erfolge stets mit Glück oder zu leichten Aufgaben erklärt werden? Manchen Underachiever:innen fällt es schwer, positive Ergebnisse mit der eigenen Leistung zu begründen. Der Selbstwert wird dann nicht durch Erfolge aufgewertet und es entsteht das Gefühl von äußeren, nicht wirklich kontrollierbare Faktoren abhängig zu sein, um auch zukünftig gute Leistungen zu erzielen.

Wie können ungünstige Attributionsmuster verändert werden?

Der erste Schritt ist ein Bewusstsein für die Attributionsstile zu erlangen. Zum einen können die Jugendlichen selbst sich und ihre Ursachenzuschreibungen hinterfragen und überdenken. Zum anderen können auch involvierte Lehrkräfte und die Eltern diese Reflexion anstoßen und begleiten. Beide Gruppen können schon früh Einfluss auf die Entwicklung der Attributionsstile besonders begabter Kinder nehmen und so die Entstehung ungünstiger Muster verhindern. Letztendlich geht es bei der Unterstützung der Jugendlichen darum, ihren eigenen Anteil wahrzunehmen und um die Frage, was sie selbst tun können, um die von ihnen gewünschten Ergebnisse zu erlangen und herauszufinden, wo der eigene Einflussbereich liegt. Dafür braucht es eine vertrauensvolle Beziehung, einen sicheren Rahmen und echtes Interesse. So kann es den Jugendlichen gelingen, ehrlich mit sich zu sein, realistische Einschätzungen vorzunehmen und sich schaffbare Teilziele zu stecken. Dies erhöht auch die Selbstwirksamkeit.

Literatur

[1] Weiner, B. (1986). An attributional theory of motivation and emotion. New York: Springer.

Autorinnen

Lisa Bleckmann ist Diplom-Psychologin und systemische Familientherapeutin (DGSF) und arbeitet seit 2011 im Hoch- Begabten-Zentrum Rheinland in Brühl. Neben der Betreuung von Einzelfällen und der systemischen Beratung von Familien, begleitet Frau Bleckmann Förderkurse für begabte Grundschulkinder und bietet Gruppentrainings sozialer Kompetenzen für Kinder und Jugendliche an. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Begleitung von Underachievern an Haupt,-Real- und Gesamtschulen im Projekt Bildungschance – Get Started.

Nach dem Abschluss des Psychologiestudiums an der Universität Bonn hat Charlotte Steins von 2011 bis 2014 am CJD Königswinter als Schulpsychologin gearbeitet und dort insbesondere Familien und Lehrkräfte beraten sowie Jugendliche begleitet. Seit 2014 ist Frau Steins am Hoch-Begabten-Zentrum Rheinland tätig und betreut neben der Einzelfallberatung schwerpunktmäßig Underachiever:innen an Haupt- und Realschulen im Projekt Bildungschance – Get Started und führt die Gruppentrainings Sozialer Kompetenzen mit Kindern und Jugendlichen im Hoch-Begabten-Zentrum Rheinland durch. Frau Steins hat eine Ausbildung zum Systemischen Coaching abgeschlossen und bietet dieses seit 2020 für Jugendliche und junge Erwachsene im Rahmen Ihrer Tätigkeit an.