1. Juni 2021 | Dr. Nadine Seddig

Das Kinderland, das bisher immer vor uns lag – William Sterns Beitrag zur Erforschung der Kinderperspektive

„Das Kinderland, das bisher immer vor uns lag, es
beginnt doch erst jetzt, uns all seine Geheimnisse
und Wunder aufzuschließen“

So formulierte es William Stern im Jahre 1906 auf dem Kongress für Kinderforschung. Er gilt als einer der ersten Begründer der Sichtweise, dass Kinder als Subjekte ihre eigene Umwelt mitgestalten. Nicht über, sondern mit Kindern sprechen war seine Haltung.

Denn gemeinsam mit seiner Frau Clara gilt er als einer der ersten Wissenschaftler, der die Differenz von Erwachsenen und Kindern herausarbeitete (Deutsch 2001). Stern wollte in seiner Aussage bekräftigen, dass Erwachsene anders denken und wahrnehmen als Kinder. Was Kinder denken, sei für Erwachsene eine geheimnisvolle Welt, die nur erschlossen werden könne, wenn Kinder Einblick gewährten. Er vertrat damals eine sehr moderne Sichtweise und wendete sich damit gegen eine bisher eher deutende wissenschaftliche Diskussion über Kinder, die in seiner Zeit weit verbreitet war, und gegen die zeitgenössische psychoanalytische Jugendtheorie.

Er betonte den Eigenwert der Kindheitsphase entgegen der für die damalige Zeit üblichen Betrachtungsweise, nach der Kindheit eher als „Durchgangsstadium“ zum Erwachsenwerden angesehen wurde. Sein Ziel war es, sich vom medizinischen Verständnis vom Kind abzugrenzen und die Jugend mit Wissenschaftsanspruch zu verstehen. Stern rekurrierte auf eine gesellschafts- und bildungspolitische Funktion einer modernen Kinderkunde: im Rahmen der Intelligenz- und Begabungsforschung sowie der Kinderpsychologie (Deutsch 2001).

Genauer gesagt plädierte er dafür, Kinder in Forschung einzubeziehen und sie als Akteur:innen und Gestalter:innen ihrer eigenen Bildungsprozesse zu sehen. Er gewann somit eine entscheidende Bedeutung für die sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung, die bis heute diese Forschungsperspektive teilt.

Seine bekannteste Schülerin war Marta Muchow, die diese Forschungsrichtung weiter vorantrieb und dafür einstand, die Welt mit den Augen der Kinder wahrzunehmen.

Kinderstubenleben und das Verständnis kindlicher Entwicklung

Für die Altersspanne der 0-6-jährigen Kinder hat Clara Stern mindestens eine ähnliche Bedeutung wie William Stern. In ihren Tagebüchern, in denen sie die Entwicklung ihrer eigenen Kinder dokumentierten, setzte das Ehepaar sich bis heute vergleichslos mit dem angemessenen Verständnis frühkindlicher Entwicklung und Begabung auseinander (Stern 1971).

Der Kindheitsforscher Jürgen Zinnecker beschrieb dies als plastische Wiedergabe des Kinderstubenlebens. „So sind individuelle Entwicklungsbiografien junger Kinder entstanden, die in ihrer Lebensnähe, ihrem Reichtum an Details und der Plastizität der Darstellungen immer noch faszinieren“.

Heutzutage würden die Tagebuchstudien der Sterns natürlich nicht mehr den wissenschaftlich, forschungsmethodologischen Standards entsprechen. Aber: Ihre Beobachtungen und Dokumentationen waren einerseits alltagsnah und andererseits von einem Menschenbild geprägt, welches das Kind mit seinem individuellen und subjektiven Erleben in den Mittelpunkt stellt, also als Ausgangspunkt für die Wissenschaft wählt (Deutsch 2001).

Perspektiven für die Begabungsforschung

Stern betonte den Eigenwert der Frühen Bildung. So sollte jedem Kind, unabhängig von seiner Herkunft, eine gute institutionelle Ausbildung gewährleistet werden und das am besten möglichst früh! Auch heute muss immer noch betont werden, dass der Frühpädagogik neben der Schule eine wichtige Bedeutung zukommt, damit Kinder möglichst früh ihr Potenzial entfalten können.

Für die Begabungsforschung ergeben sich hier wertvolle Erkenntnisse, aus denen wir noch heute viel lernen können. Es existieren bis heute noch keine Studien, die danach fragen, wie Kinder und Jugendliche mit hohen kognitiven Begabungen eigentlich selbst ihr Aufwachsen in Institutionen wie Kita und Schule bewerten. Was wünschen sie sich und wie können sie aus ihrer Sicht optimal in ihren Lernprozessen begleitet werden? Die Kindheitsforschung könnte hier einen wertvollen Beitrag leisten, denn es ist eine klare Forschungslücke identifizierbar. Bspw. könnten Studien Klarheit bringen, welche die komplexen Interaktionsmuster und Handlungsbezüge im lebensweltlichen Kontext von Kindern in Kindertageseinrichtungen und Schulen beschreibbar machen. Nach wie vor gibt es in der Wissenschaft Einschätzungen, dass Kinder aufgrund einer altersbedingten Sprachbarriere keine kundigen Expert:innen in Forschung seien. Diese Sichtweise wurde durch die Kindheitsforschung hinreichend widerlegt. Clara und William Stern setzten sich schon im Jahre 1907 für nichts anderes ein, als den Kindern eine Stimme zu geben. So beschrieben sie in ihrer Monographie „Die Kindersprache“ aus dem Jahre 1907:

„Und dennoch kann die Kindersprachkunde mehr als die Analyse individueller Sprachentwicklungen sein; denn sie vermag Bildungsgesetze zu formulieren, die in jeder Kindersprache wirksam sind." (Stern & Stern, 1907, S.3)

Literatur

Behnken, I.; Zinnecker, J. (2001): Kinder. Kindheit. Lebensgeschichte. Ein Handbuch. Seelze-Velber: Kallmeyer

Deutsch, Werner (2001): Aus dem Kinderzimmer in die Wissenschaft. Entwicklungspsychologische Tagebuchstudien. In: Behnken, I.; Zinnecker, J. (Hrsg.): Kinder. Kindheit. Lebensgeschichte. Ein Handbuch. Seelze-Velber: Kallmeyer

Stern, W.; Stern, C. (1907): Die Kindersprache. Whitefish, Montana: Kessinger Publishing

Stern, W. (1971): Psychologie der frühen Kindheit. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft

William Stern

Bildungsforscher

Lebensdaten

  • 1871 in Berlin geboren
  • Studium der Philologie, Philosophie und Psychologie
  • Lehr- und Forschungstätigkeiten in Breslau, Hamburg und Durham (USA)
  • Tagebücher über die Entwicklung seiner drei Kinder gemeinsam mit seiner Frau Clara
  • Entwickelte die Formel des Intelligenzquotienten (IQ)
  • 1938 in Durham gestorben