1. November 2021 | Lisa Pohlmeier

„Die Begabtenauslese“: Pädagogische Diagnostik im Jahr 1917

Hamburg 1917: „Jetzt sind die Fähigkeiten des Wissenschaftsmanagers William Stern herausgefordert: Ein ganzer Jahrgang von Schülern soll geprüft werden. Gesucht: die 1000 Begabtesten“ [1].

Die Oberschulbehörde von Hamburg plant im Jahr 1917 ein erweitertes, verbessertes Bildungsangebot, das für etwa fünf Prozent der Schüler:innen im Alter von zehn Jahren in deren weiteren Bildungsverlauf in Aussicht gestellt werden soll. Dazu müssen die Begabtesten gefunden werden. William Stern, der damit beauftragt ist, überlegt sich mit seinen Mitarbeitenden ein diagnostisches Vorgehen, um diesem Auftrag nachzukommen [2].

Zunächst sollen die Lehrkräfte an den Schulen die Kinder in ihrem Potenzial einschätzen. Dazu sollen sie ihre Schüler:innen beobachten und für das weitere „Ausleseverfahren“ vorschlagen. Stern fordert dabei „die Möglichkeit zur späteren Revision – durch andere Lehrer, durch die Eltern oder die Schüler selbst. Keine Entscheidung darf einsam, keine endgültig sein“ [3] und rät zudem „im Zweifelsfall einen Schüler lieber weiterzuempfehlen“ [4], als es nicht zu tun. Damit macht er auf das Problem aufmerksam, dass „wertvolle Begabungen von der höheren Ausbildung ausgeschlossen bleiben, weil der Lehrer sie übersehen oder nicht richtig eingeschätzt hat“ [4].

Chancengerechtigkeit in der Begabungsförderung

Stern sensibilisierte Lehrkräfte bereits früh für das Dilemma der Chancengerechtigkeit. Bis heute besteht dieses weiterhin, wenn beispielsweise Grundschullehrer:innen weiterführende Schulzweigempfehlungen für Kinder geben, die auf ihrer persönlichen Einschätzung beruhen. Sie beurteilen dabei die vermeintlichen und damit sichtbaren Fähigkeiten und Kompetenzen des Kindes, die sie im Unterricht beobachten konnten. Wenn es sich dabei jedoch um eine Fehleinschätzung handelt, prägt diese den weiteren Bildungsverlauf des Kindes maßgeblich, obwohl vielleicht vorhandenes Potenzial gegebenenfalls nie zur Entfaltung kam, weil die Bedingungen es nicht zugelassen haben.

Zum weiteren Ausleseverfahren der Schüler:innen entwarfen Stern und seine Mitarbeitenden einen Beobachtungsbogen, der von den Lehrer:innen angewendet werden sollte, um konkrete Fähigkeiten erfassen zu können [2]. Hier äußerte Stern seine Bedenken einen komplexen Menschen „im groben Raster eines Tests oder eines Beobachtungsschemas erkennbar abbilden zu lassen“ [5]. Die Umsetzung und Anwendung pädagogischer Beobachtungs- und Dokumentationsinstrumente, Screenings und Einschätzungsskalen in Kitas und Schulen, repräsentieren noch heute diese Grundhaltung. Zwar unterliegen die meisten der heutigen Verfahren vereinheitlichten Gütekriterien und Anwender:innen werden in der Regel auf mögliche Fehlerquellen vorbereitet, doch spiegelt sich die Haltung dem Kind gegenüber auch in den Prinzipien der modernen pädagogischen Diagnostik wider. Denn ein Kind „als erlebendes und handelndes Individuum [ist] mehr […], als nur die Summe seiner per Fragebogen und Reaktionstest erfassbaren Eigenheiten“ [6]. Dies ist heute noch ebenso von Relevanz, wie zu Zeiten von William Stern.

Ganzheitliche pädagogische Diagnostik braucht Beständigkeit

Deutlich wird dies vor allem, wenn berücksichtigt wird, dass Kinder sich in einem unterschiedlichen Lern- und Entwicklungstempo entwickeln. Nicht nur im Vergleich mit anderen Kindern, sondern auch im Vergleich der einzelnen Entwicklungsbereiche, wie u.a. Sprache, Motorik oder Kognition. Wie stabil die erfassten Merkmale sind, wird erst durch eine kontinuierliche pädagogische Diagnostik wirklich sichtbar.

Diese kontinuierliche Betrachtung konnte Sterns „Begabtenauslese“ nicht leisten. Jedoch hat sie vermutlich damals die Chancen für diejenigen Kinder erhöht an diesem besonderen Förderangebot teilzunehmen, deren Ausgangssituation durch ihr soziales Umfeld oder die berufliche Stellung ihrer Eltern vielleicht schlechter gewesen wären [2]. Auch Schüler:innen, die in ihrem Intellekt von den Lehrern unterschätzt worden wären, wurden durch die durchgeführte Diagnostik „herausgesiebt“ und konnten von dieser Chance profitieren, die ihnen ansonsten vielleicht verwehrt geblieben wäre.

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass standardisierte pädagogische Diagnostik, so wie sie William Stern 1917 anwandte und heute durchgeführt wird, die Chancengerechtigkeit für Kinder erhöhen kann, wenn alle Kinder unter gleichen Anhaltspunkten betrachtet werden können. Denn subjektive Einschätzungen von pädagogischen Fachkräften in Kitas und Lehrkräften in Schulen unterliegen einer Vielzahl von Beobachtungsfehlern und sind von zwischenmenschlicher Sympathie und Antipathie abhängig. Bedeutsam ist, die Ergebnisse aus diagnostischen Verfahren zu reflektieren und in Zusammenhang mit der Ganzheitlichkeit einer Person zu betrachten. Darüber hinaus ist es überaus ratsam, zum Erkennen von Begabungen, ressourcenorientierte Beobachtungs- und Dokumentationsinstrumente anzuwenden und mit den Ergebnissen der standardisierten Verfahren ein vielseitiges Bild über die Entwicklung und die kindlichen Potenziale zu bilden.

William Stern jedenfalls hat durch sein entwickeltes Verfahren 1000 Kinder für das geplante Bildungsangebot der Hamburger Schulbehörde finden können. Ob es sich dabei wirklich um die 1000 begabtesten handelte …? Wer weiß …

 

Literatur

[1] Tschechne, M. (2010). William Stern. Hamburg: Ellert & Richter Verlag GmbH. S.81

[2] Tschechne, M. (2010). William Stern. Hamburg: Ellert & Richter Verlag GmbH.

[3] Tschechne, M. (2010). William Stern. Hamburg: Ellert & Richter Verlag GmbH. S.84

[4] Tschechne, M. (2010). William Stern. Hamburg: Ellert & Richter Verlag GmbH. S.83

[5] Tschechne, M. (2010). William Stern. Hamburg: Ellert & Richter Verlag GmbH. S.85

[6] Tschechne, M. (2010). William Stern. Hamburg: Ellert & Richter Verlag GmbH. S.16

William Stern

Bildungsforscher

Lebensdaten

  • 1871 in Berlin geboren
  • Studium der Philologie, Philosophie und Psychologie
  • Lehr- und Forschungstätigkeiten in Breslau, Hamburg und Durham (USA)
  • Tagebücher über die Entwicklung seiner drei Kinder gemeinsam mit seiner Frau Clara
  • Entwickelte die Formel des Intelligenzquotienten (IQ)
  • 1938 in Durham gestorben